Wenige Stunden nach unserem ersten Bericht über die Holteistraße 19, 19a, den wir auch unten angehängt haben, ist es bereits an der Zeit für ein Update.
Die Mieter*innen der Holteistraße schreiben es selbst, jetzt muss alles sehr schnell gehen. Mittlerweile sieht man ein Logo und schon für den Freitagabend haben die Menschen im neuesten bedrängten Haus eine Aktion angesetzt, bei der sich alle solidarisch zeigen können:
Außerdem wissen wir dank der Krossener Straße 36, die schon zu Beginn ihres eigenen Kampfes durch hervorragende Recherche geglänzt hat, dass die Holteistraße 19, 19a von der Fortis Group gekauft wurde, deren Name uns hier nicht zum ersten Mal begegnet.
Und weil das so ist, haben wir bei dem Unternehmen ein wenig reingeschaut, homepagemäßig. Vorteilhaft, dass verkaufsseitig alles offen kommuniziert wird, sonst wäre eine Schnell-Beurteilung nicht möglich gewesen, das Unternehmen Fortis hat außerdem seinen Sitz in Charlottenburg, das unterscheidet es von den sogenannten Briefkastenfirmen.
Wir knüpfen zitatweise an das an, was die Mieter*innen der Holteistraße 19, 19a in ihrem Aufruf für den 5. 7. schon wiedergegeben haben:
„… Dabei sind wir stets bestrebt die vorwiegend historischen, wertvollen Altbauten zu erhalten und die Wohnqualität nachhaltig zu erhöhen.“
So schlecht ist der Zustand der Altbauten in der Regel nicht, dass sie vom Verfall bedroht sind, die nachhaltige Erhöhung der Wohnqualität bedeutet aber vor allem, Mieter*innen zu kicken, die sich die „Wohnqualität“, also im Wesentlichen viel Schnickschnack, nicht leisten können.
Schlecht für Mieter*innen ist demnach, was wir inhaltlich mitnehmen konnten. Abgesehen vom für zeitgeistig gehaltenen Marketing-Labersülz sehen wir vor allem anhand bereits abgeschlossener Projekte, wie diese Firma mit einigen anderen zusammen Gentrifizierungsschneisen durch beliebte und uns allen bekannte Kieze gezogen hat. Viele Straßennamen kennen wir und sogar die Geschichte einzelner Häuser bzw. Ausschnitte daraus, wie etwa jene der Spenerstraße 4-5, über die wir von der @HeimatNeue Informationen erhielten. „Geplant als Aufteilungsobjekt, aber Globalverkauf“, schreibt die Fortis. Die Filetierung hat nicht geklappt, das Schicksal der Häuser ist offen? Die Aufteilung wurde ausnahmsweise durch den zuständigen Bezirk rechtswirksam versagt? Es könnte auch so sein: Man hat den Spekulationsgewinn aus dem Zwischenerwerb, der in den letzten Jahren fast jederzeit möglich war, einer Aufteilung von weniger attraktiven Häusern, die nicht dem auf der Startseite verkündeten Motto „Wir lieben Altbau“ entsprechen. Häuser wie die Spenerstraße konnten zu Beginn der Phase, die heute als Mietenwahnsinn bezeichnet wird (2010-2011), noch für Preise unter 1.000 Euro / m² erworben werden und bringen trotz ihrer einfachen Nachkriegs-Bauweise heute mehr als das Doppelte.
Wir sind gespannt, ob irgendwann mal ein Investor schreibt: „Wir lieben unsere Mieter“ und dass es nicht ironisch gemeint ist oder in dem Sinn: Wir lieben unsere Mieter, falls sie bereit und in der Lage sind, 15 Euro + x / m² kalt zu zahlen.
Zu Preisen zwischen 3.500 und knapp 5.000 Euro verkauft die Fortis Group derzeit mehrere aufgeteilte Häuser als Eigentumswohnungen in verschiedenen Vierteln, das sieht überwiegend nach Mittelklasse, gediegen und „reliable“ aus, soweit die Fotografien es abbilden, aber was immer sich zu den einzelnen Objekten sagen lässt, es müssen Miethäuser gewesen sein, die umgewandelt wurden.
Nicht ganz so klar wurde uns beim Schnell-Überflug, was mit „Bestandshaltung“ gemeint ist. Bei Aufteilung kann von behutsamer Entwicklung keine Rede sein, denn die Wohnungen, die hier abgebildet sind, dürften in der Regel eher von Selbstnutzern als von Kleininvestoren erworben worden sein und das erfordert, dass die Mieter erst einmal verdrängt werden. Aber auch die Sanierung für Käufer, die nicht selbst einziehen, ist ein großer Eingriff in den Baubestand. Eine behutsame Entwicklung gibt es im Grunde für „Projektierer“ nicht.
Falls die Fortis Häuser als „Globalobjekte“ in eigener Regie führt, muss sie auch hier das tun, was üblich ist, um eine Entwicklung darzustellen: Im Wesentlichen durch die Anwendung der §§ 558, 559 BGB wir saniert, aufgewertet und dann dann wird es für die Bestandsmieter*innen teuer – oder man nimmt nur Instandhaltungen vor, die allenfalls marginale Wertsteigerungen erbringen, das ist aber keine Entwicklung in dem Sinn, wie die der Teil der Branche, der sich in irgendeiner Form für schöpferisch hält, üblicherweise versteht.
Freilich ist auch das Halten bis Weiterverkauf mit Spekulationsgewinn eine Art von Entwicklung. Eine die leistungslose Bereicherung ermöglichende, rein kapitalgetriebene Entwicklung, die in diesen Zeiten auch nicht realwirtschaftlich fundiert ist, wie sich daran zeigt, dass die Kaufpreise noch einmal wesentlich schneller steigen, als Mieten geliftet werden können. Wie man diesen Effekt einer stetig nachlassenden Rendite trotz Ausquetschung der Mieter*innen am besten umgeht? Eben durch Aufteilung und Verkauf von Einzelwohnungen.
TH
Ausgangsbeitrag vom Nachmittag des 3. Juli 2019:
Wir setzen wieder alles auf Null und fangen von vorne an. Bei einigen Kämpfen, die geführt wurden, kennen wir noch nicht die Ergebnisse, aber wir müssen heute einen neuen Verdrängungsfall in Friedrichshain melden.
Es handelt sich um die Holteistraße 19 und 19a. Das Haus liegt im Milieuschutzgebiet Boxhagener Platz und ganz in der Nähe haben wir bereits zwei kämpfende Häuser mit unseren Berichten begleitet: Die Boxhagener Straße 32 und die Krossener Straße 36, die wir deshalb auch im Titel adressieren und um Unterstützung und Weiterleitung bitten.
Die kämpfende Gemeinschaft der Holteistraße hat gerade ihre Internetpräsenzen eröffnet, am 1. Juli die Webseite und kürzlich den Twitter-Account, über den wir nun verbunden sind.
Auf der Webseite steht alles etwas ausführlicher, wir fassen hier für unsere Leser*innen zusammen:
- 21 Mietparteien und
- 1 Kita (Infos zu dieser Kita sind hier zu finden)
- wohnen in der Holtstraße 19 und 19a
- im Milieuschutzgebiet Boxhagener Platz und
- bitten dringend den Bezirksbaustadtrat Florian Schmidt,
- das bezirkliche Vorkaufsrecht
- zugunsten einer städtischen Wohnbaugesellschaft auszuüben,
- denn der neue Eigentümer, von dem die Hausgemeinschaft vor zwei Wochen vollkommen überrascht wurde,
- macht den Eindruck, als ob er die Umwandlung der Miethäuser in Eigentumswohnungen vornehmen will.
Leider stimmt es, dass Milieuschutz nicht vor Umwandlung bewahrt. Deshalb ist es wichtig, diese Gesetzeslücke endlich zu schließen, unter anderem, damit der hoffentlich kommende Mietendeckel nicht dazu führt, dass die Umwandlungstätigkeit sich weiter beschleunigt, die ohnehin in Milieuschutzgebieten auffällig rege ist. In Neukölln wurde kürzlich erstmals eine Abwendungsvereinbarung unterzeichnet, die auch Gewerbe umfasst, aber wir sind der Meinung, der Vorkauf muss vorrangig angestrebt werden. Wer sich über dieses Instrument informieren möchte, die Hausgemeinschaft der Schöneweider Straße 20 in Neukölln hat ein sehr schönes Tutorial dazu erstellt.
Die Mieter_innen der Holteistraße 19, 19a sind bereits gut informiert, wie man auf ihrer Internetpräsenz nachlesen kann, und haben die Gründe dafür benannt, warum die Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechts immer schwieriger wird: Der spekulative Preisauftrieb bei den Immobilien hält weiter an, Wohnungsbaugesellschaften des Landes Berlin können bei diesen Preisen häufig nicht mehr mitgehen, weil das Wohnen bei ihnen günstiger sein soll als bei privaten Vermietern.
Insofern begrüßen wir jedes Instrument, das diesen Auftrieb bremsen kann, und sei es dadurch, dass der Immobilienmarkt durch den Mietendeckel oder / und das laufende Volksbegehren zur Enteignung eine Korrektur erfährt. Auch die harte Nuss, dass Vorkaufsrechte unterhalb des derzeitigen spekulativen Marktpreises ausgeübt werden können, ist noch zu knacken.
Dies alles macht die derzeitigen Häuserkämpfe so schwierig für die Betroffenen, der Ausgang stets ungewiss. Die Lage, wie sie von der Regierungspolitik im Bund leider geschaffen wurde und im Wesentlichen aufrecht erhalten wird, ist nach wie vor unerbittlich den Mieter_innen gegenüber. Sie ist jedoch umso verlockender für spekulative, mietentreibende, umwandelnde, herausmodernisierende Investoren aus aller Welt, die den Menschen in Berlin das Recht auf Wohnen streitig machen wollen.
Die häufigen Verkaufsfälle im Milieuschutz, die jedes Mal Stress und Existenzängste bei den Bewohner_innen hervorraufen, sind zudem der klare Beweis dafür, dass „bauen, bauen, bauen“ ein grob verkürzender, wenn nicht scheinheilliger Ansatz zur Lösung der Wohnungskrise ist.
Es geht ums Bleiben und darum, Kieze, soziale Netzwerke und gewachsene Infrastrukturen zu erhalten. Das ist schließlich der Zweck des Milieuschutzes. Wird das Milieu der Holteistraße geschützt werden? Wir hoffen das Allerbeste für die neue Kampfgemeinschaft in den Zeiten des Berliner Mietenwahnsinns.
Heute unsere Solidarität mit der Holteistraße 19, 19a!
TH
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
