Falsch verpackt – Tatort 832 / Crimetime 413 // #Tatort #Wien #ORF #Eisner #Fellner #Verpackung #China

Crimetime 413 - Titelfoto © ORF, Petro Domenigg

Die ersten von 1,5 Milliarden

Lange Zeit hat es in Wien und vielleicht in ganz Österreich nie durch Verbrechen umgekommene Chinesen gegeben. Endlich hat die Ungerechtigkeit ein Ende, im Film sterben 5 Chinesen (von denen es, wie wir nicht erst seit „Falsch verpackt“ wissen, zweihundertmal so viele gibt wie Österreicher) und ein Deutscher, von denen es bekanntlich fast zehnmal so viele gibt wie Österreicher. Die Rechnung geht nicht ganz auf, ein Österreicher segnet ebenfalls das Zeitliche, aber der Ausgleich kommt ins Rollen. Wir haben zwar keine 15 Toten wie zuletzt in „Kein Entkommen“(*), aber immerhin sieben (fast) auf einen Streich.

Der vorliegende Fall ist ziemlich dubios, aber Eisner / Fellner gehören zu den Top-Tatortermittlern, daran besteht seit den letzten Folgen kein Zweifel mehr. Dass nicht alles, was österreichisch klingt, gut geschauspielert ist, sollte man sich allerdings immer vor Augen halten, wenn man den Sprachklang nicht so gewöhnt ist, denn der ist genauso Alltag und nicht geschauspielert wie in Berlin der Slang vom Weber mit  dem Kleber. Aber alles war dieses Mal gut zu verstehen, sie haben sich etwas zurückgenommen und „bist deppert“ kennt man mittlerweile in seiner Bedeutung auch, wenn man nicht in Österreich gelebt hat.

Handlung

Das Versagen des Kühlaggregates eines Containers im Wiener Donauhafen führt Moritz Eisner und seine Partnerin Bibi Fellner auf eine heiße Spur. Neben einer Menge Hühnerfüße werden beim Öffnen des Behälters mit den Wassermassen auch drei noch halbgefrorene und in Plastikfolie gehüllte männliche Leichen herausgespült. Ganz offensichtlich sind es Asiaten.

Nachdem am nächsten Morgen der Hund eines Spaziergängers in einem Park eine abgeschnittene Hand gefunden hatte, werden bald darauf weitere Körperteile in Mülltonnen entdeckt. Der Tote ist der Chinese Tsao Kang, der in der Nacht zuvor betrunken in einem Chinarestaurant randaliert hatte. Auf Fürsprache von Dr. Oskar Welt, dem Chef der Fremdenpolizei, war er jedoch schon kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen worden.

Auf den ersten Blick scheint kein Zusammenhang zwischen den Leichenfunden zu bestehen. Doch in beiden Fällen führen die Ermittlungen zu dem Fleischgroßhändler Klaus Müller. Plötzlich gerät Bibi Fellners Spezi ins Fadenkreuz, der Klein-Ganove und Freudenhaus-Besitzer Inkasso-Heinzi. Denn im Mordfall Tsao Kang werden seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe, einem Samurai-Schwert, gefunden. Moritz Eisner ist entsetzt und schreit seine Partnerin an: „Du bist mit einem Mörder befreundet …“ Noch wütender macht ihn, dass sich der Gesuchte bei der Festnahme mit einem blitzschnellen Kopfstoß befreien kann und Eisner dabei die Nase anbricht.

Zusätzlichen, massiven Ärger gibt es für Moritz Eisner mit seinem Kollegen und Vorgesetzen Dr. Oskar Welt, dem er unter anderem vorwirft, die Aussage von Tsao Kang vor der Polizei verhindert zu haben. Als der so Beschuldigte ihm daraufhin massiv droht, lässt Moritz Eisner ihn verhaften.

Sorgen macht sich der Chefinspektor um Bibi, die einen Alkohol-Rückfall erlitten hat und ihn voller Verzweiflung anruft. Als er sie nach Hause bringt, findet er in ihrer Wohnung den flüchtigen Inkasso-Heinzi vor, der sich hier ohne ihr Wissen versteckt hatte. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, schlägt Eisner zu – seine Revanche für den schmerzhaften Kopfstoß. Doch wenig später gibt Bibis Freund der Polizei einen wichtigen Tipp. Dabei geht es um einen Betrieb, in dem von überwiegend chinesischen illegal Beschäftigten u. a. minderwertige Lebensmittel umgepackt sowie umbenannt und als hochwertige Biokost deklariert werden. Die ist vor allem für Restaurants bestimmt und wirft einen hohen Profit ab. Vieles deutet bei diesen schmutzigen und äußerst rücksichtlosen Geschäften auf eine geheimnisvolle Verbindung zur chinesischen Mafia hin.

Als der Fleischgroßhändler Müller steif gefroren in einer Kühlkammer seiner Firma gefunden und kurz darauf Dr. Oskar Welt ermordet wird, droht dieser Fall aus dem Ruder zu laufen. Rätselhaft ist zudem die Rolle der Frau Gú Bao, die früher mit dem Polizeichef verheiratet war und Chefin des Lokals ist, in dem Tsao Kang mit einer Eisenstange eine große Fensterscheibe zertrümmert hatte und auf Gäste losgegangen war. Bei Frau Gú Bao scheinen viele Fäden zusammen zu laufen. Doch wovor hat sie eine so alles überschattende Angst?

Rezension

Der Hintergrund der hier gezeigten Verbrechen erschließt sich bis zum Ende von „Falsch verpackt“ nicht, die gelbe, 1,5 Milliarden Köpfe zählende Gefahr ist eben nicht zu fassen und man kann immer nur schauen, als Wiener Polizeimajor, dass man wenigstens die faulen Subjekte in den eigenen Reihenerwischt, wie den Sektionschef Welt vom Passamt, der falsche Dokumente ausstellt und die Leute mit diesen Fälschungen in echten Bruchbuden leben lässt, die es offenbar sogar in Wien noch gibt, was wir gar nicht gedacht hätten.

Der vorliegende Fall ist ziemlich dubios, aber Eisner / Fellner gehören zu den Top-Tatortermittlern, daran besteht seit den letzten Folgen kein Zweifel mehr. Dass nicht alles, was österreichisch klingt, gut geschauspielert ist, sollte man sich allerdings immer vor Augen halten, wenn man den Sprachklang nicht so gewöhnt ist, denn der ist genauso Alltag und nicht geschauspielert wie in Berlin der Slang vom Weber mit  dem Kleber. Aber alles war dieses Mal gut zu verstehen, sie haben sich etwas zurückgenommen und „bist deppert“ kennt man mittlerweile in seiner Bedeutung auch, wenn man nicht in Österreich gelebt hat.

Die beste Szene in „Falsch verpackt“ ist, wie Moritz Eisner vom Inkasso-Heinzi einen Kopfstoß auf die Nase kriegt und dann heult, was ein schlechter Polizist er doch ist. Das ist sehenswert und einfach nur von einer Selbstironie, die nicht einmal die Münsteraner drauf haben. Dass sich der Wien-Tatort in Richtung Satire entwickelt, merkt man aber nicht nur an diesem Tatbestand, immerhin rächt sich Eisner später und der Inkasso-Heinzi hat dann genau ein solches Pflaster wie vorher der Moritz.

Die schlechteste Szene ist, wie Klaus Müller betend in der Tiefkühlkammer sitzt. Der ganze Auftritt dieses Typs mit dem unsächsischen Humor ist peinlich, und wieso gerade Wien? Weil die Chinesen auch irgendwo im Osten wohnen? Bevor es die ersten toten Chinesen in Wien gab, gab es welche in Frankfurtund eine solche internationale Drehscheibe ist auch ein guter Standort für einen internationalen Wirtschaftskrimi – von denen es in Frankfurt ja auch den einen oder anderen gab.

Nach den Serben und anderen Ex-Jugoslawen in „Kein Entkommen“ nistet sich aber das Böse wieder von außerhalb in Wien ein, das wird nun allmählich zur Masche und funktioniert zumindest auf der Ebene, als es immer was Neues zu bestaunen gibt. Der Plot ist außerdem deshalb originell, weil er gnadenlos unaufgelöst bleibt. Immerhin gibt es den Beamten nicht mehr, der die falschen Pässe ausgestellt hat, und damit ist ja vielleicht ein Leck gestopft, durch das immer wieder ausländische Verbrecher ins Gemütliche eingesickert sind. In am 8-Millionen-Volk fehlt’s halt an großen Gaunern, wos wuist mochn? Da muss schon einer aus Leipzig kommen, um aus China Vogelgrippevirus-versuchtes Händl einzuführen. Das ist wirklich abstrus und die eigentlichen Idioten in der Sache wären die Leute von der österreichischen Lebensmittelkontrolle, wenn es solche Einfuhren wirklich gäbe. Aber auch in deutschen Tatort-Krimis ist die Lebensmittelindustrie ja für jede Sauviecherei gut.

Nur gestreift wird hingegen das brisante und aktuelle Thema der Fälschung von Massenlebensmitteln, die zu teurer Bioware umetikettiert werden – auf die ausführliche Behandlung dieser Angelegenheit, selbstsverständlich in typisch österreichischer Gründlichkeit mit allen Hintergründen und großer Recherche, hatten wir in der Vorschau gehofft und wurden enttäuscht. Es gibt zwar eine Szene, in der man Chinesen sieht, wie sie diesbezüglich am Werk sind, aber so simpel wird’s in der Wirklichkeit wohl nicht ablaufen. Bissl oberflächlich halt, der Krimi.

Eigentlich schade, dass hier so grob geholzt wird. Man kann aber nicht von verpassten Chancen sprechen, denn warum soll nicht eine der Tatort-Städte generell diesen Part mit der internationalen Wirtschaftskriminalität spielen? Lokal gefärbt sind die Wien-Tatorte zudem, jedenfalls mehr als die vieler deutscher Städte. Trotzdem könnten die Fälle etwas realistischer und die Protagonisten auf der dunklen Seite weniger klischeehaft gezeigt werden als in „Falsch verpackt“.

Nach 90 Minuten war uns klar, dass wir unsere Zeit nicht wegen des Falles, sondern wegen des Falles, sondern wegen des Duos Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) gut investiert hatten, und man kann von bestimmten Spitzen, vom ganzen Schmäh, wie er in diesem Film praktiziert wird, halten, was man will, die beiden sind großartig und spielen dabei eigentlich nur Typen, die wir für glaubwürdige Österreicher halten (nicht in erster Linie, weil Bibi säuft, das kennen wir von hier auch), sondern wegen der Nekrophilie, die ja typisch wienerisch ist oder sein soll und wegen dieser Kauzigkeit, die immer wieder dafür sorgt, dass es nicht langweilig wird.

Trotzem sind sie (noch) keine  Karikaturen wie die Münsteraner Thiel und Boerne, vor allem Krassnitzer als Eisner kann sehr druckvoll agieren, wenn man ihn lässt. Vielleicht sollte man sich dieser Eigenschaft beim nächsten ORF-Tatort wieder mehr bedienen, Schmäh-Momente wird es allemal genug geben, zumal der Schmäh gegenüber dem deutschen Humor den unschätzbaren Vorteil hat, dass er ganz wenig Zeit in Anspruch nimmt. Manchmal sind es nur Blicke, Gesten, Tonfälle, die ihn ausmachen, ein paar schräge Bemerkungen, die man so oder so deuten kann – es muss nicht jedesmal ein Sketch inszeniert werden, wie in Münster, wo für diese Beigaben mehr Zeit aufgewendet wird als für die eigentliche Handlung, oder, vorsichtiger ausgedrückt: Für die Ermittlungsarbeit.

Die kommt auch in „Falsch verpackt“ nicht unbedingt in den Mittelpunkt, auch wenn dieses ekelige Rumwühlen im Müll als solche verkauft wird. Dass die Spusi ausgerechnet den Kopf des Opfers übersieht, nur, damit Eisners Tochter einen Schreikrampf bekommen kann, als sie ihn im Kühlschrank findet, ist eine der typisch herbeigeschriebenen Komiksituationen, die wir als Geschmacksache, die sie sind, nicht bewerten und die demgemäß keinen Einfluss auf unsere Bewertung von „Falsch verpackt“ haben.

Finale

„Kein Entkommen“ war eine grandiose Räuberpistole, „Falsch verpackt“ hat einige falsche Zungenschläge und einen Fall, der in etwa so glaubwürdig ist wie der letzte, nämlich gar nicht, aber zudem auch noch etwas flach geraten ist und das offene Ende wirkt vielleicht ein wenig wie eine Botschaft der Ratlosigkeit, angesichts dieser chinesischen Übermacht, aber es ist natürlich auch die Kapitulation vor der Aufgabe, eine geschlossene Handlung zu entwickeln. Wo eh alles wurscht ist, muss auch nicht mit aller Macht um die Wahrheit gekämpft werden. Wo sich eh die Spuren im riesigen Reich der Mitte verlieren, ist Spurensuche obsolet.

Wir hatten trotzdem viel Spaß beim Zuschauen und am Spiel des Ermittlerduos, dass es jetzt von zuletzt sehr guten 8,5/10 auf 7,0/10 runtergeht, ist nicht tragisch, wir sind sicher, von der Donau, vom Moritz und der Bibi, da wird noch viel Schönes und mit Leichen Gepflastertes kommen. Vielleicht könnt man sogar mal ein paar Klischees aufbrechen und mit ihnen spielen, anstatt sie nur zu bedienen. Das geht und kann sehr spannend sein, sogar etwas wie großstädtische Souveränität ausstrahlen, wie wir zuletzt in „Waffenschwestern“ beobachten durften.

(*) Für die Wiederveröffentlichung der 2012 geschriebenen Rezension im neuen Wahlberliner wird der Text vorerst weitgehend unverändert übernommen. Alle Bezüge, auch zu anderen Filmen, geben den Stand zum Zeitpunkt der Erstpublikation wieder.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Sonderermittler Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Inkasso Heinzi – Simon Schwarz
Claudia Eisner – Tanja Raunig
Dr. Oskar Welt – Erwin Steinhauer
Julia Wiesner – Stefanie Dvorak
Tsao Kang – Johannes Ahn
Klaus Müller – Martin Brambach
Frau Gú Bao – Nahoko Fort
Gerhard Braun – Thomas Freudensprung
Polizist Schimpf – Thomas Stipsits
Christoph Körner – Stefan Puntigam

Drehbuch – Martin Ambrosch
Regie – Sabine Derflinger
Kamera – Christine A. Maier
Musik – Gerhard Schuller

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