Das Schloss meiner Mutter (Le Château de ma mère, F 1990) #Filmfest 54

Filmfest 54 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftVorwort 2019

Auch die Rezension zum zweiten Teil des Marcel-Pagnol-Kindheitserinnerungs-Filmduos zeigen wir wieder im Original, wie es im Juli 2011 geschrieben wurde. Wie im Vorwort zur Rezension von „Der Ruhm meines Vaters“ angemerkt, könnten wir heute zum Werk von Pagnol etwas mehr schreiben, zumal wir nun einige Filme rezensiert haben, die er selbst gedreht hat, aber wer A sagt, muss auch B sagen, also behandeln wir beide Texte gleich. Noch ist nicht entschieden, ob wir im Anschluss die Rezensionen zu einigen der Film Pagnols, insbesondere zur berühmten Marius- oder Marseille-Trilogie zeigen oder erst einmal weitere Texte aus 2011 republizieren.

Das Schloss meiner Mutter

  1. Inhalt

  2. Um 1905 soll sich Marcel auf die Prüfung für die Oberschule vorbereiten. Als Belohnung winkt der Aufenthalt im Ferienhaus in seinen geliebten Hügeln der Provence. Nach einem Vorschlag der Mutter verbringt die Familie auch die Wochenenden im Ferienhaus. Marcel trifft auf das Mädchen Isabelle und verliebt sich in sie. Doch Isabelle spielt sich bald als Herrscherin über ihn auf. Lili und Paul beobachten die zwei und informieren die Eltern. Nach der bitteren Enttäuschung seiner ersten Liebe wendet er sich wieder seinem Freund Lili zu. Nachdem ein ehemaliger Schüler, der jetzt Kanalwärter ist, seinem Vater unerlaubterweise einen Schlüssel zum Abkürzen des Weges zu ihrem Ferienhaus gibt und sie dabei von einem Aufseher beim harmlosen Abkürzen des Weges ertappt werden, wird sein Vater dadurch in eine prekäre Lage gebracht. Die Mutter bricht zusammen. Der Kanalwärter kann mit seinen beiden Freunden die Situation jedoch entspannen.

Nach fünf Jahren endet die Kindheitsidylle mit dem Tod der Mutter. Sein Bruder Paul, der später als Hirte in den Hügeln tätig ist, verstirbt mit 30. Sein Freund Lili kommt 1917 im Krieg durch eine Kugel ums Leben.

Als Marcel erwachsen ist und für Filmaufnahmen ein Schloss kauft, entdeckt er, dass es sich um das Schloss handelt, das in seiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt hat. Hier wurden sie von dem Aufseher ertappt (Zusammenfassung aus der Wikipedia).

  1. Die großen Ferien sind vorüber, und der kleine Marcel denkt wehmütig daran, dass er erst im kommenden Sommer seine geliebten Hügel der Provence wiedersehen wird. Als seine feinfühlige Mutter Augustine ihren Mann Joseph, ein Volksschullehrer aus Marseille, dazu überredet, schon zu Ostern ins Landhaus zurückzukehren, ist für Marcel die Welt wieder in Ordnung.

Zu seiner Hochstimmung trägt insbesondere die Bekanntschaft mit der kecken Isabelle bei, Marcels erste „große“ Liebe. Je hochnäsiger und biestiger sich die kleine Exzentrikerin ihm gegenüber verhält, desto mehr verklärt er sie zur Prinzessin – für die er sogar lebende Heuschrecken schluckt. Umso größer ist die Enttäuschung, als Marcel klar wird, dass Isabelle in ärmlichen Verhältnissen lebt und mit ihrem Vater, einem berüchtigten Trunkenbold, fortziehen muss. Marcel hat jedoch bald wieder Grund zur Freude: Durch eine geschickte Intervention seiner Mutter bei der Gattin des Schuldirektors bekommt der Vater montags unterrichtsfrei und kann nun mit seiner Familie jedes Wochenende in der Provence verbringen. Ein nicht unerhebliches Problem stellt allerdings der beschwerliche, über vierstündige Fußmarsch von der Straßenbahn-Endstation bis zum Landhaus dar, der insbesondere für die herzkranke Mutter jedes Mal zur Strapaze wird.

Die liebenswürdige Gefälligkeit eines Kanalwächters, einem ehemaligen Schüler von Marcels Vater, eröffnet der Familie unverhofft eine verbotene Abkürzung über einige Schlossgärten. Die Wegstrecke wird so erheblich verkürzt, gerät aber durch die Angst vor Wachhunden und bösen Flurwächtern zum allwöchentlichen Abenteuer. Als der erwachsene Marcel, inzwischen erfolgreicher Kino-Produzent, für die Dreharbeiten seines neuen Films ein Schloss in der Provence anmieten lässt, kommt es zu einer magischen Begegnung: Unverhofft ist Marcel an jenen verwunschenen Ort zurückgekehrt, der ihm in seiner Kindheit so viel Glück beschert hatte (RBB online zur Ausstrahlung am 8. Mai 2011).

  1. Kurzkritik

Der zweite Teil der Erinnerungen von Marcel Pagnol (nach „Der Ruhm meines Vaters“) schließt an, wo der erste aufhört und zeigt Marcel als Zehnjährigen, der sich gerade darauf vorbereitet, die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium zu bestehen.

Immer besser klügelt die Familie ein System aus, um häufiger in das von Marcel so geliebte Ferienhaus in der Provence fahren zu können und nimmt dazu auch illegale Handlungen in Kauf.

Der Film ist episodischer als der erste, der eine sehr konsequente Handlungsführung aufwies und spannt einen viel weiteren Rahmen, weil er nicht nur durch die Erzählstimme des Erwachsenen zurückblickt (die gab es im ersten Teil auch), sondern den Erwachsenen auch kurz zeigt, allerdings nicht vollständig.

„Das Schloss meiner Mutter“ beinhaltet mehr Gags und ist etwas aktionsreicher als der Vorgänger, die Stimmung ist aber nicht mehr ganz so heiter.

III.             Rezension

Wir setzen „Das Schloss meiner Mutter“ hauptsächlich in Bezug zu „Der Ruhm meines Vaters“ und empfehlen deshalb, die Rezension zu letzterem Film vor dem folgenden, vergleichenden Teil zu lesen.

  1. Unterschiede zu „Der Ruhm meines Vaters“

Ein Hauptunterschied zum ersten Film liegt in der Führung der Handlung. Während „Der Ruhm meines Vaters“ ruhig dahinfließt, nicht ohne Zeitsprünge, aber sehr sanft, wirkt „Das Schloss meiner Mutter“ mehr auf Einzelszenen hin konzipiert – und damit gag- und aktionsreicher. Mit dem Kanalarbeiter Bouzique, einem ehemaligen Schüler des Vaters Joseph, mit verschiedenen Figuren entlang des Weges durch die Gärten der Villen, entsteht ein weitaus konflitkreicheres Szenario als im ersten Film. Es entsteht auch Spannung, als die Familie Pagnol mehr oder weniger geduckt durch die Gärten eilt, immer in Angst, von Verwaltern, Gärtnern und den Besitzern der Anwesen entdeckt zu werden.

Man wundert sich ein wenig, dass Vater Pagnol, der ja doch sehr um seine Beamtenstellung als Lehrer fürchtet, sich darauf einlässt. Ein wenig unglaubwürdig die Szene, als die Kanalwärter den alten, bissigen Verwalter mit dem bezeichnenderweise Beißer genannten Hund stellen, der die Pagnols erwischt hat. Sie locken die Beweisstücke aus ihm heraus und drehen den Spieß um, so dass er nun am Pranger steht. Das ist wohl eher der fantasiegesteuerte Teil von Pagnols Erinnerungen.

Ganz für sich steht die Episode zu Anfang, als Marcel ein junges Mädchen kennen lernt, das sich mit zwei versponnenen Eltern in eine Prinzessinnenrolle eingesponnen hat und Marcel ganz in seinen Bann zieht, man kann auch sagen, unter seine Kontrolle bringt. Man versteht die Faszination des fantasiebegabten Jungen für diese etwas hybride Person, die so gut Klavier spielen kann. Und doch, anhand der einfachen Tatsache, dass sie einmal Durchfall hat, beginnt eine rasche Entzauberung, die ein wenig sehr hellsichtig für einen Jungen von zehn Jahren wirkt.

In „Das Schloss meiner Mutter“ wird aus Gründen der exemplarischen Darstellung zwischenmenschlicher Verhältnisse ein vereinfacht und gestrafft, ein Effekt, den es in „Der Ruhm meines Vaters“ nicht gab. Dort hatte man sogar das Gefühl, auf diese durchaus übliche filmische Konvention wird bewusst verzichtet.

„Das Schloss meiner Mutter“ bekommt durch sein melancholisches Ende, in dem über den frühen Tod der Mutter berichtet wird und der mit Marcels Rückkehr an den Ort seiner Kindheit in seiner Stellung als Filmproduzent schließt, ein anderes Timbre. Wirkt er im Verlauf schneller und mit mehr Handlungselementen besetzt als der erste Teil, hinterlässt er den Zuschauer mit dem Gefühl, diese Betrachtung über das Leben eines Jungen und eines Mannes ist nun abgeschlossen, da sie ausschließlich der Familie gewidmet ist. Der Vater von Marcel Pagnol starb allerdings erst 1950, während die Schlussszene in den 30er Jahren angesiedelt sein dürfte, als Marcel Pagnol seine berühmten Filme drehte.

Interessant ist die leichte Veränderung des Verhältnisses der Personen zueinander. Der Vater ist im zweiten Teil mehr als Lehrer gezeigt – und zwar im traditionellen Sinn. Marcel muss viel lernen und sein Vater ist ständig dahinter, dass dies auch geschieht. Die Mutter hingegen, die im ersten Film nie negative Äußerungen über Dritte gemacht hat, redet an einer Stelle abschätzig über das Mädchen Isabelle (Julie Timmerman). Alle Konturen sind ein wenig schärfer gezeichnet, dieses sanfte Dahingleiten durchs provenzalische Leben nicht mehr so dominierend wie in „Der Ruhm meines Vaters“.

Wir gehen davon aus, dass dieser in vielen Nuancen vom ersten Film abweichende Eindruck gewollt war. Vielleicht die Sicht eines doch um das eine oder andere Jahr älteren Jungen, der Erzähler ist nach wie vor dieselbe erwachsene Person, die ihre Kindheitserinnerungen reflektiert.

Subjektiv hat man auch den Eindruck, dass dieser Erzähler hier nicht nur präsenter ist, sondern auch ein wenig zu häufig spricht. Im Film des Jahres 1990 war das keine übliche Technik mehr, einen Narrator auftreten zu lassen, sie trägt aber in den beiden bebilderten Pagnol-Erinnerungen sehr zum beschaulichen Eindruck bei. Selbst wenn die Filme keine Zeitsprünge aufweisen würden, entstünde schon durch den Erzähler ein Gefühl für die vierte Dimension. Im ersten Film hat diese Ich-Perspektive auf keine Weise gestört, im zweiten Teil wird sie zum Ende hin sehr als Talking Head eingesetzt, um die vielen Dinge, die inzwischen geschehen sind, abzuhandeln. Man hätte auch einige Minuten zugeben und sie zeigen, also filmischer darstellen können.

  1. Gemeinsamkeiten mit dem ersten Teil

Selbstverständlich lässt sich Vieles, was für „Der Ruhm meines Vaters“ gilt, auch für „Das Schloss meiner Mutter“ sagen. Die Figuren der Familie Pagnol sind weiterhin außerordentlich liebenswürdig, im Mittelpunkt Marcel (Julien Ciamaca) und sein Vater, der Lehrer Joseph (Philippe Caubère) – und, in diesem Film titelgebend, die hübsche, sanfte Mutter Augustine (Nathalie Roussel). Dazu die Figuren Onkel Jules (Diedier Pain) und Tante Rose (Thérèse Liotard).

Die Provence-Landschaft um Aubagne spielt in beiden Filmen eine große Rolle. Diese Landschaft, deren Schönheit nicht durch Üppigkeit, sondern durch weiten Raum besticht, die nicht hügelig ist, aber auch nicht bergig, sondern eine Ansammlung von weißen Felsformationen eigener Art darstellt, in der es von jagdbarem Vogelwild nur so wimmelt, wie wir aus dem ersten Teil wissen.

Komplett ähnlich sind die Dekors, weil sie für beide Filme verwendet wurden, und somit auch die hohe, wenn auch leicht artifizielle ästhetische Wirkung, die man als Zuschauer unweigerlich empfindet und die gleichermaßen den Hauptpersonen wie den Accessoires und den Kostümen geschuldet ist. Besonders detailliert ist das Haus des kleinen Mädchens eingerichtet, das sich aber in seinen Details als brüchige Fassade enttarnt.

In beiden Teilen lernt Marcel verschiedene, wichtige Dinge fürs Leben, ganz spielerisch und durch Erleben, nicht durch Dozieren, was bei einem Vater, der Lehrer ist, ja nicht unnatürlich wäre, und auch nicht durch didaktisch ausgeklügelte pädagogische Ansätze. Beide Eltern haben ein natürliches Gefühl für ihre Kinder und sind zudem ein sehr harmonisches Ehepaar, das sich liebt, ohne dass darum im Film Worte gemacht werden. Dass der Zuschauer die Relationen der Menschen zueinander spürt, ohne dass sie hervorgehoben oder in Worte gekleidet werden, ist eine der ganz großen Leistungen beider Filme. Das gilt auch für Onkel Jules und Tante Rose, es gilt für Marcel und seinen jüngeren Bruder Paul und für Marcel und den Bauernjungen Lili. Es wirkt bei diesen Figuren absolut glaubwürdig, dass sie überall, wo sie hinkommen, sofort interagieren, Freunde finden. Sei es der Vater beim Boule-Spiel oder der Sohn, der im ersten Film den Jungen Lili kennenlernt und im zweiten das Mädchen Isabelle. In zweiten ist dann etwas wie Verrat zu sehen, weil Marcel sich nur noch um Isabelle kümmert, die ihn ständig mit Beschlag belegt, doch Lili nimmt ihm das später nicht krumm, als Marcel sich von ihr abgewendet hat, und ist derselbe gute Freund wie zuvor.

So haben wir auch unsere Kindheit erlebt. Es gab Aufs und Abs, wie später in den erwachsenen Beziehungen, doch die Freundschaft war letztlich stets größer als zwischenzeitliche Zerwürfnisse. Dass hier auch die Erwachsenen ähnlich agieren und im Grunde große Kinder sind, mit viel, viel Intuition ausgestattet und gar nicht akademisch verkopft, dabei aber keinesfalls simpel oder gar beschränkt wirken, das mögen wir an beiden Filmen sehr. Es ist klar, dass die Welt damals wie heute nur dann so war, wenn man sie aus den Augen eines von dieser Welt verzauberten Kindes sieht, aber so sollte man die beiden Pagnol-Verfilmungen auch aufnehmen. Sie sind weise, philosophisch, nicht scharfzüngig, wie viele französische Werke, nicht erratisch oder provozierend. Sie sind gelebte, vergoldete und treue Erinnerungen.

Dass Marcel Pagnol tatsächlich eine glückliche Kindheit hatte, davon kann man ausgehen. Sein späterer Filmstil im Umfeld des poetischen Realismus der 30er Jahre, der so wundervoll die Welt der kleinen Leute porträtierte und dabei Gefühle und Beziehungen von Menschen zueinander so treffend schildern konnte, ist sichtbar von einer im Ganzen liebevollen Hinwendung zur Welt gekennzeichnet.

  1. Marcel Pagnol

Zu diesem Künstler, dessen Leben als Junge hier in bewegte Bilder umgesetzt wurde, gibt es viel zu sagen, weil er bis heute im Bewusstsein der Franzosen geblieben ist. Die wichtigsten Daten zu ihm sind in der Wikipedia zu finden.

Einen schönen Artikel über ihn gibt es in der ZEIT zu lesen, der unter anderem beleuchtet, warum die Bildsprache der Filme so poetisch und reich ist – Pagnol verwendete in seinen Erinnerungen gemäß ZEIT 30 Prozent mehr verschiedene Wörter als der durchschnittliche französische Romancier. Und dies ist gemäß der Darstellung im Beitrag einer der Gründe, warum die französischen Kinder noch heute mit Diktaten aus seinen Werken traktiert werden, weil sie besondere Anforderungen an die orthografischen Fähigkeiten stellen – und weil in Frankreich die Tradition der eigenen Sprache einen anderen Stellenwert hat als in Deutschland, möchten wir beifügen.

Die Bildsprache der beiden Filme ist glücklicherweise leichter und ohne größeren Aufwand zu entschlüsseln. Sie stellt allerdings ihre eigenen Anforderungen. Nämlich an die Emotionalität des Zuschauers. An sein Vermögen, sich auf diese Reise in ein Gestern einzulassen, auch wenn dieses Gestern viel weiter zurückliegt als die eigene Kindheit. Es ist genug Überzeitliches in den beiden Filmen, für jede Generation.

Wir bewerten „Das Schloss meiner Mutter“ mit „Der Ruhm meines Vaters“ gleich, obwohl der zweite Teil nicht mehr so konsequent ist. Emotional aber ist er eher stärker: 8,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahberliner, Thomas Hocke

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