Die Brücken am Fluss (The Bridges of Madison County, USA 1995) #Filmfest 45

Filmfest 45 A

Unbezwingbare Sehnsucht, kurzes Glück

Clint Eastwood wird bald 90 Jahre alt und ist eine der schillerndsten noch lebenden Persönlichkeiten Hollywoods. Sein Macho-Image als Star in den Spaghetti-Western, die ihn berühmt machten, die teilweise großartigen Regiearbeiten, die 1992 in „Unvorgiven“ gipfelten – und die Wahl eines Themas, das man ihm nicht zugetraut hätte, denn bei einem Liebesdrama, in dem eine Frau eine mindestens gleichberechtigte Rolle einnimmt, ebenfalls die Regie zu übernehmen, schien Eastwood durchaus nicht in die Wiege gelegt worden zu sein. Ein bisschen Glück war auch dabei, da Steven Spielberg, der die Rechte an der Romanvorlage erworben hatte, wegen seiner Arbeit an „Schindlers Liste“ keine Zeit hatte, diese Romanze selbst zu inszenieren.  Vielleicht war das besser so. Wie gut das Eastwood-Ergebnis nun wirklich ist, klärt sich auf in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Mitte der 1990er-Jahre: Nach dem Tod von Francesca Johnson ordnen ihre beiden erwachsenen Kinder Michael und Carolyn deren Nachlass. Ihre Mutter hat in ihrem Testament verfügt, sie einäschern und ihre Asche von der Roseman Bridge verstreuen zu lassen. Die Kinder wundern sich darüber und stoßen bei ihren Nachforschungen auf ihnen bisher unbekannte Fotos ihrer Mutter aus dem Jahr 1965. Aus einem ihrer Briefe erfahren sie, dass ihre Mutter damals eine Affäre mit einem Fotografen hatte, der 1982 verstarb und ebenfalls verfügte, dass man seine Asche von der Roseman Bridge verstreuen solle. Die Kinder sind zunächst empört, lesen dann aber die drei Tagebücher ihrer Mutter und erfahren, was sich damals zugetragen hatte.

Die ursprünglich aus Italien stammende Francesca Johnson ist 1965 eine Mittvierzigerin, die mit ihrer Familie auf einer Farm in Winterset, Iowa, lebt. Als ihr Mann Richard mit den beiden Kindern für vier Tage zu einer Landwirtschaftsausstellung nach Illinois fährt, bleibt Francesca allein zurück. Sie widmet sich ihrer Alltagsarbeit, als ein Autofahrer vorbeikommt, um sie nach dem Weg zu fragen. Der Unbekannte ist Robert Kincaid, ein Fotograf aus Bellingham, der für National Geographic die überdachten Brücken von Madison County fotografieren soll. Nach einem vergeblichen Versuch, den Weg mit Worten zu erklären, begleitet Francesca den Fremden kurzerhand zu der gesuchten Roseman Bridge. Auf der Fahrt dorthin kommen sie ins Gespräch. Francesca ist skeptisch und fasziniert zugleich von Roberts lockerer und weltoffener Art. Wieder daheim, bittet sie ihn, auf einen Eistee mit ins Haus zu kommen. Schließlich bleibt er sogar zum Abendessen.

Francesca fühlt sich mehr und mehr zu Robert hingezogen. Sie entdeckt durch ihn ihre eigenen, verloren geglaubten Sehnsüchte wieder, für die in ihrem Alltagsleben kein Platz mehr ist. Trotz gegenteiliger Beteuerungen ist sie mit ihrem Leben nicht glücklich. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem damals in Italien stationierten Mann nach Amerika kam, hatte sie sich das Leben dort anders vorgestellt, zumal sie außerdem für ihren Mann ihre Stellung als Lehrerin aufgeben musste, da dieser nicht wollte, dass sie arbeitete. Nach und nach erfährt sie mehr über Roberts Leben. Er ist ungebunden, viel in der Welt unterwegs und war auch schon für ein paar Tage in ihrer italienischen Heimatstadt Bari. Francesca ist begeistert, empfindet aber gleichzeitig angesichts ihres eigenen einfachen Hausfrauendaseins Minderwertigkeitskomplexe. Nachdem es wegen ihrer unterschiedlichen Lebensentwürfe zu einer kleinen Missstimmung kommt, reist Kincaid wieder ab. Francesca bereut es, ihn vertrieben zu haben, und befestigt eine Nachricht an der Roseman Bridge, die Kincaid am folgenden Morgen fotografieren will. (…)

Rezension

„Die Brücken am Fluss“ ist einer der bekanntesten Liebesfilme der 90er Jahre, der zwei Schauspielergiganten zusammengeführt hat. Meryl Streep war längst für die großartigen Charaktere bekannt, denen sie Leben einzuhauchen vermochte. Deswegen war es vor allem Clint Eastwoods differenzierte Darstellung des Fotografen Robert Kincaid, die besondere Würdigung fand, da Eastwood in seinen Blockbustern bis dahin eher der schweigsamen Männerwelt der Western und Polizeifilme verhaftet war.

Mittlerweile hat er aber als Schauspieler wie als Regisseur längst gezeigt, wie differenziert er spielen kann. Deswegen wirkt seine Darstellung in „Die Brücken am Fluss“ heute noch sehr gut, aber nicht mehr so erstaunlich. Außerdem ist er seinem Typ durchaus treu geblieben. Ein Mann der eher knappen Worte und einsamer Wolf. Das wiederum hat er großartig hinbekommen, diesen Charakter in einem Film zur Geltung zu bringen, in dem das Sprechen nicht durch Aktion ersetzbar ist.

Die Handlung ist sehr linear und psychologisch nachvollziehbar. Eine Frau wohnt mit Familie in der Einöde des Mittleren Westens der USA und sehnt sich nach Zweisamkeit. Sie wird als italienischstämmig dargestellt, der Buchvorlage entsprechend, obwohl Meryl Streep auch bezüglich ihrer Ausstrahlung nicht unbedingt südländisch wirkt. Notwendig wäre ein national gefärbter Hintergrund nicht gewesen, um sie zu verstehen und ihren Wunsch, einmal auszubrechen. Er soll aber sicher dazu dienen, ihren Wunsch nach mehr Emotion und Farbe in ihrem Leben zu unterstreichen, denn sie ist eine Fremde, nicht in dieser eintönigen Umgebung aufgewachsen, mit Sehnsüchten ausgestattet, die jemand, der in jenem Land aufwuchs, möglicherweise nicht so deutlich verspürt.

Man hat die Romanze Streep / Eastwood in eine Rahmenhandlung eingebettet, die nach dem Tod von Francesca (Meryl Streep) angesiedelt ist und in der ihre Kinder anhand ihrer Tagebücher wichtige Erkenntnisse gewinnen.

Rezension

Die Figuren in einer simplen Handlung.  Obwohl der Film mit dem Rahmen beginnt, in dem die Kinder der nunmehr verstorbenen Francesca, die Tochter Carolyn Johnson (Annie Corley) und Michael Johnson (Victor Slezak) zu Wort kommen, möchten wir mit dem Liebespaar Francesca Johnson (Meryl Streep) und Robert Kincaid (Clint Eastwood) beginnen.

Da entspinnt sich eine feine, in Zwischentönen angelegte Romanze zwischen einer Hausfrau, die sich nach dem zweiten Weltkrieg freiwillig vom farbenfrohen Italien in die Midwet-Einöde der USA begeben hat und dort tapfer als Familienmittelpunkt wirkt. Da ist aber immer eine Sehnsucht in ihr geblieben und der fürs National Geographic Institute durch die Welt ziehende und die Welt in schöne Fotos bannende Abenteurer Robert Kincaid ist die perfekte Projektionsfläche für diese Sehnsucht. Das wirkt auf den ersten Blick klischeehaft, und im Verlauf des Films können auch die großartigen Schauspieler nie ganz verleugnen, dass hier psychologisch ein wenig grob geschnitzt wurde, aber sie geben dem Gezeigten Authentiztität. Die langsame, skeptische Annäherung, der einmalige Höhepunkt und auch die Rückkehr in die Normalität, die Francesca vollzieht, das nehmen wir ihr nicht nur ab, wir glauben, von der Realitätsnähe solchen Muster zu wissen.

Deswegen fanden wir Rezensionen zum Schmunzeln, auf der Männer, die sich offenbar persönlich angegriffen fühlten, über die Moral der Frau herzogen. Die Langweiligen werden ab und zu betrogen, aber nicht selten bleiben die Frauen am Ende bei ihnen. Und zwar dann, wenn diese Männer ehrlich, stetig, verlässlich sind. Aber für einige Tage, vielleicht auch für länger, mehr zu erwarten und sich dies dann auch zu gewähren, das ist mehr als nachvollziehbar und wird von Streep / Eastwood sehr intensiv dargestellt. Keine Übertreibungen, keine emotionalen Erdbeben, nur ein Spiel von Anziehung und – nach einmaliger Abstoßung – von Erfüllung für einen kurzen Moment.

Die Roseman-Brücke, die dem Film als Titelmotiv dient, symbolisiert die beiden Welten des Heimatlosen und der Geerdeten, die sich für einen Moment auf dieser Brücke berühren und zusammenfinden, bevor sie sich wieder voneinander lösen – und das für immer. Nicht selten bricht jemand auch endgültig aus, aber die hier gezeigte Variante ist in konventionellen, konservativen Verhältnissen sicherlich die häufigere und für uns war es faszinierend, dabei zuzuschauen, wie sich ein Gefühl entwickelt und zu einer kurzen Romanze führt. Ob es wirklich Liebe ist, hängt von der Definition des Wortes ab. Francesca wird auch ihren Mann auf ihre Weise lieben.

Der psychologische Hintergrund der relativ niedrigen IMDb-Bewertung seitens amerikanischer Männer. Es gibt einen auffallenden Unterschied zwischen der Bewertung von Männern und der von Frauen in der IMDb, der insgesamt zu einem aktuellen Ergebnis von 7,6/10 führt. Das ist recht anständig, aber wenn es nur nach den Frauen ginge, die ihre Stimme abgegeben haben, läge der Film mit 7,9/10 an der Grenze zu jenen Bewertungen, die wirklich als top gelten. 2019 ist es leider nicht mehr möglich, einen weiteren Unterschied komplett zu evaluieren: Nämlich, warum US-Nutzer das Werk im Schnitt nur mit 7,2/10 und solche von außerhalb der USA mit 7,7/10 bewertet haben. Im Rahmen der Erstveröffentlichung 2011 hatten wir beschrieben, dass vor allem amerikanische Männer mit diesem Film nicht sehr gut klarkommen.

Denn vor allem männliche Amerikaner, die nicht selten dem Typ des hier betrogenen Ehemannes entsprechen dürften, mögen den Film nicht. Und das, obwohl in der Rahmenhandlung der ebenso eingestellte, typische Midwest-Moralamerikaner Michael Johnson, der Sohn, eine Wandlung erfährt. Nachdem er mit seiner Schwester das Tagebuch der Mutter gelesen hat, ist er geläutert und versteht deren Motive. Noch deutlicher kann man als Filmemacher nicht darum bitten, nicht dafür werben, dass ein Mensch wie Francesca in seinen Motiven respektiert wird – und doch. Die Befürchtung, dass sich die hier angesprochenen Männer nicht aus der Wagenburg bewegen, ihre emotionalen Defizite sehr wohl spürend, die sich eben nicht durch Francescas verfilmtes Tagebuch milder stimmen lassen , ist sehr naheliegend. Schade, aber im Allgemeinen und besonders angesichts des konservativen Klimas während der Bush-Zeit auch nicht verwunderlich. Es kann nicht ausbleiben, dass wir anlässlich der Republizierung hinzufügen: Und heute erst. Die weißen Männer haben sich noch immer nicht davon erholt, dass sie vor allem den Frauen und den Angehörigen von Minderheiten die Wahl des ersten dunkelhäutigen Präsidenten der USA zu verdanken hatten – was sie dann 2016 gemacht haben, darf die Welt jeden Tag fassungslos bestaunen.

„Die Brücken am Fluss“ ist aber keine Aufforderung, sich zu erheben. Der zwischenzeitliche Ausbruch einer Frau wie Francesca zementiert die Verhältnisse eher, als dass er sie ändert. Denn wenn es einer Frau ausreicht, für ein paar Tage in eine andere Welt flüchten zu dürfen und danach wieder alles beim alten ist, dann ist die Ordnung nicht gefährdet. Jedenfalls werden sich nur wenige Männer aufgerufen fühlen, ihre emotionale Aufstellung zu überprüfen, wenn sie nicht ohnehin eher nachdenklich und empathisch veranlagt sind. Dafür ist das, was wir sehen, zu subtil. Wir haben den Verdacht, nicht nur in den USA reicht es in weiten Landstrichen immer noch aus, wenn ein Mann kein ausgemachtes Arschloch ist, auch wenn er sonst nicht viel zu bieten hat, was nicht jeder andere Mann auch zu bieten hätte. Deswegen ist der Film strukturkonservativ, was die Binnenhandlung angeht. Die Rahmenhandlung, die in der Jetztzeit von 1995 spielt, gibt aber einen Verweis – die Veränderung der Ansichten des Sohnes und der endgültige Ausbruch der Tochter aus einer unglücklichen Beziehung nach dem Ende der gemeinsamen Tagebuch-Studien übertragen das, was der Film zeigt, in heutige Denk- und Verhaltensmöglichkeiten. Damit wird auch eine mögliche grundsätzlich konservative Aussage des Films durch die Rahmenhandlung korrigiert.

Clint Eastwood plötzlich im Zentrum der Sehnsucht einer Frau, das ist natürlich auch eine Art von Verrat, insofern sind die teils wütenden Reaktionen von Durchschnittsmännern auf den Film ebenfalls nicht ganz unverständlich. Aber es ist wahr und mehr will der Film erkennbar nicht sagen, als dass es verschüttete Gefühle gibt. Das wird auch umgekehrt der Fall sein, wenn Männer einer Frau begegnen, die ihre lange gehegten Träume spiegelt und sie aus der Alltagswelt für einen verzauberten Moment entführt.

„Die Brücken am Fluss“ ruft also nicht zum Sprengen der Ketten auf. Bewusst ist die Beziehung der Tochter nicht mit der ihrer Eltern vergleichbar beschrieben, sondern durch fortwährende Untreue  gekennzeichnet. Dass hingegen Michael vom bornierten Moralisten während der Tagebuch-Sitzungen zum Versteher mutiert, ist ein wenig holzschnittartig. Wir geben es für gut, weil es zu dieser Bitte um Verständnis für Francesca gehört, die der Film ausspricht und die man in Kenntnis des amerikanischen Publikums sehr deutlich in den Vordergrund gestellt hat.

Im Grunde ist alles ein Deal, so scheint es in diesem Film. Sicherheit und Verlässlichkeit sind durchaus wichtige Werte, und damit die Erhaltung einer langjährigen, erprobten Beziehung, die beiden Seiten diese Sicherheit gewährt. Dafür gewinnt jemand, der lange Zeit ein Defizit an Romantikerfüllung mit sich herumträgt, das Recht, ein- oder zweimal im Leben diese Erfüllung zu beanspruchen. Egal, ob Frau oder Mann.

Stil. Man muss die exzellente Bilder erzeugende Kamera erwähnen, dazu werden viele Lieder aus den 60ern gespielt und in Bezug zur Handlung gesetzt. Immer erklingen sie entweder aus Francescas Wohnung in der Küche oder aus dem Autoradio von Robert Kincaid. Obwohl die Atmosphäre trotz der Dekors nicht überragend zeitgebunden ist, entsteht auf diese Weise ein Gefühl für die Epoche und für den weiten, dünn besiedelten Raum, in dem es jedoch immerhin einen Jazzclub mit Lifemusik gibt.

Finale

Ein sehr schöner Film über eine kurze Begegnung, die zur Romanze wird. Die Handlung ist so einfach, dass ihre Logik nicht gesondert betrachtet werden muss. Die Logik der Gefühle hingegen stimmt und das macht „Die Brücken am Fluss“ aus: Dass die Entwicklung der Romanze zwischen Francesca und Robert authentisch wirkt.

80/100

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Clint Eastwood
Drehbuch Richard LaGravenese
Produktion Clint Eastwood,
Kathleen Kennedy
Musik Lennie Niehaus
Kamera Jack N. Green
Schnitt Joel Cox
Besetzung

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s