Alle anderen (D 2009) #Filmfest 34

Filmfest 34

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftWenn wir nur mit uns wären

Wie asymmetrisch Paare erscheinen, besonders wenn die beiden Hälften einander noch nicht lange kennen, merken sie selbst nicht.

Aber der Zuschauer darf sich daran abarbeiten oder erfreuen, dass er so viele Momente, die Maren Ade in ihrem zweiten Spielfilm „Alle anderen“ zeigt, aus dem eigenen Beziehungsleben kennt und sich meist auch daran erinnern kann, wie die Sache weitergegangen ist – nach dem Ende ohne wirkliches Ende, das „Alle anderen“ anbietet. Über das Ende und den Film vor dem Ende schreiben wir mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der Film erzählt die Geschichte von Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger), einem ungleichen Paar, das sich in abgeschiedener Zweisamkeit durch einen Urlaub kämpft. Wir lernen zwei Menschen kennen, wie sie nur sein können, wenn sie alleine sind: geheime Rituale, Albernheiten, unerfüllte Wünsche und Machtkämpfe. Ausgelöst durch ein scheinbar unwichtiges Ereignis – die Begegnung mit einem anderen Paar – gerät die Beziehung ins Wanken.

Die Anderen sind nicht nur erfolgreicher, sondern verstehen es zudem, eine konventionelle Mann-Frau-Rollenverteilung hinter einer modernen Fassade zu verstecken. Chris beginnt, sich an den anderen zu orientieren, und versucht, seiner eigensinnigen Freundin ihre Grenzen zu zeigen, wodurch Gittis Vertrauen in ihren Freund zutiefst erschüttert wird. Ihr Versuch, sich seinem neuen Wunschbild anzupassen, entwickelt sich vom Spiel mit einer neuen Rolle zu einem stillen Kampf gegen sich selbst. Während Chris in der Rolle des Stärkeren aufblüht und sich Gitti auf neue Weise öffnet, droht sie sich zu verlieren.

Inhaltszusammenfassung aus “TV Movie online”.

Rezension

Wir sehen auch, warum es in Zeiten ausgeprägter Selbstreflexion schwieriger ist als einst, die Kommuniation abzustimmen. Vor allem, wenn jeder in seinem Muster verharrt und nicht bemerkt, dass das Muster des anderen ein anderes ist oder – dass es eben ein Muster ist. Wir kennen Menschen, die sind Kommunikationsprofis, reden auch gerne metasprachlich, können prima analysieren, warum Menschen, obwohl sie Gefühle füreinander haben, nicht so recht wissen, wie einander erschließen sollen – und haben privat die gleichen Probleme.

Als wir den Film 2011 zum ersten Mal gesehen hatten, haben wir uns einer Fremdanalyse bedient, ausnahmsweise. Was wir danach an Beziehungsmissverständnissen gesehen haben, stärkt den Bezug zu „Alle anderen“ allerdings noch einmal und das anfangs schwer Fassbare wird eben doch zunehmend griffig.

Kurioserweise kommt uns das heute wie eine Parallele zur Handlung vor: Wir kapitulierten gewissermaßen vor der Notwendigkeit der Kommunikation mit unseren Lesern. Okay, der Wahlberliner hatte zwischenzeitlich ein anderes Standing im Bereich Schreiben über Film, aber auch da kann man einen Vergleich ziehen: Kommunikation ist Lernsache. Sich aufeinander einlassen ist Lernsache. In gewisser Weise auch Willenssache. Wie groß der Wille ist, hängt stark von der Stärke der Gefühle ab und von ihrer Echtheit.

Es geht vielleicht am besten ganz jung und dann wieder mit sehr viel Erfahrung, aber so um Mitt 30, dort, wo wir das Filmpaar Chris und Gitti verorten, da ist es für die heutige Generation schwierig, weil die Selbstfindung in dem Kokon, in dem die meisten aufwachsen, so sehr verspätet stattfindet und weil man ja auch die Zeit hat, sich zu finden und sich ausgiebig selbst zu betrachten. So kontemplativ mit dem Leben umzugehen, wie es Chris (Lars Eidinger) und Gitti (Birgit Minichmayr) im Film tun, das war früher nicht möglich. Und es stimmt so vieles, was wir hier sehen. Man kann auch sagen, unsere Beobachtungen bestätigen es. Wir  wohnen wir in einem Viertel, in dem Menschen wie der Archtiekt Chris anzutreffen sind. Allerdings ähneln die Frauen den Männern, mit denen sie zusammen sind, etwas mehr.

Wir können Gittis vielfältige Versuche, den Beziehungsladen schön auszustatten, sehr gut nachvollziehen. Die extrovertierte Marketing-Frontfrau von Universal Music und der feinfühlige Künstler und Eigenbrötler, dazwischen liegen Welten und es gibt grandiose Szenen, die das demonstrieren.

Szenenanalyse

Gleich zu Anfang wendet sich Chris dem Babysitten zu, während Gitti sich mit der etwa fünfjährigen Schwester des Kleinkindes einen Showdown liefert. Chris fühlt sich ein und braucht keine eindeutigen Worte, Gitti zwingt das Mädchen dazu, seine Gefühle vollständig auszudrücken und welche Konsequenzen sie haben – sie spielt mit der Kleinen „Erschießen“ und lässt sich in den Pool fallen.

Die symbolische Bergtour ist der noch wichtigere Handlungsabschnitt. Wir sehen eine Frau, die auch das Unvernünftige tut, um sich dem Mann anzunähern und wir sehen einen Mann auf der Flucht. Dass er ihr entkommen könnte, wenn er wollte, ist offensichtlich, und dabei geht er innerlich auf Distanz und kommt aus der Ecke nicht mehr heraus.

Die schönsten Momente sind vielleicht jene, als Gitti nicht mehr nachkommt, man sieht, wie er absichtlich so schnell geht, dass sie es nicht mehr schafft. Da demonstriert die Filmemacherin, dass er sich nicht einlassen kann und sie bei aller Anstrenung, wie der Kreation eines schönen Picknicksauf einer Bergwanderung, nicht an ihn herankommt. Als er ihr sagt „Ich werd mich aber hier nicht betrinken“, als sie die schwere Champagnerflasche auspackt, das ist göttlich. Allerding würden so wohl die wenigsten Männer reagieren, auch nicht die aus akademischem Milieu, es sei denn, es war vorher klar, dass sie konsequent überhaupt keinen Alkohol trinken.

Der Gipfel im wörtlichen Sinn ist die Einstellung, in der Chris in die Höhle kriecht, während er, wiederum absichtlich, einen anderen Weg nimmt als Gitti und das aus ihrer Perspektive, aus einiger Entfernung, gezeigt wird. Wir deuten den Moment einmal nicht sexuell, sondern so, dass der im Leben und von Gitti immer wieder herausgeforderte Chris am liebsten in den Mutterbauch zurück würde, wo es warm und gemütlich ist und man sich nicht stellen muss.

Richtig aggressiv wird Gitti beim zweiten Treffen mit Hans und Sana, weil sie sich gedemütigt fühlt durch deren Umgang miteinander und die Selbstverständlichkeit einer offenbar schon länger andauernden Beziehung – sie expediert das Paar heraus, indem sie Sana unter vier Augen mit einem Messer bedroht und ihr nahelegt, innerhalb von wenigen Minuten unter Anwendung einer Entschuldigung zu verschwinden. Es kommt nur deshalb nicht zum Eklat, weil Sana zu sehr easy going ist, um die Sache an die große Glocke zu hängen.

Wer weiß, wie es gelaufen wäre, hätten Chris und Gitti nur sich selbst in diesem Urlaub gehabt, der im italienischen Ferienhaus von Chris‘ Eltern stattfindet. Aber so, wie die Dinge liegen, werden sie immer wieder aus ihrer Findung herausgerissen und konfrontiert mit anderen Menschen und deren Art der Interaktion. Menschen vor allem wie Chris‘ Studienfreund Hans, der pragmatischer erscheint und erfolgsorientierter oder seine Freundin Sana, eine unkomplizierte und freundliche Modedesignerin – ein im Grunde ähnliches Paar, bei dem die Rollen aber längst verteilt sind und das viel harmonischer ist, als es wirkt, weil die beiden sich ergänzen und Hans den Raum bekommt, den er braucht, um sein nicht nur optisch dominantes Wesen wirken zu lassen. Außerdem bekommt Sana ein Kind und damit ist das Paar auch ein Symbol für „weit voraus“, obwohl oder gerade weil Chris und Gitti nicht wirken, als seien sie sicher, ob sie dort überhaupt hinwollen, wo Hans und Sana sind.

Lebensprinzipien überbewertet

Chris besteht immer wieder auf seiner künstlerischen Unabhängigkeit und stellt sie über alle wirtschaftlichen Interessen. Gitti unterstützt das bis zu einem gewissen Punkt, obwohl man merkt, dass sie selbst vermutlich nicht diesen idealistischen Anspruch an sich hat, kompromisslos im als wahr und gut Erkannten zu sein.

Das wäre an sich nicht schlimm, denn Gitti verdient im Musikbusiness sicher nicht so schlecht, vielleicht auch besser als derjenige, der ihr sagt, sie soll sich keine falschen Vorstellungen über seine Erfolgsmöglichkeiten machen. Aber Chris ist auch verschlossen. Einerseits verspielt, wie sich an dem Ingwer-Phallus zeigt, andererseits nicht offen für die Spiele, die Gitti gerne mit ihm spielen würde, um ihn aufzubrechen. Dieses Ringen um eine Verständigungsbasis, das vor allem von Gitti als dem offensiveren Teil ausgeht, ist sehr spannend anzusehen und wir wissen auch, warum wir das so empfinden.

Dialogfilme, in denen wenig passiert und in denen komplexe Figuren entblättert werden, mögen wir, weil wir in ihnen mehr als in handlungsorientierten Werken der eigenen Welt nachspüren können. Typen sind immer exemplarischer als Situationen. Jeder Persönlichkeitstyp spiegelt sich in den anderen Charakteren im Film und in uns selbst. Die Anteile sind unterschiedlich, aber die Darlegung von inneren Verfassungen und echten und falschen Prinzipien und Anschauungen ist sehr dicht am wirklichen Leben – es ist nicht das Leben selbst, sondern eine Verdichtung, selbst in einem Film, der scheinbar so im Alltäglichen verweilt wie „Alle anderen“.

Die beiden Schauspieler sind für ihre Rollen wunderbar ausgesucht worden. Lars Eidinger haben wir mittlerweile ja auch in Tatorten und in „Was bleibt“, in „Babylon Berlin“ und vielen anderen Filmen kennen und schätzen gelernt, er gilt als einer der vielseitigsten deutschsprachigen Darsteller seiner Altersklasse. Wir haben gesehen, wie er kryptischen, hintergründigen Charakteren Statur verleihen kann. So wie Chris: Seine Züge, seine Mimik, seine Art zu gehen und zu reden, sogar sein Körperbau stellen uns einen Akademiker vor mit künstlerischem Anspruch, weit mehr als einen Künstler, der aus sich herausgehen kann. Birgit Minichmayers Gitti ist im Grunde für ihn zu burschikos, zu sehr ein Spontanmensch, der immer für Überraschungen gut ist und der nicht diese Mischung aus Ratio und introvertierter Kreativität hat wie ihr Freund, der nebenbei beweist, dass die Akademisierung der Kunst Zwitter hervorbringt.

Er wirkt breiter veranlagt, sie hat mehr emotionale Kraft, er ist allen gegenüber distanziert, sie kann sich einbringen – bis hin zum Eklat, wie das erste Treffen mit Hans beweist, als sie Chris verteidigen will und sich dabei blamiert. Und sie ist es auch, die versucht, sich mit Chris zusammen abzuschotten, um ihn nicht zu verlieren und sich selbst und ihre Gefühle nicht zu verlieren, denn sie spürt natürlich, wie fragil die Beziehung zu Chris ist.

Vergleichen kann tödlich sein

Der Vergleich mit allen anderen, und deshalb heißt der Film auch so, kann nur zu Problemen führen. Vor allem, wenn die anderen, die man im Urlaub so trifft, der falsche Maßstab sind. Sie sind mehr angekommen sind und erwecken Neidgefühle, verstärken die eigene Unsicherheit. Wenn Hans am Pool sagt, er sei auf diese Arbeitsumgebung neidisch, denk Chris daran, dass diese Umgebung nur geborgt ist. Auch der Generationenkonflikt spielt unterschwellig eine Rolle: Chris soll das Haus seines Vaters umbauen, ein Anwesen in Italien, wie Chris es sich vermutlich nie selbst leisten könnte. Alles in dem Haus ist fremd nicht nur für Gitti, sondern spiegelt auch nicht die künstlerische Welt, die Chris sich erschaffen möchte. Ob es unter diesen Umständen besser ist, im sonnigen Italien zu arbeiten als in einem kleinen Büro in Berlin, weit weg von denen, die schon gezeigt haben, wie erfolgreich sie sind, ist alles andere als ausgemacht.

Gitti reflektiert alles, was sie wahrnimmt, auf ihre Weise: Sie macht sich selbst klein und ist nicht zufrieden mit ihrer Darstellung, ihrer Rolle. Letzteres kann man auch von Chris sagen, aber er beherrscht die Codes, die es ihm ermöglichen, trotzdem gepflegten Smalltalk halten und einen Kollegen aushalten zu können, der seinen Weg geht, anstatt sich Entscheidungen zu entziehen. Auch er ist seiner Sache nicht sicher, fragt Gitti, wie er als Mann rüberkommt – aber selbstreflexiv wird er nur, wenn die beiden alleine sind. Männlichkeit nur zu hinterfragen, wenn keine weiteren Männer anwesend sind, ist eben auch typisch männlich.

Im besten Sinn wirkt der Film in der Machart ein wenig französisch. Dialoge über die Liebe, die Beziehungen, die Ziele, die Ansichten, das über zwei Stunden zu ziehen, das haben wir oft gesehen. Vor einiger Zeit hatten wir uns ein wenig mit älteren Filmen von Eric Rohmer befasst und die Ähnlichkeiten sind deutlich wahrnehmbar. An schönen Orten, teilweise sinnbildlichen Settings entwickeln sich die Beziehungen zwischen wenigen Personen, die beinahe zufällig angeordnet wirken, hin zu einer einzigen Situation, die alles entscheidet.

In „Alle anderen“ ist das der Moment, in dem Gitti sich tot stellt und Chris, dem sie zuvor gesagt hat, sie liebt ihn nicht mehr, noch einmal herausfordert. Und er löst sich ja auch, er kann weinen, er kann schreien und er gibt ihr einen – wie soll man es nennen – Lippenpups auf den Bauch? Da werden auch wieder persönliche Erinnerungen wach, aber die Frau, die das bei uns gemacht hat und dabei ziemlich jugendlich wirkte, war nicht wie Gitti und wir unterscheiden uns in einigen Punkten von Chris.

Der Fluchtreflex, das leblos sein Vortäuschen, das sind alles nonverbale, starke Kommunikationselemente, sind auch Hilferufe, und wir sind uns nicht sicher, ob für Chris und Gitty die Sache gelaufen ist. Denn da ist doch etwas, auf dem man aufbauen könnte, eine Annäherung und vor allem scheint eine Öffnung von Chris hin zu Gitti  denkbar. Wir deuten die Szene, in der sie auf dem Tisch liegt, während er zuvor manchmal ganz schön barsch mit ihr umgeht, nicht als eine Art Abschied mit großem Bedauern, sondern als möglicherweise entscheidende Veränderung im Umgang. Vielleicht stimmt das aber auch alles nicht und das Sich-tot-Stellen ist erst der Moment, in dem unweigerlich die Gefühle sterben und das Weinen von Chris geschieht nicht, weil er Gitti  wirklich für tot hält, sondern, weil er das Gefühl hat, er findet keinen Zugang zu der Beziehung. Oder zu sich selbst. In letzterem Fall wäre es freilich Selbstmitleid.

Finale

„Alle anderen“ ist ein wirklich gut gemachter Beziehungsfilm, der mehrere Stile miteinander verknüpft. Dem  französischen Kino huldigt er übrigens auch, indem Leute in den Swimmingpool eines hübschen Ferienhauses geworfen werden, indem es ein Paar ohne Kinder gibt, das Platzhalter für die wirklichen Besitzer des Hauses ist. Es kommt aber nicht zu Todesfällen.

„Interessant, dass Regisseurin Maren Ade nach diesem Film, der in Berlin den Großen Preis der Jury bekam und einen US-Metascore von immerhin 71/100 aufweist, keinen weiteren Spielfilm inszeniert hat, sondern als Produzentin tätig geworden ist. Hoffentlich liegt’s nicht daran, dass sie ähnlich tickt wie Chris, der Architekt ohne Kompromissfähigkeit“, schrieben wir anlässlich der ersten Überarbeitung der Rezension im Jahr 2014. Mittlerweile hat sie den hochgepriesenen Tochter-Vater-Beziehungsfilm „Toni Erdmann“ gedreht (2016).

76/100

© 2019, 2017, 2014, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Maren Ade
Drehbuch Maren Ade
Produktion Janine Jackowski,
Dirk Engelhardt,
Maren Ade
Kamera Bernhard Keller
Schnitt Heike Parplies

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