Wofür es sich zu leben lohnt – Tatort 1002 / #Crimetime 432 / #Tatort #Konstanz #Bodensee #Blum #Perlmann #Fassbinder #Leben #Tatort1002

Crimetime 432 - Das große Finale: Titelfoto © SWR, Patrick Pfeiffer

Adios, Santa Klara von der Kleinblütigen Bergminze

Es gibt einen Moment in diesem Film, da glaubt man, der Sensation ganz nah zu sein. Eine Kommissarin stirbt im Dienst. Sogar in Aktion, aber nicht direkt durch Gewalteinwirkung. Nur am allzu heftigen Rasen ihres kranken Herzens.

Und wessen Herz, der eines hat, würde nicht irgendwann müde und krank, wenn er täglich mit dem Verbrechen zugange ist? Aber vielleicht ist es ja kein Verbrechen, was am Ende passiert, sondern das großartige Finale, nachdem der Weg gegangen ist. Jedenfalls ist es das Finale von 14 Bodensee-Jahren mit Klara Blum, Kai Perlmann, Bäckchen, sehr vielen persönlichen Dramen und einem dezidiert und für Bodensee-Verhältnisse ungewöhnlich agitpropmäßig politischen Tatort. In Bremen hätte ich das jederzeit gekauft, Konstanz hat mir Kopfschmerzen damit gemacht, ich hoffe, die verschwinden noch im Lauf der -> Rezension.

Handlung

„Wofür es sich zu leben lohnt“ heißt der 31. Blum-Tatort, und das ist weder eine Frage noch eine Antwort, sondern eine Auffassung – eine Haltung. Denn Haltung ist gefragt, wenn man die Witwe eines nicht nur berüchtigten, sondern auch viel geliebten, zu Tode gepeinigten rechtsextremen Vordenkers verhört. Wenn man den Giftmord an einem Anlagebetrüger recherchieren muss, auch wenn man diesem gar kein Wohlergehen wünschte. Wenn man drei greise weise Maiden kennenlernt, die Hexen sein könnten oder Heilige. Lüthi, Perlmann und Blum ermitteln in einer Welt, in der Tausende Arbeiter schuldlos verbrennen und der Schuldige in seinen Krokodilstränen badet.

 Wofür es sich zu leben lohnt, ist, wie Klara Blum sagt, „dass da Gerechtigkeit herrscht“. Und das ist nicht das letzte Wort.

Rezension

Die ersten Assoziationen? Wenn man selbst einmal eine Partnerin mit einem ganz seltenen auf „run“ endenden Namen hatte, darf man folgende Gedankenschleife nicht machen oder wenigstens, wenn sie sich unweigerlich einstellen, nicht dabei verweilen: Weil man mit so einem Namen immer nur ganz exorbitant und ungewöhnlich kann, ist man auch dazu verpflichtet, hoffnungslos überstylte und doch gnadenlos platte Filme zu machen. Regisseurin Aelrun Goette hat ja auch „Der glückliche Tod“ inszeniert, und den fand ich ausgezeichnet. Auch etwas auf Kante genäht, aber da war die Konzentration und Dezidiertheit vorhanden, die ich bei den ganz schwierigen Themen erwarte (damals ging es um Sterbehilfe für ein todkrankes Mädchen).

Aber heute hat es nicht gepasst? Ich bin noch nicht bei der Schlussfolgerung, die wird dann doch vielleicht überraschen. Hingegen hat mich nicht überrascht, dass die drei älteren Damen mehrere Morde begangen haben. Womit wir bei den stimmigen Elementen des Films sind. Wer sonst als die Fassbinder-Heroinnen der späten 1960er und der 1970er, Eva Mattes eingeschlossen, sollte sich der bösen Welt entgegenstellen? Gegen Nazis und gegen Kapitalisten, und da Gott nicht hilft und das System diese Figuren fördert, kann man nur selbst handeln. Das ist kein Erlöser-, sondern ein Selbstgerechtigkeitssyndrom, wie es amerikanische Serienmörder in Romanen zuweilen aufweisen. Nur, dass die drei Damen aus dem alten Haus in Seenähe gar nicht psychopathisch dabei wirken. Nein, das ist schon alles richtig. Womit wir schon etwas dichter an der Schlussfolgerung wären.

Aber es hat doch nicht alles gepasst? Die Krimihandlung als solche ist wieder nachrangig, aber ich kann mich selbst schon nicht mehr ausstehen, wenn ich das schreibe, weil ich’s fast jede Woche tun muss. Fast, weil ja hin und wieder anstatt Tatorten Polizeirufe auf demselben Sonntagabend-Sendeplatz Premiere haben, und mein Zeitbudget erlaubt es bisher nicht, auch diese Reihe zu rezensieren. Der Verdacht liegt nahe, dass es darin nicht ganz so abgehoben zugeht. Kümmern wir uns also gar nicht besonders darum, dass nicht ermittelt, sondern nur zugeguckt wird, wie sich die Dinge entwickeln. Anfangs wird alibimäßig etwas nach den Alibis gefragt, aber das war es im Grunde. Das Übrige ist Theater. Schräges, manchmal großes, häufig zu Reaktionen wie den erwähnten Kopfschmerzen herausforderndes Theater. Ich weiß, der Titel des Tatorts stammt aus einem New Auge-Philosophiebuch, ich kann die Verbindungen sogar zu den Fassbinder-Filmen herstellen, in denen die Spreche ebenso verfremdet und manchmal gekünstelt einfach und gerade dadurch geschraubt wirkt, aber da wird in „Wofür es sich zu leben lohnt“ ein zu großes Rad gedreht. Ohne die Idee, genau das zu tun, hätten wir freilich nicht diese wunderbaren Schauspielerinnen noch einmal zu sehen, die in jungen Jahren für eine junge, andere Zeit standen: Dafür allein hat es sich gelohnt zu gucken. Vielleicht wird es das nie wieder geben, die Schygulla, die Herrmann, die Carstensen, daz die Blum in einem einzigen Bild. Und so harmonisch, was ja in Wirklichkeit gar nicht immer der Fall war. Alles ist aber transzendiert durch die lange, lange Zeit, die vergangen ist, seit der deutsche Film noch einmal jung war.

Jetzt ist nichts mehr jung. Das Lebensende-Heim der drei Damen steht doch symbolisch für die Welt, in der alles nicht mehr vor und zurück kann, ebenso wie der Gesundheitszustand von Klara Blum. Man kann nur noch dahindämmern und alles über sich ergehen lassen. Oder die Internationale singen, am besten auf dem Bodensee – und dann, paff, ein Ende ähnlich wie in „Pierrot le Fou“ von Jean-Luc Godard. Brav den Kanon gelernt. Aber vielleicht geht nur noch mit der Welt dahinsiechen oder noch einmal Anarchie. Zum Geier mit dieser Kompliziertheit, diesem Ding, wo jeder immer für alles ein Gegenargument findet, bis hin zu Angela Merkels asymmetrischer Demobilisierung. Blogger, die politisch schreiben und nicht didaktisch vorgehen, sondern sich echt einen Kopf machen, wissen, was ich meine. Man kommt nie aus, weil die Kausalketten nie enden und am Ende gibt es kein Gut, kein Böse, kein Schwarz, kein Weiß, kein Ende und keine Lösung. Ist eben alles viel zu kompliziert. Die großen Manipulatoren der Weltgeschichte wussten, dass Denken in Zusammenhängen und deren Verästelungen Gift für jedwede revolutionäre Stimmung ist. Wie sol eine Bewegung entstehen, wenn jeder Einzelne, der mit anderen zusammen eine bilden könnte, sich im Irrgarten der Argumente und Gegenargumente verliert?

Aber das ist jetzt ironisch? Oh nein, und wir nähern uns weiter der Schlussfolgerund. Genau das ist es nicht. Was immer dieser Film wieder an allzu gestelzten, manchmal richtig schlechten Dialogen und Sprüchen enthielt, eines rekurriert sehr gut auf die Antworten, die ich im Moment suche: Dass niemals etwas Wille und Aktion werden kann, wenn man sich eben ständig selbst die Bälle zuspielt. Wo ein Ja, da gibt es immer ein Aber, wenn man will. Das ist natürlich genauso banal wie viele in diesem Film geäußerten Weisheiten, aber es ist auch wahr. Ständiges Abwägen als Folge einer übermäßigen Grund-Ambivalenz macht Kopfschmerzen, sonst nichts. Und daher kommen die aktuellen bei mir. Für mich ist der Film auch deswegen gerade  zum richtigen Zeitpunkt gekommen, weil ich für meine politische Arbeit an Positionen arbeiten muss, bei denen ich nicht alles bis ins Letzte ausfitzeln kann, um dabei rauszukommen, dass zum Beispiel die Integration der Geflüchteten ja doch schwierig ist und es immer wieder neue Fails dabei geben wird, dass die Leute in Bangladesch ja besser eine hochgefährliche als gar keine Arbeit haben, wodurch sich unter anderem die bei uns prekarisierten Lowjobber bei Primark noch Klamotten kaufen können und denken, sie nähmen am Konsum teil. Welch ein Beispiel für Betrug an den Menschen. Das ist eine Schlussfolgerung, dass man nicht dem Argument auf den Leim gehen darf, dass ja so viele durch die Globalisierungs-Ausbeutung der Armut entkommen seien. Ich kann, das liegt dann ebenfalls in der Natur der komplexten Sache und Argumentationskette, in vorliegender Rezension nicht weiter ausführen, warum das eines der fiesesten neokapitalistischen Argumente überhaupt ist, dann würde sie vollkommen ausfasern – aber es ist so.

Ich muss wirklich den vier Fassbinder-Damen danken, die Schlussfolgerung ist nämlich: Meine Kopfschmerzen rühren von einer Erkenntnis her. Und vor dem Durchbruch von der Erkenntnis bis zum Handeln und zur endgültigen Klarheit stehen immer wieder Kopfschmerzen, die nicht etwa auf einen Tumor, sondern auf die Anlage neuer Synapsen hindeuten. Hier wird nicht Masse ab-, sondern Programmatisches aufgebaut. Vielleicht muss ich ja über den inklusiven Ansatz für meine Weltprogrammatik noch einmal nachdenken, obwohl er doch so gut in unsere Zeit passt. Wer die Welt inkludieren möchte, der muss auch Kapitalisten eine Chance geben, am großen Werk mitzumachen, sie mitnehmen, ihnen das Richtige beibiegen. So etwa. Man kann aber auch anfangen, die übelsten Populisten und Kapitalisten schon mal um die Ecke zu bringen, das macht es mit den übrigen einfacher. Schlicht deshalb, weil sie Angst haben, dass es ihnen genauso ergehen könnte. Das ist zwar kein Fortschritt durch Einsicht, aber gab es nicht immer die Uneinsichtigen, die man ins Gefängnis sperren, foltern, töten durfte im Sinn der guten Sache? Es gibt keinen Sieg des Guten, ohne dass das Schlechte zerstört werden muss.

Trotzdem schade, dass die übrigen, nicht in der Villa der Damen, dem einzigen netten und warm gezeichneten Setting angesiedelten Charaktere in dem Film mehr als Alibi für jene Damenriege angelegt wurden und eine Art schwaches Echo auf die besten unter den Bodensee-Tatorten darstellen, in denen Charaktere so gut kenntlich wurden. Aber kann man alles haben, wenn man sowieso davon langsam Abstand nimmt, dass Tatorte auch Krimis sein sollten und, kann man jenseits dieses abgeschriebenen genreseitigen Verlustpostens sagen, alles muss sein und nichts Wesentliches darf fehlen?

Finale

Es fehlt ja nichts Wesentliches. Es ist alles gesagt und ausgespielt. Und jetzt geht der Vorhang zu und es ist kaum eine Frage offen. Ciao, Klara. Von allen, die schon tätig waren, als wir die TatortAnthologie gestartet haben, bist du die erste echte Langzeitermittlerin, die den Dienst quittiert. Eine, die länger als zehn Jahre dabei war. Die 31 Fälle gelöst hat oder Zeugin wurde, wie sich ein Fall von selbst löst, das Muster des heutigen Tatorts.  War schön mit dir, ich mochte deine ruhige, schlaue Art, in die Menschen hineingucken zu können und natürlich auch in Perlmann. Wir werden uns wiedersehen, denn ich habe noch nicht alle deine alten Fälle aus der Zeit vor 2011 rezensiert, dem Jahr, in dem wir dieses Projekt begannen.

Zu einer ganz hohen Wertung kann ich nicht greifen, denn die Kopfschmerzen nehmen zu, und vielleicht sind sie auch, unter anderem, dem Abschied geschuldet. Und sie bedeuten, da ist eine Dissonanz in mir, diesen 1002. Tatort betreffend. Es gibt eben doch

7,5/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Klara Blum – Eva Mattes
Hauptkommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Hauptkommissar Matteo Lüthi – Roland Koch
Catharina – Hanna Schygulla
Isolde – Irmgard „Irm“ Hermann
Margarethe – Margit Carstensen
Josef Krist – Thomas Loibl
Anna Krist – Julia Jäger
Marie Krist – Paula Knüpling
Frau Mayer – Sarah Hostettler
Maximilian Heinrich – Matthias Habich
Annika Beck – Justine Hauer
Eva Glocker – Isabelle Barth
Goldmann – Alexander Simon
u.a.

Drehbuch – Sathyan Ramesh, Aelrun Goette
Regie – Aelrun Goette
Kamera – Conny Janssen
Schnitt – Saskia Metten
Szenenbild – Klaus Peter Platten
Musik – Boris Bojadzhiev

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