Babylon Berlin – Die Serie, Folge 12 / Crimetime 300/12 // #Babylon #Berlin #BabylonBerlin #Crimetime #ARD #Sky

daCrimetime 300/12- Titelfoto und weitere Bilder: ARD Degeto / X-Filme / Beta Film / Sky Deutschland / Frédéric Batier

Kurzfassung

Rath ist erleichtert, nach seinem riskanten Flug wieder festen Boden unter den Beinen zu haben. Seine Freude währt jedoch nicht lange, als er vom Mord an einem Kollegen erfährt. Charlotte macht sich deswegen Vorwürfe und auf der Suche nach dem Täter erhärtet sich ein anfänglicher Verdacht. (ARD-Text)

Hier geht’s zurück zu Folge 11 (Crimetime 300/11).

Titelbild: Weil fast jedes Mal im Abspann „Zu Asche, zu Staub“ erklingt, widmen wir diesem Lied heute das Aufmacherfoto.

Die zwölfte Folge, die vierte der zweiten Staffel von „Babylon Berlin“, start mit Moritz, dem Sohn von Helga, wie wer auf einem Industriegelände spielt. Dieses Areal kommt uns bekannt vor. Weniger bekannt war bisher, dass Moritz Kakerlakensammler ist. Überraschend findet er ein Pärchen beim Sex vor und lässt von der Höhe eines Industriebauteils herab die gesammelten Tiere auf die beiden fallen. Psychologisch ist Moritz trotz seiner Jugend schon ein recht interessanter Fall, vielleicht hat sein Verhalten mit der Unsicherheit über die eigene Identität zu tun und damit, dass kein Vater da ist, wohl aber ein bislang heimlicher Liebhaber der Mutter.

Der männliche Teil des Paares rennt jedenfalls hinter Moritz her und dieser flüchtet in die Tiefen der Anlage hinein – und wen oder was findet er da? Stefan Jänicke. Tot. Damit stirbt in Folge zwölf erstmals eine Person, um die wir als Zuschauer trauern können, weil sie uns sympathisch war.

Anders vielleicht, wenn man Trotzkist ist und es sehr bedauert, dass die Berliner Zelle vernichtet wurde oder Kommunist ist und den Tod von 33 Arbeiter*innen am Blutmaitag furchtbar findet. Aber es ist eben doch mehr abstrakt, weil keine der bei diesen Ereignissen getöteten Personen vorher als Individuum hervorgetreten ist. 

Passenderweise Szenenwechsel in die Wohnung der Jänickes, wo Charlotte noch zugange ist. Die Eltern unterhalten sich in Gebärdensprache – die Mutter findet Charlotte sehr nett und meint, sie könne doch bleiben, sie wäre richtig für den Jungen, könnte ihn etwas auf Trab bringen. Der Vater ist skeptischer. Beide hören die Polizei nicht, als sie klingelt. Doch die Todesnachricht ist unvermeidlich.

Bei der Polizei wird das gewaltsam verursachte Ablegen des jungen Kollegen ebenfalls alsbald bekannt. Und es heißt, er sei wohl mit derselben Waffe erschossen worden wie der Priester, der heilige Joseph. Das kann Rath natürlich nicht glauben und es kann ihm auch nicht gefallen. Gerade sein Trick, das Projektil auszustauschen, mit welchem der Priester erschossen wurde, kann jetzt erhebliche Probleme verursachen. 

Dieser unangenehme Ermittler namens Böhme kreist Rath bereit sein. Er resümiert, das der Priester zuletzt von Rath gesehen wurde und verschwand und der Jänicke auf dem Weg zu Rath gewesen sei, als er getötet wurde. Es ist der berühmte Ernst Gennat, der Böhme anhält, sich zurückzunehmen. Rath ist dann bei August Benda und erfährt, dass Jänicke als Maulwurf für diesen gearbeitet hat. Bisher wusste Rath das also gar nicht, halten wir an dieser Stelle fest. Benda ließ also seine Informanten und diejenigen, denen er vertraute, einzeln arbeiten, was durchaus nachvollziehbar ist, angesichts der allgemein in dieser Serie zu beobachtenden Tendenz, dass Leute zu viel ausplaudern. Täten sie das aber nicht und man müsste mühsam alles ermitteln, käme es vermutlich zu Szenen wie in „French Connection“, wo Menschen Szene um Szene in Autos sitzen und andere Menschen beobachten, die in Autos einsteigen, Auto fahren, wieder aussteigen – bis der Zuschauer einschläft.

Jänicke sollte für Benda also etwas über die Aktion Prangertag herausfinden. Sehr interessant, was man dem jungen Assistenten, der noch nicht in die Seilschaften integriert ist, alles zutraut. Aber er kann bzw. konnte Lippen lesen, wie wir wissen und war aus diesem Grund gar nicht darauf angewiesen, dass ihm jemand etwas erzählt. Wir erinnern uns auch, dass Jänicke vor seinem jähen Tod Benda erreichen wollte, 

2019-07-31 Babylon Berlin Folge 12 002 Beinahe ein Kuss
Zwei Beinahe-Liebende: Charlotte und Gereon.

Charlotte ist untröstlich und gibt sich die Schuld an Stefans Tod. Sie meint, Stefan sei doch quasi ihretwegen bei der Mordkommission gewesen, Rath meint, es sei umgekehrt – und beinahe kommt es zu einem Kuss. Auch ein Trostkuss ist doch ein richtiger Kuss, wenn es ein richtiger Kuss ist. Aber so schnell geht das nun nicht und Rath muss doch auch an Helga denken. 

Es hilft nichts, Rath muss an Jänickes Schreibtisch heran und ihn ausräumen. Jänickes rotes Notizbuch findet sich dabei aber nicht. Wieso auch?, das wird er bei sich gehabt haben und es hat wohl auch seinen Tod besiegelt. Rath lässt Charlotte daran teilhaben, dass Jänicke für Benda gearbeitet hat und wieder haben wir das Gefühl, alle reden etwas zu viel. Schließlich hat sie ihn schon einmal an Wolter verraten, was die Ampullen betrifft. Und gerade Wolter ist es doch, den Jänicke beobachtete. Wir halten an dieser Stelle auch fest, dass Wolter, als er Jänickes ansichtig wurde, in jener Cafészene, sehr wohl ein Licht aufging und er daraufhin gehandelt haben könnte. Rath begibt sich nun selbst  zum Tatort und erlebt die Szene, die wir schon kennen, quasi nach – und ist das nicht doch Wolter, da oben auf der Treppe, mit der Waffe in der Hand? Das Bild wird klar und was wir als Zuschauer sowieso längst ahnen, bestätigt sich. Es bestätigt sich für Rath aber nur als Vision, denn den Beweis kann er nicht führen. 

Trotzdem bleibt die Erkenntnis nicht ohne Folgen. Rath holt Helga und Moritz aus Wolters Wohnung und bringt sie in einem Hotel unter. Das finden wir jetzt ein bisschen übereilt und auch mal wieder nicht sehr schlau, denn durch diese Maßnahme wird Wolter doch schon wieder gewarnt. Jetzt ist man also anonymer. Ob der Umzug in die Herberge auch symbolisch gemeint ist, als eine Art Beziehungsrückschritt einerseits oder als die Möglichkeit, ungezwungener zu sein in der Großstadtunerkanntheit? Wir haben es beim Anschauen zunächst als Entprivatisierung empfunden, nicht als Befreiung.

An diese Szene schließt eine an, die ebenfalls davon kündet, wie geschützte Räume verletzt werden. Greta lässt Fritz ins Haus von Benda. Diese Szene hat uns stark getriggert, wir können’s nicht ändern. Vielleicht, weil uns die Unverletzlichkeit der eigenen vier Wände ein hohes Gut ist und dass diejenigen, denen wir dieses Gut anvertrauen, nicht Fremde einfach reinlassen. Fritz schaut sich um und schaut sich das Arbeitszimmer „des Alten“ etwas genauer an, wie Greta ihren Arbeitgeber zu allem Überfluss auch noch nennt.

Aus der Klassenperspektive ist diese Handlungsschiene besonders tricky. Benda ist ein Vertreter des Establishments und will gleichzeitig ernsthaft die Demokratie vor ihren Feinden schützen – da halten wir letztlich zu ihm, auch wenn wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen, wie Fritz tatsächlich tickt. Es wird noch nicht konkret, worauf es hinausläuft, aber Leser*innen, die alle Teile unserer Rezension kennen, werden es bereits ahnen. Es ist sehr geschickt von Fritz, das Revier des Feindes zu markieren, indem er in dessen Allerheiligstes eindringt und damit Greta auch die Ehrfurcht vor diesem Ort nimmt. 

Gereon berichtet Helga davon, dass er mit dem Flugzeug über Russland war und sie stehen am Fenster des Hotels und sie sagt, alles klingt so anders in Berlin, als zuhause. Und redet über abgebrochene Zelte und fragt Gereon, ob man nun neue anfangen wolle, in der Hauptstadt und reflektiert die hübschen Namen der Berliner Bezirke. Nun ja, weil sie sich Schöneberg als Beispiel aussucht und nicht etwa irgendwas, was mit „ick“ oder „off“ endet, sind wir damit sehr einverstanden.

2019-07-31 Babylon Berlin Folge 12 001 Charlotte auf nächtlicher Erkundungstour
Zwei, die zusammengehören: Charlotte und die nächtliche Stadt.

Es bleibt beim Dunkel über der Stadt. Charlotte kann nun nicht mehr bei Stefan übernachten, geht zwangsläufig in Richtung Miljöh zurück, aber will zu diesem Typ, den sie beim Tanzen im Moka Efti kennengelernt hat und den sie im Ruderclub wiedersah. Aber bei dem in der Wohnung und im Bett geht es ziemlich turbulent zu und sie flüchtet ins Kino. Schaut sich „Menschen am Sonntag“ an. Noch einmal. Wir haben schon darüber berichtet, dass der Film im Frühjahr 1929 noch nicht in den Kinos war, aber manchmal muss etwas passend gemacht werden, damit die Meilensteine der damaligen Populärkultur irgendwie in der Handlung verbaut werden können. 

Es kommt zu keinem Ende mit den bemerkenswerten oder auch merkwürdigen Momenten. Wolter und die vermutlich wieder sehr übernächtigte Charlotte sitzen bei Aschinger und sie erzählt ihm ein wenig über ihre Mutter, für die er ja immerhin ein würdiges Begräbnis organisiert hat. Und dann fragt sie ihn tatsächlich ganz offen, ob er denn vielleicht Stefan umgebracht habe. Wolter reagiert so abgezockt, wie man es von ihm erwartet und bekommt beinahe Kulleraugen, als er schwört, nienicht habe er das getan.

Das Verhalten Charlottes, das auf den ersten Blick ziemlich intelligenzbefreit wirkt, kann man sich aber doch erschließen: Wolter hat ja so eine Aura, dass er zwar zwielichtig, aber auch ein Kümmerer ist und Charlotte ist dermaßen emotional daneben, wegen Stefans Tod, dem Tod der Mutter, der Heimatlosigkeit, der Übermüdung, dass sie nicht mehr groß nachdenkt, sondern einfach nur das bestätigt haben will, was sie sich wünscht. Den Gefallen tut Wolter ihr natürlich, der das möglicherweise auch gut erkennt und weiß, dass ihm von der Seite erst einmal keine Gefahr droht – er schwört sogar.

Außerdem, wir haben das haben wir an passender Stelle festgehalten, verbindet die beiden einiges: Sie war ihm sexuell zu Diensten, um ihr für den Polizeidienst geeignetes Führungszeugnis zu bekommen, er hat sie also auch in der Hand, ebenso wie sie ihn, mit dieser Gefälligkeit – und es würde beiden schaden, wenn sie ihn offen anginge. Insofern fällt sie als Investigativmotor bezüglich Wolter aus, wenn sie nicht den Job bereits aufgeben will, auf den sie doch mit so viel Energie hinarbeitet, bevor sie ihn überhaupt erobert hat.

Rath begibt sich heimlich zurück in Wolters Wohnung und versucht, in dessen Schreibtisch Jänickes Notizbuch zu finden. Wolters Frau ist anwesend und Rath muss vorsichtig sein, sie bemerkt ihn aber erst einmal nicht. Der Kommissar aus Köln wird tatsächlich fündig. Es ist die mittlere Lade. Er durchblättert sogar das Heft und sieht die Skizze von Charlotte darin. Dummerweise läuft er dann aber doch noch Frau Wolter über die Füße. Die aber hat ihre eigenen Probleme und geht davon aus, dass Rath mitbekommen hat, dass sie ebenso säuft, wie Rath nun die x-te Verletzung der Privatsphäre in dieser Serie aus wilden Zeiten ausführt: heimlich. Das provoziert wieder mal einen Deal: Sie verrät ihrem Mann nichts von Raths Besuch, das Aufbrechen des Arbeitsmöbels hat sie ja nicht mitbekommen, er hingegen wird nichts darüber fallen lassen, dass sie ein Alkoholproblem hat – zusätzlich zu ihren Depressionen. Aber Rath stellt es auch so dar, als wolle er nur die Schlüssel zurückgeben. Bei einer kognitiv etwas wattiert wirkenden Person wie Frau Wolter kann man damit wohl durchkommen. Es ist aber ganz witzig, wie die beiden einander sozusagen in einer für sie schwierigen Situation stellen. 

2019-07-31 Babylon Berlin Folge 12 003 Freundfeinde - Rath und Wolter
Zwei Freundfeinde: Wolter und Rath.

Auch Rath und Wolter haben ein ganz schwieriges Ding: Es bleibt nicht aus, dass Rath durchblicken lässt, dass er weiß, dass Wolter den Jänicke auf dem Gewissen hat, aber Wolter hat im Gegenzug die Information, dass Rath den vorgeblichen Priester Wiczek umgelegt hat. In diesem Film ist ganz vieles so aufgebaut, dass sich die Spannung daraus ergibt, dass alle über andere zu viel wissen. Was im Realen oft Jahre dauert, falls es überhaupt soweit kommt, wird hier auf eine Weise zusammengepresst, die zwar ein Gefühl von Atemlosigkeit und Unsicherheit aufkommen lässt, aber auch eine erkennbare Stilisierung darstellt. Als Wolter und Rath miteinander in einen Konflikt gehen, ohne dass es zu einer entscheidenden Aktion kommt, weiß Wolter freilich noch nicht, dass Rath im das rote Notizbuch geklaut hat, das er seinerseits Stefan Jänicke geraubt hat.

Was den einen ein Waggon voller Gold, ist den anderen ein rotes Notizbuch: Jede noch so abscheuliche Tat wert, um in den Besitz zu gelangen. Kein Wunder, dass Wolter mächtig flucht, als er feststellt, dass die Aufzeichnungen weg sind, für die er einen Mord begangen hat.

Rath hat leider ein Problem mit seinem neuen Schatz. Er kann nicht lesen, was Stefan aufgeschrieben hat, denn es ist in Stenografie verfasst. Dass ein junger Polizist Steno kann, ist zwar ungewöhnlich, aber grundsätzlich war die Beherrschung von Kurzschriften damals weiter verbreitet als heute, wo ihre Anwendung weitgehend technische Mittel ersetzt wird und die Stenotypistin ein eigener Berufsstand. Was tut also Rath? Er kann ja nicht einfach zur Schreibstelle der roten Burg gehen, um sich die Aufzeichnungen übersetzen zu lassen. 

Also zerrt er Charlotte in eine Abstellkammer und die ist von den Socken darüber, dass Rath an das Buch gekommen ist – soweit also zur Vertrauenswürdigkeit des Wolter, wenn er Schwüre ablegt. Rath erzählt ihr auch, wie er mit der Patronenrochade von sich selbst ablenken wollte und der Schuss nun quasi nach hinten loszugehen droht, weil er dadurch selbst in den Verdacht geraten ist Stefan umgebracht zu haben. Charlotte verspricht Rath, das Buch zu entziffern und schaut es sich auf der Fahrt in der S-Bahn an. Alle Szenen mit Stefan ziehen an ihr vorbei und es kommt eine etwas traurige Stimmung auf. 

Doch schon bald wird ihre Aufmerksamkeit wieder vom Hier und Jetzt gefordert. Ein Typ spricht sie an. Diesen Typ kennt sie bereits und wir kennen ihn auch – sie hat ihn seinerzeit am Bahnhof getroffen, wo er eine ziemlich freche Schnauze bewies. Welch ein Zufall mal wieder. Charlotte ist eine neugierige Person, also geht sie auf seinen Vorschlag ein, Clärchens Ballhaus zu besuchen – das es immer noch gibt, aktuell ist es aber, wie so viele traditionelle Institutionen, von Schließung bedroht. 

Doch anstatt mit ihr dorthin zugehen, lotst der Schluri Charlotte zu einem Auto, schubst sie hinein, sie wird mit Chloroform betäubt und entführt.

Zu Asche, zu Staub, Folge zwölf Ende. 

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Rolle Darsteller
Gereon Rath Volker Bruch
Charlotte Ritter Liv Lisa Fries
Wolter Peter Kurth
August Benda Matthias Brandt
Greta Leonie Benesch
S. Sorokina / Nikoros Severija Janusauskaite
Kardakow Ivan Shvedoff
Alfred Nyssen Lars Eidinger
Jänicke Anton von Lucke
Krajewski Henning Peker
Armenier Misel Maticevic
Elisabeth Behnke Fritzi Haberlandt
Katelbach Karl Markovics
General Major Seegers Ernst Stötzner
Dr. Schmidt „Anno“ Jens Harzer
Dr. Völcker Jördis Triebel
Gräf Christian Friedel
Zörgiebel Thomas Thieme
Trochin Denis Burgazliev
Musik: Johnny Klimek
  Tom Tykwer
Kamera: Frank Griebe
  Bernd Fischer
  Philipp Haberlandt
Buch: Tom Tykwer
  Hendrik Handloegten
  Achim von Borries
Regie: Tom Tykwer
  Achim von Borries
  Hendrik Handloegten

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