A gmahde Wiesn – Tatort 674 #Crimetime 454 #Tatort #München #Muenchen #Munich #Batic #Leitmayr #BR #Wiesn #Oktoberfest

Crimetime 454 - Titelfoto BR / Moovie, Trümper

„A gmahde Wiesn“ heißt im Bayerischen sowohl „eine gemähte Wiese“ als auch umgangsprachlich „ein Vorhaben, das nicht schief gehen kann“ – „eine todsichere Sache“. Und die Wiesn ist natürlich auch das Synonym für das Münchner Oktoberfest, das größte Volksfest der Welt. (Tatort Fans)

München und ein Wiesn-Tatort, das ist so logisch wie Himmel und Hölle, die Bayern und die Preißn. Aber ist daraus auch ein guter Krimi geworden? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Dort rüsten sich wie jedes Jahr Schausteller und Münchner Wirte zum Wettlauf um die heiß begehrten Plätze. Der gewaltsame Tod des einflussreichen Stadtrats Hubert Serner (Bruno Graf) ist deshalb Thema in der Stadt: Serners Zugehfrau Diana Aljescu (Anita Matija) hat den Juristen in seinem Gartenteich gefunden.

Serner, Mitglied des Wirtschaftsausschusses, hatte bei der Vergabe von Wiesn-Lizenzen ein entscheidendes Wort mitzureden. Er war zeitlebens eine bayerisch-barocke Persönlichkeit. Seine geschiedene Frau Elizabeth (Sabine Bach) gibt den Münchner Kommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) erste Hinweise. Die Ermittler der Mordkommission kämpfen sich nach den emsigen Recherchen ihres Kollegen Carlo Menzinger (Michael Fitz) durch eine immer stattlicher werdende Liste von Serners geliebten Frauen. Dabei sind die Aussagen der befragten Damen Ilsa Mischnik (Conny Glogger) und Hilde Gerbera (Claudia Wipplinger) nur bedingt hilfreich.

Doch wie geht der Nachfolger des Mordopfers August Eckl (Philipp Sonntag) mit den handfesten Wirtschaftsinteressen der gestandenen Münchner Wirtefamilien und Schausteller um? Da hat er es zum einen mit der resoluten Wirtin Johanna Buck (Monika Baumgartner) zu tun, die ihr ohnehin sehr einträgliches Wiesnzelt um einen Garten erweitern will und nicht nur deshalb mit Ehemann Niklas (Georg Maier) und Tochter Evelin (Franziska Schlattner) aneinander gerät. Andererseits kämpfen auf der Wiesn der Wirt Xaver Neureuther (Fred Stillkrauth) und dessen Sohn Timo (Joram Voelklein) um ihr Platzrecht. Unbedachte Gewaltausbrüche sind den Geschwistern Renee und Fridolin Zoll (Bettina Redlich & Michael Tregor) zuzutrauen: Die beiden Schausteller hegen und pflegen das traditionsreiche Karussell ihrer Ahnen und stehen mit dem wunderschönen, aber alten Fahrgeschäft vor dem finanziellen Ruin, wenn sie keine Genehmigung für die Wiesn bekommen.

Hautnah erleben die Münchner Kommissare während ihrer Ermittlungen zu diesem Mordfall, wie auf der Theresienwiese der alljährliche Intrigenstadel rund um den Aufbau des Oktoberfests entsteht – bis der Oberbürgermeister der Stadt zum Auftakt der Wiesn im randvollen Bierzelt endlich die erlösenden Worte ausruft: „O’zapft is!“

Rezension

Der letzte Wiesn-Tatort war „Die letzte Wiesn“, der aber von einer anderen Seite an die Sache herangeht. Gefühlt hat es in der Geschichte des bayerischen Tatorts schon mindestens zehn Wiesn-Filme gegeben. Der Eindruck täuscht aber. Die häufig und von allen Seiten beleuchtete Bier- und Spezlwirtschaft in und um München ist dafür verantwortlich, dass man das Gefühl hat, es ist fast immer Oktoberfest.

Bei einigen Tatorten, die wir dem Wiesn-Umfeld zugerechnet hatten, mussten wir vor dieser Rezension die Inhaltsangaben überfliegen, um festzustellen, so auserzählt ist das Thema nicht, wenn man tatsächlich den Kern nimmt und den auch gleich als Symbol für die bayerische Art, Geschäfte zu machen.

Interessanterweise und vermutlich auch, weil alles andere Ärger gegeben hätte, wirkt die Vergabe der begehrten Zelt, Biergarten- und Schaustellerkonzessionen am Ende aber korrekt. Dreimal wird ein Mensch ermordet, der im Epizentrum der Macht angesiedelt ist – und doch war kein Machtmissbrauch erkennbar, ebenso wie der herzige Hundehalter-Nachfolger ein korrekter Mensch ist.

Dreimal ermordet stimmt natürlich nicht, erst das Zusammenwirken mehrerer Personen bringt den Wiesenplatzvergeber zu Tode, und dieses nacheinander Erscheinen am Tatort lässt den Film ziemlich unglaubwürdig wirken. Hat nun jeder der an jenem Abend in Teichnähe Anwesenden eine conditio sine qua non für den Tod des Teicheigentümers gesetzt? Dummerweise schreiben wir dieses Mal die Rezension mehrere Tage nach dem Anschauen und glauben einfach mal, so war es.

Der Kriminalfall ist nicht das Prunkstück dieses Films, aber die Spiellaune der Darsteller gleicht die Schwäche der Story beinahe vollständig aus – und natürlich das Lokalkolorit, das so gestaltet ist, dass der Nicht-Bayer sich genau das denkt, was er denken soll, nämlich: so sans. Dass der bayerische Weg erstaunlich gut funktioniert, ist vielleicht gar nicht so erstaunlich, verschwindet in diesem Film aber hinter einer weiteren Schwäche, die vom menschlichen Prinzip ablenkt, das besagt, dass wir immer bevorzugt werden wollen, um uns nicht benachteiligt zu fühlen.

Diese Schwäche ist die große Erklärungslastigkeit, die neben einigen guten sehr viele gewollt wirkende Dialoge produziert, da ja die Wiesn wirklich bis ins Detail erklärt werden muss. Zumindest ihre geschäftliche Funktionsweise betreffend.

Wie bei vielen Tatorten, die sich schwierigen oder aktuellen und noch nicht jedem gänzlich bekannten Themen widmen, ist „A gemahde Wiesn“ ein richtiges Info-Monster, was viele Tatortfans dazu bringt, ihn für langatmig zu halten.

Neben den Erklärungen, dem Kolorit, der Lovestory von Ivo, der Espressomaschine von Carlo ist einfach nicht mehr genug Platz für einen zünftigen, stimmigen Krimi, deshalb vereinigen sich am Ende fast alle Verdächtigen zum nicht kollektiven, nicht gemeinschaftlichen, nicht vereint gleichzeitig mit mehreren Akteure ausgeführten, sondern sequentiellen Mord.

Es ist also nicht wie in Agatha Christies „Mord im Orient-Express“, wo sich viele Menschen verabredet haben, um einem bösen Mann in einem makaberen Stecherei-Wettbewerb den Garaus zu machen. Aber dort hätte das niemand wegen fünf Euro mehr fürs Putzen gemacht. Fünf Euro pro Stunde wenigstens oder pro Monat? Scheußliche Vorstellung, von der eigenen Reinigungskraft wegen solcher Peanuts ins Jenseits befördert zu werden, da helfen alle Behelfsmotive nichts.

Dafür hilft das Ermittlerteam sehr, weil es gut unterhält. Wir mögen die Tatorte in der Regel, in denen Ermittler sich verlieben, verstricken, deswegen einsam oder beinahe umgebracht werden. Sicher ist das in der Realität auch schon vorgekommen. Wo Menschen einander treffen, können Gefühle entstehen. Und dann diese treuherzige Ehrlichkeit wegen des Altersunterschiedes. Je mehr das in der eigenen Vita an Relevanz gewinnt, desto mehr hat man wohl für solche Romanzen zwischen Altersungleichen übrig.

Fazit

Man kann sagen, diesem Tatort mangelt es an Spritzigkeit, man kann auch eine ruhige Hand bei der Entwicklung der dünnen Hauptstory konstatieren, aber an Humor und Spielfreude fehlt es nicht. Das gilt auch für die Inhaber*innen der Episodenrollen. Besonders hervorzuheben: Franziska Schlattner als Ivos Love Interest mit seltsamer Pistolenversteckszene und Philipp Sonntag als neues Epizentrum der Konzessionsvergabemacht mit Veigl-Gedenkhundi.

Das ausgedehnte Infodropping beginnt dieses Mal schon im Vorspann, und das ist wahrlich ein Alleinstellungsmerkmal von „A gemahde Wiesn“. Aber es ist ja auch wichtig. Denn im ganzen Film gibt es keine Wiese, die wirklich gemäht wurde. Grüß Gott und ozapft is!

Nervig: Dass man sich nie über die Schreibweise einig ist: Tatort Fans und Tatort-Fundus schreiben den Tite ohne Auslassungszeichen, die aktuelle ARD-Vorschau hingegen mit. Bei „Die letzte Wiesn“ schreiben alle ohne. Wir bleiben deshalb auch hier bei dieser Variante, müssen die andere aus Gründen der Textsuche aber erwähnen: A g’mahde Wies’n.

7/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Kriminalhauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Oberkommissar Carlo Menzinger – Michael Fitz
Johanna Buck – Monika Baumgartner
Evelin Buck, Johannas Tochter – Franziska Schlattner
Niklas Buck, Johannas Ehemann – Georg Maier
Xaver Neureuther – Fred Stillkrauth
Timo Neureuther, Xavers Sohn – Joram Voelklein
Renee Zoll – Bettina Redlich
Fridolin Zoll, Renees Bruder – Michael Tregor
August „Gustl“ Eckl – Philipp Sonntag
Sebastian Zehner, Oberbürgermeister – Christian Hoening
Diana Aljescu, Zugehfrau – Anita Matija
Elizabeth Serner, Witwe – Sabine Bach
Hubert Serner – Bruno Graf
Ilsa Mischnik – Conny Glogger
Hilde Gerbera – Claudia Wipplinger
Reporterin – Zora Thiessen
Ferdinand Hauser, Rechtsanwalt – Norbert Heckner
Polizist – Christian Lex
Gast im „Alten Schmied“ – Ernst Cohen
Nachtportier – Matthias Werner
Stangassinger – Harry Feurer
Zeuge mit Hut – Olaf Kell

Buch – Friedrich Ani
Regie – Martin Enlen

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