Mörderische Dorfgemeinschaft – Polizeiruf 110 Fall 377 / Crimetime 414 // #Polizeiruf110 #Poliizeiruf #Brasch #Köhler #MDR #Dorf #Land #Gemeinschaft #Wolf

Crimetime 414 - Titelfoto © MDR / filmpool fiction , Stefan Erhardt

Es gibt kein Geheimnis, im Dorf ohne Namen

Die gestrige Vorschau hätten wir auch mit „Es steht alles im Titel“ betiteln können, denn das ist wirklich so. Zwar ist es nicht wie in „Mord im Orient-Express“, dass alle beteiligt waren, aber alle haben Bescheid gewusst. Vermutlich, weil dieses Dorf eine Bäckerei hat, die als Funkzelle und damit als Kommunikationsknotenpunkt eingerichtet ist. Normalerweise ist die Bäckerei Nummer zwei, aber es gibt in diesem Dorf keinen Frisierladen. Gäbe es einen, wäre er in diesem minutiösen Dorfanalysefilm sicher erwähnt worden. Und wie war’s sonst so, im Magdeburger Umland? In Sachsen-Anhalt, das den stärksten Bevölkerungsverlust aller Bundesländer hat, wo fast überall Brandenburg-Ost ist? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

In einem Wald bei Magdeburg ist ein Auto abgestellt. Im Kofferraum befindet sich auffällig viel Blut. Die Hauptkommissare Doreen Brasch und Dirk Köhler suchen den Halter Jurij Rehberg. In dem nahegelegenen Dorf weiß Annette Wolf nicht, wo ihr Lebensgefährte ist.

Seit einigen Tagen ist er verschwunden, was für ihn als freiheitsliebenden Menschen nicht ungewöhnlich ist und sie als schwangere Verlobte nicht beunruhigt. Ihr Vater hingegen, Werner Wolf, vermutet sofort, dass Jurij in kriminelle Machenschaften verwickelt ist. Ihm wäre es am liebsten, wenn sein Schwiegersohn in spe nicht mehr auftauchen würde. Der DNA-Abgleich bringt eine Überraschung: Das Blut stammt von Jurij und der Menge nach zu urteilen ist er tot. Eine Spur von der Leiche gibt es nicht.

Die Hauptkommissare Brasch und Köhler befragen die Dorfbewohner und bekommen ein zwiespältiges Bild von dem Toten: Lebemann, Nichtsnutz, Charmeur, Verführer, Schuldner. Viele im Dorf mochten ihn nicht, während andere ihm regelrecht verfielen, darunter die Frauen im Ort, aber auch der Bäcker Dietmar Böhmer. Er fand einen guten Freund in Jurij. Nach und nach entblättern sich Motive für einen Mord. Doch ohne Leiche ist niemandem etwas nachzuweisen. Als die Hauptkommissare mit Spürhunden durch den Ort gehen und diese an verschiedenen Stellen anschlagen, fügt sich ein Puzzle aus Tätern, Mitwissern, Helfern und Verrätern zusammen. Nur die Leiche bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

Rezension

Die Bäckerei ist nicht nur LTE-Hotspot – oder haben sie schon 5G? Dieses Mal müssen wir ein weiteres Foto bringen, denn spätestens seit dieser Szene ahnen wir, was die Bäckerei noch ist: Ein ziemlich heißer Laden. Hier findet der einzige sichtbare Sex im Film statt und hier findet der einzige Mord im Film statt.

Der Finger, der gehört Hauptkommissarin Doreen Brasch, die vermutlich ahnt, dass Mord und Sex miteinander zu tun haben und dass diese Bäckerei und das tägliche Brot wichtig sind. Oder geht es doch darum, dass sie den Kollegen Köhler verlieren wird, bevor etwas passieren wird? Oder darum, dass sie daran denkt, dass Bindung und Spaß für manche Menschen zusammengehören, sie aber keine Bindung kann, wie sich am Reißaus vom Polizeipsychologen wieder mal zeigt? Und das nur, weil seine Tochter eine Brille trägt und ein wenig an eine Bewohnerin des ebenso sündigen wie traurigen Dorfs erinnert, der sie in ca. 30 Jahren einmal ähneln könnte. Nicht. Sie lebt ja in der Stadt und hat einen in Seelenkunde versierten Vati.

Matthias Matschke alias KHK Dirk Köhler wird tatsächlich nach nur sechs Fällen, die er mit Brasch lösen durfte, den Magdeburg-Polizeiruf verlassen. Es wird einer von den vielen unspektakulären, sogar unangekündigten Abgängen sein; Ankündigung im Sinn von im letzten Film vorbereitet verstanden. Immerhin hat er es einen Fall länger ausgehalten als Sylvester Groth alias Drexler, der Vorgänger. Dieses Gefühl, dass der Magedeburger Polizeiruf nie ankommt, reflektiert aber sehr gut die düsteren Fälle und die unzugängliche Art von Brasch.

Auch in anderen Tatorten und Polizeirufen werden Topschauspieler*innen mit den Drehbüchern manchmal unterfordert. Vor allem die Dialoge waren dieses Mal wieder so einfach und uninspiriert wie das Dorf selbst, in dem die Frauen auf Juri, den Erlöser, offenbar geradezu gewartet haben. Aber andere Teams und Ermittler*innen, allen voran Buckow / König und von Meuffels, haben den Drive oder die Stärke, daraus etwas ganz Eigenständiges zu machen und vielleicht nehmen sie tatsächlich mehr Einfluss auf das, was sie sagen müssen oder es ist leichter, sie etwas Witziges, Sinniges, Bemerkenswertes sagen zu lassen.

Die hermetische Brasch trägt viel dazu bei, dass es schwierig ist, gute Dialoge zu verfassen. Das Einzige, womit sie hervortritt, ist eine Form von Klugscheißerei, die auf mindestens einen zusätzlichen Sinn schließen lässt. Regelmäßig ist diese Eigenschaft zu Beginn der Filme besonders stark ausgeprägt, im Verlauf der Handlung und je näher die Lösung rückt, lässt die Tendenz zum Erfühlen von Dingen, die man nicht wissen kann, nach. Man muss es aber geradezu als Verdienst der Macher eines jeden Dorftatorts ansehen, wenn zwischen den Ermittlern aus der Stadt und den Bewohnern nicht eine geistige Fallhöhe konstruiert wird wie in den Lindholm-Tatorten. Das hätte noch gefehlt, denn die Klischees sind auch so mörderisch.

Klar, wenn wir durch bestimmte Teile Brandenburgs fahren, denken wir auch – wie kann man hier? Es werden ja auch immer weniger, die dort können. Aber eher weil keine Jobs in der Nähe, als weil es auf dem Land an sich so furchtbar ist. Hatten die Bäume nicht doch Schäden, zu deren Kronen die Kamera hinaufschwenkt, als sie am Tatort verweilt, der ja kein Tatort ist, sondern nur ein Fundort? Neben dem Filmen von Kronen kann sich der Einsatz von Drohnen lohnen. Von oben sieht man eben vieles besser und es gibt glücklicherweise nicht zu viele solche Topshots. Der Gag wäre gewesen, dass man als Zuschauer dadurch die Leiche zuerst zu sehen bekommt. Aber so einfach ist das nicht. Wir schreiben nur: Katzenstreu. Und es war nicht die Katze, die in der Autowerkstatt durchs Bild läuft, richtig herum, denn es passiert ja nicht in der Werkstatt, deswegen muss sie auch nicht schwarz sein. Die Katze.

Backstube eben. Richtig schlimm wird es in einem Dorf auch erst, wenn alles, was eh nicht funktioniert, sich dadurch manifestiert, dass ein Fremder kommt oder eine Fremde und den Backladen und alle anderen Orte der häuslichen Langeweile aufmischt. Und dann ist er auch noch Russe. Wie einige Linke jetzt wieder über diesen Film herziehen werden, wir ahnen es schon. Es ist aber ein Deutschrusse, ein Davonmacher, eine Art legaler Republik-im-Stich-Lasser bzw. Nachkomme von solchen Menschen, falls wir seinen Nachnamen richtig gedeutet haben. Aber wie lange das dann dauert, bis diese Akteure akzentfrei Deutsch sprechen. Generationen! Mit der nächsten Generation kann die blonde Annette Wolf dann üben, wie man Dorfdeutsch lernt.

Zum Glück gibt es sonst keine migrantischen Einflüsse, die Einfluss auf die Sprachvarianz nehmen könnten. Hätten sie wenigstens eine kleine Unterkunft für Geflüchtete dort – nee, besser nicht. Denn es hat sich seit der Wende ja nicht viel verändert und früher konnte man eben nicht weg.

Warum ist man aber später nicht gegangen? Aus Gewohnheit natürlich. Nichts ist dauerhafter als eine schlechte Gewohnheit. Woran man sieht, dass Freiheit haben und Freiheit ausüben nicht das Gleiche sind. Viele haben die Abwesenheit der Freiheit nur solange als Nachteil empfunden, wie sie bestand. Wir meinen natürlich die Reisefreiheit und die Freiheit der Ortswahl, nicht die Freiheit von kapitalistischer Ausbeutung, die gab es im Grunde nie.

Immerhin gibt es in diesem Dorf fast nur Selbstständige. Den Bäcker. Den Bauer. Den Autowerkstattbesitzer. Uns sagen Selbständige in Dörfern, meist Handwerker, gerne mal: Ey, wir haben die fetteren Autos und die hübscheren Frauen (im Vergleich zu euch Städtern, die hier nur herkommen, wenn sie uns dienstlich piesacken wollen). Diese Menschen waren eben noch nie in Berlin. Typisch. Wir hingegen waren schon draußen und haben uns vieles angeschaut – nicht typisch.

Es wird sich wohl einspielen, dass die Magdeburg-Polizeirufe nicht unsere Lieblinge sind. „Mörderische Dorfgemeinschaft“ ist zwar trotz des Namens nicht ganz so düster wie einige seiner Vorgänger, vor allem, weil die Farben, die Sommerfelder, das teilweise luszent wirkende Grüngelbhellbraunblau eine andere Stimmung hervorruft als ebenjene Vorgänger, die eigentlich gar keine Farben hatten, sondern nur Shades of Grey.

An Tristesse im menschlichen Dasein mangelt es aber im Polizeiruf 377 nicht und auch nicht an Tristesse angesichts der Handlung. Der Film hat einen absoluten Standard-Plot als Whodunit, wenn man davon absieht, dass Katzenstreu (!) verwendet wurde und dann die Dialoge. Nee, Dorf heißt eben nicht, dass alle so standardmäßig sprechen, weil nämlich der Sprech dort noch nicht so standardisiert ist wie bei uns in der Stadt. Aber man hat das verpasst, was viele Dorfkrimis doch immerhin gut ausspielen: Aus der Abwesenheit von Instanzen zur Durchsetzung politischer Korrektheit originelle Typen zu formen. Der einzige, der einen interessanten Satz gesagt hat, war der Bauer: Meine Würde ging mir durch Juri verloren. Der Satz fällt vor allem deshalb aus dem recht engen Rahmen, weil man ihn dem Typ nicht zugerechnet hätte.

In der Zeit seit März 2019, dem Beginn unserer Befassung mit den Polizeirufen, neben unserer traditionellen Tatort-Rezensionstätigkeit, haben wir viele interessante Einblicke gewonnen und über einige gut gemachte Filme schreiben dürfen. Doch abgesehen davon, dass sie heute alle edel visualisiert sind – man stelle sich einfach mal „Mörderische Dorfgemeinschaft“ mit der Bildsprache der 1980er vor, immerhin wirkt das Dorf ja wie aus den 1980ern. Das dachten wir schon nach wenigen Minuten: Was wäre das dann dröge gewesen. Wir dürfen Magedeburg-Polizeirufe auch nicht mehr als Betthupferl gucken. Das kann dazu führen, dass wir auf der Couch verbleiben und außerdem keine Rezension schreiben können. Dieses Mal, bei maximaler Disziplin, kam es aber nur zu ein paar Sekundenschlafeinheiten.

Finale

Wenn man das Dorf so darstellt wie hier, kann man ihm keine neuen, überraschenden Aspekte abgewinnen. Das Dort ist eh ein Symbol für alles, was im Leben Scheiße ist, schon klar. Aber stimmt das? Wir hätten so Lust, doch mal ein Drehbuch zu verfassen. Wir haben auch eine Idee, wie wir die Stadt-Land-Konfrontation etwas zünftiger ausspielen könnten. Es geht eben nichts über Erfahrung aus echten Berufen anstatt alles nur aus der Theorie heraus zu schreiben. Leider fehlt uns die Theorie. Fast. Anspruch. Tun oder nicht. Irgendwie sind wir auch eine doofe Mischung aus typisch Stadt und einem Dorf wie diesem. Dies zu reflektieren und über eine oder zwei weitere Sachen, die wir hier nicht verraten, ist doch auch ein Ergebnis eines mäßigen Krimis, mit dem man leben kann.

Ach ja: Der Jäger, der Wolf. Symbolisch für Juri und die Dorfschäfchen. War es am Ende nochmal derselbe Wolf? Falls nicht, dreht es wirklich ins Intellektuelle: Es wird immer wieder ein Juri kommen. Dreißig Schafe wirken aber etwas übertrieben.

6/10

Vorschau: „Der programmatische Titel“

Mit diesem Beitrag beginnen wir, die Reihe „Polizeiruf 110“ in unsere Vorschauen einzubeziehen – vorerst allerdings nur die Fernsehpremieren, nicht die vielen Wiederholungen, die derzeit laufen und die Geschichte dieses 1971 in der DDR begründeten Formats recht konsequent und vollständig darstellen.

Die Kommissare Schmücke und Schneider sind wohl die beste Marke gewesen, die der MDR bisher aufgebaut hat. Als sie 2013 nach nicht weniger als 50 gelösten Fällen ihren Abschied nahmen, wollte man trotzdem alles ganz anders machen. Man hatte bereits Schwierigkeiten mit der Tatortschiene Leipzig, die beim Publikum nicht besonders gut ankam, aber man ging das Risiko ein, die bisher schwierigste Polizeiruf-Schiene ins Leben zu rufen. Man nahm Magedburg anstatt Halle und ersetzte die Identifikationsfiguren Schmücke und Schneider gegen die sehr hermetisch wirkenden Brasch und Drexler. Hinzu kommt eine in manchen Filmen maximal düstere Atmosphäre (gesehen in „Abwärts“ nicht mehr ganz so extrem in „Crash“, „Wendemanöver“ ist etwas differenzierter, weil auch Bukow und König aus Rostock eingebunden sind – die Rezensionen sind noch nicht veröffentlicht).

Mittlerweile kamen auf der Tatortseite eine Klaumaukschiene mit Weimar hinzu und Dresden wirkte beim Start ebenfalls sehr aufgekratzt, gewinnt aber mittlerweile durch eine gute Mischung aus Dynamik, Dramatik und Humor. Dies Tatorte muss man erwähnen, weil man das Krimi-Schaffen der Sender im Zusammenhang sehen sollte und der NDR, der MDR, der RBB und der BR sind in beiden Reihen unterwegs, beim „Polizeiruf“ mit jeweils einem Team.

Die Atmosphäre ist Geschmacksache, aber zu unseren Favoriten zählt der Polizeiruf Magdeburg bisher nicht. Dort müssen sie sogar den Dienststellenleiter, der sonst eher mal stört und deutlich hinter die Ermittler zurücktritt, einsetzen, um diese menschlich einigermaßen auf Kurs zu bringen. Letztlich ist es aber nur eine extreme Variante innerhalb eines breiten Spektrums, das die Reihen Tatort und Polizeiruf anbieten und hat ihre Berechtigung. Vor allem, wenn zum Ausgleich dafür, dass man nach einer Magdeburg-Premiere so gar nichts fürs Gemüt mit in die neue Woche nehmen kann, saubere und spannende Plots gezeigt werden. Mehr als auf emotional Relief hoffen wir deshalb darauf, dass „mörderische Dorfgemeinschaft“ als Krimi gut gemacht ist.

Bereits der Titel verspricht Finsternis. Die Dorfgemeinschaft ist ein so schön dystopisches Setting, es gibt in der Regel dort nur menschliche Abgründe. Aber wo steht der Beobachter, damit er das, was er sieht, als Abgrund wahrnimmt?

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Playlist, Besetzung und Stab

(You gotta) fight for your right (to party)Adam Horovitz, Rick Rubin, Adam Yauch, Mike DiamondBeastie Boys
My ManMarkus Füreder, Sam HopkinsParov Stelar 
Wenn sie tanztMartin Haller, Max Giesinger, Jens SchneiderMax Giesinger
Hauptkommissarin Doreen BraschClaudia Michelsen
Hauptkommissar Dirk KöhlerMatthias Matschke
Kriminalrat Uwe LempFelix Vörtler
Psychologe WilkeSteven Scharf
Dietmar BöhmerChristian Beermann
Annette WolfKatharina Heyer
Werner WolfHans Uwe Bauer
Katja BöhmerKatrin Wichmann
Marlies BöhmerJutta Wachowiak
Guido SammetTom Keune
Heike SammetAngela Scherz
Jurij Sergey RehbergTambet Tuisk
JägerRonald Zehrfeld
Musik:Sebastian Fillenberg
Kamera:Jonas Schmager
Buch:Katrin Bühlig
Regie:Philipp Leinemann

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