16 Uhr 50 ab Paddington (Murder She Said, UK 1961) #Filmfest 47

Filmfest 47 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftWie die Legende von Miss Marple begann

Wir haben aufgehört mitzuzählen, wie oft wir den Film nun gesehen haben. Auf verschiedenen Sendern, unsere eigene Aufzeichnung, aber auch gestern wieder im Ersten. Warum nicht mal spät in der Nacht, schließlich ist Samstag. Und es gibt ja auch im Film einige Szenen mitten in der Nacht. Da stürmt, blitzt, donnert es, das Licht fällt aus, eine ängstliche Hausangestellte schiebt ihr Fahrrad durchs Gebüsch und stolpert über eine Leiche. Und sonst? Es wurde im Zustand fiebernder Spannung aufgeschrieben in der -> Rezension.

Handlung

Durch Zufall wird die rüstige Rentnerin Miss Jane Marple auf einer Bahnfahrt Zeugin eines Mordes im Nachbarzug. Doch da die Leiche nicht gefunden wird, hält die Polizei die Aussage von Jane Marple für Spinnerei. Das kann diese natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen mit ihrem langjährigen Freund Mr. Stringer stellt sie eigenen Nachforschungen an und stößt dabei auf das Anwesen der Familie Ackenthorpe. Kurzerhand tritt sie als Hausangestellte in den Dienst der Ackenthorpes, um noch weitere Erkenntnisse zu sammeln. Doch damit begibt sich Miss Marple auf dünnes Eis (Inhaltsangabe aus Moviesection.de).

Eine ausführlichere Handlungszusammenfassung (mit Auflösung) gibt es in der Wikipedia.

Rezension 

Die Miss Marple-Filme mit Margaret Rutherford sind Legenden. Und das, obwohl Agatha Christie, von der die Buchvorlagen stammen, über einige Details nicht amüsiert gewesen sein soll (Wikipedia, a. a. O.). Offenbar war Ms. Rutherford im wirklichen Leben etwas schrullig und hat ihre Rolle auch deshalb so großartig gespielt, weil  viel von ihr selbst darin gesteckt hat.

Fünfzig Jahre hat die MGM-Version von Miss Marples erstem S/W-Abenteuer nun auf dem Buckel – und sieht nicht etwa jünger aus. Der Film ist ein Kind seiner Zeit und das ganz deutlich. Allerdings in einem positiven Sinn, so dass es den Spaß noch erhöht, ihn anzuschauen. Wie man in knapp über 80 Minuten Spielzeit solche wundervollen Figuren auf die Leinwand bringen kann und dann noch eine recht ansehnliche Krimihandlung in bewegte Bilder umsetzen, davon können sich heutige Filmemacher nicht nur eine Scheibe, sondern ein ganzes Brot abschneiden.

Das war nur möglich, weil man sich tatsächlich auf diese Figuren konzentriert hat und die Handlung schnurstracks und ohne jeden störenden Nebeneffekt durchgezogen hat. Dabei kam natürlich zugute, dass die Vorlage ein klassischer Whodunnit von Agatha Christie ist.

Bei aller Gemütlichkeit, bei allem Old England, das diese Filme ausstrahlen, darf man eines nicht übersehen – wie straff die Dramaturgie ist. Das ist auch irgendwie altmodisch, so schnörkellos zu inszenieren. Der Thrill hält sich natürlich in Grenzen, es handelt sich auch nicht um einen Thriller. Vor allem, wenn man den Film mehrmals gesehen hat, erschrickt man auch nicht mehr, wenn das Licht ausgeht, oder beim Finale. Diese Schluss-Höhepunkte, die in allen Marple-Filmen lauten „Miss Marple stellt eine Falle und begibt sich dabei ihn Gefahr, weil anders nämlich leider der Täter sich nicht offenbaren wird“, ist ein Klassiker für sich und nicht wenige Fernsehkrimis, die wir kennen, basieren auch auf Tricks der Ermittler, wo die Kriminaltechnik nicht mehr weiterkommt. Manchmal mit, manchmal ohne Gefährdungsmoment. Auch dieses Element gibt es bei weiteren Christie-Büchern.

Aber diese herrliche Mischung aus forscher Detektivin und schreckhafter älterer Dame, welche in die eine oder andere prekäre Situation gerät, ist einmalig. Man weiß aber auch, ihr wird und kann nichts passieren, schließlich sind noch einige Abenteuer zu bestehen. Auf einer rationalen Ebene funktioniert es immer, sich das bei Serienfiguren zu sagen, trotzdem fiebert man mit.

Wenn wir von guten Figuren sprechen, müssen wir allerdings einschränkend sagen: Typen. Typisch britische Typen außerdem. Es sind keine differenzierten Charaktere, sondern jede Figur hat ihre klar zugewiesenen Eigenschaften. Die pfiffige und bockige Miss Marple, ihr ängstlich-zupackender Freund, Mr. Stringer (Stringer Davis), der freundliche, aber immer etwas hinter Miss Marple zurückbleibende Inspektor Craddock (Charles Tingwell). Das sind diejenigen Figuren, die es in allen Marple-Filmen gibt und die sich nicht weiterentwickeln, sondern statisch bleiben. In 16 Uhr 50 ab Paddington wird das reiche Tableau ergänzt durch den bärbeißigen Geizkragen Luther Ackenthorpe (James Robertson Justice), der Miss Marple erst nicht ausstehen kann und sie am Ende ehelichen will. Dann gibt es den aufgeweckten Jungen Alexander Eastley (Ronnie Raymond), den zynischen Cedric Ackenthorpe (Thorley Walters), die unfreundlichen Hausangestellten, die hübsche, nette Emma Ackenthorpe. Weitere Charaktere spielen nur untergeordnete Rollen.

Die Handlung ist erwähntermaßen gut konsturiert, von Agatha Christie selbst gibt es allerdings wesentlich ausgefeiltere Vorlagen, wie sie zum Beispiel für „Tod auf dem Nil“ (Rezension beim Wahlberliner) und andere Hercule Poirot-Filme gedient haben – der Mann ist ja auch Profi-Detektiv, da dürfen erhöhte Anforderungen gelten. Man kann mitraten, man ist am Ende, wenn man den ersten Film sieht, etwas überrascht oder nicht, wer der Mörder ist. Es gibt keine erkennbaren Logikpannen, was will man mehr, wenn so viel Humor, so viel Atmosphäre und auch ein wenig Satire gezeigt wird. Denn die Figuren sind durchaus nicht politisch neutral. Agatha Christie porträtiert die oberen Schichten, die in vielen ihrer Serien eine Rolle spielen, oft sehr kritisch, und meistens geht’s – um was sonst – ums Geld. Hier ist das nicht ausgespart, aber löst sich in Einzelfiguren auf. Man kann so sein, wenn man einer Klasse angehört, muss es aber nicht, wie man am schrullig-liebenswerten Luther Ackenthorpe sieht, der seiner Verwandtschaft zu Recht misstraut.

Besonders viel hat der Film dem kräftigen deftigen britischen Humor, hier dargeboten in einer liebenswert-skurrilen Variante, zu verdanken. Alles geschieht mit einem Augenzwinkern. Manchmal geht es bei den Briten auch sehr ins Zynische, das hat sich in späteren Filmen dann gut ausgedrückt, aber man spürt, ein Miss-Marple-Film, der wirklich Charme versprüht, muss ein britisches Produkt sein.

Die Deutschen zum Beispiel sind nicht so humorlos, wie man ihnen oft unterstellt, und die Edgar-Wallace-Verfilmungen aus derselben Zeit, in der auch die Miss Marples entstanden sind, ebenso die Pater Brown-Adaptionen („Das schwarze Schaf“ (1960) und „Er kann’s nicht lassen“ (1962), Rezension 1 und Rezension 2 beim Wahlberliner) zeigen das auch. Der erste der beiden Filme entstand übrigens vor dem Start der Marple-Serie, konnte sich also nicht bei ihr bedienen, was Humor und Amtosphäre angeht.

Die Typen sind stark vereinfacht bis stereotyp, aber in ihrer Einfachheit sehr kräftig ausgeformt, wirken dadurch vielleicht nicht perfekt authentisch, aber bedienen alle Klischees, die man sich denken kann – und das nicht nur bei Nebenrollen.  Im Grunde komische Typen wie Mr. Stringer gewinnen eine gewisse Ernsthaftigkeit und die, die besonders seriös erscheinen sollten, wie die Polizisten, wirken lächerlich und überambitioniert und oft nicht sehr beschlagen.

Diese Verschiebungen, die auch in Großbritannien sicher nicht der Realität entsprechen, so locker zu zeigen, das ist eine Kunst, die dem Nationalcharakter entspringt. Da ist immer etwas Subversives drin und das ist sicher auch das Ventil, das eine so statische Gesellschaft wie die britische es damals war, sich schaffen musste, um die unerreichbare Oberschicht auf die Schippe zu nehmen. Dies selbstverständlich, ohne gleich die im Grunde geliebten Verhältnisse infrage zu stellen.

Finale

Heute ist diese erste Serie von Miss Marple-Filmen mehr als das, was sie ursprünglich sein sollten, nämlich nette Unterhaltung mit skurrilem Briten-Touch, vom amerikanischen Filmgiganten Metro-Goldwyn-Mayer in dessen britischer Dependance zu vergleichsweise günstigen Kosten produziert.

Sie sind Ikonen geworden. Und der erste des Quartetts, 16 Uhr 50 ab Paddington, ist wohl auch der beste der Guten. Es gab später die Serie mit Angela Lansbury, die eine vollkommen andere Atmosphäre vermittelt. Es gab eine britische Produktion, in der Joan Hickson, die hier eine Zugehfrau spielt, die Rolle der Miss Marple verkörpert, und das wohl dichter am Original als Margaret Rutherford. Aber wie in beinahe allen diesen Fällen – die Remakes,  die Spin-Offs, die Serienableger kommen nicht an die Originale heran.

In jeder ihrer vier Miss Marple-Rollen ist Margaret Rutherford zeitweilig verkleidet. Als Schauspielerin in einer Laien-Theatertruppe (Vier Frauen und ein Mord, 1964), als Amazone zu Pferd (Der Wachsblumenstrauß, 1963) und als Kuratoriumsmitglied einer Stiftung im Marine-Uniform (Mörder ahoi, 1964). Aber am skurrilsten finden wir aber ihr Bahnarbeiter-Dress im hier besprochenen Film, gedoppelt durch den gleich kostümierten Mr. Stringer. Sie trägt diese Klamotten in einer Szene, in der sie einen Bahnstrecken-Abschnitt auf Spuren eines Mordes (die Leiche muss aus einem Zug geworfen worden sein) untersucht. 16 Uhr 50 ab Paddington zählt nach wie vor zu unseren nostalgischen Lieblingskrimis.

84/100

© 2019, 2014, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie George Pollock
Drehbuch Agatha Christie (Romanvorlage),
David D. Osborn,
David Pursall,
Jack Seddon
Produktion George H. Brown
Musik Ron Goodwin
Kamera Geoffrey Faithfull
Schnitt Ernest Walter
Besetzung

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