Die Glenn Miller Story (The Glenn Miller Story, USA 1954) #Filmfest 41

Filmfest 41 A

Mehr als ein Abstecher an die Front

James Stewart und Anthony Mann waren eines der Traumpaare im US-Kino von 1950 bis Mitte der 1950er Jahre. Der schlacksige und mimisch hoch begabte Schauspieler und der Regisseur seiner Wahl haben einige viel beachtete Filme zusammen gemacht.

Fast alle waren Western, die sehr gut mit dem überschießenden Symbolismus in den Filmen jener Zeit spielten und durch ihre gute Dramaturgie und die psychologischen Momente bestachen, die Stewart besser glaubhaft machen konnte als die meisten Stars seiner Zeit – was ihn auch für Alfred Hitchock zu einem Darsteller erster Wahl in mehreren seiner wichtigen Filmen machte. Und wie sieht es mit der Verkörperung des berühmten Bandleaders aus, der 1944 bei einem Flugzeugabsturz den Tod fand? Darüber ist zu lesen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die Vereinigten Staaten zur Zeit der großen Big-Band-Ära und der Weltwirtschaftskrise: Der junge Posaunist und Arrangeur Glenn Miller sieht seine Posaune öfter im Pfandleihhaus, als dass er auf ihr spielen könnte. Als er mit seinem Freund, dem Pianisten Chummy MacGregor, für eine Amerika-Tournee in einer Big Band engagiert wird und durch Denver kommt, besucht er seine alte Freundin Helen, die er zwei Jahre nicht gesehen hat. Er ignoriert, dass sie mittlerweile mit einem anderen Mann zusammen ist, und kündigt ihr an, dass sie bald heiraten würden. Als die Band nach New York kommt, steigt Glenn aus der Band aus, um sich wieder um seine Arrangements zu kümmern. Er telefoniert mit Helen und überredet sie, nach New York zu kommen. Als sie tatsächlich kommt, führt er sie gleich aufs Standesamt. Glenn arbeitet am Broadway in einer Musicalproduktion (Gershwins Girl Crazy) und Helen gibt ihrem Ehemann ihr Erspartes, damit er seine eigene Band gründen kann. Das Unternehmen misslingt jedoch und Helen wird schwer krank. Im Krankenhaus wendet sich das Blatt wieder und sie lernen den Manager Si Schribman kennen, der an die Arbeit Glenns glaubt und ihm die Möglichkeit einer neuen Band gibt. Einen Tag vor der Premiere in Boston verletzt sich jedoch der Trompeter und Glenn muss ihn durch einen Klarinettisten ersetzen. Damit wird der Glenn-Miller-Sound geboren und die Weltkarriere Glenn Millers kann beginnen.

Glenn Miller gehört nun mit seiner Band zu den erfolgreichsten in Amerika. Er und Helen adoptieren zwei Kinder und ziehen in eine Villa. Doch als der Zweite Weltkrieg ausbricht, meldet sich Glenn zur Armee, um für die Soldaten zu spielen. Im Dezember 1944 fliegt Glenn Miller von London zu einem Weihnachtskonzert ins befreite Paris. Das Flugzeug kommt jedoch nie in Paris an. Helen sitzt zu Hause vor dem Radio und erwartet das Konzert aus Frankreich, als sie von General Arnold die Nachricht vom vermissten Flugzeug erhält. Die Band spielt das Konzert in Andenken an ihren Bandleader, während Helen weinend am Radio zuhört.

Rezension

Ein typisches amerikanisches Biopic zwischendurch ging auch ma, bei Stewart und Mann. Die Glenn Miller-Story, die zehn Jahre nach dem Tod des berühmten amerikanischen Bandleaders entstand.

Der Film ist höchst konventionell, das muss man ohne Umschweife feststellen. Da ist nichts von der Gebrochenheit des Progatonisten, welche man in den Western findet, die Stewart mit Mann gedreht hat. Da gibt es keine dunkle Vergangenheit, die einer Figur Vielschichtigkeit verleihen kann und sein Handeln im Jetzt, sein Misstrauen, manchmal auch seine Rücksichtslosigkeit unterlegt. Hier läuft alles charakterlich so glatt, wie es nur sein kann. Kein Wunder, dass die Katholische Filmkritik dem Film „vorbildliches Ethos“ attestierte. Das signalisiert: Vorsicht, Langeweile voraus.

DieWarmherzigkeit des Films stand für die zeitgenössische deutsche Kritik an erster Stelle und dass June Allyson von MGM ausgeliehen und als Mrs. Miller eingesetzt wurde, deutet die Richtung ebenfalls an, denn kein anderer Star des damals größten US-Studios stand so sehr für die durchschnittliche amerikanische Hausfrau. Das hätte also trotz des famosen Duos Stewart / Mann ein höchst durchschnittlicher Film werden können.

Wenn da nicht die viele, sehr gut eingespielte Musik von Glenn Miller wäre, dann könnte man „The Glenn Miller Story“ auch so bezeichnen, trotz der guten Schauspielleistung, die Stewart wieder einmal zeigt. Es handelt sich (beinahe) um eine Tellerwäscher-Story. Jedenfalls eine von einem Menschen, der mit nichts anfängt und dann den amerikanischen Traum erlebt. Dass der Traum mit einem Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg endet, ändert nichts an der Verwirklichung des Traums, sondern ist ein tragisches Einzelschicksal, das zudem im Dienst der guten Sache endete.

Wir sehen also einen sympathischen jungen  Mann, der seine Posaune immer wieder im Pfandleihhaus versetzen muss, solange der große Erfolg ausbleibt und die dramatischsten Momente sind diejenigen, als die Band im Schlamm und später im Schnee stecken bleibt und ihr Engagement in Boston nicht rechtzeitig antreten kann. Doch nachdem er seinen persönlichen Sound empirisch herausgearbeitet, nicht etwa am Reißbrett bzw. auf dem Notenblatt konstruiert hat, stellt sich unweigerlich der Durchbruch ein. Das Ende zeigt aber jenes berühmte Konzert in London, kurz vor Millers Tod, das trotz heranfliegender V1-Geschosse fortgeführt wird und das ist zweifelsohne ein Höhepunkt in einer Künstlerbiografie.

Dafür ist der Film liebenswert und zuckersüß, vor allem Millers Verhältnis zu seiner Frau Helen war wohl tatsächlich so störungsfrei, wie es im Film gezeigt wird. Wir müssen zugeben: Das macht es für einen Filmemacher nicht einfach. Bleibt er bei der Wahrheit, ist alles sehr unspektakulär, im Grunde gilt dies sogar für die gesamte Biografie des Bandleaders. Dichtet er hinzu, verliert er womöglich nicht nur an Glaubwürdigkeit bezüglich der Fakten, sondern auch an Authentizität, die Atmosphäre um Miller herum betreffend, wie sie durch seine Aura geschaffen wurde.

Im Film kommt besonders zum Ausdruck, dass er stur und ein suchender Perfektionist war, in der Wirklichkeit war er auch bekennender Anti-Nazi und damit ist diese Konzertszene, in der die Band weiterspielt, gut vorstellbar,. Der politische Aspekt bleibt aber im Hintergrund, es gibt kein eindeutiges Statement von Miller in diesem Film. Allerdings wussten die Amerikaner natürlich, neun Jahre nach Kriegsende, worum es ging. Zudem war Miller wohl ein sehr sozialer Mensch, der seine Bandmitglieder gut bezahlte und sie gegen Eventualitäten absicherte – wie auch seine Familie, was im Film wiederum erwähnt wird. Dass jemand trotzdem geschäftstüchtig ist, kann damit in günstigen Fällen korrespondieren.

Künstlerisch beschränkte er sich – bis auf ein einziges selbst komponiertes Lied – darauf, sich Songs schreiben zu lassen und sie so zu arrangieren, dass der Bigband-Sound, den Größen wie Benny Goodman erfunden hatten, eine Wandlung zum weich Schwingenden hin mit führender Klarinette und allgemein mit vielen Holzblasinstrumenten erfuhr. Eine Orchestrierung, die das Wort „Swing“ auf den Punkt und auf den Höhpeunkt der Musikrichtung bringt – wenn man diese weichere Bigband-Welle mag. Millers hoch populäre Musik ist heute vom Fachpublikum vielleicht nicht auf derselben Stufe angesiedelt wie die der großen Komponisten-Jazzbandleader wie Duke Ellington, aber sie hat unter anderem viel zur Wahrnehmung der Musik der USA auch im Deutschland der Nachkriegsjahre beigetragen.

Dass der All American Guy James Stewart diesen ihm auch optisch (zumindest mit Brille) nicht unähnlichen Miller so gut verkörpern konnte, versteht sich von selbst. Er war zu jener Zeit zu dem Superstar gereift, der es ihm ermöglichte, große Amerikaner zu spielen – drei Jahre nach der Glenn Miller-Story gab er den in der Wirklichkeit etwas komplexeren Charakter Charles Lindbergh und damit eine weitere Ikone aus dem mittlerweile beinahe legendären amerikanischen 20. Jahrhundert.

Bei James Stewart ist es trotzdem so, dass er historische Figuren nicht verkörpert, sondern interpretiert. Das liegt an seinem enormen Bekanntheitsgrad und daran, dass er optisch wie im Ausdruck sehr eigenständig ist. Als im Jahr 1945 Robert Alda in einem Biopic George Gershwin verkörperte, war die Illusion fast perfekt, während James Stewart immer kenntlich bleibt. Dafür kann er nichts, es liegt daran, dass er eben James Stewart ist. Trotzdem hat er solche Filme gemacht, anders als etwa Superstars derselben Kategorie wie Humphrey Bogart oder Cary Grant, die ebenfalls sehr kenntlich waren, in allen ihren Filmen.

In „The Glenn Miller Story“ (der deutsche Titel müsste eigentlich „Die Glenn-Miller-Story“ heißen) kommen viele Musiker zum Einsatz, mit denen Miller tatsächlich zusammengearbeitet hatte. In einer farblich sehr ansprechend gestalteten Szene sehen wir auch den großen Louis Armstrong, der in den 50ern noch in einigen Filmen auftreten sollte (u. a. in „High Society“ zwei Jahre später). Wir sehen auch wieder eine der schönen Geschichtsfälschungen, welche die USA idealisieren, in Form von an Millers neuer Army-Band vorbeimarschierender gemischter Einheiten aus Weißen und Afroamerikanern, die es im Zweiten Weltkrieg noch nicht gab. Viele kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Filme zeigen das aus guten Gründen anders, denn das Problem der Diskriminierung von Aforamerikanern war nicht gelöst und die offene Rassenfrage würde im weiteren Verlauf der 1950er zur Bürgerrechtsbewegung führen.

Dabei geht es nur um eine einzige Szene, bei den in Großbritannien während der Konzerte sichtbaren Truppenteilen gibt es diese „Mischung“ dann auch interessanterweise nicht. Diese Szene wirft aber ein Schlaglicht auf diesen moralisch perfekten Film. Alle Menschen sind nett zueinander, sind loyal wie Millers Frau Helen. Es war bereits das zweite Mal, dass der lang aufageschossene Stewart und die kleine Allyson ein Ehepaar mimten, ein drittes sollte folgen („The Stratton Story“, 1949 und „Strategic Air Command“, 1955 – wieder unter der Regie von Anthony Mann).

Helen Berger und Glenn Miller waren wohl auch im Leben, nicht nur im Film, das amerikanische Ideal, nach dem alle strebten. Ein wenig Melancholie kommt in ihr Leben, weil Helen aufgrund einer Krankheit keine eigenen Kinder bekommen konnte – die zwei Wunschkinder werden also adoptiert, was die  Hochherzigkeit des Films noch einmal unterstreicht. Auch, wie  bestürzt Miller reagiert, als seine Frau ganz dezent vermeldet, sie sei ein wenig enttäuscht darüber, dass er nicht seinen Weg zum eigenen Sound konsequent verfolgt, wirkt sehr empathisch und ein wenig sehr gezuckert.

Aber dass wir von den USA insgesamt ein anderes Bild haben als es diese Menschen vermitteln, liegt auch an den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und natürlich gibt es wundervolle Menschen überall und in den besonders im gefühlsintensiven Filmen der 1950er wurden sie besonders herausgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte der Wunsch nach Sauberkeit, Harmonie und einer Innigkeit wie nie zuvor – und, aus heutiger Perspektive: niemals wieder. Man soll nicht den Fehler machen, das alles für unechten Kitsch zu halten – es war das Lebensgefühl der Zeit. Konservativ eben, doch unter der Oberfläche brodelte der Rock’n Roll bereits und kam alsbald zum Ausbruch. Aber im Ganzen noch sehr familienfreundlich. Im Film wird erwähnt, dass Glenn Miller neue Arrangements für junge Leute schreiben wollte. Dabei ging es um die Kriegsgeneration und die der ausgehenden Depressionsära. Schon kurz nach dem Erscheinen des Films bekam das Nachkriegsidyll Risse, und die drückten sich in einer neuen Musik aus, deren Startjahr man allgemein als 1955 ansieht – also kurz, nachdem „The Glenn Miller Story“ herauskam. Ob diese neue Musik dem entsprach, was Glenn Miller sich für die jüngere Generation vorgestellt hätte, werden wir nie erfahren.

Finale

Wer James Stewart und Swingmusik mag, der kommt auf jeden Fall auf seine Kosten. Zuschauer, die eine spannungsgeladene Handlung erwarten, fehlt es an entsprechenden Elementen und die Figurenpsychologie, die gerade Stewart so gut beherrschte, gilt hier einem integeren und geradlinigen Menschen, der tatsächlich einem Idealbild nahe kommt –  ist also mangels innerer Spannung nicht geeignet, um den Zuschauer vom Sofa zu reißen. Sie wiederlegt einerseits, dass man als Künstler keinen Erfolg haben kann, wenn man ein sozialer Mensch ist, aber im Hintergrund auch, dass diejenigen, die sich zu den ganz großen kreativen Leistungen aufschwangen, meist nicht solche netten Personen waren. In der Regel erfordert das kreative Maximum Ecken und Kanten, oft ein Maß an Exzentrik und Egoismus, das es anderen nicht so leicht macht, Zugang zu einer solchen Persönlichkeit zu finden.

Die Musikdirektion oblag dem berühmten Henry Mancini, der auf diese Weise seine erste Oscar-Nominierung erhielt (und den Oscar für „Moon River“ aus „Frühstück bei Tiffany“ sechs Jahre später gewann). Beinahe alle wichtigen Miller-Stücke sind im Film zu hören, u. a. „Chattanooga Choo Choo“, „In the Mood“, „Tuxedo Junction“, „Moonlight Serenade“).

So respektvoll seinerzeit auch scharfzüngige zeitgenössische Kritiker wie Bosley Crowther von der New York Times mit diesem Musikerportrait umgingen, so respektvoll war der Film gegenüber dem Mann, dessen Leben er beinhaltet, inklusive dem  historisch akkurat wiedergegebenen, bis heute ungeklärten Tod des Musikers kurz vor Weihnachten 1944.

Unsere Wertung ist ein wenig von unserer Liebe zu einigen Formen des Jazz beeinflusst, von denen eine der leichtesten und eingängigsten in „The Glenn Miller Story“ ausführlich zu hören ist, außerdem kann man sich den sympathischen Hauptfiguren nicht entziehen und sich auf eine sentimental Journey begeben, wenn man sich den Film anschaut.

70/100

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Anthony Mann
Drehbuch Valentine Davies,
Oscar Brodney
Produktion Aaron Rosenberg
Musik Henry Mancini
Kamera William H. Daniels
Schnitt Russell F. Schoengarth
Besetzung

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s