Liebe macht blind – Tatort 647 / Crimetime 415 // #Tatort #RBB #Berlin #Ritter #Stark #Liebe #blind/heit

 Crimetime 415 - Titelfoto © RBB, Annegret Plehn 

Vorwort 2019: Aus Zeitgründen stellen wir nach einiger Zeit wieder mal eine Rezension im „Originalkleid“ vor – so, wie für die Erstveröffentlichung, in diesem Fall im Jahr 2011, geschrieben, inklusive damals üblichem Gliederungsschema und Layout. Geändert wurden nur die Bildtitelangabe und unsere Copyright-Zeile.

I. Kurzkritik

Der Titel „Liebe macht blind“ erfordert jemanden, der tatsächlich liebt, sonst wäre der Titel eine Irreführung. Gar nicht so leicht, in diesem Tatort jemanden zu ermitteln, der tatsächlich liebt. Vielleicht liebt der Bruder die fesche und etwas proletarisch wirkende Kirsten. Oder der junge, überzeugend hölzerne Rechtsreferendar die fesche und gediegen wirkende Anwältin, in deren Kanzlei er seine Referendarzeit verbringt?

Geht man von echter Liebe aus, die zu Mordmotiven führen kann, kommen eigentlich nur diese beiden Figuren infrage. „Liebe macht blind“ ist ein Fall, der auf eine Art typisch für die Berliner Tatorte mit Ritter und Stark ist, auf der anderen Seite etwas hat, was vielen anderen SFB/RBB-Folgen fehlt: eine solide Grundkonstruktion. Außerdem kommt die Atmosphäre des Single-Milieus und des gehobenen Mittelstandes nicht schlecht rüber und es gibt einige schöne Locations, die allerdings wieder eher das touristische und mondäne Berlin zeigen.

Was es dieses Mal nicht gibt, aber auch das ist in den Hauptstadtfolgen nicht selten – Figuren, mit denen man fühlen kann, die Identifikationspotenzial bieten. Vielleicht kein Wunder, sie sind ja alle Singles, jeder hat mit jedem mal eine Affäre und Speed-Dating ist das genaue  Gegenteil von Romantik, sondern eine von vielen modernen Möglichkeiten, jemanden fürs Bett, aber wohl kaum für die Seele kennenzulernen. Schon „normale“ Datings haben etwas von Verkaufsveranstaltungen und sind nicht jedermanns Sache. Andererseits, auch das kommt im Tatort gut rüber – in einer Großstadt bleibt vielen Leuten nichts anderes übrig, als sich einen Partner unter Zuhilfenahme von Marktmechanismen zu suchen. Das wirkt also echt.

Bei der Handlung hat man sich dieses Mal nicht verhoben, was dazu führt,  dass man zuschauen kann, ohne ständig Fragezeichen auf der Stirn zu haben, man hat in der Folge 647 eindeutig die Szenerie, die Stadt, das Milieu in den Vordergrund gestellt, nicht die einzelnen Figuren und auch nicht die Plotkonstruktion.

II. Handlung, Besetzung, Stab

Der Mord an einem Mann führt die Kommissare in Berlins Singleszene. Ritter und Stark müssen sich mit starken Gefühlen auseinandersetzen und erfahren, wie gefährlich sie werden können, wenn sich aus enttäuschter Liebe Hass entwickelt.

Eine Nacht wie viele in der Großstadt Berlin. Ein Radiomoderator führt durch seine Show für einsame Herzen … da wird ein alleinstehender gut aussehender Mann in seiner Wohnung erschlagen aufgefunden. Die Ermordung des erfolgreichen Anwalts Mohr führt Ritter und Stark in die Welt der Großstadtsingles. Mohr war Dauergast bei verschiedenen Speed-Dating Einrichtungen, obwohl er mit seiner attraktiven Kollegin Nina ein Verhältnis hatte. War Eifersucht im Spiel? Denn es gibt auch noch Kirsten (Elena Uhlig), die Mohr beim Speed-Dating kennenlernte und mit der er ein Verhältnis begann.

Beide Frauen haben ein Motiv und Kirsten hatte durch eine Indiskretion auch noch erfahren, dass Mohrs Kanzlei Steuerbetrügereien nicht abgeneigt ist. Kirsten flüchtet, als sie merkt, dass die Polizei ihr auf der Spur ist. Aber auch ihr älterer Bruder Paul, der ein überaus enges Verhältnis zu seiner Schwester pflegt, gerät unter Mordverdacht. Seiner schwangeren Frau Marie ist die schillernde Kirsten ein Dorn im Auge.

Anmerkung: Der „Mann“, der ermordet wird, ist der Anwalt Dr. Mohr, die Kanzlei selbst begeht keine Steuerbetrügereien, sondern hilft ihren Mandanten dabei, welche zu begehen.

Till Ritter – Dominic Raacke
Felix Stark – Boris Aljinovic
Nina Emmerich – Aglaia Szyszkowitz
Kirsten Ziller – Elena Uhlig
Paul Ziller – Timo Dierkes
Marie Ziller – Heidrun Gärtner
Radiomoderator – Jörg Thadeusz
Weber – Ernst-Georg Schwill
Wiegand – Veit Stübner
Dr. Matthias Krone – Christian Maria Goebel
Dr. Erik Mohr – Robert Schupp
Arndt Baumeister – Steffen Schroeder
Cora Helmig – Franziska Schlattner
Diana – Ivana Kansy
und andere

Buch – Stefan Rogall
Musik – Chris Weller
Musik – Curt Cress
Kamera – Wolf Siegelmann
Regie – Peter Fratzscher

III. Rezension

1. Wenn es Nacht wird in Berlin

Für Berliner Tatortverhältnisse hat „Liebe macht blind“ viel Atmosphäre und die Idee, die eigentliche Handlung mit Radiomoderator Jörg Thadeusz mit seinem Lovetalk einzurahmen, trägt sicher dazu bei. Und dann die vielen Leute, die zu allen möglichen Formen von Datings unterwegs sind, das ist stimmig und 2006 kam dazu, das Speed-Dating dem Zuschauer erst einmal erklärt werden musste. Es ist immer schön, wenn auf Polizeidienststellen talking heads zu so etwas verwendet werden können, es macht die Sache in diesem Tatort auch übersichtlich.

Die Übersichtlichkeit des Plots trägt ebenfalls zur Atmosphäre bei. Da ist nicht die sonst manchmal nervende Berliner Hektik. Selbst wenn diese ebenfalls realistisch ist, bei einigen Plots hat sie schon zur Konfusion geführt. Ebenfalls wirklichkeitsnah, aber auch wenig überzeugend, wenn man der Ansicht ist, Ermittlungsarbeit soll überzeugend, Abläufe sollen glaubwürdig sein.

Man hat viel in Mitte gefilmt, wie meistens, weil dort Berlin seine touristischen Höhepunkte hat und der Bezirk für die Anonymität, die Karriere, das Flair der Weltstadt steht. Das sind mittlerweile schon Manierismen, aber sie funktionieren in der Folge 647 deshalb,  weil, ob gewollt oder nicht, diese kalten Bauwerke der Nachwendezeit, die zum Teil um den Potsdamer Platz herum gruppiert sind (auch wenn es zwischen den Appartementreihen südlich des Postsdamer Platzes nach unserem Wissen kein Golf-Trainingsgelände gibt) gut zum Gefühlsleben der Figuren passen.

Gerade, weil die Figuren mehr stereotyp als individuell angelegt sind,  unterstreichen sie die Atmosphäre. Sie sind nicht ins Letzte ausgespielt, nicht im Anwaltsmilieu, nicht im sozial weniger hervorgehobenen Milieu des Autowerkstattbesitzers Paul und seiner Schwester Kirsten.

Noch mehr Nachtszenen hätten dem Film sicher nicht geschadet, dafür hat man dieses Mal halbwegs realistische Farben verwendet, nicht alles in tiefem Blaugrau gefilmt, wie sonst manchmal. Das wäre auch des Guten vielleicht zu viel gewesen, nur, um emotionale Eintönigkeit zu zeigen.

Man hat das Gefühl, alle sind auf der Suche, sogar der Chef der beiden Kommissare, der zu Ritter einen Satz sagt wie: „Als ich ihn Ihrem Alter war, hatte ich auch gute Chancen bei den Frauen“. So viel älter als Dominic Raacke wirkt Veit Stübner als Wiegand gar nicht und es gibt ja auch Frauen über 40. Sogar der kleine Kriminalassistent Weber ist erfreut, als er Damen vernehmen darf, die sich mit dem Opfer getroffen hatten, der ganze Film ist ein einziges Dating-Karussell.

2. Die Handlung passt zum Kommissar Ritter und Stark gefällt als Kontrastmodell

Ein weiteres Plus von „Liebe macht blind“ ist, dass auch der Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) gut in das hier gezeigte Single-Milieu passt und ausnahmsweise wirkt es einmal nicht total überzogen, sondern nur ein wenig überzogen, dass quasi alle Frauen auf ihn stehen. Das liegt daran, dass er natürlich bei seinen Ermittlungen auf lauter Singles trifft, die nach Abenteuer und spannender Zeit suchen – viel mehr jedenfalls als nach Liebe, auch wenn sie selbst vielleicht anders darüber denken mögen.

Und dazu ist Ritter der Typ. Seine machohafte und physisch durchaus präsente Art macht ihn als Mann für eine Affäre interessant, als langfristigen Partner für die meisten Frauen wohl eher nicht. Man hat das Gefühl, Ritter könnte noch viele, viele Folgen im Milieu der Großstadtsingles ermitteln, ohne dass es jemals zu einem Bruch bei der Authentizitätsvermutung käme.

Sein kleiner Co Stark (Boris Aljinovic) hingegen hält sich aus all dem heraus, auch wenn er eine Schwäche für die kühle, blonde Anwältin Cora Helmig (Franziska Schlattner) zu haben scheint. Er wird einmal am Telefon als sorgender Vater gezeigt, was in anderen Folgen mehr ausgespielt wird – und als jemand, der romantische Affinität zu tatverdächtigen Frauen entwickeln kann, auch dies kommt nicht nur in Folge 647 vor. Wenn er direkt mit diesen Frauen im Bild ist, wird aber auch klar,  warum es nicht geht – einfach aus optischen Gründen. Das hat man hier sicher bewusst so gezeigt, in einer Szene, in der die beiden sozusagen in Konfrontationsstellung im Bild sind, sie 20 Zentimeter größer und einfach zu gutaussehend und sicher auch in gewisser Weise etwas zu oberflächlich, um Stark trotz dieser Unterschiede in Betracht zu ziehen.

Es bleibt also bei einer unausgesprochenen, platonischen Hingezogenheit des kleinen Kommissars und so ironisch er auch gegenüber Stark und dessen ständiger Abenteuergeneigtheit ist, so logisch ist diese Haltung. Gerade beim Speed-Dating, wo es noch mehr als sonst auf einen kurzen, von der Optik dominierten Eindruck ankommt, hätte er vergleichsweise schlechte Chancen – hinzu kommt, dass Stark ein eher dezenter Typ ist, der mangelnde Körpergröße nicht durch auffälliges Auftreten kompensieren will. Eindeutig die sympathischste Figur in beinahe allen Berliner Tatorten, weil er so aus dem Rahmen fällt. Ob er auch als Kommissar glaubwürdig ist, dazu haben wir uns bereits in der ersten Berlin-Tatort-Rezension („Oben und unten„) geäußert, geben aber auch zu, wir haben uns an ihn gewöhnt und schätzen seine Rolle als Gegengewicht zu den ganzen anderen Typen, die dauerhaft oder für eine Folge in den Berlin-Krimis angesiedelt werden.

3. Ausrichtung als Milieustudie?

Nicht wirklich, weil die Milieus (die Anwälte, die Kleinunternehmer, die Polizisten) nur gestreift werden, die Betrachtung reicht weder bezüglich der Figuren noch deren sozialer Verortung aus, um den Tatort 647 zu einem Drama werden zu lassen. Dafür ist er, von der Besonderheit des Speed-Datings abgesehen, vergleichsweise wenig zeitgebunden. Man hat das Gefühl, so hätte er schon in den 90ern gedreht werden können und wird auch 2020 noch nicht veraltet wirken. Die zurückhaltende Art, wie man die Handlung abwickelt, mag ein wenig flach und routinemäßig wirken, aber sie verhindert auch, dass das Ganze überambitioniert wirkt, ein Mangel, der dem Tatortformat ja nicht fremd ist.

Im Grunde ist „Liebe macht blind“ ein konservativ geschriebener, solide inszenierter „Whodunnit“ in deutscher Krimitradition – die Figuren dienen nicht als Identifikationsvehikel, Manches erinnert an ältere Folgen, an „Derrick“ oder „Der Kommissar“, ohne dass dies störend wirkt. Ob der Film als Whodunnit gut funktioniert, kommt auf den Betrachter an. Wer die Muster in Tatorten kennt und diese Kenntnis analytisch einsetzt, wird den biederen Referendar Arndt Baumeister (Steffen Schroeder) gleich im Visier haben, die übrigen schauen einfach mal, was sich entwickelt, so sind wir dieses Mal verfahren und dachten am Ende – ah ja, okay. Nicht überragend überzeugend, aber auch nicht  unwahrscheinlich.

Ein Rechtsreferendar in der kühlen Welt der Juristen, der immerhin deutlich seine Loyalität gegenüber Cora über die Interessen der Kanzlei und deren Chef Dr. Krone (Christian Maria Goebel) stellt. Er weiß, dass ihm das schaden kann und es schadet ihm auch, in einer Welt, in der alles von Beurteilungen abhängt. Dass er, ein gutes zweites Examen vorausgesetzt, nie wieder eine Anstellung findet, weil Krone ihn wegen Illoyalität feuert, halten wir allerdings für übertrieben. Er kann zudem ein wohlwollendes Zeugnis erklagen, das wird ja auch angedeutet – zudem, Loyalität ist etwas sehr Subjektives und niemand kann gezwungen werden, Kollegen auszuspionieren, wie es Dr. Krone hier dem Referendar ansinnt.

IV. Fazit

Der Tatort „Liebe macht blind“ ist kein wuchtiges Werk, das einen langen Nachhall verursacht, aber im Berliner Tatortmilieu wirkt er respektabel und ist stimmig inszeniert. Die Ermittler haben ihre Rollen gut ausgefüllt, ihre Arbeit nicht dominant, aber routiniert abgewickelt, Handlung und Großstadt-Single-Milieu sind auf vorzeigefähigem Niveau angelegt worden. Dass „Liebe macht blind“ keine großen Emotionen weckt, liegt gerade an seinem vergleichsweise hohen Realitätsgrad. Die hier gezeigten Karrieretypen oder Materialisten, zu denen auch die junge Kirsten gehört, sind einfach zu alltäglich und wenn man in Berlin unterwegs ist, sieht man sie auch tagtäglich. Gehäuft zur Mittagszeit in den Restaurants in der Nähe der großen Bürohäuser.

Die Attitüden und die Gleichförmigkeit dieser vielen, in an ausschließlich materiellen Zielen orientierten Jahren glattgeschliffenen Charaktere sind so auffällig, dass man jede Individualisierung und jedes auf Einzelpersonen gerichtete Interesse an Menschen dieses Milieus erst mühsam entwickeln muss, und dazu sind 90 Tatort-Minuten zu kurz. Was man hingegen gut erkennen kann ist, dass jedes Gesellschaftssystem sich die Typen schafft, die es verdient und dass persönliches Glück nur wenig mit einem Überfluss an Gütern zu tun hat. Unsere Bewertung für „Liebe macht blind“: 7,0/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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