Feuerteufel – Tatort 872 / Crimetime 393 // #Tatort #NDR #Bundespolizei #Falke #Lorenz #Feuer #Teufel #Feuerteufel #Tatort872

Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Wer mit dem Feuer spielt

Kommt noch lange nicht darin um. Das ist die Lehre des 872. Tatorts. Und wieder eine Premiere im premierenreichen Tatortland. Dieses Mal der zweite Hamburger Neuermittler, als Figur heißt er Thorsten Falke, als Darsteller Wotan Wilke Möhring.

Der Verdacht erhärtet sich, dass türkische Regisseure gute Buddy-Movies machen. Auf der persönlichen und kumpelhaften Ebene funktioniert „Feuerteufel“ besonders gut. Männer mögen solche Sachen, in denen Freunde einander derb lieben, einer sich vom anderen verraten fühlt und am Ende ist alles doch wieder flauschig. Was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Wieder mal brennt nachts ein Auto in einem noblen Stadtteil von Hamburg. Fast schon Routine mittlerweile, aber diesmal passiert, was schon lange befürchtet wurde: Ein Mensch stirbt. Eine Frau, die offensichtlich in ihrem Wagen eingeschlafen war, kann sich nicht rechtzeitig aus dem brennenden Auto retten.

Kommissar Thorsten Falke übernimmt die Ermittlungen und sieht sich mit einer explosiven Stimmung in Hamburg konfrontiert. Eine Bürgerwehr bildet sich, die autonome Szene ist in Aufruhr und es brennt weiter. Hilfe bei den Ermittlungen bekommt Falke von der jungen Ermittlerin Katharina Lorenz. Als Expertin im LKA/2 ist sie zuständig für die Bearbeitung von Brandfällen. Je mehr Zeit es braucht, den Fall zu lösen, desto mehr gerät die Stimmung in Hamburg außer Kontrolle

Neben den “Tatort”-Kommissaren Maria Furtwängler in Hannover, Til Schweiger in Hamburg, Axel Milberg und Sibel Kekilli in Kiel sowie Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau für den “Polizeiruf 110” in Rostock ermittelt für den NDR in Norddeutschland künftig auch Wotan Wilke Möhring. In dem neuen “Tatort: Feuerteufel” muss er als Kommissar Thorsten Falke gemeinsam mit seiner Kollegin Katharina Lorenz seinen ersten Fall in Hamburg lösen.Besetzung und Stab

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Auf der zwischengeschlechtlichen Ebene wird’s schon etwas schwieriger. Es fällt nicht nur dem KHK Falke schwer, die neue, blonde Kollegin zu akzeptieren, sie wird auch bei weitem nicht so als hervortretende Persönlichkeit gezeigt, wie das z. B. in den Duo-Städten Frankfurt oder Leipzig der Fall ist. Wenn sie sich vor Eifer bei einem Einsatz verrennt und vom erfahrenen Kollegen Falke gerettet werden muss, dann ist das wieder ein echtes, traditionelles Männerding. Warum auch mal nicht. Warum auch mal nicht, fragt der Mann im Kritiker.

Vielleicht ist das Aufholen der Frauen im Geschlechterkampf ja auserzählt. In Berlin sind prozentual mehr Frauen in Arbeit als Männer und haben auch die niedrigere Erwerbslosenquote. Es wird Zeit für gender mainstreaming! Ein Scherz. Ein Scherz muss auch mal sein.

Noch einmal etwas anders sieht es auf Fallebene aus. Sicher grundsätzlich keine schlechte Idee, ein neues Team mit einem Howcatchem als Plotanlage einzuführen. Da man den Täter von Anfang an kennt (oder es glaubt), kann man sich schön auf die Menschen konzentrieren, die hinter Polizistenfiguren stecken und man kann gemütlich dabei zusehen, wie sich der einzige Verdächtige auf eine echt unterbelichtete Art selbst so verdächtig macht, dass es kaum möglich ist, ihn nicht zu fassen.

Ehrlich, schon beim ersten Auftritt von Jürgen Mintal, dem Mann des ersten Opfers in diesem Tatort hatten wir so einen Gedankenblitz, dass er was mit dem Tod seiner Frau zu tun hat. Alles andere wäre schlicht zu einfach gewesen, doch auch inklusive dessen Involvierung ist die Handlung von „Feuerteufel“ noch einfach und schlicht.

Erstaunlich, wie wenig hier gerätselt, ermittelt und echte Polizeiarbeit getan wird. Der Kernmoment der Tätersuche ist derjenige, in dem Falke in echter Kiezmanier einen jungen Typ, den er gleich als „Sänger“ erkennt, ausspucken lässt, wer denn wohl der Feuerteufel sein könnte. Ja, manchmal kann das Polizistenleben einfach sein. Vor allem, wenn man so eine hübsche Jungkollegin mit bei hat und sie so loyal ist, obwohl man sie nicht gerade nett behandelt. Da freut sich der Macho und der Sozialarbeiter fasst sich an den Kopf. Alles umsonst, 40 Jahre angestrengte Pädagogik für’n … wa?

Wer wird so sinister sein? Wir sind’s nicht. Sonst wüssten wir nicht, wo wir mit den Rückschritten anfangen sollen. Wir konzentrieren uns auf die Handlung.

Schon die seltsame Tatsache, dass jemand auf den unbequemen Vordersitzen eines Autos ruht, anstatt sich hinten lang zu machen, hat uns etwas verblüfft. Wir sind auch nicht hinter das Motiv des Zündlers gestiegen. Wir finden die Idee mit den Linksradikalen als Informanten echt daneben und manch Element wirkt wie ARD-Sozial-Lehrauftrag als Feigenblatt vor einem tief drinnen doch atavistischen Zwischemmenschverständnis. Vielleicht muss man ein Auge zudrücken und aus dem anderen den Schalk blitzen lassen, um zu verstehen, dass auch dieser Tatort, der nicht vor Ambitionen strotzt und auch nicht vordergründig voll ernst auf unernst macht, ein lockeres Buddy-Süppchen ist, auf das kein Krimi-Hauptgang folgt, sondern das mit einem Ende ausgelöffelt ist, das theatralisch und nicht sehr glaubwürdig daherkommt.

Man muss Verständnis für die Männer haben. Für diesen verpeilten Jungen aus dem Prekariat, der sich und wem eigentlich sonst noch beweisen muss, dass er alte 3er-BMW anzünden kann. Woraus man unter anderem lernt, in Hamburg wird auf die Werte eben doch geachtet. Nicht wie in Berlin, wo echt neue Karren in Flammen aufgehen. Überhaupt, 300. Das ist die Zahl der jährlichen Autobrände in Berlin, nicht in Hamburg, wie im Film behauptet. Immer dieses Schmücken mit fremden Federn. Man merkt manchmal doch, dass es dem NDR leid tut, dass er nicht für die filmische Auswertung der Hauptstadt mit ihren überaus pittoresken und publikumswirksamen Delikten zuständig ist.

Solche Übersteiger wie die Bürgerwehr würden hier allerdings noch lächerlicher wirken als in Hamburg, denn in Berlin gibt es keine Bürger, nur Ethnien. Und die ziehen nicht gemeinsam durch die Nacht, um arme, unterprivilegierte Jungfeuerteufel am Zündeln zu hindern. Hier warten alle, die Bullen und die Betroffenen, gemeinsam, bis alles von selbst wieder ruhig wird. Vornehmlich, wenn es nachts draußen kalt geworden ist, passiert das dann auch wirklich. Hier fahren aber Antikapitalisten, Trittbrettfahrer, Versicherungsbetrüger mit demselben Ticket. Vor allem letztere natürlich, die sind ja auch an fast jedem der tausend täglichen Berliner Bagatellunfälle beteiligt.

Schade also, dass der Fall so simpel und ein wenig nachlässig konstruiert ist, und dass die Sache mit den brennenden Autos für soziale Betrachtungen mit einem erkennbar auf falsch getrimmten Zungenschlag verwendet wird. Dabei ist es doch so, dass der Ehemann die seit vielen Jahren nur noch nervende Ehefrau loswerden kann, dank des feurigen Kapuzenjackenträgers Ruben, dessen Freundin auch im Wesentlichen so ein Fickobjekt ist, wie in diesen Kreisen üblich.

Fazit

Nach den deprimierenden Premieren, die das Jahr 2013 bisher gezeigt hat, ist „Feuerteufel“ zwar keine lodernde Flamme der Tatortqualität und auch keine erkennbare Fortsetzung der Hamburger Glanzzeiten mit Stoever und Brockmöller oder Cenk Batu, aber vom eigenen Niedrigniveau namens „Willkommen in Hamburg“ hat man sich wenigstens ein klein wenig absetzen können.

Die funktionierende männer-menschliche Ebene  und die ungeheuer erleichternde Tatsache, dass Falke der intakteste unter den neueren Tatortkommissaren zu sein scheint, machen so eine gewisse Gemütlichkeit aus und schenken uns einen Hauch von Anfangsvertrauen, also genau das, was wir nach Rambos und Zirkusclowns als Tatortkommissaren, was wir nach Abgängen großer Hoffnungen und dem nervenden Auf-der-Stelle-Treten geschätzter Langzeitermittler jetzt brauchen. Dieses Gefühl, da kommt etwas, von dem man sich wünschen kann, es bleibt und es wächst und es wird gut.

Damit man nicht auf die Idee kommt, wir finden es jetzt schon richtig gut und jauchzen überschwänglich vor Erleichterung über einen halbwegs tatortähnlichen Film, geben wir eher bescheidene 6,5/10.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Wotan Wilke Möhring als Kommissar Thorsten Falke
Sebastian Schipper als Jan Katz
Petra Schmidt-Schaller als Kommissarin Katharina Lorenz
Achim Buch als Bendixen
David Berton als Ruben
Bernhard Schütz als Jürgen Mintal
Lo Rivera als Meike Höversen
Philipp Baltus als Kurt Schütz
Charlotte Crome als Frau Sander
Albrecht Ganskopf als Stuttner
Ben Münchow als Mirko
Katharina Spiering als Martina
Oliver Törner als Oliver Devers
u.a.

Drehbuch – Markus Busch
Regie – Özgür Yildirim
Kamera – Matthias Bolliger
Schnitt – Sebastian Thümler

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