James Dean – Ein Leben auf der Überholspur (James Dean, USA 2001) #Filmfest 31 D

Filmfest 31 - Dokumentation 

Unser Filmreigen ist ein wenig ins Stocken gekommen. Nicht zum ersten Mal.
Wegen der Ausstrahlung der drei James-Dean-Filme zum Zeitpunkt der tatsächlichen Publikation von Filmfest #29 / #30 wollten wir nach „East of Eden“ chronologisch weitergehen – und haben zu unserem großen Erstaunen keine Rezension zu „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ („Rebel Without a Cause“) gefunden. Dass wir den Film schon gesehen haben, ist eindeutig, aber dass es so lange her ist – es muss vor dem Start des „ersten“ Wahlberliners im März 2011 gewesen sein, hat uns sehr überrascht. Spricht das nicht für diesen Film?

Wir hätten sofort zu „Giganten“ weitergehen können, dem dritten und letzten der Dean-Filme – aber dann hätte die Dokumentation „James Dean – ein Leben auf der Überholspur“ sozusagen in der Luft gehängt, denn von dort aus wäre es schwierig geworden, eine Verknüpfung zu weiteren Filmen zu finden, die wir rezensiert haben. Also machen wir mit dieser Dokumentation aus dem Jahr 2011 weiter, in der James Franco seinen Vornamenskollegen darstellt.

Die Überholspur und das jähe Ende

Handlung (Wikipedia)

Ein Leben auf der Überholspur endet jäh, als am 30. September 1955 mit James Dean das Vorbild und die Identifikationsfigur einer ganzen Generation bei einem Autounfall stirbt. Der Film zeigt das kurze Leben des rebellischen Schauspielers – z.B., wie er zu seinen Rollen in … denn sie wissen nicht, was sie tun, Giganten oder Jenseits von Eden kam. Neben Deans Arbeit als Schauspieler wird auch das bisher unbekannte Leben des privaten James Dean gezeigt.

Rezension

„Das bisher unbekannte Leben James Deans …“ ist bereits eine gewagte Aussage in der Wikipedia, angesichts eines Films, der sich nach eigener Aussage überwiegend auf bekannte Fakten stützen will und einige fundierte Vermutungen beifügt, wie es weiter im Abspann heißt. Vor allem hat der Film eine naheliegende Vermutung in den Mittelpunkt gerückt, nämlich diejenige, dass das Besondere und Schwierige an Deans Charakter auf einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt zurückzuführen sei. Sicher ist ebendiese Vermutung naheliegend, und sie wird im Film weitergesponnen und mit Aussagen des Regisseurs von „Jenseits von Eden“ zusammengeführt, Elia Kazan. Für diesen war Dean  die ideale Verkörperung der Romanfigur Cal(eb) Trask, dem Bad Boy in der Kain- und Abel-Geschichte aus dem Kalifornien des frühen 20. Jahrhunderts – offensichtlich gerade deshalb, weil es Ähnlichkeiten im Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen im Film und im Leben gab.

Simplifizierungen sind verführerisch. Besonders, wenn man einen komplexen Charakter für eine Filmbiografie griffig rüberbringen will. Das leitet unter anderem dazu, dass die Eigenschaften eines Menschen mehr oder weniger auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden, im Fall James Deans  auf seine Beziehung zum Vater. Sicher prägt die Ablehnung durch einen Elternteil einen Menschen, aber zum Beispiel fehlt, um das Muster mit dem von „Jenseits von Eden“ zu vervollständigen, der biblische Aspekt und vor allem das Vorhandensein eines Bruders, der immer vorgezogen wird, der alles richtig macht. James Dean war Einzelkind, und seine intensive und sehr besondere Art zu schauspielern, allein die Fähigkeit dazu, so expressiv zu sein, war weder aus seiner Familie herzuleiten noch aus seiner Ausbildung im Actors Studio in New York. Sicher gibt es Ähnlichkeiten zum Spiel von Marlon Brando, der vor Dean der größte Star war, der aus dem Studio hervorging, aber wohl auch deshalb, weil ihre Persönlichkeitsstile einander ähnelten. Paul Newman und Montgomery Clift, die ebenfalls zu den Berühmtheiten mit Actors Studio-Hintergrund zählen, zeigen weniger Ähnlichkeiten mit Deans Spielweise, die wenigsten der eher dezent auftretende Clift.

Der Film lässt dafür, dass James Deans Leben so kurz war, erstaunlich viele Tatsachen weg, auch diejenige, dass er an jenem Actors Studio zwischenzeitlich Probleme hatte und quasi ausgestiegen war.

Wenn wir auch ein wenig spekulieren dürfen: Vielleicht ließ Marc Rydell, der Regisseur von „James Dean“, dies unter den Tisch fallen, weil er selbst dort ausgebildet wurde und kein Unverständnis der Schausspiellehrer gegenüber James Dean darstellen wollte. Seine Zeit von 1951-1954 wirkt ohnehin sehr verkürzt, da ist ganz wenig von seinem wechselhaften Leben jener Jahre drin, das weniger überholspurmäßig wirkte als zielgerichtet, aber – erstaunlich normal im Kontext. In dem Kontext, in dem er lebte, nämlich als junger Schauspieler, der eine Berufung fühlt und den Erfolg sucht. Viele Hollywoodstars hatten einenähnlichenWerdegang wie Dean, auch wenn dieser recht schnell zur ersten Film-Hauptrolle kam (ebenso wie Marlon Brando, der hier mehr oder weniger als Vorbild Deans dargestellt wird), ohne sich hochdienen zu müssen.

Diese vergleichsweise Normalität wird in der Biografie aufgehoben durch die Szene, in der Dean seiner verständnisvollen New Yorker Agentin erklärt, nur für Hauptrollen vorsprechen zu wollen. Der Film unterschlägt dabei wohl, um Deans Ausnahmestellung herauszuheben, dass dieser eine beträchtliche Anzahl von Fernseh- Haupt- und Nebenrollen sowie einige Filmnebenrollen gespielt hat, bevor der Ruf von Elia Kazan ihn ereilte. Im Film wird dargestellt, wie abgebrannt er immer war, aber dass er überleben konnte, verdankte er nicht einem unbekannten Mäzen, nachdem sein Vater die Geldzahlungen eingestellt hatte (weil Dean nicht mehr Jura, sondern nur noch Schauspielerei machen wollte), auch nicht einem Stipendium, sondern seinen kleineren Rollen, die ihm immer wieder ein paar Dollar in die Taschen spülten.

Noch problematischer als die Verkürzungen finden wir die in Biopics üblichen Nachstellungen von belegten Szenen und Verbindungen, auch wenn die Art, wo ein Schauspieler im System Hollywood siedelt, anhand der Drehs erläutert werden kann und sollte, die er absolviert hat. Aber die Nachstellung der echten Drehszenen aus Deans subjektiver Perspektive wirkt ein wenig hölzern und schablonenhaft, und so leider auch der ganze Film. Biopics tendieren dazu, ein Minus gegenüber der Imagination von einem Menschen zu sein, die man als Zuschauer aus seinen Filmen gewinnt, und beinahe zwangsläufig erreichen die Darsteller der Stars nie die Strahlkraft, die jene selbst hatten.

Bei James Franco, der James Dean spielt, ist zweifellos Talent vorhanden, zudem gibt es einige biografische Anknüpfungspunkte. Franco erhielt einen Golden Globe für seine Dean-Darstellung und diese Filmbiografie wird von den Nutzern der IMDb mit 7,4/10 bewertet, das liegt bereits in den Regionen, in denen auch die Originalfilme von Dean derzeit angesiedelt sind (7,7/10 für „Giganten“, 7,8/10 für „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und 8/10 für „Jenseits von Eden“). Das ist nach unserer Auffasung ein eindeutiges Missverhältnis, obwohl wir keine Fans von „Rebel Without a Cause“ („… d enn sie wissen nicht, was sie tun“) sind und uns vor allem wegen der sehr zeitgebundenen Machweise des Films und Spielweise von Dean eher zurückhaltend zu diesem Werk geäußert haben. Es gilt aber vielen als der typischste, sozusagen der reine Dean, bereits auf ihn zugeschnitten, mehr anders als in „Jenseits von Eden“ oder in dem Star-Ensemblefilm „Giganten“.

Das Problem mit der Identifikation wird verstärkt dadurch, dass wir von James Dean nur die Bilder im Kopf haben können, die ihn als jungen Mann zeigen, mit einem ganz präzise festgelegten Äußeren also, das sich nicht durch Alterung verändert und unserer Vorstellung dadurch  mehr Spielraum gibt; einem Darsteller in einer Biografie ebenfalls. Unwillkürlich vergleicht man jede Kleinigkeit und ist begierig darauf, die Unterschiede herauszufiltern, die zu jenem präzisen Dean-Bild bestehen. Da gibt es einige, und mögen diese auch nicht größer sein als zwischen anderen Stars und ihren Darstellern in Filmbiografien, ist man aufgrund des kurzen Lebens von Dean und der wenigen Meilensteine darin weniger bereit, Abweichungen zu akzeptieren.

Deshalb hätte es dem Film gutgetan, wenn er tatsächlich mehr wenig bekannte Details gezeigt und sich weniger auf die Herausarbeitung des Charakters gestellt hätte, die hier mit der erwähnten Monokausalität vorgenommen wird, ohne dass wir Gelegenheit zur Interpretation und – sic! – zur Imagination erhalten. Man kann auch sagen, der Umgang mit Dean ist eher spekulativ als kreativ.

Fazit

Wir sind keine Dean-Fans, die irgendetwas, was wir an dem Typ lieben, in seiner Filmbiografie nicht vorfinden können, wir können uns aber ausmalen, wie sein Kultstatus sich relativiert hätte, wenn er weitere Filme hätte drehen können, darunter auch solche, die vielleicht nicht den Erfolg der drei vorhandenen gehabt hätten und wie er mit fortschreitendem Alter und sich wandelnden Filmstilen, ähnlich wie Brando, auch Karrieretäler erlebt hätte oder im Lauf der Jahre eine gewisse Wandlung vollzogen hätte.

Eine letzte kritische Anmerkung sei zur Ergänzung erlaubt, die der deutsche Titel vornimmt. Zwar liebte James Dean schnelle Fahrzeuge, aber für ein Leben auf der Überholspur, das hier suggeriert wird, war seines zu kurz und sein Unfall passierte ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als er sich zurückgenommen hatte und auf der Straße versuchte, eher unauffällig unterwegs zu sein. Außerdem denkt man sich bei dieser Wortwahl auch einen übertragenen Sinn hinzu, und exzessiv war Dean wohl kaum,  zumindest wird das in diesem Film nicht suggeriert.

Welch eine Ironie, dass er dann von einem Wagen gerammt wurde, der seinen kleinen Porsche Spyder offenbar im abendlichen Gegenlicht nicht wahrgenommen hatte. Was in dem Zusammenhang nicht ernsthaft herausgearbeitet hatte: In der Tat wurde ihm vom Studio Warner Bros. das Fahren von Motorrädern verboten, das sieht man im Film. Später ist er dann aber doch auf einem unterwegs. Dieser Moment wird leider nicht kommentiert. Aus der kruden Volte des Schicksals, die seinen frühen Tod verursacht hat, hätte man unbedingt mehr machen müssen, wie es dem Film überhaupt an dramatischer Ausformung fehlt – weshalb er ein typisches Biopic ist, aber nicht die Atmosphäre der Zeit und die Aura des Stars zu einem künstlerischen Konzept formt. Es hatte ja auch recht lang gedauert, bis James Deans Leben verfilmt wurde, und wir haben eine gewisse Ahnung, warum das so war.

61/100

© 2019 ( Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Mark Rydell
Drehbuch Israel Horovitz
Produktion George W. Perkins
Musik John Frizzell
Kamera Robbie Greenberg
Schnitt Antony Gibbs
Besetzung


 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s