… es wird Trauer sein und Schmerz – Tatort 747 #Crimetime 373 #Tatort #Hannover #LKA #Lindholm #Trauer #Schmerz

Crimetime 373 - Titelfoto © NDR, Marc Mayerbröker

Gaffer und Filmer und das blonde Licht

Vorwort 2019. Bis heute ist die Kritik zu „… es wird Trauer sein und Schmerz“ eine der umfangreichsten zu einem Tatort. Bedingt allerdings durch eine ausholende persönliche Betrachtung und durch die Tatsache, dass wir in jenem Artikel die Figur Lindholm erstmals als problematisch identifiziert und sie dabei etwas umkreist hatten. Obwohl manches in dem Text überholt wirkt, zeigen wir hiermit wieder einmal eine Rezension in Original-Optik, wie in diesem Fall im Jahr 2011 als Nr. 46 der TatortAnthologie geschrieben. Wir haben lediglich einige orthografische Korrekturen und in geringem Maß stilistische Überarbeitungen vorgenommen. Im Rahmen dessen, was wir über Tatorte schreiben, ist diese Kritik wohl ebenso besonders wie der Film, dem sie gilt.

I. Kurzkritik

Es ist die Zeit der Schwergewichte. Der dritte Tatort hintereinander, dem wir eine hohe Bewertung geben werden – soviel sei an dieser Stelle vorweggenommen.

Vier Morde in Braunschweig, beinahe fünf, das ist viel, auch für Tatorte. Und sehr viel für ein Land, in dem es im Jahr 2010 nur noch 692 als Morde erkannte Todesfälle gab. Dafür muss es gute Gründe geben.

In diesem Fall ist es eine besondere Form von Rache. Rache an den Gaffern, den Gleichgültigen, denen, die in Unglücksfällen nicht helfen, sondern sich möglicherweise noch am Geschehen weiden.

Die Tatortfolge 747 ist nicht nur von der Bezeichnung und der Anzahl der Morde ein Jumbojet unter den Tatorten, er ist es auch von der dramatischen, dichten Art, wie er gefilmt wurde, er ist es thematisch. Selbst die Charaktere sind teilweise überlebensgroß, vor allem Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm.

Handlungstechnisch gibt es kleine Abstriche, unbedeutend im Vergleich zu manch anderem Tatort. Die Figurenzeichnung ist Geschmacksache. Das Thema ist großartig umgesetzt. Ein sehenswerter Tatort, vielleicht sogar einer, den man gesehen haben muss.

In der Rezension machen wir eine Ausnahme, verknüpfen das Thema mit persönlichen Erfahrungen und werden es aus zwei Richtungen betrachten. Und wir machen uns ein paar Gedanken über die Mentalität verschiedener aktueller Tatort-Ermittler.

II. Inhalt, Besetzung, Stab

Für Hauptkommissarin Charlotte Lindholm nimmt ihr Urlaub ein abruptes Ende. Ein Mann wird vor den Augen seiner Frau erschossen. Er ist bereits das dritte Opfer eines Serientäters.

Ein Heckenschütze, der scheinbar wahllos mordet. Alter, Beruf, Geschlecht der Toten weisen keine Übereinstimmungen auf – die Opfer kannten sich nicht und passen in kein erkennbares Muster.

Besetzung
Rolle Darsteller
Charlotte Lindholm Maria Furtwängler
Martin Felser Ingo Naujoks
Kai Bergmann Sven Lehmann
Kohl Felix Vörtler
Beate Petersen Anne Ratte-Polle
Karl Matthiesen Jörg Hartmann
Frank Wenzel Patrick von Blume
Stabliste
Aufgabe Name
Regie: Friedemann Fromm
Buch: Astrid Paprotta
Kamera: Jo Heim
Musik: Edward Harris

III. Rezension

1. Das Metathema in einen Meta-Tatort

Zunächst scheint es zwischen den vier Opfern eines Heckenschützen keinen Zusammenhang zu geben, doch irgendwann findet Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) heraus, dass doch einer besteht: Alle Opfer waren an Neujahr 2009 zur selben Zeit im selben Stau auf der Autobahn. Der Stau wurde ausgelöst durch einen Unfall, bei dem eine schwerverletzte Frau möglicherweise starb, weil die Rettungskräfte sich den Weg nicht schnell genug durch den Stau und die Menge der Gaffer bahnen konnte.

Zunächst scheint es, als sei ein junger Autobahnpolizist, der verzweifelt versuchte, am Tatort für Ordnung zu sorgen und sich über diese Leute ohnmächtig aufregte, ein möglicher Täter. Doch am Ende ist es der Mann der verstorbenen Frau, er arbeitet auf der Zulassungsstelle und konnte auf diese Weise die Halter der Wagen identifizieren, die zu jener Zeit an jenem Ort ausgestiegen waren und tatenlos zusahen. In einem Fall hatte ein junges Geschwisterpaar sogar ein Video vom Crash gedreht und es ins Netz gestellt.

2. Exkurs: kleine Handlungsschwächen

Die Flaws wollen wir gleich in diesem Zusammenhang nennen, weil alle, die es in 747 gibt, diesen Part betreffen:

a. Der Täter greift sich nicht diejenigen zuerst heraus, die moralisch am verwerflichsten gehandelt haben, die Katastrophenfilmer. Das geschieht aus daramaturgischen und didaktischen Gründen, darauf kommen wir noch, aber realistischer wäre eine andere Opferfolge gewesen.

b. Der verzweifelte Mann hat sich fotografisch brillant alle Kennzeichen gemerkt, es war nicht ersichtlich, dass er etwa Zeit und Muße hatte für Notizen. Selbst für einen Zulassungsstellenmitarbeiter ist das wohl ungewöhnlich, wenn er sich in einer solchen Ausnahmesituation befindet, zudem war es Nacht und an dem Unfallort herrschte ziemliches Chaos, so dass man erst einmal Menschen, die da herumstehen und deren Autos einander zuordnen muss. Und vor allem stellt sich die Frage – wieso hat der Mann, der offenbar weitgehend unverletzt war, seiner Frau nicht selbst geholfen und andere dazu animiert, mitzumachen?

c. An einem seiner Tatorte trifft er bereits auf Charlotte Lindholm, sehr früh in der Story, sie schaut sich an, wie er Zeichnungen macht, die verdächtigt an „Der Schrei“ von Edvard Munch erinnern. Lindholm denkt sich nichts weiter dabei – und wir als Zuschauer tun’s zugegebenermaßen auch nicht. Frau Lindholm hätten wir aber bei der Tätersuche zugetraut, effizient, wie sie ist, dass sie darauf doch noch einmal Bezug nimmt.

d. Selbst, wenn sie das nicht getan hätte. Es versteht sich doch von selbst, als klar ist, dass es um diesen Unfall geht, dass man auch das Umfeld der dabei verstorbenen Frau hätte überprüfen müssen. Doch erst durch die Auswertung des Crash-Videos dem Mann auf die Schliche kommen konnte, der auf dem Video sichtbar ist. Da wird dann doch auf Lindholms Erinnerungsvermögen abgehoben, ohne dass an dieser späten Stelle notwendig gewesen wäre. Auch das ist natürlich eine dramatische Verstärkung, die dem gesamten Konzept von 747 dient, aber eine kleine Unzufriedenheit bleibt.

3. Welcher Tatort, welches Spiel mit dem Zuschauer?

Nach beinahe 90 Minuten ist man ziemlich erschlagen von diesem Tatort und die Frage stellt sich: Welcher ist der eigentliche Tatort? Die vier Plätze, an denen geschossen wurde – oder der Horror-Crash auf der Autobahn? Was diesen Tatort zu einem Gänsehaut-Erlebnis macht, ist die Verwischung der Funktionen. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Verschiebungen und Überschneidungen dieser Art sind in Tatorten nicht selten. Aber so wie in diesem Fall haben wir selten zuvor an uns selbst beobachtet, wie uns die Distanz beim Ansehen verloren gegangen ist.

Als Lindholm losrennt, um den fünften Mord zu verhindern; als sie die Waffe zieht, um zu verhindern, dass der Mann der beim Unfall gestorbenen Frau auch an der kaltschnäuzigen jungen Frau Rache nehmen kann, das sich über die hohe Klickzahl ihres Crash-Videos freut, da hofft man beinahe, dass die Kommissarin zu spät kommen wird. Natürlich kommt sie nicht zu spät und zeigt im Anschluss sogar Emotionen.

Bei dem Fall bleibt niemand kalt und wir haben uns emotional, je mehr die Hinterbliebenen der Opfer als Figuren ausgearbeitet wurden, auf die Seite des Täters treiben lassen, ohne zu wissen, wer der Täter ist. „… es wird Trauer sein und Schmerz“ ist einer der hintergründigsten, manipulativsten Tatorte, die wir bisher gesehen haben. Das ist auch der Grund, warum wir bis zur Rezension zwei Tage verstreichen ließen. So etwas schreibt man nicht nicht mit der Wut, die in uns war, nach dem Ende des Films. Dafür holen wir dieses Mal weit aus, weil es sich bei diesem Tatort anbietet.

Aber selbst jetzt kommen die Emotionen zurück, angesichts des Szenarios, das hier eröffnet wurde. Wir haben das Verhalten der Zuschauer am Unfallort deshalb als Metathema bezeichnet, weil es auf alle anderen Aspekte ausstrahlt. Wie verhält man angesichts einer Katastrophe und menschlichen Leids? Natürlich ist das hier alles etwas überspitzt worden. Die junge Frau, die, eingeklemmt in ihrem Wagen starb, war auch noch schwanger. Und nicht alle Menschen sind so teilnahmslos oder voyeuristisch wie die hier gezeigten. Aber es ist die überwiegende Mehrzahl, die so handelt – oder nicht handelt, das sehen wir ebenfalls so. Und das Ganze geht viel weiter. Man sieht nicht nur weg, man denkt plötzlich in historischen Dimensionen. An Gaffer, sogar an zufriedene Gesichter angesichts brennender Synagogen zum Beispiel. Da spielen natürlich noch andere Momente hinein als bei einem Autobahnunfall, ideologische Verblendung einerseits, die Gefahr, selbst Schaden zu nehmen, wenn man eingreift, andererseits, die hier nicht gegeben wäre. Aber ganz kommt man nicht um derartige Vergleiche herum.

Und noch etwas erinnert an andere Szenarien. Dass die Tat nicht abgeschlossen ist. Dass es wieder passieren kann. Filme, die sich mitten in eine Mordserie hineinstürzen, können besonders dramatisch gestaltet werden, weil sie sowohl Whodunits als auch Howcatchems sind, also Rätselkrimi und Thriller in einem. Diese doppelte Spannung kommt im Tatort 747 gut zum Tragen.

4. Figuren als Modelle

Jede der Figuren in diesem Tatort hat so sehr Modellcharakter wie selten in einem Tatort zuvor. Vorneweg natürlich Charlotte Lindholm, die so weit geht, sogar die Krimischreiberei ihres Dauer-Nichtliebhabers Martin Felser (Ingo Naujoks) in derselben Ecke angesiedelt zu sehen wie den Voyeurismus der Unfallgaffer und -filmer. Das ist wieder typisch Lindholm. Ethisch stets an der Maximalgrenze operierend, zum Glück dieses Mal nicht ganz so laut durch leeren Raum hallend wie zum Beispiel in „Das Gespenst“, dem letzten ihrer Tatorte vor 747. Das liegt daran, dass „… es wird Trauer sein und Schmerz“ kaum Leerraum bietet, dass er so dicht gefilmt ist, weniger daran, dass Lindholm sich nicht wieder ständig über andere erheben würde.

Nicht nur über einen Chauvi-Prototypen wie den Kollegen vor Ort, der natürlich auch noch Kohl heißt (Felix Vörtler), im Ganzen lebt und schwebt sie in ihrer eigentlichen ehtischen Dimension, ist die blonde Lichtgestalt in der Finsternis charakterlicher Verkommenheit ringsum. Der einzige, der ihr nahekommt, ist der leidende Kriminaldirektor Bitomsky (Torsten Michaelis), sehr sympathisch schon deswegen, weil er gerade nicht so stark ist wie Lindholm – über die einer der Verdächtigen (oder war es Kohl?) das ja auch im Verlauf sagt. Das Problem an dieser überzogenen Darstellung, auch was die Effizienz ihrer Arbeit im Vergleich zu allen anderen Polizisten angeht, die ihr gegenüber wie lächerliche Amateure wirken, ist, dass das Thema „gedoppelt“ wird. Wir wissen ohnehin, worum es geht, wir sind auch ohne die moralische Autorität von Charlotte Lindholm im Bilde und sehr betroffen. Wir wären’s ohne ihren ständig erhobenen Zeigefinger vielleicht noch mehr. Dafür, dass man sich bzw. die Frau Lindholm da nicht etwas mehr zurückgenommen hat, angesichts des wirklich üblen Themas, gibt es leider einen Abzug.

Toll gemacht sind aber die anderen Charaktere. Der Einzelne hat nicht viel Raum in einem an Figuren so reichen Tatort wie diesem, deswegen hat man sich bewusst für deren Skizzierung mit wenigen, aber starken Strichen entschieden. Der dumme Kohl, der überforderte, junge Autobahnpolizist, der Schmerzensmann Bitomsky, der Racheengel, die Gaffer. Mit letzteren beschäftigen wir uns nun etwas ausführlicher.

Da ist zum einen die Frau Petersen, die sich ständig mit ihrem Mann streitet. Mitten im Streit wird er erschossen und sie ist komplett verstört. Da wird sozusagen eine Routine außer Kraft gesetzt und die Wohnung ist leer. Da sind Erinnerungsstücke wie diese Schale, die Frau Lindholm zerbricht, als sie die Tür der Geschirrspülmaschine zuklappt, überdimensional wichtig – um dann in einer unkontrollierten Bewegung zerstört zu werden. Man kann kaum in Worte fassen, wieviel Symbolik in diesen Kleinigkeiten steckt, ohne erstens Psychologe zu sein und zweitens die Dimensionen einer Dissertation zu erreichen. Aber dieses gedankenlose, emotional ganz auf sich selbst fixierte Wesen der Frau, auch ein gewisser Mangel an Durchdrungenheit, das wird hier schön gezeigt. Sie ist eine von Millionen, exemplarisch wie keine andere Figur in diesem Tatort, das spürt man deutlich. Menschen, die kein Gefühl für Gefühlsskalen haben und deshalb einfach mal so gucken gehen, was bei einem Unfall passiert ist. Selbst in ihrer Betroffenheit nach dem Tod des Mannes und der Mechanik des Lebens danach wirkt sie oberflächlich. Und das ist gut gespielt.

Dann der Hinterbliebene Karl Matthiesen, der Fotograf, der versucht, alles aus dem Garten auszugraben, was an seine Frau erinnert und nicht mal Hochzeitsfotos von ihr hat, als Fotograf. Der sich in Trauer ergeht und starken Schmerzes fähig scheint, aber, als er gefragt wird, warum er nicht gehandelt hat, behauptet, da sei Benzin ausgelaufen. Der also lügt, um sich selbst nicht fragen zu müssen, warum – ja, warum nicht? Das könnte der Typ Schmerz- und Wutbürger sein, der sich fotografisch exakt, vielleicht sogar politisch korrekt für abstrakte oder größere Ziele einsetzen kann, aber, wenn gefordert in der konkreten Situation, nicht besser, stärker, moralischer ist als zum Beispiel Frau Petersen.

Da ist die Blumenhändlerin, die schon vom Typ sehr unangenehm wirkt, eine Tratschtante vermutlich mit einer gewissen Gehässigkeit, die sich mimisch ausdrückt. Dieser gierige, stechendäugige Charkter, dem nichts heilig und nichts zu schade ist, um es aufzusaugen und daraus Honig für die Belebung des eigenen Alltags zu saugen. Klar, dass in diesem Umfeld auch Kinder heranwachsen, die nur noch merken, dass sie leben, wenn sie möglichst viele Klicks für ein Crashvideo erzielen. Generation Klickhure. Nicht besser der Bruder, der sogar noch einmal zu einem der Tatorte fährt, um ein atmosphärisch dichtes Nachtviedo zu drehen und dort von Lindholm und Bitomsky beinahe festgenommen wird.

Im Grunde sind diese Figuren ein Gruselkabinett. Das äußerst Unangenehme ist, dass wir keine Eintrittskarten lösen müssen, um es jeden Tag betrachten zu können. Es sind die jungen Leute, die in der U-Bahn mit uns fahren und über fünf oder acht Stationen keinen Blick für ihre Umwelt haben, sondern nur für ihre Handys. Seit das Internet mobil ist, ist es noch schlimmer geworden, und das begann ja 2009 gerade erst, als der Tatort gedreht wurde. Und es ist ja nicht ganz billig für Leute, die noch kein eigenes Geld verdienen. Die Existenz verlegt sich aufs Hineinschauen in andere Welten, weg von der eigenen Umgebung. Und damit vergehen auch die Emotionen fürs Reale und das Reale gewinnt erst eine Bedeutung durch die Wahrnehmung im Netz und die Bestätigung dadurch, dass es genug Leute gibt, die sich solche schrecklichen Bilder gerne anschauen. Die hier gezeigten Kids, die sie ja noch sind, natürlich auch sie Extremfälle von Emotionalzombies, aber irreal? Keineswegs.

5. Unausweichliche Fragen an uns selbst

Wenn wir so über andere schreiben und glauben, wir dürfen das, müssen wir uns aber auch fragen, wie wir selbst sind und wie wir uns verhalten würden in einem solchen Moment. Um es vorwegzunehmen – wir stellen keine Crashvideos und sonstige Katastrophen ins Netz und schauen uns derlei auch nicht an. Nein, wirklich nicht? Wir erinnern uns noch an einen Nachmittag mit vergnüglichen niederländischen Videos auf Youtube – Polzei verfolgt Autobahnraser. Sehr viel Thrill drin. Und manches Autoteil flog durch die Luft. Oder die härtere US-Variante, in der es dann wirklich gewaltig rummst. Auch dabei könnten Leute verletzt oder getötet worden sein, auch wenn man’s nicht aus der Nähe sah und das Video nicht von vornherein als Crashfilm erkennbar war. Und haben wir uns nicht so schön gegruselt, als auf der Autobahn Berlin-Rostock im Winter dieser entsetzliche Unfall geschah und daran gedacht, dass wir auf dieser Strecke an jenem Tag unterwegs waren, zeitlich nur wenig versetzt. Da waren wir mal wieder froh darüber, was wir immer für ein Glück haben. Aber wir hatten auch Mitglied mit den Opfern und es kam zu echten Tränen. Immerhin.

Wie aber vor Ort? Wir fangen vorne an. Bei einem schweren Unfall, den wir selbst einmal hatten. Innerhalb weniger Minuten hielten mehrere Wagen und man hätte uns auf jeden Fall geholfen, wären wir nicht in der Lage gewesen, noch selbst aus dem auf dem Dach liegenden Wrack zu klettern, durch das zersplitterte Seitenfenster. Der Notarzt war schnell da. Wir resümieren folgendes: Wir hätten schnell Hilfe bekommen, da sind wir uns sicher. Alle, die anhielten, waren Einzelpersonen und männlich, das ist aber nicht als Wertung gemeint, sondern kann Zufall gewesen sein.

Dann beinahe eine halbe Million Fahrkilometer, sicher mehr als die Hälfte davon auf der Autobahn. Viele Staus wegen Unfällen. Ja, wir haben rübergeschaut. Und waren da nicht Momente, in denen man es schade fand, dass schon alles abgeräumt war, sodass man den Unfallgrund oder -tatbestand nicht mehr identifizieren konnte? Nein, wir wären niemals ausgestiegen und hätten gegafft, so sind wir nicht. Aber wie mit Hilfe? Seltsamerweise sind wir nie in die Situation gekommen, kurz nach einem schweren Unfall zu den Ersten vor Ort zu zählen. Seltsamerweise, weil es statistisch eigentlich mal hätte passieren müssen. Oder haben wir’s verdrängt, wenn es diese berüchtigten schwarzen Spuren gab, eingedellte Leitplanken, irgendwelche Autos am Straßenrand, etwas im Graben rechts, aber die Straße war noch nicht frei? Gab es das einmal? Nach unserer Erinnerung nicht. Wir sahen diese Unfallbelege immer erst, wenn wir durchgewinkt wurden, nachdem die Polizei die Stelle gesichert hatte, schon zappelig, weil wir so lange im Stau standen.

Die Autobahn ist einer der Haupt-Tatorte in diesem Land, nicht nur, weil stellenweise extrem schnell gefahren werden darf, sondern auch, weil hier mehr Menschen den Tod finden als durch Morde. Und Menschen nicht zu helfen, ist nicht viel besser, als sie aktiv umzubringen, und sei es fahrlässig. Unterlassene Hilfeleistung ist nicht umsonst strafbar. Das wird im Tatort 747 übrigens nicht groß thematisiert. Durch das Meta ist bereits alles gesagt.

Nehmen wir also an, wir hatten die Situation nicht, waren nie gefordert. Wie, wenn es so gewesen wäre? Unsere Angst zu helfen und dabei etwas falsch zu machen, mit unserem ewig zurückliegenden Erste-Hilfe-Kurs? Das sollte und darf keine Entschuldigung sein. Man kann immer etwas tun. Und wenn es bei eigener Unsicherheit nur ist, andere herbeizuwinken und zusammen zu agieren, damit man nicht allein die Verantwortung hat. Das ist übrigens ein guter psychologischer Trick, den wir allen empfehlen, die keine bösen, gleichgültigen Menschen sind, aber etwas panisch veranlagt. Nicht weiterfahren, sondern stoppen. Und nach Erfassen der Lage, wenn man glaubt, sie nicht allein bewältigen zu können, nach Mithelfern suchen, die Verantwortung teilen, auch wenn’s dadurch eine oder zwei Minuten länger dauert. Ich glaube, so würden wir heute handeln, wenn es zum Ernstfall käme und wir nicht sofort wüssten, wie allein weiter. Das ist nicht optimal, man könnte ja uach mal wieder einen Erste-Hilfe-Kurs machen.

6. Ermittlerpersönlichkeiten

Die starken Tatorte, die in den letzten Tagen wiederholt wurden, haben uns betroffen und nachdenklich gemacht, aber keiner hat uns so viele Fragen an uns selbst gestellt wie „… es wird Trauer sein und Schmerz“. Man könnte ihn noch weitaus gründlicher untersuchen. So viel Subtext haben wir selten in einem Fernsehfilm verortet wie in diesem großartig gemachten Lehrstück. Denn das ist er ja auch wieder, und wir akzeptieren es. Nicht so glücklich sind wir mit der Belehrung durch Frau Lindholm persönlich. Vielleicht sind wir auch nicht norddeutsch genug, zu sehr Südwestler, die gerade lernen, auch Berliner zu werden, um vollstes Verständnis für solchermaßen überzogene Figuren aufzubringen. Bei uns lässt man gerne die Kirche im Dorf und mag Charaktere, die ein wenig lebensnah sind und auch mal eine Schwäche offenbaren – mit denen wir uns also identifizieren können. Und es gibt tatsächlich  zweierlei Arten von Gefälle bei den Ermittlern. Zum einen das geschlechtliche, zum anderen das regionale – und da potenziert sich einiges.

Die Ermittlerinnen im Norden kommen auf eine Art moralisch überanspruchsvoll daher, die mehr an Hysterie grenzt oder präpotent wirkt, je nachdem, ob man den Blick Richtung Bremen oder Richtung Hannover wendet. Da wird die gute Moral nicht in den Dienst der Sache gestellt und in den Polizeidienst gestellt, da dient der Dienst als Vehikel für in einer kaum erträglichen Dichte abgegebene Statements zur ethischen Lage der Nation. Nicht, dass Kriminalbeamt*innen keine Meinung haben dürfen, das Subjektive macht ja die heutigen Tatort auch aus. Aber man kann’s auch weniger prätentiös bringen – dann ist die Wirkung deutlich stärker bei denen, bei denen das alles, was hier beabsichtigt ist, überhaupt Wirkung haben kann, also bei denjenigen, die zum Nachdenken tendieren.

Sollen wir jetzt ketzerisch fragen, ob die Tatortmacher das in diesen Gegenden offenbar als notwendig ansehen, um auf die brutale Art das in die Leute hineinzutreiben, was ihnen fehlt? Oder ist es protestantische Verantwortungsethik bzw. der Appell daran? Nein, wir fassen jetzt nicht historisch aus. Selbst eine Lena Odenthal, die erkennbar keine pfälzische Mentalität hat, kommt nicht so übertrieben daher.

Wenn man Frauen und Männer in Tatort-Polizeidiensten vergleicht, gewinnt man unweigerlich den Eindruck, dass Humor und eine gewisse Selbstironie ausschließlich Letzteren vorbehalten sind. Und das finden wir schade. Eine Ausnahme wird vielleicht die neue Frankfurter Ermittlerin Conny Mey (Nina Kunzendorf) darstellen. Einigermaßen ruhig und den Zuschauern Raum lassend ist Klara Blum vom Bodensee-Tatort konstruiert. Sie wirkt auf uns dadurch nicht weniger sozialkompetent als die Lichtgestalten aus dem Norden. Aber sie darf auch mal Fehler machen, wir haben das schon mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Gerade bei Charlotte Lindholm käme ein solcher allerdings auf den schweren Kunstfehler eines Arztes bei einer Operation hinaus, und hat man so etwas schon mal in einer deutschen Arztserie gesehen? Der Vergleich drängt sich bei -Darstellerin Maria Furtwängler auf, die bekanntlich Ärztin ist. Man gibt ihr deshalb einiges gut, weil sie ihren überhöhten Typ sehr echt spielen, sehr authentisch. Schwer zu ertragen ist es dennoch zuweilen. Dass sie hingegen keinen Co-Ermittler hat, finden wir logisch, sie ist ja alleine gut genug für zwei und wäre nicht nur ständig  moralisch angefasst, sondern auch noch dadurch genervt, dass sie einem gewiss weit weniger versierten Partner permanent die Welt erklären müsste.

Wie vergleichsweise angenehm zu rezipieren hingegen dieses Argumente-Pingpong, das sich die Kölner Kommissare zu jedem Thema liefern oder die leicht zynischen Einlassungen, die den Münchenern manchmal über die Lippen kommen. Das Knorrige oder Knurrige des einen oder anderen Ermittlers, die Moralität der Münster-Tatorte, die, wenn vorhanden, nur anhand der Tätermilieus, nicht aber durch Dozieren der Hauptfiguren gezeigt wird. Dass wir dies alles mehr schätzen, hat vielleicht etwas damit zu tun, dass wir Führerfiguren misstrauen gelernt haben. Egal, für was sie sich stark machen, ob es politisch korrekt ist oder nicht; Filmpolizisten, die eine gewisse Bodenständigkeit wahren, favorisieren wir. Wir mögen auch diejenigen, die ein wenig seltsam wirken, wie die (früheren, offenbar aber auch die neuen) Frankfurter, die Münsteraner. Doch wir misstrauen Figuren, denen die Ethik zum Egotrip gerät und die dazu noch, wie Charlotte Lindholm, dem Rest der Welt  haushoch überlegen sind, sodass jenes dezente Weinen am Ende von 747 wie eine Abbitte der Tatormacher wirkt, aber ausnahmsweise eben nicht echt. Eigentlich ist Lindholm die Inkarnation einer messianischen, mythischen Figur, die nur bedingt mit normalen Menschen korrespondieren kann. Allerdings wirkt es deswegen bei ihr viel logischer als bei anderen Ermittlern, dass sie sich nicht binden kann – denn wer könnte die Anforderungen erfüllen, die von ihrer Seite an ihn gestellt werden?

IV. Fazit

Das alles musste mal geschrieben werden, nach 46 auf in nur wenig mehr als zwei Monaten angeschauten Tatorten, die schon ein gewisses Gesamtbild vermitteln, vor allem, da wir uns weitgehend auf die aktuellen Ermittlerteams konzentriert haben.

Was bleibt, nach allen Abwägungen und übergreifenden Betrachtungen, Exkursen und allgemeinen Ansichten, ist ein sehr guter Tatort, der uns sehr nah ging  und nur durch einige Fragwürdigkeiten um die Täterfigur herum getrübt wird. Und etwas mehr durch die wieder einmal übertrieben als Jeanne d’Arc des deutschen Polizeiwesens angelegte Figur von Charlotte Lindholm. Dennoch reiht er sich gut ein in die Serie besonders starker Tatorte, die zuletzt wiederholt wurden. Wir geben 8,0 von 10 Punkten.

(Auch wenn es am Ende nicht für eine Rekordwertung gereicht hat, den Rekord nicht nur als längste Tatort-Rezension, sondern als längste Rezension überhaupt hält dieser Beitrag nun, aufgrund der in ihm angelegten übergreifenden Betrachtungen.)

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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