Was hat das Musikbusiness mit anderen Wirtschaftsbereichen gemeinsam? BlackRock und der Neoliberalismus: „Statt „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ nun „Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring“ (Jellen, Seliger, Telepolis) #BlackRock #LiveNation #CTSEventim #Brands #Sponsoring #Sex #Drugs #RocknRoll #PrivateEquity

Wir haben in Telepolis einen sehr bemerkenswerten Artikel gefunden, den wir heute empfehlen und kommentieren möchten. Sein Titel lautet: „Statt ‚Sex & Drugs & Rock’n’Roll‘ nun ‚Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring‚“ und beschreibt die Mechanismen, die wir kennen mit ihre Wirkung auf einem Markt, bei denen wir das vielleicht nicht so wahrnehmen wie zur Zeit beim allgegenwärtigen #Mietenwahnsinn.

Wer das spannende Interview, das Reinhard Jellen mit Berthold Seliger über das Konzert- und Musikbusiness liest, finde nicht nur drei Seiten lang Einblicke in ein spannendes Feld, dessen Hintergründe den meisten von uns nicht so geläufig sein dürften, er findet mehr. Welchen Kern zeigen die Aussagen? 

Dass BlackRock nicht nur an allen wichtigen Konzernen der Welt beteiligt ist und sogar an Ratingagenturen, die über die Bonität von Staaten entscheiden, sondern auch im Musikgeschäft – nun ja, eigentlich hätte man sich’s denken können. Es gibt fast nichts, wo diese Krake nicht ihre Arme und Saugnäpfe drin hat. 

Welche Parallelen drängen sich auf?

Uns hat einiges sofort an das Geschäft mit Literatur erinnert, wo sich Amazon mehr und mehr zum Monopolisten der Verteilung von Literatur an Leser aufschwingt. Die Verlagswelt ist zwar noch nicht so konzentriert, aber die Ausrichtung auf wenige Großautor*innen zulasten des Nachwuchses und von Büchern, die nicht so extrem im Mainstream liegen, ist genau das, was wir auch im Musikgeschäft sehen. Da wir viel übers Wohnen schreiben: Natürlich gibt es auch hier ähnliche Tendenzen, die vor allem in der Konzentration von Marktmacht liegen und darin, alles nur noch Geldanlage ist. Vermutlich wären mehr Konzerne im Musikgeschäft tätig, wenn es größer wäre. Es hat aber nicht die Dimensionen wie die Immobilienwirtschaft und kann daher nicht so viel Kapital aufsaugen. Aber – einige sind wirklich überall dabei. Und wem das nicht demokratiegefährdend vorkommt, aufgrund des großen Einflusses, den solche Private Equity Tanker nehmen können, der hat noch nicht verstanden, worauf wir zusteuern. Auf die totale Ausbeutbarkeit und Manipulierbarkeit.

Dazu passt Big Data in jedem Lebensbereich.

Es ist schon irrsinnig, wie jede Plattform versucht, uns so gut wie möglich auszuspähen. Ob dieses Datenbusiness langfristig tragen kann, wird sich zeigen, denn dazu braucht es kapable, stets ausgabebereite Konsumenten. Wenn aber immer weitere Teile der Gesellschaft nicht mehr am Konsum teilnehmen können, was sind dann die Daten dieser Menschen noch wert? Anders ausgedrückt, wer kann sich die beschriebenen 800 bis 1000 Euro für einen Top-Platz in einem Rockkonzert noch leisten? Einen Bereich haben wir noch nicht erwähnt: Sportereignisse. Genau die gleiche Tendenz, mit dem Ergebnis, dass die stark durchkapitalisierte britische Premier-League für viele Fans nicht mehr live erlebbar ist, sondern nur noch per Pay-TV.  

Wird Big Data also bald an die Grenzen stoßen, wenn sich Verbraucher nicht mehr stärker manipulieren lassen bzw. daraus kein weiteres Geschäft mehr generiert werden kann?

Befürchtungsweise – nein. Denn es gibt noch andere Nachfrager als die Konsumkonzerne. Zum Beispiel Staaten, die ihre Bürger*innen überwachen wollen. In den USA ist es schon ganz üblich, dass Internetdienstleister sich mit staatlichen Stellen „austauschen“. Und da liegt noch eine hohe Gewinnspanne drin, denn auf diese Weise sparen sich Staaten einen Teil der eigenen Überwachungs-Infrastruktur. Im Gegenzug wollen die Konzerne, welche die Daten unter allen möglche Vorwänden anliefern dürfen, natürlich eine Vergütung erhalten. Es gibt viele  Vergütungsmöglichkeiten, auch in Form von politischer  Untersützung und Quasi-Suventionierung.

Zum Musik-Business: Ist die „Hochkultur“ wirklich außen vor?

Das sieht im Moment noch weitgehend so aus, aber selbstverständlich haben auch große Sinfonierorchester ihre Förderer und Sponsoren. Und was spricht, wenn die Haushaltslage mal wieder schlechter wird, dagegen, dass auch sie sich von privaten Firmen managen lassen, um ihre Position am Weltmarkt zu verbessern? Man denkt ja immer, hier ist eine Grenze und da ist mal Schluss mit der Finanzialisierung, aber der Berliner Philharmoniker by BlackRock sind für uns nicht so abwegig, wie es manchem, der das Ganze rein von der traditionell-kulturellen  Seite aus betrachtet, erscheinen mag. Und dann dürfen wir mal raten, ob sich nicht doch das Programm solcher Orchester verändert, wenn es vor allem um die Vermarktung, also um Eingängigkeit, um das, was die meisten an Klassik noch gerade so kennen, geht. Und was wird dann mit den ohnehin gesalzenen Ticketpreisen passieren? Wenn der Staat sich weiter vom Gierkapitalismus so den Hahn zudrehen lässt, wie wir das seit Jahrzehnten prozessual, sukzessive, erleben, dann wird irgendwann die Kultursubventionierung auch dran glauben müssen. Dann gibt es nur noch sich den Konzernen andienen oder aufgeben. 

Aber das Land Berlin subventioniert doch viele Künstler*innen aller Sparten?

Es ist schlimm genug, dass viele gute Musiker, Bildende Künstler und Literaten, Journalisten und andere  „Kultursponsoring“ bekommen, das gnädigerweise verhüllt, dass sie eigentlich Hartz-IV-Empfänger sind, weil der Markt die Rechte am eigenen Werk nicht honoriert oder die Menschen sich keine Kultur leisten können, die am empfänglichsten dafür sind. Es gibt hier noch eine unabhängige Szene, aber die Ähnlichkeiten zur Entwicklung auf anderen Gebieten der Wirtschaft sind deutlich und das kann bedeuten, dass es bald vorbei ist mit der bunten (Sub-) Kultur, aus der so viele berühmte Namen hervorgegangen sind, Musiker, Bands, die neue Stilrichtungen etabliert hatten und Megastars wurden. 

Der Kapitalismus heutiger Prägung tendiert dazu, alles zu vernichten, was originell ist und l(i)ebenswert?

Es ist doch alles eins. Die seelenlosen Betonklötze, die allüberall hochgezogen werden, auch in Berlin und mit freundlicher Billigung oder Unterstützung der hiesigen Politik, das miese Privatfernsehen, das Menschen jeden Tag verdummt, die Zerstörung von Kiezen und ihrer Kultur, die auch thematisch schon dicht dran ist an der Zerstörung der unabhängigen Musikkultur, die im Beitrag beschrieben wird. Natürlich können wir uns alle ehrenamtlich verdingen, um andere zu entertainen, die sich uns eh nicht leisten könnten, wenn wir Geld für unsere Kreativität nehmen würden, aber was ist das letztlich? Die Versagung jedweder Anerkennung für alles, was nicht dem Bedingungen eines entfesselten Marktes gehorchen will. Wie öde die Welt durch diesen Drive wird, kann man gut daran erkennen, wie öde die Protagonisten dieser Welt und ihre politischen Helfer sind. Es ist kein  Zufall, dass wir fast nur noch Akteure sehen, die wie Marionetten wirken und Musik zu hören bekommen, die etwas unheimlich Gleichförmiges hat. Vor allem innerhalb verschiedener Stilrichtungen, die es ja noch gibt. 

Kann man dagegen in den Widerstand gehen wie gegen den #Mietenwahnsinn?

Oh ja. Einfach mal überlegen, ob es wirklich Sinn macht, das megalaute und eine Million Menschen marternde Lollapalooza in Berlin zu besuchen, das im Beitrag angesprochen wird – oder die Kopfhörer aufzusetzen und sich auf Youtube gute Musik anzuhören, vielleicht aus Zeiten, in denen es sehr wohl schon Stars gab, deren Aufzeichnungen uns überliefert sind. Aber noch keine Konzern-Synthetik im heutigen Sinn. Oder in einen kleinen Club zu gehen und sich live davon zu überzeugen, wo die bessere, interessantere, leidenschaftlichere Musik gemacht wird. Wie auch der hirnlose Konsum ist Widerstand etwas Ganzheitliches. Es gibt zum Glück zwischen Musik und Wohnen einen Unterschied: Menschen müssen wohnen, daher ist dieser Kampf so existenziell und muss noch viel härter geführt werden. Im Musikbereich hat man doch immer noch mehr die freie Wahl. Umso besser. Denn wir sind es, die dafür sorgen, dass die Kraken immer weiter wachsen, indem wir sie füttern. Jeder, der das nicht mehr vorbehaltlos tut, sondern nachdenkt und ein Stück bewusster lebt, ist ein Gewinn für die Reichhaltigkeit dieser Welt.

Am häufigsten wird das mittlerweile beim Lebensmittelkonsum erkannt, darüber denken wir schon ganz gut nach. Das Nachdenken wird aber nicht schwieriger, sondern einfacher, wenn man es auf andere Bereiche des täglichen Lebens überträgt. Irgendwann stellt sich nämlich dann etwas ganz von selbst ein, was ein wichtiger Schlüssel für den Eintritt in eine bessere Welt ist: Ganzheitlliches, von Außenzwängen mehr und mehr befreites Denken. Dadurch wird man auch viel offener dafür, sich auf Neues und Unkonventionelles einzulassen – zum Beispiel auf Musik, die nicht mit Millionenaufwand vermarktet wird, aber hinter der genau so viel Können steht.

Der besprochene Beitrag ist auch deshalb sehr gut, weil er diese Verbindungen zu anderen Lebensbereichen als dem Musikgeschäft herstellt, ganz schlüssig und nebenbei, sozusagen.

TH

Dossier Kinder, Bildung, Erziehung, Wissenschaft

Dossier USA

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