Licht und Schatten – Tatort 416 / #Crimetime 394 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Licht #Schatten

Crimetime 394 - Titelfoto © WDR

Kommissare am Rande des Nervenzusammenbruchs

Dadurch, dass der WDR ebenso konsequent Traditionspflege betreibt – oder doch beinahe – wie der NDR, kommen wir nach Stoever („Gelegenheit macht Liebe“) auch bei den frühen Folgen von Ballauf und Schenk weiter voran.

Mit dem Unterschied, dass dieses Mal die Tatortnummer weitaus höher ist als die Nummer der TatortAnthologie beim Wahlberliner. Was in etwa bedeutet, dass 15 Jahre zwischen diesen beiden Tatorten liegen. Außerdem sind die beiden Kölner Charakterköpfe noch im Einsatz. Seit nunmehr ebenfalls 15 Jahren. Was ihnen im dritten Dienstjahr widerfuhr, steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Gynäkologe Dr. Muster, der schon lange in die „Schusslinie“ fanatischer Abtreibungsgegner geraten war, wird ermordet aufgefunden. Frau Muster und ihr Sohn Rüdiger sind offenbar überzeugt davon, dass der Täter unter den Mitgliedern des Vereins „Schutz dem Leben“ zu suchen ist.


Die Kommissare tappen im Dunkeln, was sich zu ändern scheint, als Frau Muster einen Selbstmordversuch unternimmt und vorher ein Schuldbekenntnis zu Papier bringt. Aber Max Ballauf hat Grund zu vermuten, dass sie einen anderen decken will. Intuitiv verfolgt er einer Spur.

Rezension

Aber was sollen sie auch tun? Sie sind nunmal etwas älter geworden und irgendwie muss sich das Verhalten ja doch auch daran anpassen. Wir fanden die Darstellung der Schauspieler Klaus J. Behrendt als Max Ballauf und Dietmar Bär als Freddy Schenk in „Licht und Schatten“ super – aber wir geben gerne zu, dass wir sie nicht in jedem ihrer Fälle so aufgeregt sehen möchten und es genießen, wenn die beiden etwas mehr Ruhe ausstrahlen. Hin und wieder geht sowas aber, da können sie sich austoben – und es passt seltsamerweise zum eigentlich sehr ernsten Thema Abtreibung, um das herum „Licht und Schatten“ aufgebaut ist. Obwohl es die Unwahrscheinlichkeit des Plots stark fördert, fanden wir es deshalb auch okay, dass Freddy durch seine erst 15jährige Tochter direkt in dieses Thema involviert wird.

Auch in der Hinsicht ist die Folge 416 noch in einer Zeit modern, in der gerade die Folge 853 erstausgestrahlt wurde („Wegwerfmädchen“). Zum einen werden heute viel mehr Tatortfilme produziert, so dass die Verdoppelung in einem wesentlich kürzeren Zeitraum geschah, als man für die ersten 416 gebraucht hat (13 Jahre gegenüber 29), zum anderen ist sowohl die private Verwicklung der Ermittler aufgrund der Verstrickung ihrer Verwandten oder Freunde ein nun beinahe alltatortliches Szenario geworden, weil die Macher gut erkannt haben, dass dadurch auch die Distanz des Zuschauers zum Geschehen verkürzt wird. Aus diesen Konstruktionen ergeben sich erhebliche Zufälligkeiten bis hin zur beinahe vollständigen Unwahrscheinlichkeit, die den Realismus der frühen Tatort-Jahre in immer weitere Ferne rücken lassen (nebst anderen Veränderungen, die wir hier nicht besprechen).

Über aufgeregte Kommissare haben wir schon gesprochen, und es ist wirklich wahr, die Kölner gehen immer gut mit, in ihren Fällen. Nicht so extrem wie vor allem Freddy Schenk in „Licht und Schatten“, aber wenn nicht so, dann eben übers soziale Thema diskutierend. Das tun sie dieses Mal an einer oder zwei Stellen auch – natürlich pro (Ballauf) und contra (Schenk) Abtreibung. In Köln gibt es aber noch ein anderes Phänomen, das in anderen Städten seltener vorkommt, sich im Grunde aber logisch aus der Aufgeregtheit ergibt: Die Schlafkrankheit. Nirgends sonst sind so viele übermüdete Menschen auf einer Dienststelle anzutreffen wie in der Nähe des Kölner Doms. Dafür gibt es in „Licht und Schatten“ noch keine Wurtsbraterei am Rhein, mit Schenk und Ballauf dort Nahrung aufnehmend als Schlussszene.

Außerdem spielt Anna Loos als Lissy Pütz die Assistentin der beiden, das sollte sich mit deren wachsendem Renommee bald darauf ändern und Teresa Mittelstaedt trat als Franziska Lüttgenjohann an ihre Stelle (in einer Übergangsfolge heißt sie Anja). Die hat nun nach mehr als 12 Jahren aber auch genug und möchte sich verändern.

Veränderung und Konstanz sind Merkmale, welche die Kölner Tatorte gleichermaßen vereinen. Das Personaltableau wechselt nur in den Nebenrollen, die Themen und ihre Abarbeitung sind seit nunmehr 15 Jahren einander ähnlich, aber die Kommissare haben doch einen Reifungsprozess durchgemacht. Optisch hat Ballauf sich stärker verändert als sein gut gebauter Kollege. Das mag man schön finden oder nicht, sie wirken nicht mehr so jungfrisch wie 1997 oder 1999, in dem „Licht und Schatten“ produziert wurde. Dabei hat Max Ballauf schon eine Karriere als Assistent von Kommissar Flemming in Düsseldorf hinter sich und ist somit einer der dienstältesten noch aktiven Ermittler.

Das Thema Abtreibung wird zwar heute nicht mehr mit heißer Nadel gestrickt*, der Kampf um den berüchtigten § 218 ist vorbei – und es kam nicht zu den mutmaßlichen Bombenanschlägen auf Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, wie es Max Ballauf als Befürchtung äußert, aber die Regelung von 1999 mit Beratung und der Möglichkeit, in Deutschland eine Schwangerschaft legal abzubrechen, ist im Wesentlichen die heutige gemäß Gesetz von 1995 mit Beratungspflicht und Fristenlösung, allerdings mit Möglichkeit des Abbruchs bis zur 14 Woche, sofern Abbrüche nicht medizinisch oder kriminologisch intendiert sind. Die Konflikte spielen sich also nur noch selten auf der Ebene legal-illegal ab, sondern auf der des Gewissens, denn weltanschaulich-moralisch und philosophisch ist die Diskussion nicht zu Ende – und der Psyche, wie es „Licht und Schatten“ gut zeigt. Der Titel dürfte darauf anspielen, dass solche Situationen und Menschen, die sich für oder gegen die legale Abtreibung einsetzen, argumentativ und im Film auch als Personen Licht- und Schattenseiten haben.  Insbesondere für junge Mädchen sollen die psychischen Folgen negativ sein, ebenso für Frauen, die schwere innere Kämpfe bis zur Abbruchentscheidung durchstanden – im Ganzen aber weniger negativ als bei der Austragung von ungewollten Kindern. So in etwa auch die Linie des Films bzw. derjenigen Figuren, die für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch eintreten.

Freddy Schenks betroffene Tochter Sonja wird ihr Kind, das sie witzigerweise von einem Jungen namens Freddy erwartet, aber behalten. Freddy Schenk bleibt bis zum Schluss gegen Abtreibung eingestellt und man kann sich denken, dass in vernünftig organisierten Familien wie seiner auch ein Kind, das gerade erst durch die Pubertät ist, Möglichkeiten hat, ein solches Kind aufzuziehen. Dass sie abtreiben wollte, lag ja vor allem der Furcht vor dem Vater zugrunde, der von ihrer Freundschaft zum flippigen Jung-Freddy und schon gar nicht vom Geschlechtsverkehr mit seinen Folgen wissen sollte. Deswegen ist sie im Wesentlichen von zuhause weg und für eine Nacht sogar beim Kollegen Max untergekommen, was Freddy mit einem Ausbruch mehr oder weniger gerechten Zorns quittiert, nachdem er davon erfährt.

Bis auf das Ende mit dem Arztsohn, der u. E. viel zu plötzlich zu einem Berserker wird und am Grab der Freundin von Ballauf so eine unangenehme Mentalität des verwöhnten Jungschens, das sofort austickt, wenn es nicht bekommt, was es will, unterlegt wird und wofür zuvor eigentlich nichts spricht, heißt, der Täter ist ein wenig an den Haaren herbeigezogen und hat auch nicht das stärkste Motiv, ist „Licht und Schatten“ mit Verve gefilmt, auch wenn es kleine Verrutscher gibt. Das Ende ja oft der Schwachpunkt eines Tatortfilms ist, weil Menschen, die vorher nicht als Tatverdächtige im Vordergrund standen, dann doch die Tötungsdelinquenten sind und man fragt sich hin und wieder, ob die Drehbuchschreiber das Publikum ein wenig hopp nehmen wollten. Hier gibt es aber auch noch eine schöne Verfolgungszene und wir erfahren, dass Max Ballauf ein echter Scharfschütze ist. Das ist beruhigend, vor allem in Fällen wie diesem, wo die wilde Hatz auf einem Fabrikgelände endet, bevor z. B. ein SEK mit Spezialisten für die präzise Anwendung von Schusswaffen auf größere Distanz Stelle sein konnte. Weiter vorne im Film gab es unsererseits einen sicher nicht gewollten Lacher, als der dauermüde Freddy zunächs der einzige von drei anwesenden Kriminalern ist, der bemerkt, dass ein Verdächtiger den ermordeten Arzt in einer vom WDR – klar! – zur Verfügung gestellten Video über eine Diskussion pro und contra Abtreibung duzt. Erst nach dem dritten Zurückspulen haben’s die anderen auch begriffen, dass diese Herren sich möglicherweise kennen. Die Szene selbst ist fragwürdig, denn ein von Ballauf so oft als aalglatt apostrophierter Typ wie der heutige Pharmaproduzent und Ex-Kollege des ermordeten Arztes würde sich wohl nicht so billig verplappern – oder doch?

Das Motiv des Pharma-Unternehmers Landdorf, der auch Vorsitzender eines Vereines gegen die Abtreibung ist, ergibt sich zwischenzeitlich nicht aus der ethisch kontroversen Haltung zum ermordeten Dr. Muster, sondern daraus, dass der Kollege Muster den Landdorf einst bei der Ärtzekammer wegen unerlaubter Sterbehilfe angeschwärzt hat. Das war das Ende von deren Freundschaft und natürlich das Ende der gemeinsamen Zeit an einer Klinik, da Landdorf die Approbation verlor. Das ist schon seltsam, wie hier von den Drehbuchschreibern einfach mal liberale und konservative ethische Positionen vertauscht und dadurch die Charaktere ihrer Stringenz beraubt werden. Muster ist also für Abtreibung, aber strikt gegen die Sterbehilfe an einem todkranken Jungen, der ohnehin nur noch wenige desaströse Tage zu leben gehabt hätte – umgekehrt bei Landdorf. Das hätte man anders lösen können und müssen.

Finale

Die Ermittler ermitteln, die Handlung hat aber durch die Einbindung der Tochter von Freddy Schenk eine eigene Dynamik. Dass diese ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als dieser ermordet wird, bei dem Arzt Dr. Muster um Hilfe nachsucht und später von dessen Sohn gekiddnappt wird, ist schon ziemlich außerhalb der Wahrscheinlichkeit, man muss es aber von die Ermittlungen vorantreibenden Zufällen trennen, und da sieht es etwas besser aus, weil Ballauf und Schenk mit ihrer Spurenverfolgung davon unabhängig der Wahrheit näherkommen.

Insgesamt ein emotionsgeladener und schon deshalb spannender Tatort, der für uns mehr Licht als Schatten aufweist. An den direkten Vorgänger, die Folge 411 namens „Kinder der Gewalt“ reicht er allerdings nicht heran und wir vergeben einen Punkt weniger: 7,5/10

*Gerade wegen dieser Aussage und der aktuellen Diskussion um § 219a StGB weisen wir darauf hin, dass die Rezension aus dem Jahr 2012 vorerst aus Zeitgründen unverändert übernommen wird, damit vor der Ausstrahlung des Films am 23.07.2019 gezeigt werden kann.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Anna Muster – Monika Woytowicz
Hans Landdorf – Walter Kreye
Lissy – Anna Loos
Dieter Funke – Christoph Hofrichter
Freddy Junior – Robert Stadlober
Rüdiger Muster – Antonio Wannek
Sonja – Natalie Spinell – Beck

Regie – Wolfgang Panzer
Buch – Wolfgang Panzer
Kamera – Edwin Horak
Schnitt – Claudio di Mauro
Musik – Filippo Trecca

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