Das reiche Land – Dichtung und Wahrheit (1): Gini-Koeffizient und Medianvermögen / #Median #GiniIndex #Gini #Ungleichland #Ungleichheit #Vemögen #Deutschland #Steuern #CumEx

Die Ungleichheit der Vermögen in Deutschland ist eine der höchsten in den entwickelten Industrieländern. Die Exportstärke des Landes bringt den Menschen immer weniger Wohlstand ein. Vor allem große,  hochkapitalistische und oligarchisch strukturierte Länder wie die USA, China und Russland weisen noch mehr Vermögensungleichheit auf.

Wir werden zur Ungleichheit in den nächsten Tagen mehrere Beiträge veröffentlichen und beginnen heute mit der Besprechung eines Artikels im Focus, der im Juni 2019 erschienen ist und schauen uns die eine oder andere zusätzliche Quelle an.

  • Die Gini-Koffeziente / Vermögen (nicht Einkommen) wichtiger Länder, die höchsten Werte weisen auf die am meisten ungleiche Vermögensverteilung hin https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Verm%C3%B6gensverteilung, die Zeichen hinter den Kommata besagen die Tendenz  (++ Ungleichheit nimmt stark zu, + = nimmt zu, o = etwa gleichbleibend, – = abnehmen, — = stark abnehmend, Vergleich 2000 und 2016)
  • Russland 92,3, ++
  • Indien 87,6, ++
  • USA 86,3, +
  • Türkei 83,2, ++
  • Schweden 83,2, ++
  • Deutschland 78,9, ++
  • Österreich 78,5 (Tendenz nicht ausgewiesen)
  • Niederlande 74,3, +
  • Großbritannien 73,2, +
  • Schweiz 72,1, —
  • Frankreich 72,0, o
  • Japan 63,1, ++
  • In 22 von derzeit noch 28 EU-Staaten ist die Ungleichheit geringer als in Deutschland
  • Der Welt-Gini-Index beträgt 92,7 Prozent und liegt damit höher als in jedem wichtigen Einzelstaat.

Der Fokus weist darauf hin, dass sich die Menschen in Deutschland besser stehen würden, würden die Ansprüche mitberechnet, die aus schon eingezahlten Rentenbeiträgen erwachsen und folgt dem IW, dem arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft bei der Argumentation, dass sich, würde man dieser einbeziehen, der Gini-Koeffizient von 0,79 auf 0,59 vermindern würde. Es wird aber auch erwähnt, dass der Index sich bei anderen Ländern dann ebenfalls nach unten bewegen würde. Das deutsche Rentensystem soll außerdem eines der leistungsfähigsten der Welt sein.

Wir wissen, dass die deutschen gesetzlichen Renten, bezogen aufs letzte Nettoeinkommen, mit die niedrigsten in Europa sind. Das bedeutet nichts anderes, als dass sich der Gini-Index in anderen Ländern noch mehr nach unten bewegen würde, würde man die dortigen Rentenansprüche ebenfalls einbeziehen. Die Frage ist sowieso, ob man künftige Ansprüche als aktuelles Vermögen deklarieren kann, denn niemand kann sich gesetzliche Rentenansprüche vorzeitig ausbezahlen lassen, um beispielsweise ein Haus zu erwerben. Geld, das man nicht nach Anforderung verschieben kann, sollte man als das bezeichnen, was es ist: Eine Anwartschaft und vor allem eine Wette auf die Zukunft.

„Das Gute: Die Vermögensverteilung in einem Land wandert zwar naturgemäß Richtung 1, weil unser Wirtschaftssystem darauf ausgelegt ist, reiche Menschen stärker zu belohnen als arme (damit es einen Anreiz gibt, reich zu werden), sie lässt sich aber politisch beeinflussen.“

Der FOCUS ist da ganz pragmatisch, auch in der Tonlage, wie man oben lesen kann. Er empfiehlt folgendes:

  • Nicht in erster Linie die Einkommensteuersätze anheben, sondern Vermögen stärker besteuern, denn die wirklich Reichen leben vor allem von ihren (meist ererbten) Vermögen. Unter den zehn reichsten Deutschen ist derzeit nur ein Selfmade-Milliardär: SAP-Mitgründer Hasso Plattner.
  • Steuergerechtigkeit herstellen und Kapitaleinkünfte (mindestens) so besteuern wie Arbeitseinkommen, der Pauschalsatz von 25 Prozent ist zu niedrig. Diese Form von Steuergerechtigkeit fordern übrigens auch viele Fachleute.

Der FOCUS wäre nicht der FOCUS, wenn er nicht auch was Tröstliches für diejenigen hätte, die jeden Tag schuften und nie reich werden:

So unfair und ungerecht uns die Verteilung des Geldes auf der Welt heute auch erscheinen mag, historisch gesehen leben wir in der fairsten Zeit unserer Geschichte. Noch vor 100 Jahren war der Unterschied zwischen den Reichsten und den Ärmsten der Gesellschaft in Europa deutlich krasser als heute. So hat sich etwa in Deutschland der Anteil der reichsten Prozents am gesamten Vermögen des Landes von 22 Prozent im Jahr 1920 auf etwas mehr als zehn Prozent im Jahr 2010 mehr als halbiert. Derselbe Trend zeigt sich etwa auch in Frankreich, Japan, Schweden, Dänemark und den Niederlanden. Anders sieht es in den USA und Großbritannien aus. Hier fiel der Reichtum des obersten Prozent nur bis etwa 1970 und hat mittlerweile wieder fast die Werte von vor 100 Jahren erreicht.

Man kann mit dem Mittelalter vergleichen, als ein paar Adeligen so gut wie alles gehörte, auch die meisten übrigen Menschen. Dann wirken die heutigen Zeiten extrem fair. Aber der Vergleich mit 1919, als die meisten Menschen in Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kaum etwas zu beißen hatten, die Hyperinflation bevorstand und weitere Kleinvermögen vernichtete, ist, vorsichtig geschrieben, etwas ungünstig gewählt. Der Vergleich kann im Grunde nur auf die 1970er gehen, als das identitätsstiftende Nachkriegs-Motto „Wohlstand für alle“ seine bisher maximale reale Ausprägung erfuhr. Von dort aus tendiert es rapide abwärts mit der Gleichheit. Selbst im Jahr 2000, als der neoliberale Marsch schon längst begonnen hatte, war die Vermögensverteilung wesentlich gleicher als jetzt. Seitdem haben Gerhard Schröders Niedriglohnsektor, Hartz IV und andere Vermögensvernichtungsmaßnahmen ihr Werk getan – parallel dazu sind die Kapitaleinkünfte wesentlich stärker gestiegen als die Durchschnittslöhne und –gehälter derer, die noch in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen Beschäftigung finden.

Auch die Wirtschaft sollte diese Verarmungstendenz der Mehrheit nicht unterschätzen, denn sie bremst das Wachstum. Besonders die Mieten, die sehr viel schneller steigen als die Einkommen, entziehen dem Konsum immer weitere Prozente vom Netto. Freilich sind weite Teile der Wirtschaft, auf die in Deutschland so viel Wert gelegt wird, der produzierenden und verarbeitenden Industrie, längst nicht mehr vom  heimischen Markt abhängig und lassen auch das Meiste schon in Billiglohnländern produzieren – oder „vor Ort“, wo die großen Absatzmärkte sind.

Dass die USA hingegen fast wieder Verhältnisse haben wie vor 100 Jahren – natürlich. Im Wege des New Deal und für die Bezahlung der Schulden des Zweiten Weltkriegs wurden auch die Reichen stark herangezogen. Allein die sehr hohen Einkommensteuer-Spitzensätze der 1950er von bis zu 90 Prozent verhinderten, dass die Vermögen sich gegen unendlich bewegen konnten und es herrschte damals ein Konsens darüber, dass dies auch in Ordnung ist; dass diejenigen, die vom Krieg profitieren, auch etwas zurückgeben müssen – obwohl der Zweite Weltkrieg bis heute als der moralisch am besten gerechtfertigte gilt, den die USA je geführt haben. Von solchem Gemeinsinn sind wir heute weit entfernt, nicht nur in den Vereinigten Staaten.

Das Durchschnittsvermögen pro Person in Deutschland liegt zwar bei über 200.000 Euro (wie groß sind durchschnittliche Vermögen?), nicht aber das Medianvermögen, das nicht einmal 45.000 Euro beträgt (wer ist reicher und wer ist ärmer?).

Nicht nur das. Das Medianvermögen in Deutschland sinkt sogar nominal, inklusive der Umrechnung von Euro in US-Dollar, um mehr als 15 Prozent, abzüglich der Inflation innerhalb eines Jahrzehnts sogar um mehr als 20 Prozent.

Zum Vergleich die Medianeinkommen einiger vergleichbarer Länder (2017)

  • Schweiz: 230.000 US-Dollar
  • Belgien: 162.000 US-Dollar
  • Italien: 124.000 US-Dollar
  • Frankreich: 120.000 US-Dollar
  • Vereinigtes Königreich: 102.000 US-Dollar
  • Spanien: 64.000 US-Dollar
  • Österreich: 57.000 US-Dollar
  • USA: 55.000 US-Dollar
  • Griechenland: 54.500 US-Dollar
  • Schweden: 45.000 US-Dollar
  • Portugal 38.000 US-Dollar
  • Von der alten West-Süd-EG bis 1990 liegt nur Portugal signifikant niedriger als Deutschland, die übrigen EU-Staaten mit geringeren Medianeinkommen (aber auch mit geringerer Vermögensungleichheit) sind osteuropäische Konversionsstaaten.
  • Die angeblich so armen südlichen EU-Länder ex Portugal weisen alle höhere, teils erheblich höhere Medianvermögen auf als Deutschland.
  • Eine durchschnittliche Person in Frankreich besitzt 2,5 mal mehr Vermögen als in Deutschland.
  • Das Welt-Medianvermögen beträgt 3.852 US-Dollar.

Wer angesichts dieser Daten von einem reichen Land spricht, der hat vor allem im Blick, dass es den Superreichen gutgeht. Deutschland ist außerdem eine Freude für Schwazgeldanleger und Steuervermeider. Der CumEx-Skandal wurde zwar mit gigantischem medialem Tamtam aufgedeckt, aber die realen Folgen für die Steuertrickser sind minimal und so langsam immer mehr stellt sich heraus, dass Journalisten, die etwas aufdecken, was dann erwartungsgemäß nicht zu ernsthaften Konsequenzen führt, sehr gut wissen, dass sie zwar zur Erosion der Demokratie beitragen, aber nichts für eine mehr Gerechtigkeit herstellende Zähmung des Kapitalismus tun.

Wir halte also heute erst einmal fest: Deutschland ist eines der ärmsten Länder in der EU, wenn es um den tatsächlichen Wohlstand seiner Bevölkerung geht. Es ist schön, dass es einige Multimilliardäre mehr gibt als ein einigen andern Ländern, aber die Mehrheit hat davon nichts. Vermögen an der Quelle seines Entstehens endlich wieder zu besteuern, wäre eine der ersten Maßnahmen, die dringend geboten sind, auch um die einsetzende Rezession in Deutschland zu bremsen. Eine weitere Maßnahme, wenn es schon, wie bisher, politisch nicht durchsetzbar ist, sich mit den Reichen anzulegen, ist die Deckelung wichtiger Verbraucherpreise. Wenn es nicht von oben Gerechtigkeit gibt, dann eben von unten, vor allem bei den Mieten.  

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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