Kehrtwende (D 2011) #Filmfest 42

Filmfest 42 C

2020-05-30 Filmfest C TVWie entsteht häusliche Gewalt?

Dietmar Bär hat sich der Aufgabe angenommen, einen gewalttätigen Ehemann und Vater zu spielen – und dafür die Goldene Kamera als bester Schauspieler erhalten. Wir „Kehrtwende“ anlässlich seiner Fernsehpremiere am 13. April 2011 -> rezensiert. Die Rezension wurde 2014 und noch einmal anlässlich der Veröffentlichung im Rahmen des Filmfests des „neuen“ Wahlberliners im Jahr 2019 überarbeitet.

Handlung (Wikipedia)

Thomas Schäfer ist ehrgeiziger Gymnasiallehrer und stellvertretender Schulleiter. Bei der Arbeit sieht er sich jedoch zunehmendem Druck ausgesetzt, auch die Arbeit mit dem Chor seiner Schule ändert daran wenig. Er ist mit seiner Frau Viola verheiratet, mit ihr hat er eine 17-jährige Tochter, Sofia, und einen 13-jährigen Sohn, Sven. Seine Frau und sein Sohn sind Opfer seiner Wutausbrüche, wobei schon kleinste Auslöser reichen, um Thomas zuschlagen zu lassen. Die Gewalt reicht dabei von Ohrfeigen bis zu massiven Schlägen und Tritten, zunächst aber sucht Viola anderen gegenüber nach Ausreden, um die Folgen zu erklären und die zu Hause erlebte Gewalt zu vertuschen.

Jedes der Familienmitglieder geht auf seine Weise mit der Problematik um: Mutter Viola ist hin- und hergerissen zwischen bedingungsloser Liebe für ihren Mann, dem Bestreben nach einer heilen Familie und den Auswirkungen der Gewalt auf sie selbst und ihre Kinder. Ihre Freundin Gisa, bei der sie Unterschlupf findet, bestärkt sie hingegen, sich mit allen rechtlichen Mitteln gegen die Gewalt ihres Mannes zur Wehr zu setzen. Thomas versucht währenddessen, seine Frau mit teuren Geschenken und seiner EC-Karte von seiner Liebe zu überzeugen. Außerdem entschließt er sich zu einem Anti-Aggressionstraining, das er fortan regelmäßig besucht.

Während sich Tochter Sofia von der Familie abzunabeln versucht und bei ihrem Freund unterkommt, klammert sich Sohn Sven an seine Mutter und hofft, nicht mehr mit dem Vater zusammen wohnen zu müssen. Bei einem Kurzbesuch zu Hause zerstört er das Arbeitszimmer seines Vaters. Als seine Mutter dann aber doch zurückkehrt und er – nach langem Zögern – auch, verbarrikadiert Sven sich in seinem Zimmer und greift seinen Vater mit einem Pfefferspray an. Gleichzeitig stürzt seine Frau unglücklich – ein Unfall, obgleich die Klinik, in die sie daraufhin eingeliefert wird, in diesem Fall fälschlicherweise einen Fall von häuslicher Gewalt annimmt.

Der Schluss des Films bleibt offen: Thomas versucht sich bei seiner Familie für sein Fehlverhalten zu entschuldigen, doch sein Sohn möchte dies nicht annehmen. Er beschimpft seinen Vater als Gewalttäter und ohrfeigt ihn mehrfach. Thomas hält Sven nach einer Weile fest, woraufhin dies von seinem Sohn als erneute Handgreiflichkeit angesehen wird. In der Schlussszene setzt sich Thomas in sein Auto und fährt davon, die Familie steht vor dem Haus und schaut ihm dabei zu.

Externe Kritik

„Für das, was zwischen dem Gymnasiallehrer Thomas Schäfer, seiner Frau Viola und beider Kinder Sofia und Sven geschieht, gibt es als Vergleich nur die Erzählungen des Mythos. Wie in ihnen gebiert in dieser Familie Hass neuen Hass, verstrickt jeder sich wider Willen in Gewalt, wird Verderben weitergegeben und Schuld untilgbar. Auslöser ist die Gewalttätigkeit des Vaters. Immer wieder schlägt er in Wutanfällen seine Frau und seinen Sohn blutig, bereut, überhäuft die Opfer mit Geschenken, bis ein falsches Wort, eine unbedachte Geste genügt, um ihn erneut zum Berserker zu wandeln.

Dabei ist Thomas Schäfer keineswegs ein dumpfer Rohling. Im Gegenteil: Seine Schüler würden ihn als streng, aber gerecht charakterisieren, und die Mitglieder des „Multikulti-Schülerchors“, den er leitet, erleben begeistert, wie er sie, salopp, souverän und einfühlsam, zu Höchstleistungen führt. Den gärenden Untergrund dieser sympathischen Züge bilden krankhafte Pedanterie, Rechthaberei und der fanatische Wille zu siegen; allesamt Früchte panischer, in der Kindheit gepflanzter Angst vor Versagen, Schwäche, Strafe. (Auszug aus der Kritik aus der FAZ.net.)“

Rezension

Es ist gerechtfertigt, die schauspielerischen Leistungen zu loben und schwierig, die Sympathie für Thomas Schäfer ganz zu verlieren, weil Dietmar Bär ihn spielt. Die Assoziation mit dem geduldigen und gutmütigen Kommissar-Vater Freddie Schenk ist nicht ganz zu vermeiden.

Zudem zeigt Bär den schlagenden Ehemann und Vater eine zerrissene Figur. Es stimmt auch, dass man sofort das Angstklima in der Familie spürt, noch bevor eine Gewalttat stattfindet. Aber man muss aufpassen, dass man über seine eigene Prägung, die vielleicht fern von solchermaßen repressiven Verhältnissen gewesen sein mag, nicht voreilig jedes Detail als stimmig definiert, das in dem Film gezeigt wird. Allein das Thema macht „Kehrtwende“ preisverdächtig und natürlich ist er ein ambitioniert und recht schonungslos gefilmtes Drama. Neben der Auszeichnung für Dietmar Bär kam es auch zu einer Nominierung des Films für die Goldene Kamera 2012.

Dennoch bleibt das Gefühl, es wurde viel gezeigt, aber es mangelt an schlüssigen Erklärungen.

Die Tatsache, dass Thomas Schäfer seinerseits offenbar eine Kindheit zu schultern hatte, in der die Mutter ein tyrannisches Regiment führte, dass er aber viele Jahre lang nicht gewalttätig wurde, sondern erst, als er in der Schule eine bestimmte Position erreichte, ist zumindest ungewöhnlich. Es wirkt, als sei mit einem Schlag eine Überforderung eingetreten, die kurzfristig alle Dämonen hervorgebracht hat, die vorher im Zaum waren. Die sich vielleicht der Familie nie vorher gezeigt hatten. So interpretiert man es jedenfalls, wenn seine Frau Viola (Inka Friedrich) der einst gemeinsamen Freundin des Ehepaares, der  Anwältin Gisa (Nina Petri) die Lage referiert. Wenn eine Gewaltbereitschaft durch langjährige Repression in der eigenen Kindheit verursacht wird, und die Einlassung von Thomas Schäfers Mutter lässt das vermuten, dann kommt sie wohl kaum so plötzlich und verblüffend zutage, dass man sagen konnte, vorher war alles in Ordnung.

Dass Viola sich gut für eine Opferrolle eignet, ist keine Frage, man steht ihr im Verlauf der Handlung zunehmend reserviert gegenüber. Wie sie sich von ihrem Mann abwendet, um sich ihm wieder zuzuwenden, das folgt keinem Bekenntnis, auch keiner Erkenntnis, sondern wirkt eher wie eine Sehnsucht nach Unterwerfung und seelischer Qual. Wieder die Frage: Alles, was Thomas an Viola verachtet, das kam plötzlich zum Ausbruch, als er befördert und mglw. überfordert wurde? Da gab es vorher keine Anzeichen von Respektlosigkeit, gab keine Demütigung, nichts, das sich auch auf die Kinder ausgewirkt hat? Nachvollziehbar hingegen, dass Thomas Schäfer seine Tochter Sofia nicht angreift.

Vor ihr hat er Respekt. Ihre robuste Art schließt eine Opferrolle aus. Man kann hierin einen Zug von Feigheit des Vaters sehen. Er traut sich nur an diejenigen, die offensichtlich schwächer sind. Das sind seine willensschwache Frau und der Sohn, der noch zu jung ist, um sich wehren zu können – und anfangs auch zu sensibel wirkt. Auch dieser Aspekt lässt doch eher auf die langfristige Entwicklung  einer innerfamiliären Rangfolge schließen, als darauf, dass jemand plötzlich auskeilt. Das würde doch eher alle Familienmitglieder treffen, wenn auch nicht in gleicher Dosierung.

Dass gerade der vorher ängstliche Sohn plötzlich loslacht, als der Vater im Schachspiel verliert und später sogar dessen Zimmer verwüstet, in einem Racheakt, als Demonstration endgültiger Abkehr vom Vater, ist differenziert zu betrachten. Wenn es wirklich so war, dass der Vater früher ganz okay war und plötzlich gewalttätig wurde, dann ist eine solche Reaktion des Sohnes möglich. Wir haben aber daran gezweifelt, dass der Vater nicht früher auch schon eine Tendenz zur Repression hätte haben müssen und die Aussagen seiner Frau gegenüber der Anwältin beschönigend sein könnten.

Wenn diese Tendenz aber vorhanden war, auch wenn sie sich nicht ständig physisch geäußert hat, reagiert dann ein offenbar sehr sensibler Junge, der immer schon Opfer dieses väterlichen Charakterzuges gewesen sein muss, so beinahe mühelos aufbegehrend? Wer in einem Angstklima groß geworden ist,  wird sich damit schwerer tun, als es hier bei Sven Schäfer (Justus Kammerer) gezeigt wird. Die  Glaubwürdigkeit des Verhaltens des Sohnes stützt sich also auf die Glaubwürdigkeit des väterlichen Verhaltens.

Es ist eher die Prämisse des Films, mit der wir uns schwer tun, als das, was wir in den 90 Minuten an Handlung sehen.

Denn die Herleitung der Gewalt, die uns einerseits lapidar mit einem Karrieresprung, zum anderen mit einer tyrannischen Mutterfigur präsentiert wird, müssen wir so hinnehmen. Es ist sicher treffend analysiert, dass die Dinge, die den nicht unbeliebten Lehrer Schäfer so auf Kante fahren lassen, Perfektionismus, Ehrgeiz, andererseits zu großen Leistungen führen. Eine Art Trainersyndrom. Harte Hunde mit großer Motivationsfähigkeit. Aber auch hier wieder: Kam die positive Dimension des Charakters plötzlich zum  Vorschein, wie die negative?

Oder müsste sich nicht beides im Lauf der Jahre entwickelt haben und immer schon in Thomas Schäfers Charakter angelegt gewesen sein? Man sieht ja auch, wie dieses dünne Glacis aus Selbstbewusstsein, das zum Beispiel aus dem Chorerfolg generiert wird, beinahe ohne jeden Widerstand durchbrochen wird, wenn etwas nicht perfekt läuft. Er verliert im Schach gegen seinen Sohn und geht hoch wie ein Hefekuchen, als dieser ihn auslacht. Er blockiert und kann an der Tafel eine einfache Matheaufgabe nicht vorrechnen. Das sind Dinge, die nicht durch einen Karrieresprung verursacht sein können, sondern es sind Grundängste, die immer wieder an die Oberfläche dringen müssten, die nicht bewältigte Abwesenheit von Grundvertrauen lässt diese Ängste übermächtig werden.

Die Familienkonstellation, die uns gezeigt wird, Mann, Frau, zwei Kinder besteht seit dreizehn Jahren. Die Verlustängste; Angst vor Kontrollverlust, vor Vertrauens-, Respekt-, Liebesverlust fallen nicht mit einer in Nuancen veränderten Berufssituation vom Himmel.  Für uns müsste eine längerfristige Tendenz aber auf seinem ausentwickelten Persönlichkeitsbild beruhen. Damit wird auch die Konstruktion fragwürdig, dass die Familie sich so verhält, wie sie es tut, nämlich erst einmal stillhält, weil eben die Gewalt des Vaters etwas Neues ist, das vorübergehen könnte.

Dass jemand wie Frau Schäfer jemandem auch bei langjähriger Gewalt die Treue halten würde, das lässt sich durchaus denken, solche Frauen gibt es (solche Männer auch, wobei es in umgekehrter Richtung tendenziell eher in Richtung psychische Gewalt geht). Aber in „Kehrtwende“ wird dieses Modell nicht zugrunde gelegt. Warum nicht? Weil dies zu zeigen zu komplex gewesen wäre? Zu viel Präzision bei der Herleitung, der Hintergründe von Gewalt verlangt hätte? Weil einige Aktionen wie die Rache des Sohnes, auch das Ausbrechen der Tochter aus dem Familiensystem ohne ernsthafte Konsequenzen in einem langjährigen System von Repression kaum denkbar gewesen wären? Zumindest nicht ohne eine Initiation oder kathartische Situation?

Oder hat man darauf verzichtet, das Strukturelle und Langfristige zu zeigen, weil letztlich die Läuterung (Ende offen, Läuterung aber zumindest denkbar) des Thomas Schäfer so nicht darstellbar gewesen wäre? Nämlich als doch recht schnelle Einsicht, die man wohl nur haben kann, wenn auch das Fehlverhalten nicht zu tief verwurzelt ist. Man kann nur vermuten, warum ein atypisches Modell von häuslicher Gewalt gezeigt wird.

Dem Film hätte eine halbe Stunde mehr an Spielzeit gut getan. Aber dann wäre der anschließende Zeitplan durcheinander gekommen. Schließlich musste noch in „Hart aber fair“ über das Thema diskutiert werden, ohne dass dabei wesentlich Neues über häusliche Gewalt zutage gekommen wäre. Der tiefgründigen Auslotung bestimmter Themen eignet das übliche Fernsehfilmformat nur bedingt.

Vielleicht wäre es in 90 Minuten möglich gewesen, aber über eine Tragödie kann man vielleicht nicht so gut nachdenken wie über einen Film, der offen endet. Man hätte aber die Konzentration steigern können, indem man den plötzlichen, irritierenden Schwenk von Viola hin zum Automechaniker weggelassen hätte. Diese Hinwendung nach der Abwendung hat keine dramaturgische Funktion, zeigt kein eigenständiges thematisches Element, verstärkt auch keine Aussage. Weg von zuhause ist an sich ein glaubhafter Ausbruch genug für jemanden, der sich lange Zeit so defenisv verhalten hat, weil es in seinem Charakter angelegt ist. Auch die Szenen bei und mit Gisa sind nicht alle zwingend, als Figur ist sie aber wichtig, denn irgendwer muss ja den Gegenpol bilden zum Ehemann, muss den Widerstand der gequälten Viola befördern und unterstützen, eine komplett selbst initiierte Flucht ohne mentale und sachliche Unterstützung seitens einer dritten Person wäre bei Viola denn doch sehr unglaubwürdig gewesen.

Finale

Starke Momente und schauspielerische Leistungen, Ursachen und Hintergründe der gezeigten häuslichen Gewalt hingegen, mithin die Reaktion der von Gewalt Betroffenen, finden wir teilweise verkürzt und nicht vollkommen plausibel dargestellt. Was leider auch zu kurz konmt, ist das Formale. Der Film ist sehr konventionell in seiner Bildsprache. Möglich, dass man sich jede Extravaganz wegen des ernsten Themas verkneifen wollte. Zwingend ist die betonte Schlichtheit aber nicht. Dieser Aspekt fließt nicht negativ in die Bewertung ein.

Hingegen hat der Film auch einen Anspruch und soll nützlich sein. Vielleicht regt er in Familien zu Diskussionen an. Ob wir nun nicht weitergekommen sind, die Eruierung der Hintergründe häuslicher Gewalt betreffen, oder ob wir bloß nicht bestimmte Sichtweisen bestätigt bekamen – darüber werden wir – sic! – noch ein wenig nachdenken.

66/100

© 2020, 2014, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Dror Zahavi
Drehbuch Johannes Rotter
Produktion Sonja Goslicki
Musik Jörg Lemberg
Kamera Gunnar Fuß
Schnitt Dora Vajda
Besetzung

 

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