Der tiefe Schlaf – Tatort 856 / Crimetime 379 // #Tatort #Muenchen #München #Batic #Leitmayr #BR #Schlaf

Crimetime 379 - Titelfoto © BR, Kerstin Stelter

Ein Mörder ohne Gesicht und ein leerer Platz

Vielleicht ist es nach vielen übertriebenen und skurrilen Tatorten eine neue Tendenz? Nein, nach zwei Folgen („Im Namen des Vaters“ aus Frankfurt war die erste) kann man das wirklich nicht behaupten – nämlich, dass die Fokussierung plötzlich wichtiger ist als umfangreiche Plots, große Effekte und knifflige Tricks und Täuschungsmanöver.

Wir waren nach dem Anschauen von „Der tiefe Schlaf“ ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits – klasse gespielt. Andererseits: Wir wussten wirklich vorher, was an dieser fahrbaren Bude passieren wird. Wo sonst hätte noch der Zufall stattfinden sollen, der eine schnelle Auflösung innerhalb der Spielzeit von knapp 90 Minuten mit sich bringen kann?

Berührt im Sinn von zu Tränen gerührt waren wir nie. Nicht, als das Mädchen starb und wir die Reaktionen der Eltern gesehen haben, nicht, als der junge Kollege von Ivo und Franz namens Gisbert so früh und tragisch aus der Münchener Mordkommission abging, und das, obwohl wir einen Jugendfreund namens Gisbert hatten, und eine solche Verbindung zum Fall kann sicher nicht jeder für sich reklamieren.

Ganz hoch siedeln wir die Tatsache an, dass Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, mit ihren Figuren sichtlich gealtert, diesen schauspielerisch anspruchsvollen Tatort so gut bewältigt haben. Immer da, wo dieses genaue Hinsehen stattfindet, das uns letzte Woche schon verblüfft hat, weil es eine Wiederauferstehung alter Tatort-Werte sein könnte, immer da wird den Darstellern was abverlangt. Und heute sogar mehr als früher, weil man mehr wissen will. Man hält es als Zuschauer mittlerweile für selbstverständlich, dass die Reaktionen der Ermittler nicht hermetisch sind, interpretierbar bleiben, sondern dass sie uns ihre Gefühle genau mitteilen. Derr erste Unterschied zur mimisch und dialogseitig karg gehaltenen Tatort-Anfangszeit.

Jenseits von Trauer und Identifizierung hat uns „Der tiefe Schlaf“ aber nicht kalt gelassen, sondern ziemlich erschlagen, und das sagt uns auch etwas. Ein unspektakulärer Fall, aber keine leichte Kost. Eine äußerst geringe Anzahl von Verdächtigen, aber von denen war es keiner. Es ist ein Whodunnit, aber kein klassischer, in dem man mitraten kann, welcher von vielen Verdächtigen jetzt der Mörder ist. Man hat diese Täterfigur ganz rausgehalten, sie nur durch einen kurzen Gesprächsmittschnitt lebendig werden lassen – für 85 Minuten. Der tiefe Schlaf“ ist der zweite radikale Konzept-Tatort nach nur einer Woche.

Handlung

Nachdem die 15-jährige Carla einen Monat lang verschollen war, wird ihre Leiche in einem Teich in der Nähe von München gefunden. Laut den Aussagen der wenigen Augenzeugen, reimen sich die Münchner Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr zusammen, dass das Mädchen wahrscheinlich in der Tatnacht zu ihrem Mörder ins Auto stieg. Auf dem Weg von der Schule nach Hause hatte sie den Bus verpasst. Die Eltern konnten sie in dem Moment nicht abholen, und das Mädchen entschied sich, zu Fuß zu gehen.

Batic und Leitmayr strecken ihre Fühler in alle Richtungen aus, um eine erste Spur zu finden, die sie weiterführen könnte. Herr Seifert, einer von Carlas Lehrern gerät in Verdacht, aber mehr als Vermutungen, geschweige denn handfeste Beweise, kommen nicht zusammen. Die Lösung des Falles verspricht, schwierig zu werden.

Aber die alten Hasen aus dem Münchner Morddezernat plagen noch ganz andere Probleme. Sie haben mit Gisbert Engelhardt einen neuen Kollegen bekommen, ausgerechnet einen „Preußen“. Der ausgewiesene Technikfreak und gediente Bundeswehrsoldat erstellt ein Profil des Täters und behauptet, es handele sich um einen potentiellen Serientäter. Anhand einer Geräuschanalyse des letzten Handygesprächs von Carla will er ganz charakteristische Atmungsmerkmale des Täters herausgefiltert haben.

Bei den Ermittlungen vor Ort stellt er sich allerdings eher linkisch an, während der Begutachtung der Leiche fällt er sogar in Ohnmacht. Batic und Leitmayr sind komplett genervt von Engelhardt, sie können seine Eigenheiten nicht ertragen und beschließen, ihn „wegzuloben“. Engelhardt ist allerdings nicht so unsensibel, dass er nicht merkt, was bei seinen Chefs vor sich geht. Schließlich will er sich beweisen und startet einen fatalen Alleingang.

Damit nimmt der Fall eine dramatische Wende. Trotz ihrer Ablehnung des neuen Kollegen kommen Batic und Leitmayr ins Grübeln, ob er in gewissen Details nicht doch auf dem richtigen Weg ist und Indizien erkannt hat, die den beiden nicht aufgefallen sind. Müssen sie ihr Bild revidieren? Und müssen sie den Fall nochmal von vorne und von einer anderen Seite aufrollen? Zum Ende des Tatort „Der tiefe Schlaf“ bahnt sich jedenfalls eine Katastrophe an.

Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph sagte zum Tatort „Der tiefe Schlaf“, es sei ihm darum gegangen, was der Tod mit Menschen macht, den Hinterbliebenen – und im Falle eines Mordes auch mit den Ermittlern. Er glaubt, dass der Alltag von Polizisten in Mordkommissionen sich mehr um die Opfer und deren Angehörigen dreht, als um die Täter. Besonders schlimm muss es wohl sein, Kinder und Jugendliche ermordet werden werden.

Rezension

Berührt im Sinn von zu Tränen gerührt waren wir nie. Nicht, als das Mädchen starb und wir die Reaktionen der Eltern gesehen haben, nicht, als der junge Kollege von Ivo und Franz namens Gisbert so früh und tragisch aus der Münchener Mordkommission abging, und das, obwohl wir einen Jugendfreund namens Gisbert hatten, und eine solche Verbindung zum Fall kann sicher nicht jeder für sich reklamieren.

Ganz hoch siedeln wir die Tatsache an, dass Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, mit ihren Figuren sichtlich gealtert, diesen schauspielerisch anspruchsvollen Tatort so gut bewältigt haben. Immer da, wo dieses genaue Hinsehen stattfindet, das uns letzte Woche schon verblüfft hat, weil es eine Wiederauferstehung alter Tatort-Werte sein könnte, immer da wird den Darstellern was abverlangt. Und heute sogar mehr als früher, weil man mehr wissen will. Man hält es als Zuschauer mittlerweile für selbstverständlich, dass die Reaktionen der Ermittler nicht hermetisch sind, interpretierbar bleiben, sondern dass sie uns ihre Gefühle genau mitteilen. Derr erste Unterschied zur mimisch und dialogseitig karg gehaltenen Tatort-Anfangszeit.

Jenseits von Trauer und Identifizierung hat uns „Der tiefe Schlaf“ aber nicht kalt gelassen, sondern ziemlich erschlagen, und das sagt uns auch etwas. Ein unspektakulärer Fall, aber keine leichte Kost. Eine äußerst geringe Anzahl von Verdächtigen, aber von denen war es keiner. Es ist ein Whodunnit, aber kein klassischer, in dem man mitraten kann, welcher von vielen Verdächtigen jetzt der Mörder ist. Man hat diese Täterfigur ganz rausgehalten, sie nur durch einen kurzen Gesprächsmittschnitt lebendig werden lassen – für 85 Minuten. Der tiefe Schlaf“ ist der zweite radikale Konzept-Tatort nach nur einer Woche.

Der kursiv gedruckte Abschnitt stammt ebenfalls aus der Inhaltsangabe. Wie erwähnt, ein ganz intensiv beobachtender Tatort, eine Abkehr von den zunehmend furiosen, manchmal auch überladenen Werken der letzten Jahre. Aber keine Rückkehr zu den Anfängen, denn zum einen ist die Filmsprache viel subjektiver geworden, zum anderen das Verhalten der Figuren dezidierter. Das ist ganz schön schwierig zu schreiben und zu inszenieren, weil es eine Festlegung erfordert. Jeder Dialog und jede Geste ist ein Statement zur Befindlichkeit nach gewaltsamen Todesfällen und der Zuschauer darf in beinahe jeder Minute überprüfen, ob das nach seiner subjektiven Wahrnehmung stimmig ist. Möglichst viele Zuschauer mitzunehmen und doch individuelle und lebendige Charaktere zu zeigen, ist die Herausforderung.

Wie die Münchener das nach so vielen Folgen noch hinbekommen, immer wieder neue Ansätze aufzunehmen und sich ohne Wenn und Aber einzubringen, ist beeindruckend. Schade, dass sie sich jetzt schon wieder einen neuen Assistenten oder eine neue Assistentin suchen müssen, zum running Gag solle das nicht werden. Aber mit diesem Teil des Falles war nicht zu rechnen – nämlich dass der junge Kollege tatsächlich dem Mörder schon so dicht auf den Fersen war, dass dieser meinte, ihn beseitigen zu müssen. Der Postmann klingelt immer zweimal – bevor er zugreift. Zweimal hatte sich der engagierte Jungpolizist mehr oder weniger deutlich geirrt, und als er den alten Hasen endlich hätte zeigen können, was er kann, erwischt es ihn selbst.

Die Polizeiarbeit läuft gefühlt sehr langsam ab, trotz des Elektronikfreaks, der sich nun zu den beiden Kumpels ins Dienstzimmer gesellt hat. Kein Großaufgebot, keine Rasterfahndung nach dem Tod des Mädchens. Auch da wieder eine Ähnlichkeit zum Fall vor einer Woche. Allerdings ist diese Langsamkeit eine Art Scheintatbestand – oder man kann es als Verdichtung und Konzentration auf wenige Aspekte bezeichnen. Hier: In erster Linie der Umgang der Ermittler (und erst nachrangig derjenige der Angehörigen der ermordeten Carla) mit den Emotionen, die ein solcher Fall nach sich zieht.

Es geht um Auslassungen in erheblichem Umfang. Man kann auch sagen, die Verknappung hat eine neue Dimension erreicht und wenn man’s so betrachtet, ist es nur konsequent, den (vermutlichen) Mörder nur am Ende und von hinten zu zeigen – und eine hundertprozentige Sicherheit wird nicht geboten. Realistisch wie in den „alten“ Tatorten ist die Darstellung genau deswegen keinesfalls, zumal die klar aufgeklärten, als Tötungsdelikte deklarierten Tatbestände Wirklichkeit jetzt mit über 95 % quotiert sind. Aber sie wären störend gewesen in diesem Ermittler-Kammerspiel. Schon deswegen kann man „Der tiefe Schlaf“ nicht als Routinefall bezeichnen, die Ermittler-Routine tritt ganz in den Hintergrund. Es wirkt anfangs, als konzentrierten sich Batic und Leitmayr vor allem darauf, den Aktionen des jungen Kollegen zu folgen, anstatt eigene Akzente zu setzen und die Lösung zügig voranzubringen.

In den meisten Tatorten heutigen Zuschnitts werden die Ermittlungen sehr gerafft, weil es dem Publikum schon langweilig erschiene, jedes Mal diselben Abläufe vorgesetzt zu bekommen. Das wäre so langweilig wie der Gang der Dinge in der Wirklichkeit, mit all seinen formalisierten Bestandteilen.

Wo das genaue Beobachten der Figuren einen traditionellen Touch hat, geht man bei den Ermittlungen dieses Mal aber konsequent von der Raffung zur Weglassung fast aller technischen Aspekte über (ausgenommen Tonband, Gürtel), das ist, wenn man so will, eine für Serienkrim-Verhältnisse avantgardistische, postfaktische Technik, zur Polarisierung geeignet. Dass man mit „Der tiefe Schlaf“ Grenzen ausgelotet hat, ist offensichtlich. Wieviel Reduktion zugunsten des Feelings, das drei Ermittler zum Fall haben, ist möglich, ohne dass der Film zu abstrakt wirkt, mit wie wenigen roten Handlungsfäden kann man auskommen und wie unwahrscheinlich darf ein auflösender Zufall sein?

Man hat sich eines noch nicht getraut:  Dass Batic und Leitmayr nicht nur offiziell von den beiden Mordfällen entbunden sind, weil zu sehr persönlich involviert, und dass sie den Fall am Ende eben nicht wenigstens mit hoher Wahrschienlichkeit gelöst haben. Weitaus realistischer wäre das gewesen, aber diesen Rubikon haben die Macher dann doch nicht überschritten – auch einmal gescheiterte Kommissare zu zeigen. Nicht gescheitert an mangelnden Fähigkeiten, sondern, trotz ihrer großen Routine, aus emotionalen Gründen. Zwei Männer, die zu sehr angefasst sind von allem, um noch ruhig und angemessen in ihren Reaktionen Verdächtigen gegenüber ihren Job machen zu können. Die vielleicht sogar über die Jahre einen Stau an innerer Aggression aufgebaut haben, trotz ihrer Erfolge.

Finale

Diese überbelichteten, stellenweise weichgezeichneten Bildausschnitte haben wir in anderen Tatorten schon ähnlich gesehen, aber hier wirken sie nicht unangenehm und zu surrealistisch. Die Farbgebung wirkt insgesamt sehr hell und transparent, symbolisiert ein grell beleuchtetes Dasein, in dem die Gefühle der Männer in allen Einzelheiten offenliegen, in dem jeder Moment bedachtsam ausgespielt wird. Viele subjektive Kameraeinstellungen sprechen dieselbe Sprache. Die Sicht der Ermittler ist generell diejenige, aus der heraus Tatorte gefilmt werden. Anders als im ähnlich figurenarmen Tatort der letzten Woche wird diese aber, Gisbert Engelhardt eingerechnet, immer durchgehalten, es gibt keine Szene, in der keiner von ihnen anwesend ist – von den Rückblenden abgesehen, in denen das Mädchen Carla in den Tod geht und die als Bestätigung der vor allem von Gisbert rekonstruierten Teilabläufe des Geschehens bis zum Einstieg in das Fahrzeug des Täters gezeigt werden.

Glücklicherweise wird dieser rituelle Mord selbst nicht gezeigt und wir erfahren auch nicht, warum eine beinahe 15jährige so vertrauensselig ins Auto eines Fremden einsteigt, im Dunkeln, an einsamem Ort. Dazu kann man sich positionieren oder nicht. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, wird man das wohl tun – aber es geht erkennbar nicht um die Glaubwürdigkeit dieses Momentes in einer Zeit, in der wirklich jeder weiß, dass man sich nicht von Fremden fahren lässt (sicher ein Grund, warum es kaum noch Tramper gibt, das gegenseitige Misstrauen ist mittlerweile sehr groß, obwohl die Gefahren objektiv wohl nicht größer geworden sind, sondern intensiver wahrgenommen werden als früher).

Aber diesen unvermeidlichen Moment abzuhandeln, haben die Macher von „Der tiefe Schlaf“ wohl eher als Pflicht empfunden, die so schnell wie möglich abzuhandeln war, deswegen gibt es auch keine besonders trickreiche Ansprache des Täters an das Mädchen, nichts, was uns sagen könnte Unter diesen Umständen ist so viel Lichtsinn auch heute noch glaubwürdig. Es geht um das danach, um die Kommissare.

Und für uns geht es darum, ob wir das vorliegende Konzept akzeptieren oder nicht. Das klasse Spiel der Darsteller wollen wir gerne sehen, die Anlage des Plots wird ohnehin nicht zum Standard werden, deswegen folgen wir Batic, Leitmayr und für drei Viertel des Films auch Engelhardt bei ihrer Interaktionsrally  mit dem Umstand als Aufhänger, dass ein Mädchen zu Tode kam. So viel Aktion und Reaktion der Ermittler miteinander war in einem Tatort noch nie, vor allem, wenn man bedenkt, dass man die Münchener Kommissare generell nicht auf ihr Privatleben ausdehnt, damit sie kenntlicher zu werden.

8,0/10 – wir greifen hoch, aber nicht nach den Sternen. Es war spannend, den bekannten und erprobten Jungs zuzuschauen, aber einige Auslassungen sind Grenzfälle. Auch unsere Wahrnehmung unterliegt einer Entwicklung über viele Tatortrezensionen und andere Filme hinweig – was uns heute noch ein wenig fremd erscheint, muss es nicht für immer bleiben.

© 2019, 2013, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Gisbert Engelhardt – Fabian Hinrichs
Carla – Anna Willecke
Kollege Lochbigl – Hans-Jochen Wagner
Wellisch – Christian Springer
Lehrer Seifert – Stefan Murr
Kräftiger Mann – Wolfgang Maria Bauer
Frau Pollinger – Bettina Redlich
Herr Pollinger – Johann Schuler
Motorradfahrerin Elisabeth – Lilli Fichtner
Motorradfahrer Mark – Johannes Bachmann
Carlas Freund Harry Weinrich – Benedikt Hösl
u.v.a.

Buch und Regie – Alexander Adolph

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