Söhne und Väter – Tatort 1009 #Crimetime 401 #Tatort #Saarbrücken #Saarbruecken #Stellbrink #Marx #SR #Vater #Sohn

Titelfoto © SR, Manuela Meyer

Die Verhältnismäßigkeit im Tatort

Im sechsten Falls müssen der Wahl-Saarländer Jens Stillbrink und die Echt-Saarländerin Lisa Marx sich in die „Kleinste Terrorzelle“, die Familie, begeben, um im Todesfall eines Schülers zu ermitteln. Man beachte dabei die radikale Umstellung des Titels von Turgenews „Väter und Söhne“.

Es gibt Bewegung am Tatort Saarbrücken, mehr als im realen Saarland, wenn man Bewegung im Sinn von sichtbarem Fortschritt interpretiert. Aber natürlich muss Bewegung nicht Fortschritt sein. Was also ist über die messbaren Veränderungen zu sagen, die es gegenüber den ersten Stellbrink-Tatorten in „Söhne und Väter“ festzustellen gibt? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein makabrer Schülerstreich endet tödlich. Nachdem Karim, Pascal und Enno ihrem toten Lehrer Dirk Rebmann im Beerdigungsinstitut ein Ringelschwänzchen zwischen die Pobacken geklemmt haben, um ihm so posthum ihre Verachtung zu zeigen, schläft der total betrunkene Enno auf einer Rollbahre ein. Seine Kumpels lassen ihn zurück, am nächsten Morgen ist der Junge tot. Erfroren in der Kühlkammer.

Das ruft Hauptkommissar Jens Stellbrink und sein Team auf den Plan. Doch was zunächst wie ein Schülerstreich mit tödlichem Ausgang aussah, ist auf den zweiten Blick doch etwas komplizierter. Und als Stellbrink an der Leiche des toten Radprofis auch noch Symptome einer Vergiftung entdeckt, müssen sogar zwei Todesfälle aufgeklärt werden.

Stellbrink und seine Kolleginnen Lisa Marx und Mia Emmrich ermitteln zunächst im Freundeskreis des toten Jungen und stoßen dabei auf einige problematische Vater-Sohn-Konstellationen und auf einen Sternekoch, der einiges zu verbergen hat.

Rezension

Was also ist der Kern des sechsten Stellbrink-Tatorts? Dass er keinen Kern hat. Man hat die Saarland-Tatorte sozusagen entkernt. Nach der teilweise vernichtenden Kritik an den ersten Filmen setzt man nicht mehr auf Klamauk und abgehobenes Filming, sondern zieht sich weit hinter die Linie zurück, die von anderen Tatortstädten mittlerweile gebildet wird. Wo ist der Klamauk am meisten vorgerückt? In Münster. Wo werden soziale Themen am besten bearbeitet? Nach wie vor in Köln. Wo sind die Polizisten mit den größten Schatten unterwegs? In Dortmund. Wo werden OK- und Verschwörungstatorte besonders gepflegt? In Bremen und Wien. Aber, so hat man sich an der Saar nun wohl gedacht, wie kommt man aus der Schusslinie, exponiert sich nicht mehr?

Indem man den Tatort zu seinen Wurzeln führt und klassische Familiendramen zu klassischen Whodunits verarbeitet. Ich finde, das ist eine hervorragende Entscheidung, sich auf diese Weise noch einmal neu zu erfinden, ohne schon wieder das Personal zu wechseln. Ja, es gibt Standorte, an denen die durchschnittliche Schauspielqualität höher ist, das wird wohl auch immer so bleiben, denn viele Stars machen einen Tatort auch teuer, und Devid Striesow allein wird schon eine ordentliche Gage einstreichen. Seltsam, dass ausgerechnet er in all diesen Normalisierungsbestrebungen immer fremder wirkt. Vielleicht, weil man eben zu sehr auf Normalität setzt. Den schrägen Vogel, den er anfangs gab, hat man zwar nicht als Polizist akzeptiert, wohl aber wirkte das Striesow-authentisch. Jetzt muss er sich doch ziemlich zurücknehmen und verliert am Ende sogar seinen Motorroller – vielleicht aber nicht dauerhaft, das werden wir noch sehen.

Aber wenn Normal das neue Hip ist, an der Saar, ist das dann nicht doch ein Kern? Es kann zu einem werden, wenn man den Weg konsequent weiter beschreitet. Eine Menge Tatortfans sind die überstilisierten, überfrachteten Filme, die es mittlerweile beinahe ausschließlich zu sehen gibt, leid. Vor allem die älteren und konservativeren unter ihnen. Und die sollte man doch nicht ganz unter den Tisch fallen lassen und damit die ohnehin in Frage stehende Ausgewogenheit komplett aufgeben. Die Gefahr besteht sonst, dass der Tatort immer mehr zu einem Lieblingsding für Leute wird, die mit der Realität in etwa so viel zu tun haben und eine ähnliche Einstellung zu ihr haben wie Spitzenpolitiker. Und kann dies das Ziel sein, wenn man weiterhin das Nachdenken und Themen unserer Zeit unter die Leute bringen will, wofür sich die Tatort-Reihe ja eindeutig einsetzt. Muss es dann nicht auch zwischendurch mal einen einfachen Krimi geben? Ich meine, das sollte so sein.

Und sich darauf zu spezialisieren, könnte der Markenkern des Saarland-Tatorts werden. Damit würde auch wieder etwas von dem zurückgewonnen, was einst unter Palü und im Wesentlichen auch unter seinen Nachfolgern Kappl / Deininiger zu besichtigen war: regionale Authentizität. Das Land und seine Menschen sind nicht hochgestochen, sondern bodenständig, auch wenn es dem einen oder anderen Programmdirektor nicht gefallen mag. Der SR ist durch Unterhaltungssendungen hervorgetreten, nicht durch Satire – von Heinz Becker natürlich abgesehen, aber viele empfinden seine Auftritt eher als leicht verdichtete Realität denn als satirisch. Das Elitäre wird im Saarland generell skeptisch betrachtet, deswegen ist es eine gute Idee, Kernkompetenzen wie das gute Essen, das nette Layout von Kern-Saarbrücken, den nicht sehr schönen, aber eingängigen Dialekt, diese vielen kleinen skurrilen Einsprengsel im Alltag, für die die Menschen dort durchaus zu haben sind, wieder zum Markenkern zu machen und das Abgehobene einzubremsen.

Und genau das hat man nun getan? Besonders in Sachen Authentizität ist „Söhne und Väter“ ein Riesensatz nach vorne. Der Plot ist nicht herausragend, aber ich fand keine größeren Logikfehler. Das muss ich unbedingt hervorheben, weil es so selten ist. Sicher ist das Verhalten der einen oder anderen Figur fragwürdig oder psychologisch nicht genau in der Mitte der Erwartungen, die man ja doch immer hat, aber derlei wird anderen Tatort-Städten nicht angekreidet, warum also Saarbrücken? Und gewiss fußt die Schlüssigkeit der Handlung auch darauf, dass man zum allereinfachsten Mittel gegriffen hat: Die Verdächtigen sagen aus. Ob das, was sie sagen, wahr ist, spielt eine untergeordnete Rolle, Falschaussagen werden sogar verwendet, um die Handlung voranzutreiben. Aber wenn geredet wird, muss weniger emittelt werden, und das sorgt für flüssige Abläufe.

Ist der Film nicht etwas zu ruhig oder gar langweilig? Mich hat er nicht gelangweilt, aber ich kann angesichts des scheinbar viel höheren Tempos anderer Tatorte, das vor allem aus einem exzentrischen Filming resultiert, verstehen, dass es Zuschauer gibt, die sagen: alles schon dagewesen. Es stimmt, dass dieser Film kein Hehl daraus macht, dass er auf dem klassischen Muster des Whodunit aufbaut und dass die Konflikte, Wendungen und Situationen in ihm, einzeln betrachtet, nicht neu sind. Dafür aber hat man viel Raum für eine gute Portion jener Art von Humor gelassen, die nicht zu sehr ins Klamottenhafte driftet.

Verstehen die Zuschauer den Humor, vor allem, wenn sie auf die knallige Variante à la Münster abonniert sind? Ich würde nicht sagen, dass der Humor in „Söhne und Väter“ originär saarländisch ist, aber diese vielen kleinen Dialog-und-Bildmomente, Mimik, Blicke, Satzbruchstücke, die kann man mitnehmen, wenn man einen Sinn dafür hat, und ich habe so oft lachen oder schmunzeln müssen wie in keinem anderen Tatort der letzten Monate. Wir leben in einer Zeit, in der es nicht mehr so viel zu lachen gibt, und der unaufdringliche Humor in „Söhne und Väter“ hat da etwas Befreiendes. Er dröhnt nicht, sondern summt vor sich hin, und man kann das ewige Lied der kleinen Freuden und Sorgen, der Seltsamkeiten, der unausgesprochenen Unerklärlichkeiten des Alltags heraushören, die man – genau! – mit Humor tragen muss, um nicht zu verzweifeln. Für diesen Tenor wiederum ist Devid Striesow beinahe der perfekte Schauspieler.

Finale

In Saarbrücken ist man auf dem richtigen Weg. Jetzt geht es vor allem darum, gute Drehbücher zu kaufen und da nicht sparsam zu sein. Nur über Filme, die als Krimis gut angenommen werden, führt der Weg – der Weg wohin? Ich weiß nicht, ob man ihn noch gehen will bzw. ob Stellbrink-Darsteller Devid Striesow das will, aber wenn man erst einmal auf sicheren Füßen steht, kann man sich wieder mehr Exzentrik erlauben. Schon beim Schreiben befürchte ich aber, das wird wieder zu Filmen führen, die viel zu gewollt und zu wenig gekonnt wirken. Der Wahlberliner sind allerdings nie auf die ganz niedrigen Bewertungen für die Saarland-Tatorte der aktuellen Generation eingeschossen, und das tut er heute umso weniger.

7,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Jens Stellbrink – Devid Striesow
Hauptkommissarin Lisa Marx – Elisabeth Brück
Kriminaltechniker Horst Jordan, Chef der KTU – Hartmut Volle
Staatsanwältin Nicole Dubois – Sandra Steinbach
Kommissaranwärterin Mia Emmrich – Sandra Maren Schneider
Moritz Stellbrink – Ludwig Simon
Pascal Weller – Emil Reinke
Renate Weller – Christine Zart
Rudi Weller – Thomas Schweiberer
Rebecca Weller – Marie Bendig
Karim Löscher – Emilio Sakraya Moutaoukkil
Dirk Rebmann – Chrisjan Zöllner
Daniela Rebmann – Sanne Schnapp
Enno Bartsch – Filip Januchowski
Hermann Bartsch – Klaus Müller-Beck
Koch Jean Carlinó, Ausbilder von Karim – Jophi Ries
Monique Fischer – Franziska Blickle
Schuldirektorin Petra Neuhoff – Edda Petri
Schulsekretärin – Petra Lamy
Bestatter Peter Wätzold – Ralf Drexler
u.a.

Drehbuch – Michael Vershinin, Zoltan Spirandelli
Regie – Zoltan Spirandelli
Kamera – Wolf Siegelmann
Schnitt – Magdolna Rokob
Szenenbild – Bärbel Menzel
Musik – Konstantin Scherer, Vincent Stein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s