Zerstörte Hoffnung – Polizeiruf 110 Fall 145 / Crimetime 431 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Hoffnung

Crimetime 431 - Titelfoto © DFF / ARD

Hoffnungslosigkeit ist die schwierigste Situation

Das Zufallsopfer eines bösen Streichs überlebt – aber trotzdem ist alles kaputt. Dass Menschen nicht gerecht sein können, hat sich beim Anschauen des 145. Polizeirufs anhand unserer eigenen Reaktion erwiesen. Was damit gemeint ist und was es sonst zu vermerken gibt, erklärt sich aus der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Seit längerer Zeit ist die Polizei um Oberkommissar Jürgen Hübner und Kommissar Lutz Zimmermann Vandalen auf der Spur, die in einem Neubaugebiet unter anderem Telefonzellen mutwillig zerstören. In dieser Nacht wird die fünfte zerstörte Telefonzelle gemeldet, es häufen sich zudem Anzeigen von Vandalismus an Autos und zerschlagenen Reklametafeln. Hinter allem steckt die Clique um Anführer Schnalle, zu der außerdem Alexander, Sioux und die Mädchen Sabine und Grit gehören. Alle haben individuelle Probleme in der Familie: Schnalle wurde von seinen Eltern rausgeworfen und haust nun in einer heruntergekommenen Wohnung. Alexander wächst bei seiner Mutter auf und macht eine Lehre auf der Baustelle, doch ist es seine Mutter, die den Jungen stets entschuldigt und selbst bei einem Kater eine Erkrankung Alexanders angibt. Sioux hat eine zerrüttete Familie und Sabine einen Vater, der ihr hörig ist und nicht erkennt, dass seine Tochter längst auf die schiefe Bahn geraten ist. Nur Grit war früher eine vorbildliche Schülerin und hat als begabte Zeichnerin sogar einen Preis gewonnen. Sie wollte Porzellanmalerin werden, doch waren ihre Noten in Mathe und anderen nicht-künstlerischen Fächern zu schlecht. Sie geriet unter den Einfluss von Sabine und ist seitdem rebellisch. Ihre schulischen Leistungen haben rapide nachgelassen.

Die Gruppe trifft sich jeden Abend zu Sauftouren, sei es in ihrer Lieblingskneipe oder im Jugendclub, der von Silvio geleitet wird. Alexander vermutet, dass Silvio hinter Sabine her ist, die er als seine Freundin betrachtet. Es kommt immer wieder zu kleineren Rangeleien zwischen Silvio und Alexander. Alexander bringt eines Tages den jungen Karsten mit in den Club, der sein Leben der Musik verschrieben hat. Er will Konzertpianist werden und gerät hin und wieder mit Alexander zusammen, wenn der in der Wohnung unter ihm mal wieder die Musik auf höchste Lautstärke stellt. Im Club zeigt sich, dass Silvio und Karsten gute Bekannte sind.

An einem anderen Tag trinkt die Gruppe exzessiv bei Schnalle und begibt sich anschließend zum Club. Silvio verweigert den betrunkenen Jugendlichen jedoch den Eintritt. Da Alexander zudem vermutet, dass Silvio mit Sabine flirtet, will er ihm einen Denkzettel verpassen. Er löst die Bolzen am Vorderrad von Silvios Motorrad. Der Zerstörungswut der Clique fallen an diesem Abend unter anderem eine Telefonzelle und ein Kinderspielplatz zum Opfer. Am Ende kehren alle in ihre Lieblingskneipe ein, wo sie ihre Getränke wie so oft mit den Münzen des geknackten Fernsprechers bezahlen. Die Ermittler können am nächsten Tag zahlreiche Spuren der Gruppe an den Tatorten sichern. Silvio hat unterdessen mit seinem manipulierten Motorrad einen schweren Unfall. Er bleibt nahezu unverletzt, doch wird sein spontaner Mitfahrer Karsten mit zertrümmerter Hand ins Krankenhaus gebracht. Er wird nie wieder Klavier spielen können und denkt depressiv an Selbstmord. Als Alexander vom Unfall des ihm sympathischen Karsten hört, ist er verstört. Schnalle weist die Gruppe an, bei einer Befragung durch die Polizei zu schweigen. Tatsächlich sind die Ermittler der Clique auf die Spur gekommen. Alle fünf werden festgenommen. Die Spuren reichen aus, um ihnen die Taten zu beweisen, auch wenn die Cliquenmitglieder sich beim Verhör gegenseitig belasten. Die Geständnisse der Clique helfen Karsten jedoch nicht: Sein Lebenstraum ist zerstört.

Rezension

„Zerstörte Hoffnung“ ist ein ziemlicher harter Polizeiruf, offenbar nicht untypisch für den Stil der Wendezeit. Nicht, dass die Delikte so gigantisch wären und es kommt niemand zu Tode, siehe Einleitung. Aber das Verhalten der Jugendlichen und was dadurch passiert, ist eine bittere Anklage gegen gedankenlose Gewalt und Zerstörungswut. Gleichzeitig versucht man, die Hintergründe der „aus der Art geschlagenen“ Jungs und Mädels so zu beleuchten, dass klar wird, es kommt nichts von nichts.

Ihre Eltern sind entweder bornierte Apparatschiks, die Apparatschiks durfte man 1990 schon als borniert darstellen, wobei schon interessant ist, dass der Film eine so lange Drehzeit hatte und trotzdem kaum Brüche aufweist. Als man im Januar 1990 begann, war noch gar nicht klar, dass die DDR der BRD beitreten würde, die Entwicklung hätte auch so verlaufen können, dass die Apparatschiks nochmal das Sagen bekommen hätten. Im Mai 1990 jedoch war schon alles klar, die Volkskammerwahlen im März hatten eindeutige Verhältnisse geschaffen. Deswegen haben wir den Verdacht, dass die lange Drehzeit auch auf Umschreibungen des Buches zurückzuführen ist, die dafür sorgten, dass der Film nicht zu rasch von der Wirklichkeit überholt werden konnte. Das hat funktioniert.

Besonders in dem Moment, wo die Schulleiterin und der Lehrer Grit sich mit dem Notenschnitt der Schülerin, mit ihrer und der Eltern Gesinnung, aber nicht mit dem Talent des Mädchens und mit einer für sie sinnvollen Berufswahl befasssen. So etwa muss es passiert sein, dass immer mehr Menschen sich vom System abgewendet hatten. Es war erstarrt und die Jugend kam damit nicht klar. Schon in „Per Anhalter„, einem der besseren Polizeirufe aus den 1970ern, die wir bisher gesehen haben, wurde eine ähnliche Clique gezeigt, die ähnliche Delikte begeht. Die Auseinandersetzung zwischen dem, was nach sozialistischen Maßstäben die Realität sein sollte und dem, was ist, wurde in den Polizeirufen schon recht früh geführt. 1990 hingegen war es leichter, das Verhalten von Jugendlichen auf Systemfehler, die zu persönlichen Fehlern der Eltern wurden, zurückzuführen.

Die geplatzten oder zerstörten Träume beziehen sich nicht nur auf Karstens Schicksal, der nicht mehr Konzertpianist werden kann, obwohl uns diese zerstörten Träume zugegebenermaßen sehr getriggert haben. Wir versuchen, beim Rezensieren Täter und Opfer nicht zu sehr emotional zu betrachten, uns da nicht so reinziehen zu lassen, aber klar – wenn man selbst Musik gemacht hat, kommt Wut auf, wenn man sieht, wie ein hoffnungsvolles Talent hier vernichtet wird. Ein netter, etwas abgeschiedener Junge lässt sich darauf ein, neue Freunde zu finden und gerät unversehens in einen Hinterhalt, der gar nicht für ihn gedacht war.

Zerstört sind natürlich auch die Träume von Karstens Eltern – aber auch die der anderen jungen Menschen und von deren Eltern. Nun könnte man einwenden – welche Träume? Die Typen lungern nur rum und saufen und randalieren, aber der Film nimmt sich etwas mehr Zeit: Der eine ist ein guter Arbeiter, die andere eine gute Schülerin, eine dritte handwerklich begabt. Überall ist etwas verborge, was sich nicht zeigen oder entfalten kann, weil die Familienverhältnisse eine ungestörte, positiv begleitete Entwicklung nicht zulassen. Die geistige Enge oder die überforderte, alleinerziehende Frau Kunzmann, die mal wieder eine der naiven Muttis darstellt, die wir in Polizeirufen häufig sehen.

Am krassesten ist das Verhältnis von Vater und Tochter Richter. Das war schon ziemlich gewagt und wäre es heute noch, ein sexuelle Hörigkeit des Vaters der Tochter gegenüber zu zeigen, sogar mit einer „Kuschelszene“. Dass Anja Kling so eine Rolle spielt wie die von Sabine Richter, hätten wir ihr nicht zugerechnet und es hatte auch etwas gedauert, bis wir sie hinter der weißen Schminke und mit Zottelhaaren und Lederjacke erkannten.

„Zerstörte Träume“ gehört zu den schonungslosen Polizeirufen, in denen Jugendlichen und Zuschauern und Eltern und der Gesellschaft nichts geschenkt wird. In dem Szenario wirkt Oberleutnant Hübner altbacken und etwas hilflos. In der Landkarten-Einstellung hätte man ihn unbedingt doubeln müssen, man sieht zu sehr, dass er Mühe hat, die Hand ruhig zu halten. In der Wikipedia wird Hübner bereits als Oberkommissar bezeichnet. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Films war er das auch, aber nicht zu Drehbeginn, damals müsste er noch Oberleutnant gewesen sein.

Er kann die Täter zwar stellen, obwohl er nicht der Typ ist, der ihnen Angst einflößen kann – aber ihm kommt auch sehr das schlechte Gewissen von Alexander zu Hilfe, das diesen zu einem Geständnis bewegt. Denn wer aus der Gruppe nun das Motorrad von Silvio manipuliert hat, hätte sich nicht ohne Weiteres ermitteln lassen, Fingerabdrücke hin oder her. Dass sich einzeln vernommene Gangster oder Bandenmitglieder gegeneinander ausspielen lassen, ist wiederum ein Klassiker, ein häufig bemühter Standard, der auf grandiose, prototypische Weise im Kinofilm „Im Netz der Leidenschaften“ (1946) dargestellt wurde.

Finale

Als Zeitdokument ist „Zerstörte Träume“ ein Muss, weil er die Orientierungslosigkeit dokumentiert, die im Osten bis heute eine große Rolle spielt und hier schon während des Übergangs in ein anderes System gut erahnt wird. Man identifiziert sich mit nichts mehr, nicht einmal mit sich selbst. Die Eltern sind damit beschäftigt, über die Runden zu kommen oder irgendeinen Kurs zu wahren, der sich längst als Irrweg herausgestellt hat. Die großen Umwälzungen innerhalb weniger Monate, denen die DDR-Gesellschaft ausgesetzt war, spürt man hier sehr deutlich und doch sind sie nicht die Ursache für Fehlentwicklungen, sondern die Folgen. Sie haben den Zerfall nur beschleunigt.

Es läuft ein bisschen auf ein Narrativ hinaus, das wir von Ostalgikern kennen: Die heutige Rechtslastigkeit ist ausschließlich bedingt durch die Verwerfungen der Einheit. Dass es schon in der DDR Nazis gab wird genauso ausgeblendet wie die Kausalität, dass die Enge des Systems Weltoffenheit nicht gerade gefördert hat. Auch das (selbst-) zerstörerische Verhalten der Jugendgang in diesem Film mag alles wachrufen, was wir furchtbar finden, was wir ablehnen, was unseren Selbstschutz auf den Plan ruft – aber es kommt nicht von nichts und es endet in der Zerstörung der Träume.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Hagen
Drehbuch Regina Weicker
Produktion Hans-Erich Busch
Musik Conrad Aust
Kamera Rolf Sohre
Schnitt Karin Kusche

Jürgen Frohriep: Oberkommissar Jürgen Hübner
Lutz Riemann: Kommissar Lutz Zimmermann
Anja Kling: Sabine Richter
Alice Carpentier: Grit Schumacher
Thomas Lawinky: Karl-Heinz „Schnalle“ Ohnesorg
Eduard Burza: Alexander Kunzmann
Oliver Goslicki: Gerd „Sioux“ Runge
Volker Ranisch: Karsten Weigel
Thomas Mehlhorn: Silvio Moritz
Renate von Wangenheim: Christine Kunzmann
Renate Blume: Grits Mutter Brigitte
Jürgen Reuter: Grits Vater Heinz
Günter Schubert: Sabines Vater
Solveig Müller: Karstens Mutter
Brigitte Beier: Schuldirektorin
Petra Blossey: Nachbarin
Karin Düwel: Frau Kohl
Erdmute Schmidt-Christian: Kriminalistin
Peter Friedrichson: Postler
Werner Kanitz: Kohlenhändler
Alfred Lux: Arzt
Dieter Perlwitz: Herr Heimann
Peter Prager: Lehrer
Wilfried Pucher: Herr Wohlgemuth
Gerd Staiger: Sachverständiger
Hans-Joachim Brieske: Wachhabender
Elke Brosch: Meisterin
Werner Dissel: Alter Mann
Hannelore Fabry: Alte Frau
Jörg Kleinau: Abschnittsbevollmächtigter
Gerd Klotzek: Musiklehrer
Willi Neuenhahn: Paul Funke
Knut Schultheiß: Genosse beim ABV

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s