Knockin’ on Heaven’s Door, D 1997 – #Filmfest 55

Filmfest 55 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftVorwort 2019

Die Kritik zu diesem Roadmovie aus dem Jahr 1997 zeigen wir wieder einmal als „Original“ – inhaltlich und optisch nicht an heutige Konventionen angepasst, sondern so, wie damals geschrieben. Mit einer in der Tat sehr kritischen Haltung, deswegen haben wir den Film auch anlässllich der Wiederveröffentlichung des Textes um 2 Punkte angehoben. Grundsätzlich haber halten wir uns an die Maxime: Neubewertung nur bei neuer Sichtung.

„Knockin‘ on Heaven’s Door“ war 1997 sehr erfolgreich, wohl auch wegen der beliebten Schauspieler und wegen der anrührenden Prämisse. Wenn man den Weg von Regisseur Thomas Jahn weiterverfolgt: Er hat später nur noch zwei Kinofilme gemacht, den letzten im Jahr 2001, und arbeitet seitdem ausschließlich fürs Fernsehen, hauptsächlich führt er Regie bei Vorabendserien.

Inhalt:

Rudi Wurlitzer hat Knochenkrebs. In der „Abnippelstation“ eines Krankenhauses trifft er auf Martin Brest. Martin hat einen inoperablen, todbringenden Hirntumor. Zusammen fassen sie den Entschluss, dass sie ihre letzten Tage auf keinen Fall so verbringen wollen; außerdem überzeugt Martin Rudi, dass dieser das Meer gesehen haben muss, bevor er stirbt. Sie nehmen eine bereitstehende Flasche Tequila mit und klauen im Parkhaus des Krankenhauses einen Mercedes „Pagode“ 230 SL-Cabrio in Babyblau. Was beide nicht wissen: Das Auto gehört den Gangstern Henk und Abdul, die von ihrem Chef Frankie den Auftrag bekommen haben, das Auto zu Gangsterboss Curtiz zu fahren. Frankie schuldet ihm noch eine Million Mark, die er im Kofferraum des Mercedes deponiert hat.

Inzwischen brauchen Rudi und Martin Geld, um ans Meer zu kommen. Martin findet im Handschuhfach des Wagens eine Pistole und ihm kommt bei einem Tankstopp die Idee, die Tankstelle zu überfallen. Das ist der Start einer wilden Verfolgungsjagd mit den beiden Todkranken, den Gangstern und der Polizei. Immer wieder gelingt es Rudi und Martin, mit den unwahrscheinlichsten Tricks allen Verfolgern zu entkommen. Nach einem Bankraub finden die beiden das Geld im Kofferraum. Damit erfüllt sich jeder noch einen Wunsch: Martin will seiner Mutter, die ein großer Elvis-Fan ist, einen Cadillac Fleetwoodschenken und kann auch wirklich ein Exemplar auftreiben. Bis auf einen kleinen Teil verschicken die beiden das restliche Geld per Post an irgendwelche Menschen. Rudi will noch einmal in einem Bordell mit zwei Frauen zusammen sein und sucht sich dafür ausgerechnet den Club von Frankie aus. Sie werden erkannt und von Henk und Abdul zu Frankie gebracht. Als dieser erfährt, dass sein Geld von den Freunden restlos verbraucht wurde, will er beide töten.

Curtiz kommt dazu und verhindert es. Nachdem ihm alles erklärt wurde, lässt er die beiden Freunde sogar noch unbehelligt entkommen („Ihr habt noch nie das Meer gesehen? Dann wäre es besser, ihr lauft, bevor ihr keine Zeit mehr habt.“ (Im Original: „You’ve never been to the ocean? Then you better run, you’re running out of time.“). Als Rudi und Martin nach einer abenteuerlichen Reise endlich den Ozean erreichen und ihren Augen nicht trauen können, ist es Martin, der noch einmal an seiner Zigarette zieht und dann schließlich tot in den Sand fällt. Rudi ist nicht erstaunt, sondern schaut ihn nur an, um sich dann neben ihn zu setzen und in die Brandung zu schauen (Zusammenfassung aus der Wikipedia).

Kurzkritik:

„Knockin’ on Heaven’s Door“ wurde vielfach ausgezeichnet und war der erfolgreichste deutsche Kinofilm der Saison 1997, der Titel wurde vom gleichnamigen Bob-Dylan-Song übernommen und auch für den Film nicht ins Deutsche übersetzt.

Die Anklänge an berühmte Filme wie „Pulp Fiction“ sind unübersehbar. Die Idee ist gut: Zwei junge Männer, die nichts mehr zu verlieren haben, weil todkrank, hauen noch einmal ordentlich auf den Putz, bevor der eine stirbt und der andere bald sterben wird.

Allerdings beruht die Handlung auf einer ganzen Reihe unglaubwürdiger Zufälle. Das Drehbuch wäre als Krimi undenkbar, als Komödie, die mit einem ernsten Thema dealt und nicht auf Logik aufgebaut sein muss, sondern deren Basis Empathie sein könnte, ist es viel zu wenig subtil.

Der Mangeln an Tiefe wirkt sich auch auf die Figuren der beiden Hauptdarsteller aus. Schweiger und Liefers spielen die beiden Buddys nicht schlecht, aber sind zu sehr gefangen in einer Abfolge von Gags, die zu plump sind, um gekonnt das Thema Tod und Grenzerfahrung auf die komödiantische Art zu spiegeln.

Am Ende gibt es ein paar schöne Szenen, in denen ein Hauch von Melancholie und Romantik aufkommt. Mehr solche Passagen im Wechsel mit den Action-Szenen hätten dem Film gut getan, der Film hat nicht den Rhythmus, den Top-Roadmovies wie „Born to Kill“, Top-Gangsterpersiflagen wie „Pulp Fiction“ oder Top-Buddyfilme wie „Rain Man“ aufweisen.

Rezension:

  1. Die Hauptfiguren Martin Brest (Till Schweiger) und Rudi Wurlitzer (Jan Josef Liefers)

Man muss es hier schon ansprechen – der Film ist zu kurz. Was die Macher bewogen hat, ihn zeitlich ins Fernsehfilmformat zu pressen, kann man sich denken. Nämlich die Zweitverwertung in Form der Ausstrahlung im üblichen Fernsehfilmformat. Leider ist das hier aber auch zu kurz gesprungen.

Entweder man hätte bei den Gags sparen müssen oder einige Meter Film dranhängen sollen, damit die Figuren mehr Profil erhalten können.

So bleiben Liefers / Schweiger unter ihren Möglichkeiten. Ein gutes Thema, halb verschenkt. Denn die Idee, dass zwei, die gerade erfahren haben, dass sie nicht mehr lange leben werden, aus dem Krankenhaus fliehen, um sich noch einmal bzw. erstmalig den Traum vom Meer zu erfüllen, ist sehr gut und bietet Stoff für einen großartigen Film.

Aber die beiden Jungs hier kommen nicht weit übers Pubertäre hinaus. Schweiger, der eigentlich den roheren der beiden Typen verkörpert, will seiner Mutter immerhin einen Elvis-Cadillac schenken, aber Liefers denkt bloß daran, einmal im Leben mit zwei Frauen zu schlafen. Ist es das, kurz vor dem Tod? Wenn man knapp hinter der Pubertät stehen geblieben ist, möglicherweise schon.

Die Hauptfiguren haben wenig mehr als Comic-Niveau, was ihre Ausgestaltung angeht. Die Interaktion der beiden ist schwach. Sie werden Freunde, okay, aber keiner von ihnen hat eine Eigenart, die Spannung reinbringt, wie es bei guten Filmen dieser Art immer der Fall ist.

Anfangs mögen sie sich nicht, aber das verfliegt schnell und sie gehen auf eine sentimental-bleihaltige Lebens-Abschiedstournee. Keiner von ihnen wird als Charakter so prägnant, dass er im Gedächtnis bleibt. Wer einmal einen Tatort mit Liefers als Dr. Börne gesehen hat, versteht, was wir meinen. Da ist weitaus mehr an Witz drin, in dieser Figur, als in Rudi Wurlitzer, der immerhin Knochenkrebs diagnostiziert bekommt.

  1. Die übrigen Figuren

 Man muss es leider schreiben, die beste Figur im Film, peinliches Klischee und gut gemacht gleichermaßen, ist der beschränkte Gangster Abdul, den Moritz Bleibtreu spielt. Absolut echt ist er auch nicht. Weniger, weil nicht politisch korrekt, sondern, weil Abduls Araber-Deutsch   auch in der Diktion nicht präzise dem entspricht, was man in Berlin jeden Tag auf der Straße hört und was durchaus sprachsatirische Züge aufweist. Für 1996, als man gerade erst anfing, sich der neuen Mischsprachen aus Deutsch und Türkisch oder Arabisch im Film oder Fernsehen anzunehmen, ist sie recht gut gemacht. Es ist amüsant zu sehen, wie Moritz Bleibtreu das Verbale in seinen an Gestik und Mimik reichen orientalischen Kleingangster-Stereotyp integriert.

Einen Gastauftritt hat der für seine manchmal beängstigend präsenten Figuren bekannte Amerikaner Rutger Hauer, aber der ist leider zu kurz, findet erst am Ende des Films statt und ist komplett herbeizitiert. Nicht integriert in die Handlung, zu schemenhaft, um dem Film etwas Eigenständiges geben zu können. Schade. Selbst kleinere Rollen sind prominent besetzt (Corinna Harfouch als Laborschwester, Christiane Paul als Boutiquenverkäuferin, der Cast liest sich beinahe wie ein Who’s Who der damaligen deutschen Film- und Fernsehszene). Nicht wiedererkannt haben wir Cornelia Froboess als Filmmutter von Till Schweiger. Da ist die Erinnerung an ihre Komödienrollen der 60er Jahre noch zu präsent. Bernd Eichinger hat im Abspann einen Cameo-Auftritt. Er hat den Film produziert, wie viele Erfolgsfilme der letzten drei Jahrzehnte.

  1. Handlung

Die Handlung mit den vielen Schusswechseln, bei denen Kugeln unlogischerweise Funken schlagen, wenn sie auf Steinmauern prallen, ist als Videospiel nicht vorstellbar. Weil schlicht die Logik fehlt. Selbst die Logik des Absurden, die große Parodien auszeichnet, will hier nicht gelingen, weil alles zu beliebig wirkt. Und dem Film surrealistische Tendenzen unterstellen zu wollen, wäre zu viel der Ehre.

Ohne eine ganze Reihe von aus dem großen Konfektionsregal des Slapsticks gegriffenen Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten würde der Film schon deshalb nicht funktionieren, weil weder die Polizei noch die Gangster, die das Geld ihres Bosses zurückholen wollen, auf die beiden Ausreißer treffen würden. Das ist zu einfach gestrickt, man wollte schon eine Reminiszenz an grandiose Tarantino-Filme, aber ob Tarantino von diesem Fan-Movie begeistert wäre, darf bezweifelt werden. Die überragende Komik im Absurden fehlt hier, die Gags sind zu platt, die groteske Überzeichnung der Situationen, die eben eine Parodie ausmacht, fehlt. In sich sind einzelne Gags zwar stimmig, aber hier wird zu viel Ähnliches, zitiert aus allen möglichen Vorlagen, angehäuft.

Das Ende ist hingegen konsequent, Martin stirbt an seinem Hirntumor. Er kippt einfach zur Seite, am Strand. Rudi trinkt einen Schluck aus der Tequilaflasche und schaut sich nicht einmal um. Das wirkt lakonisch, selbstverständlich, sie haben alles miteinander erreicht, die beiden, was in der kurzen Zeit, die ihnen blieb, zu erreichen war. Die stärkste Szene des Films. Mit einem Mal kommt das Thema doch näher. Aber gerade diese eine Szene macht deutlich, was der übrige Film vermissen lässt.

  1. Zeitgebundenheit

Der Film ist (erst) fünfzehn Jahre alt, mithin entstammt er nicht einer anderen Epoche. Dennoch haben wir uns gefragt, ob er heute noch so denkbar wäre, nach den Ernüchterungen, die uns die ersten elf Jahre des neuen Jahrtausends gebracht haben. Wir wagen zu behaupten, dass man den Film heute etwas subtiler gedreht hätte. Was da gezeigt wird, reicht nicht, um ein großes Thema wie die plötzliche Erkenntnis des nahen Todes anzugehen. Die heutigen Komödien haben oft einen Touch von Ernst und Trauer und eine Gefühlsintensität, die „Knockin’ on Heaven’s Door“ völlig abgeht (als weiblicher Buddy-Film etwa: „Sommer vorm Balkon“ von 2005).

Dass der Film nicht nur erfolgreich war, sondern auch mit Preisen überhäuft wurde, ist wohl dem Missverständnis zu verdanken, hier sei etwas Gefühlsintensives gezeigt worden und ist sicher nicht dem Parodie-Part. Bemerkenswert, dass sich Jurys, in denen erwachsene und kinokundige Menschen sitzen, darauf eingelassen haben, einen mittelguten Fernsehfilm derart zu preisen. Wir schreiben es der Tatsache zu, dass damals wohl doch noch ein etwas anderer Zeitgeist geherrscht hat. Man kann auch sagen, wir schieben es darauf. Wir gönnen dem Film seinen Publikumserfolg, aber wir würden hoffen, dass man wieder etwas mehr auf den wirklichen Gehalt eines Filmes Wert legt, wenn „Knockin’ on Heaven’s Door“ sich in einem Wettbewerbsrahmen des Jahres 2011 zu beweisen hätte.

  1. Stilmittel (Kamera, Musik)

 Qualitativ und stilistisch ist der Film weitgehend fehlerlos, die besonders in den Landschaftsszenen eingesetzten starken Farbfilter sind hingegen schon wieder Geschmacksache und unterstreichen das ein wenig Kitschige von „Knockin’ on Heaven’s Door.“ Die Neunziger waren das Jahrzehnt, in denen Hochglanzkino auf allen Ebenen perfektioniert und eingesetzt wurde, diese Ästhetik prägt auch „Knockin’ on Heaven’s Door“ zumindest phasenweise.

  1. Die Meinung der anderen

 Wir hatten schon angedeutet, dass der Film gut rezipiert wurde, das spiegelt sich auch in der Userbewertung der International Movie Database (IMDb) wieder. 7,8 von 10 ist ein überragender Wert für eine deutsche Komödie. Denn es ist immer noch so, dass besonders im Ausland dramatische oder ernsthaft-poetische deutsche Filme mehr gemocht werden. Ausgerechnet ein so relativ platter Film erfährt demnach eine Aufwertung, die der erstaunlichen Preisanhäufung entspricht.

Aber wir würden uns mit der IMdB nicht so genau befassen, wenn sich aus der Userwertung nicht auch ableiten ließe, wo das Problem liegt. Frauen bewerten den Film besser als Männer, obwohl Frauen in dem Film wirklich nur Statistenrollen haben und sonst nur als Sexfantasien besonders von Rudi Wurlitzer präsent sind. Noch ausgeprägter ist aber der Unterschied in den Altersklassen.

Ganz überragend hoch wird der Film von Usern bewertet, die nicht einmal 18 Jahre alt sind. Sinnlos, so jungem Publikum das Voten zu verbieten, und es ist ja auch wichtig zu wissen, was die Jugend schick findet – nicht zuletzt, um aufs junge Publikum zugeschnittene Filme produzieren zu können. Mit zunehmendem Alter lässt die Begeisterung der User nach. Das finden wir absolut nachvollziehbar. Wer noch nie mit dem Thema Tod zu tun hatte, auch nicht im Verwandtenkreis, wird die hier gebotene Darstellung als adäquat empfinden, uns ist sie bei Weitem zu oberflächlich geraten. Auch im Format einer Komödie kann man wesentlich mehr zeigen.

Gleiches gilt für die Handlung. Dass die Dramaturgie schwach ist und wie gewürfelt wirkt, erkennt man besser, wenn man sich schon ein wenig mit der Materie Kino beschäftigt hat. Nicht zuletzt: Männer sind möglicherweise einen Tick mehr im Zweifel darüber als Frauen, die den Film tendenziell besser bewerten, ob die hier gezeigte Männerfreundschaft als Kern des Ganzen tatsächlich eine der großen Leinwand angemessene Intensität und Dynamik aufweist.

Sollen wir jetzt daraus schließen, dass die Jurys auf den Festivals von 1996/1997 sehr jugendlich besetzt waren? Wir glauben, man war froh für eine halbwegs ansprechende deutsche Komödie und Deutschland hatte in den Jahren nach der Wende einen Bonus wie lange nicht mehr. In den letzten Jahren wurde aber bewiesen, dass da mehr geht, im deutschen Komödienstadl, und sogar Oscars gibt’s jetzt hin und wieder. Natürlich nicht für Komödien.

  1. Fazit und Bewertung

Gerade die gute Idee des Films, die immer wieder funktionierende Grundmuster bedient, aber auch ein besonderes Element – das des nahenden Todes beider Hauptfiguren – beinhaltet, der konsequente Schluss ohne vordergründiges Happy-End, werden von Mängeln in der Figurenzeichnung und Handlungsführung weitgehend überlagert.

 5,5/10 (57/100 bei der Republikation 2019)

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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