Kressin und die Frau des Malers – Tatort 18 #Crimetime 404 #Tatort #Köln #Koeln #Kressin #WDR #Maler #Frau

Crimetime 404 - Titelfoto © WDR

Eine ging in den Widerstand

Wie der 18. Tatort tickt, belegt der Titel. Alle Zuschauer warten darauf, dass Kressin mit der weißblonden Malersfrau ins Bett steigt, und dann ist es ausgerechnet diese kalte Schnauze, die ihm selbige zeigt, während alle anderen weiblichen Personen unter 50, die in diesem Krimi auftreten, dem Zollfahnder zu Willen sind. Aber wie wirkt sich die Résistance auf Anna aus, die Malersfrau? Und was ist schon wieder mit diesem Sievers? Wir klären das in der -> Rezension

Handlung

Im Kölner Raum häufen sich Einbrüche in Kirchen und Museen. Eines Tages machen Zollbeamte in der Frachtabteilung des Flughafens eine merkwürdige Entdeckung:

Eine Sendung Schaufensterpuppen hat zu lange in der Sonne gestanden, die Figuren – offensichtlich aus Wachs gefertigt – beginnen zu zerfließen, unter der Oberfläche einer Puppe erscheint eine kostbare Madonna aus dem 16. Jahrhundert. Die Spur führt nach Amsterdam.

Kressin sieht sich einer hinreißenden Frau gegenüber, der Frau eines willenlosen Malters, die zu allem fähig ist und selbst vor einem Mord nicht zurückschreckt.

Rezension

Das Macho-Image des Zoll-Oberinspektors und seine Ausnahmestellung unter den frühen Tatort-Ermittlern als James Bond für den Hausgebrauch werden in „Kressin und die Frau des Malers“ gegenüber den älteren Fällen, die wir bisher gesehen haben („Kressin und der Laster nach Lüttich“, „Kressin stoppt den Nord-Express“) noch mehr hervorgehoben und man merkt, wie froh die Filmemacher Anfang der 1970er waren, dass sie so vom Leder ziehen durften. Wenige Jahre zuvor und ohne das Einsetzen der Sexwelle Ende der 1960er wären solche Darstellungen im deutschen Fernsehfilm undenkbar gewesen.

Auch wenn die Handlung schwach ist, hat man beim Anschauen des Films Spaß, weil selbst der krude Plot parodistische Züge trägt – wie sonst könnte der damals übliche Gastkommissar-Auftritt, dieses Mal vom Frankfurter KHK Konrad, so komplett unzusammenhängend mit ebenjenem Plot gezeigt werden, könnte der berüchtigte Sievers (Ivan Desny) mit seinem Rolls Royce Phantom eine Art Sekundenschatten in diesem Film werden, dessen Funktion im Geschäft mit gestohlener Kunst sich nicht einmal ansatzweise erschließt.

Aber der Gastauftritt und der Sievers gehören eben ins „Lastenheft“ und demgemäß werden sie in den Film eingebaut, Die Beliebigkeit ist gewiss programmatisch: Schalk und Punkt.

Schade, dass dieser Kressin-Tatort sich sozusagen selbst überholt und die Macher geglaubt haben, eine Kunsträuberpistole funktioniert hauptsächlich aufgrund von Kressins imposantem Raubzug durch die Betten von Frauen, die ihm bei den Ermittlungen helfen können. Dass der Film vor Ironie trieft, macht ihn nicht zwingend zu einem Klassiker.

Sicher, die frühe Szene in der Kunsthalle, in der wir sehen, wie alte Bilder unter Anwesenheit eines älteren Betrachterpaares geraubt werden, das nicht die Bohne von dem mitbekommt, was gerade geschieht, ist schon für sich sehr witzig, aber wer schneidet solche Uralt-Bilder, die möglicherweise dadurch irreparabel beschädigt werden können, einfach aus dem Rahmen?

Vielleicht ist auch das Ironie, ebenso wie die Tatsache, dass die Leinwände von hinten alle gleichermaßen hübsch weiß und neu aussehen. Klar, sie sind ja auch Fälschungen bzw. Drucke, die für den Film angefertigt wurden und liegen beim Klauen super in der Hand, ähnlich wie nasse Waschlappen. In dem Moment ist noch nicht klar, ob man sich über den Film mehr ärgern muss oder der erwähnte Spaß überwiegt oder ihn als Farce begreifen soll, im Verlauf wird’s dann aber klarer: Er ist eindeutig eine Farce.

Wenn Kressin und sein Betthäschen sich gegenseitig mit Lippenstift Clownsgesichter auf Bauch oder Rücken malen, er seine Hose so umständlich anzieht, dass man glaubt, man hat es mit einem Tattergreis zu tun, der erstmalig im Leben genötigt ist, schnell in die Beinkleider zu steigen, wenn Kressin vom Kriminaler und seinen Leuten auf dem Boden des Kunstdealer-Büros erwischt wird, sein Vorgesetzter die einzig treffende Bemerkung macht („Was finden die Frauen eigentlich an Ihnen, Kressin?“), dann muss man den Film entweder für seine Frechheit und ironische Lockerheit mögen oder man findet ihn gruselig, weil so unrealistisch, mit Frauen- und Männerklischees beladen, wegen seiner stereotypen Verbrechertypen – und natürlich wegen der verrückten Handlung, die vor allem darauf fußt, dass ein holländischer Kunstsammler überall ganz alte Meister klauen lässt, um sie in einem lichtlosen Geheimzimmer einzusperren und dann auch noch von den Meisterklauern erpresst werden soll, die er selbst angeheuert hat.

Auch die eiskalte Ressourcenverschleuderung, die sich offenbart, als einer der Diebe zwei Kollegen erschießt, der Tod des Kunstdealers selbst, passt ins schräge Bild der Wirklichkeit und zeigt: Im Grunde sind Verbrecher unglaublich dumm. Wir hatten den Verdacht schon, als sie in die Kunsthalle spaziert sind und während der Öffnungszeiten sechshundert oder achthundert Jahre alte Gemälde mit Taschenmessern aus ihren Rahmen schnitten. Außerdem sieht man in Filmen immer wieder. Jedoch, wie erwähnt: Vorsicht, Persiflage!

Die Tatorte der frühen Jahre haben regionale Besonderheiten, wie die Kinoreife und subtil-knallige Zeitgeistinszenierung der NDR-Filme, die Wolfgang Petersen mit dem Kieler Kommissar Finke gemacht hat, dann gab es die prallen Heist-Movies aus Frankfurt mit Kommissar Konrad und das wohlstandsprächtige schwäbische Bürgertum, dessen Schliche Kommissar Lutz aufzudecken hatte, aber eines haben sie alle gemeinsam: Es geht fast immer um Geld, denn Geld regiert bekanntlich die Welt. So seltsam die Fälle manchmal konstruiert waren – was sie nicht wesentlich von heutigen Tatorten unterscheidet – es gab echte Verbrecher, die immer irgendwelche Fehler machten und echt nachvollziehbare kriminelle, sehr habgierige Absichten hatten. Das trifft auch auf die Kressin-Filme zu, denn was anderes ist Zollschmuggel, dazu in Verbindung mit Diebstahl, als die Vermehrung von Geld im illegalen Warenverkehr. Manchmal gibt es einen traurigen, melancholischen Unterton, wenn Menschen ihre fehlgeleiteten Sehnsüchte mit Gefängnis oder Tod büßen, aber das Unheilschwangere, das Zeigen einer Welt, die im Ganzen aus den Fugen geraten ist, wie es heutige Tatorte regelmäßig tun, das war in den 1970ern nicht zu bemerken. Man hat immer das Gefühl, man hat es mit Outlaws zu tun, nicht mit Täteropfern im heutigen Sinn.

Fazit

Die Kressin-Tatorte enthalten ein weiteres besonderes Element, und das ist die Installation eines verbrecherischen Masterminds, eines nie fassbaren Gegenspielers von Kressin. Das ist den Bond-Filmen abgeschaut, umgesetzt freilich en Miniature. Das Szenario ist mit mehr oder weniger Selbstironie gestaltet, aber dieser Mob-Boss, dieses Haupt einer OK-Organisation bleibt ungeschoren, während seine ausführenden Organe gefasst werden. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Mann immer wieder neue Gangster rekrutieren kann, die für ihn die Drecksarbeit machen. Genau diese Anlage weisen einige neue Tatorte nun auch auf: Es gibt in ihnen keine endgültige Lösung, ein Fall ist nur ein Zwischenschritt zum nächsten Fall, einem aufgeklärten Mord wird der nächste mit Gewissheit folgen, ohne dass die Drahtzieher dingfest gemacht werden können.

Selbstverständlich ist diese düstere Vision einer Welt, in der das Verbrechen immer nur für einen Moment zum Erliegen kommt und sich immer neu aufrichtet, weil es nicht an den Wurzeln gepackt wird, in den Kressin-Tatorten im Stil der 1970er gefilmt, es gibt eben diesen Meisterkriminellen, der das schlaue Böse verkörpert und an dem die Fehler seiner Leute abperlen wie Regen an einem Südwester. Heute sind es, sicher realistischer, Banden, die im Untergrund wirken und immer neue Mitglieder finden, die in die Lücken springen, die dadurch entstehen, dass kleine Rädchen innerhalb der Organisation tatsächlich mal von der Exekutive aus dem Verkehr gezogen werden. Kressin aber zeigt bei der Verfolgung der Kriminellen eine unreflektierte Unverdrossenheit, die meilenweit entfernt ist von der desillusionierten, grauschattig-pessimistischen Attitüde heutiger Tatort-Polizisten. Und wenn man das alles vergleicht, kommt man zu dem Schluss: Der Tatort ist ein selten eindringlicher Spiegel seiner Zeit, das gilt sogar für die Art von Humor, die er aufweist – oder durch das dessen Fehlen.

Ach ja. Anna, die Malersfrau, muss ins Gefängnis. Das hat sie davon.

6/10

Die Rezension wurde im November 2015 verfasst und im Juli 2019 im neuen Wahlberliner erstmals veröffentlicht.

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Zollfahnder Kressin – Sieghardt Rupp
Anna – Heidi Stroh
Eva – Brigitte Skay
Max – Alexander Allerson
Fräulein Becker – Rosemarie Kühn
Georg – Günther Wissemann
Kommissar Konrad – Klaus Höhne
Kordes – Imo Heite
Kramp – Hartmut Hinrichs
Rita – Maria Brockerhoff
Stelldom – Guus Oster
Wagner – Herbert Steinmetz
Morton – Hans Quest
Markwitz – Wolfgang Hinze
Henk – Jeroen Krabbé
Kornman – Kees Brusse
Sievers – Ivan Desny

Drehbuch – Klaus Recht, Pim de la Parra jr.
Regie – Pim de la Parra jr.
Kamera – Franz Bromet
Musik – Klaus Doldinger

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