Tödliches Verlangen – Tatort 442 / Crimetime 425 // #Tatort #MDR #Sachsen #Leipzig #Ehrlicher #Kain #Verlangen

Crimetime 425 - Titelfoto © MDR

Putzkolonne für die Sonne

Der zweite Fall, den Bruno Ehrlicher und Kain in Leipzig zu lösen haben, hat ein sehr übersichtliches Personentableau. Ist er deshalb auch leicht durchschaubar? Und die neue Umgebung für die beiden Ermittler inspirierend? Und ist die Sonne so drecktig, dass sie unbedingt geputzt werden muss? Das und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

In ihrem zweiten Fall, den die vormals in Dresden ermittelnden Kommissare Ehrlicher und Kain in Leipzig zu lösen haben, müssen sie in einem emotionalen Sumpf aus Eifersucht und Geldgier nach einem Mörder suchen. Denn aus einem See wird die Leiche der hübschen Sabrina gefischt. Die Studentin, die in einem Tanzlokal strippte, war zuletzt von Hans-Joachim Wolff gesehen worden, der ihr Geld für eine Liebesnacht zugesteckt hatte – Geld, um das sie ihn betrog, als sie vor ihm aus dem Taxi in einen Hauseingang floh. 

Dasselbe Haus führt die Polizisten zu Robert Quint, in dessen Wohnung sich Sabrina offenkundig häufiger aufgehalten hatte. Der Besuch bei dem gut aussehenden Mann bringt Wesentliches ans Licht: Die junge Frau wurde hier mit einem Kaminbesteck erschlagen. Und: Der Tatverdächtige hat sich ein Pseudonym zugelegt – unter seinem bürgerlichen Namen Beauregard Belano wird er wegen Betrugs per Haftbefehl von der Polizei gesucht. Quint alias Belano gibt alles zu – nur den Mord an Sabrina nicht. Ehrlicher und Kain müssen ihn gegen eine Kaution laufen lassen. 

Doch mit seiner Freilassung bekommen die Ermittlungen endlich eine Eigendynamik: Quints Kaution wurde von der Molekularbiologin Prof. Dr. Christine Werrling hinterlegt, die Millionen durch ihre Patente verdiente und mit ihm eine gemeinsame Zukunft plant. Deren Tochter Nelly droht, diese Pläne zu durchkreuzen – auch sie liebt Quint. Und: Nelly kannte Sabrina, mit der sie sich vor Zeugen auf dem Flur der Universität gestritten hatte. Als sich der Kreis für die Kommissare langsam schließt, packt Quint klammheimlich seine Sachen und verschwindet aus seiner Wohnung.

Rezension

Ehrlicher und Kain sind brave Menschen, deswegen schließen sie sich in Leipzig auch erst einmal einer Führung an. Friederike und ihr Kneipen-Café haben sie aber schon entdeckt. Und Leipzig inspiriert offenbar dazu, Geständnisse durch Täuschungsmanöver zu erwirken. Wer hatte das bei den Tatorten eingeführt? Auf jeden Fall bediente sich schon Heinz Haferkam in den 1970ern hin und wieder Methoden, die Geständnisse der Vewertbarkeit vor Gericht entziehen. Die freiere Luft der Messestadt führt allerdings nicht dazu, dass die Gestaltung von Verhältnissen zwischen Personen etwas Freiheitliches hat.

Es gab bisher keine Rezension zu diesem Film. Wir haben kreuz und quer recherchiert und nichts gefunden. Wir sind uns aber sicher, dieses Werk schon einmal gesehen zu haben. Zumindest Ausschnitte daraus. Gar zu bekannt kam uns diese Drei- bis Vierecksgeschichte vor. Oder lag es daran, dass sie so stereotyp ist? Nein, sicher nicht. Es gibt zwei Möglichkeiten: Wir hatten den Film schon einmal angeschaut, bevor wir begonnen haben, über die Krimireihe Tatort zu schreiben – und / oder wir fanden ihn damals so peinlich, dass wir vorzeitig ausgestiegen sind. Aber auch an den Anfang können wir uns nicht erinnern, ganz sicher jedoch an dieses furchtbare Verhältnis zwischen Robert Quint alias Beauregard Belano (!) und der Professorin. Oh, oh. Das war schwer auszuhalten und diese subjektive Einstellung bestimmt leider auch den Tenor der Rezension.

Wir mögen Hörigkeitsverhältnisse, die auf der anderen Seite von finanzieller Abhängigkeit gespiegelt werden, einfach nicht. Hinzu tritt in „Tödliches Verlangen“, dass die Episodenfiguren allesamt maximal unsympathisch sind. Mit Bruno Ehrlicher kann man sich etwas erholen, Kain bleibt dieses Mal deutlich im Schatten seines älteren Kollegen. Mittlerweile kommt allerdings ein bisschen Polizeiruf-Wiedererkennungsfeeling hinzu. Karl-Heinz Choynski spielte schon zu DDR-Zeiten prägnante, proletarische und oft alkoholselige Typen in Nebenrollen, die immer in irgendwelche Schwierigkeiten geraten und Gerd Preusche (von der ARD auf der Besetzungsliste vergessen) hatten wir zuletzt in der Hauptrolle im Polizeiruf „Das Treibhaus“ aus 1991 gesehen – leider verstarb er bereits ein Jahr, nachdem er einen schwitzenden Nachtclub-Gast in „Tödliches Verlangen“ gab.

Spoiler!

Ein drittes Merkmal dieses 23. Ehrlicher-Kain-Falls ist seine knallharte Vorhersehbarkeit. Zu keinem Zeitpunkt ab dem Moment, in dem die schöne Sabrina starb, hatten wir eine andere Person als Mörderin im Kopf als die Frau Professorin. Warum hätte es der Beau(regard) und Fotograf tun sollen? Und die Tochter der Professroin – trotz des Zickenkriegs an der Uni und der Angst, Robert / Beauregard könnte vielleicht die Sonne lieber mit Sabrina putzen, auch, weil sie größer gewachsen ist, hatten wir sie eher nicht auf dem Schirm. Außerdem haben wir uns geärgert, dass Sabrina so früh ableben musst. Wie Bruno richtig sagt: Wir sind auch nur Männer. Aber gerade deswegen müssen wir einen weiteren Punkt ansprechen: Das Geschlechter-Rollenbild, da hier verkauft wird.

Natürlich, wir sind fast 20 Jahre weiter, aber unterschwellig sind Tatorte nicht selten frauenfeindlich. Manchmal auch gar nicht unterschwellig. Und wenn sie es nicht sind, wirkt es so bemüht und überdreht, dass es auch schon wieder diskriminierend ist, wie bei der Figur Charlotte Lindholm. Nein, es gibt mittlerweile tolle, taffe Frauen in den beiden Reihen Tatort und Polizeiruf, wobei wir die beste von allen nicht in den 21 Tatort-Teams verorten, sondern beim Polizeiruf: Katrin König alias Anneke Kim Sarnau in Rostock. Einige sind leider auch schon wieder raus, wie Klara Blum (Bodensee), Charlotte Sänger (Frankfurt am Main), Conny Mey (ebenda). Aber das sind die Dauerrollen, bei den Figuren, die nur in einem Film mitwirken, wird oft ordentlich aufs Klischee gedrückt, in der einen oder anderen Richtung. Natürlich gibt es das: Eine Person will eine andere mit Geld halten. Offenbar hat man es im Jahr 2000 noch originell gefunden, den Mann als das käufliche Sexobjekt darzustellen, aber was für ein Typ! Wenn er wenigstens charmant wäre oder einen Background hätte, der dieses Streben von Akademikerinnen nach Besitz an ihm stimmig erscheinen lassen würde. Sicher, dass er in Wahrheit anders heißt, dass er in einen Betrugsfall verwickelt ist, das weiß die Professorin nicht. Aber dieses Spiel aus demütigen und sich demütigen lassen, das ist nicht so einfach anzuschauen.

Tatorte spielen oft mit solchen emotionalen Schieflagen und die gibt es sicher auch in der Realität. Aber jeder hat so ein paar Dinge, die er einfach nicht mag, unabhängig davon, ob das Ganze gut gemacht ist. Und da wir hier subjektivjournalistisch schreiben, dürfen wir das auch offenlegen und in die Bewertung einfließen lassen. Die Eigenschaft Stolz ist ja schon so altmodisch und im Neoliberalismus auch ein großer Nachteil, aber es gibt durchaus Menschen, die sich niemals in derlei einseitige Verhältnisse und Verstrickungen treiben lassen würden – und das ist gut so. Denn die emotionalen Defizite sind enorm und werden durch ein paar materielle Vorteile nicht aufgewogen. Und erst auf der Seite, die mit Geld lockt! Wie fühlt sie sich eigentlich dabei, dass sie davon ausgehen muss, dass jeder Liebesschwur unecht ist? Nun ja, wenn man jemandem verfallen ist, nimmt man’s wohl nicht mehr so genau glaubt genau das, was man glauben will.

Wir können das, was in dem Film abläuft, schon recht gut nachvollziehen, wir mögen es halt einfach nicht. Verstärkt wird das allerdings durch die Spielweise der Beteiligten, die nicht auf Subtiles, Flirrendes, Interpretationsfähiges setzt, sondern auf Überklarheit und manchmal wird es auch ein wenig lächerlich, in der einen oder anderen Szene zwischen der Professorin und dem Beau und, das sieht man in Tatorten, gerade bei der Ehrlicher-Schiene nicht so selten: Das Timing ist unterentwickelt. Es sind immer wieder nette Dialogfetzen drin, da sind Ehrlicher & Co. nicht schlecht, aber zum Beispiel diese Dreier-Motorradverfolgung am Ende – noch bräsiger kann man eine solche Sequenz wohl nicht filmen und dadurch hat sie etwas unfreiwillig Komisches. Allein, wie alle schön nacheinander starten – und warum steigt der Polizist, der das Haus observiert, nicht gleich durch die Hintertür aus, nachdem er in einer 1:1000-Situation zwischen Postauto und Laternenpfahl gefangen ist? Die Tür ließ sich übrigens weit genug öffnen, um sich dünne zu machen und das Auto zu verlassen. Auch wegen dieser wenig elaborierten Szene sind wir sicher, den Film schon einmal gesehen zu haben. Solche Antigags bleiben im Gedächtnis bzw. die Schubladen springen wieder auf, wenn man sie erneut sieht.

Finale

Man soll beim Kritiken schreiben nicht die Fehler wiederholen, die man in den kritisierten Werken gefunden zu haben glaubt, in diesem Fall: Nicht zu theatralisch werden und das Ganze nicht zu ernst nehmen. Und vorsichtshalber nochmal nachschauen, ob unter heutigen Voraussetzungen, nachdem die Prostitution legal ist, tatsächlich jemand ein eindeutiges Angebot zu käuflicher Liebe machen darf und dann nicht liefern muss. Wenn man auf der einen Seite die Stellung eines Berufs durch seine Legalisierung anhebt, kann man auf der anderen Seite die Erbringung der Gegenleistung nicht mehr deswegen als nicht geschuldet ansehen, weil sie das Geschäft sittenwidrig ist. Da sieht man wieder, wie doch manche Dinge auch viel ordentlicher geworden sind. Aber die Sonne, die wird leider nicht geputzt.

5,5/10

Vorschau: angekommen, nicht ganz

Im vorherigen Fall „Einsatz in Leipzig“ waren die Sachsenkommissare Ehrlicher und Kain noch in Dresden beheimatet und mussten in Leipzig ermitteln. Nun haben sie die Dienststelle gewechselt und wir können wieder eine Lücke schließen. Denn „Tödliches Verlangen“ haben wir noch nicht gesehen und werden den Film heute Abend aufzeichnen. Wir werden im Moment häufig damit konfrontiert, dass die TatortAnthologie, die im neuen Wahlberliner in die Rubrik „Crimetime“ eingebettet ist, noch weit entfernt ist von der Vollständigkeit, obwohl wir bereits über 700 Fälle angeschaut und darüber geschrieben haben.

Aber es gibt nun einmal mittlerweile genau 1.100 und der allerjüngste spielt wieder in Sachsen („Nemesis„). Man bemerkt auch, dass die Sender, die ihre älteren Werke hervorholen, eine Art Auffüllung betreiben – indem sie Filme wiederholen, die nicht zu den Tops der jeweiligen Ermittler zählen und die sie nicht so gerne zeigen wie einige, die allgemein als Highlights gelten. Das gilt auch für „Tödliches Verlangen“, der gemäß Einschätzung der Nutzer von „Tatort-Fundus“ auf Rang 28 von 44 steht (Stand 21.08.2019). Das die Ehrlicher-Kain-Fälle insgesamt nicht so hoch bewertet sind, bedeutet das eine Einordnung in der Gesamtliste in den „800ern“, also im unteren Drittel. Allerdings leitet er auch die beste Phase von Kain und Ehrlicher ein, denn die Leipzig-Tatorte werden in diesen Ranglisten im Durchschnitt deutlich höher eingeschätzt als die älteren Fälle, die in Dresden gefilmt wurden und wir haben mehrfach darüber geschrieben, warum das so sein könnte: Die späteren Filme der beiden sind lockerer, das Gründeln in der Ost-Befindlichkeit ist nicht mehr so ausgeprägt.

Da die Reihe Tatort im Osten keine Vergangenheit hatte, konnte man das Negative an der Nachwendestimmung, das spätestens ab der kleinen Rezension von 1993 dominierte, mit Kain und Ehrlicher in epischer Breite darstellen, zumal es der tatsächlichen Einstellung mindestens des Sachsen Peter Sodann weitgehend entsprochen haben dürfte, also sehr echt wirkte, weil es echt war. Sodann ist einer der am meisten politischen Schauspieler, die heute in Deutschland leben und sicher einer der interessantesten. Er startete als satirischer Kritiker der DDR und sieht heute die Bundesrepublik – zu Recht – kritisch bezüglich ihrer demokratischen Ausgestaltung.

Bei den Polizeirufen, mit denen wir uns nun ebenfalls beschäftigen, war das nicht so einfach: Bei dieser Reihe hätte man DDR-Nostalgie wesentlich strenger bewertet, weil der Polizeiruf 110 tatsächlich ein DDR-Produkt war. Peter Sodann und Bernd-Michael Lade hingegen traten außerdem als neue Gesichter in die Tatortgemeinde ein.

Über das gültige Narrativ der Wendezeit wird gerade wieder debattiert, angesichts von drei bevorstehenden Landtagswahlen im Osten, in denen sich eine Rechtstendenz abzeichnet – und angesichts „30 Jahre Mauerfall“, die uns am 9. November bevorstehen. Es wird nie eine gültige, eine einheitliche Erzählung geben, nur einen Bestand an nachweisbaren Fakten. Nach unserer Ansicht haben sowohl Menschen aus dem Osten wie aus dem Westen das Recht, die Wende von 1989-1990 eigenständig zu bewerten, denn die Bewohner beider bis dahin getrennten deutschen Staaten sind durch sie in eine neue geschichtliche Phase eingetreten, die für sie alle Auswirkungen auf den politischen Raum, in dem sie sich bewegten und bei vielen, auch aus dem Westen, auf den persönlichen Lebensweg hatte.

Ehrlicher und Kain wirken in Leipzig schon recht gut angekommen. Leipzig ist auch die Stadt in Sachsen, die wir nicht nur besonders mögen, sondern die Kommune, die bezüglich der politischen Ausrichtung einer üblichen deutschen Großstadt am meisten ähnelt. Auch wenn der Fall „Tödliches Verlangen“ vielleicht nicht der Knaller ist, wir gehen gerne wieder mit Ehrlicher und Kain nach Leipzig, wie es vor nunmehr fast 20 Jahren war.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Kriminaltechniker Walter – Walter Nickel
Prof. Dr. Christine Werrling – Barbara-Magdalena Ahren
Nelly Werrling – Jenny Deimling
Robert Quint / Beauregard Belano – Ralph Herforth
Sabrina Schumann – Stefanie Schmid
Fredericke – Annekathrin Bürger
Harald Zyprick – Carl-Heinz Choynski
u. a.

Drehbuch – Fred Breinersdorfer
Regie – Miko Zeuschner
Kamera – Frank Küpper
Musik – Julian Boyd, Oskar Sala

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