Our Modern Maidens (Moderne Mädchen, USA 1929) #Filmfest 56

Filmfest 56 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftZeitenwende vor dem Börsencrash

„Our Modern Maidens“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Übergangsfilm. Er entstand an der Schwelle zum Tonfilmzeitalter, ist mit Musik und Soundeffekten gedreht, aber ohne gesprochene Dialoge. Er zeigt Joan Crawford, eine der echten  Hollywood-Göttinnen, am Beginn ihrer Karriere und steht gleichzeitig am Ende des Jazz-Age, das er noch ungebrochen reflektiert – am Vorabend der großen Depression.

Die Handlung ist einfach, die Bildqualität selbst für damalige Verhältnisse und einen MGM-Film relativ schwach, die Moral gemäßigt. Das moderne Mädchen, das sich nimmt, was es will und dafür eins auf die Mütze bekommt, dann aber ein Happy Ending, ist tatsächlich keine unmoderne Filmfigur.

Aus heutiger Sicht ist „Our Modern Maidens“ film- und hollywoodhistorisch interessant, nicht künstlerisch, die gesehene deutsche Fassung ist auch noch etwas kürzer als das 76 Minuten dauernde Original und war nicht digital aufbereitet, wie das unruhige Bild unschwer erkennen ließ.

Handlung

Billie Brown und Gil Jordan sind Angehörige der besseren Gesellschaft und führen ein Leben in Luxus und ohne Sorgen. Die beiden beschließen eines Tages zu heiraten. Billie, die für Gil nur das Beste will, überredet einen alten Freund der Familie, den Diplomaten Glenn Abbott, sich für ihren Verlobten zu verwenden. Die Hochzeit wird mit Pomp und einigen Hundert Gästen gefeiert.

Gerade als Billie zur Hochzeitsreise aufbrechen will, gesteht ihr Kentucky, ihre beste Freundin, dass Gil sie geschwängert habe. Billie ist entsetzt und zieht die einzig möglich Konsequenz. Sie tritt vor die versammelten Gäste und verkündet, sie würde eine neue Mode einführen: Eine Hochzeitsreise ohne Bräutigam. Einige Zeit später findet sie das wahre Glück in den Armen von Glenn, der sie immer schon geliebt hat.

Anmerkung: Wir freuen uns fast jeden Tag über die Wikipedia, weil uns die Online-Enzyklopädie die Arbeit erleichtert, aber hin und wieder gibt es auch etwas zu korrigieren:

– Glenn Abbott ist kein alter Freund der Familie, Billie kannte ihn gar nicht, sondern las in der Zeitung über ihn, nachdem sie ihn zufällig in einem Eisenbahnzug getroffen hatte. Der Witz der Story ist ja, dass sie sich an ihn heranmacht, um Gil zu helfen, bei einem alten Bekannten wäre diese zunächst von ihr vorgespielte Romanze wenig sinnvoll gewesen.

– Ob Kentucky wirklich geschwängert wurde, kommt u. E. nicht klar zutage – lediglich, dass Gil mit ihr Sex hatte, wird angedeutet, und das war schon viel, im MGM-Kosmos und selbst zum Ende der 20er Jahre hin.

Joan Crawford

Seit dem Überraschungserfolg von Our Dancing Daughters war Joan Crawford seit Mitte 1928 zu einem der populärsten Stars von Metro-Goldwyn-Mayer aufgestiegen. Ihre Stärke war die Darstellung junger, lebenslustiger Frauen, damals Flapper genannt, die das Leben als ununterbrochene Abfolge von Flirts und rauschenden Partys verstanden. Zu Crawfords wachsender Beliebtheit unter den jugendlichen Zuschauern trug in nicht unerheblicher Weise ihre Beziehung zu Douglas Fairbanks Jr. bei, deren Verlauf über Monate in der Presse nachgezeichnet und kommentiert wurde. Das Studio schlug Kapital aus dem fortgesetzten öffentlichen Interesse, indem es Fairbanks neben Crawford in der Produktion von Our Modern Maidens einsetzte. Der Film nimmt im Titel Bezug auf den Vorjahreserfolg, hat inhaltlich jedoch keine Gemeinsamkeiten mit jenem. 1930 wurde mit Our Blushing Brides der letzte von insgesamt drei Filmen mit Our im Titel in den Verleih gebracht.

Joan Crawford tritt erneut als aufgeweckte junge Frau mit eigenen Ideen auf, die zwar gerne und oft flirtet, jedoch nie die Grenzen des guten Geschmacks übertritt. Die Entscheidung, auf Gil zu verzichten und ohne Ehemann in die Flitterwochen zu fahren, wird von Ginger, einem Partygirl ohne Moral und Anstand, mit den Worten kommentiert:

Is this a modern moral or just another immoral modern? (Ist das die moderne Moral oder einfach nur die unmoralische Moderne?)

Billie antwortet gefasst:

Do you think you’d know the difference, darling? (Würdest Du überhaupt den Unterschied erkennen, Schatz?)

Joan Crawford, für die dies der letzte Stummfilm war, zeigte sich mit dem Ergebnis relativ zufrieden, wie sie Jahrzehnte später gegenüber Roy Newquist befand:

„Our Modern Maidens“ paired me with Douglas Fairbanks, Jr., and we all know what that led to. Good film, though, and the first one that gave the wardrobe department a chance to go all out to make Crawford a clotheshorse. („Our Modern Maidens“ brachte mich mit Douglas Fairbanks, Jr. zusammen und wir alle wissen, wohin das geführt hat. Trotzdem, ein guter Film und der erste, in dem die Kostümabteilung alles gegeben hat, um aus Crawford die Fashionikone zu machen.) 

Sechs Wochen nach Beendigung der Dreharbeiten heirateten Crawford und Fairbanks. Die Ehe hielt bis 1933.

Rezension

Zur Einstimmung haben wir eine Videosequenz eingespielt, in der u. a. Douglas Fairbanks Jr. seinen eigenen Vater in dessen Rolle als Robin Hood parodiert und Joan Crawford auf einer Empore erscheint, in einem extravaganten Kleid eine Vorstellung gibt. Das Set zeigt expressionistische Einflüsse, Art Déco-Einflüsse und ist und Vorläufer der Showtreppen, in dem nicht ein Star, sondern hunderte von Tänzerinnen prächtig und mit spektakulären Kameraeinstellungen und -fahrten choregraphiert werden. Man merkt schon, dass der Film von MGM produziert wurde – und für uns ist es der erste von vielen aus der Stummfilm- oder der frühen Tonfilmzeit, die wir hier noch besprechen werden.

Mehr über Joan Crawford

Der Film kam nur einen Monat vor dem Börsencrash 1929 heraus, der die Weltwirtschaftskrise auslöste, deren Folgen erst zehn Jahre später einigermaßen verarbeitet waren. „Our Modern Maidens“ spielt im Upperlass-Milieu junger, lebenslustiger Menschen, Protagonistin ist Joan Crawford, einer der WAMPAS-Baby-Stars aus dem erfolgreichen Jahrgang 1926.

Ihr Mitstreiterinnen waren: Mary AstorMary BrianJoyce ComptonDolores CostelloJoan CrawfordMarceline DayDolores del RíoJanet GaynorSally LongEdna MarionSally O’NeilVera ReynoldsFay Wray

Mehrere dieser Schauspielerinnen brachten es zu Karrieren, die berühmteste aber war Joan Crawford, eine der wirklichen Hollywood-Göttinnen. Eine wechselreiche, mehrere Jahrzehnte andauernde Karriere als Top-Star mit einigen unvergessenen Darstellungen moderner Frauen war ihr gelungen und sie war ein schillernder Charakter, oft in den Schlagzeilen, heiratete viermal, hatte vier Adoptivkinder, nachdem festgestellt wurde, dass sie keine eigenen bekommen konnte. Eines von ihnen, Christina, brachte einen Bestseller heraus, in dem Crawford der Kindesmisshandlung beschuldigt wurde, es bildeten sich zwei Parteien von ehemaligen Kolleginnen heraus – pro und contra dieser Darstellung. Sie heiratete den Boss von Pepsi Cola, saß selbst in Vorstand, war alkoholabhängig bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1977.

In „Our Modern Maidens“ verkörperte sie einen tatsächlich für damalige Verhältnisse sehr modernen Typ. Nicht nur wegen der Anlage ihrer Rolle als junge Frau, die sich an einen einflussreichen Mann schmeißt, um ihrem Verlobten beruflich zu  helfen, sondern auch optisch. Wenn man sie von den zeitbedingten Modeaccessoires befreit, merkt man sofort, dass sie hervorsticht. Damals waren die beliebten Gesichter des Films oval und flach, wie das ihrer Freundin und Konkurrentin um Gil Jordan (Douglas Fairbanks, Jr.), Anita Page. Da auch die Lichführung in Hollywood und besonders bei MGM auf volle Ausleuchtung angelegt war, wirkten die Züge oft sehr konturlos, betont wurden nur die Augen und der Mund. Bei Joan Crawford war das beinahe nicht möglich, wegen ihrer eckigen, prägnanten Züge, die damals etwas Neues darstellten, ihre etwas gefräßige Lippenpartie nicht wesentlich kleiner zu schminken, wie es zu der Zeit noch üblich war, geriet mit zu einem trendsetzenden Stilmittel.

Ihre Schauspielerei hingegen, damals von der Kritik gewürdigt, ist das genaue Gegenteil. Während Anita Page recht natürlich wirkt und etwas wie einen Süß-Appeal verströmt, ist Crawford zu hyperaktiv vor der Kamera. Diese stets extrem weit aufgerissenen Augen, die intensive Gestik und ein exzessives Arbeiten mit den Lippen, vor allem das Ziehen der Unterlippe unter die Zähne, sind zwar für die Verhältnisse der Zeit sehr variantenreich gewesen und mögen auf das Publikum lebenssprühend und evokativ gewirkt haben, heute aber sehr stummfilmorientiert und damit kurz darauf veraltet. Crawford hat auch später den dramatischen, intensiven Ausdruck verfolgt, aber doch etwas reduzierter.

Nichtsdestotrotz, sie hat eine hohe Leinwandpräsenz und Sexappeal, wenn man diesen fordernden Typ  sexy findet – vor allem für junge Mädchen in Amerika war sie damit etwas wie ein Role Model, leider haben die folgenden Jahre der großen Depression die Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung solcher Rollentypen erst einmal gebremst. Nicht etwa verhindert, ins Negative gekehrt waren sie auf dem Silver Screen durchaus präsent, vor allem in Gangsterfilmen.

Cast, Plot, Technik, Dekors

Douglas Fairbanks, der Jüngere als Gil Jordan und der Starpolitiker Glenn Jordan (Rod LaRocque) sind dated, und zwar gewaltig. Nicht nur, weil sie noch in voller Stummfilmtradition sehr milchgesichtig ausgeleuchtet sind, sondern auch als Typen. Ein gewiefter Politiker, der sich von einem jungen Ding so vorführen lässt, ist zu schwach gezeichnet, Douglas Fairbanks wirkt nicht wie jemand, um den man sich reißen kann, sondern wie eben ein netter Junge, der zudem älter aussieht, als er wirklich war, trotz der beinahe maskenhaften Frontalbeleuchtung. Dass er in einer Szene John Barrymore imitiert, verstärkt diesen Eindruck eher noch, dass er nett, aber kein tragfähiger Charakter ist.

Dass der jüngere Fairbanks in Wirklichkeit mit Joan Crawford liiert war, kam dem Film vielleicht gr nicht zugute, aber hat ihm nicht in den Olymp verholfen. Er war recht günstig produziert, spielte sein Geld ein, aber war kein Kassenschlager wie ein Jahr zuvor „Our Dancing Daughters“ oder spätere Crawford-Streifen.

Interessant sind einige Sets, etwa das Haus der Bickerings – expressionistische Anklänge, was die Halle betrifft, die selbst für die Upper Class überdimensoniert ist, aber auch typisch MGM: alles auf einer einzigen, großen Bühne. Ein wenig Art Déco ist schon zu sehen, wie es in den frühen 30ern, zum Beispiel in Lubitsch-Filmen sehr ausgeprägt ist – es präsentiert sich durch seine klaren, aber nicht kargen Linien und die helle Fargebung angenehm fürs Auge und vermittelt einen Hauch von zeitloser Eleganz.

Der Film hat noch keine Dialoge, das erlaubt der Kamera ein recht freies und fließendes Verhalten, das den Swing der Handlung und der Figur Billie unterstützt. Dafür gibt es einen Score, der manchmal unterstützt, zuweilen aber durch seine Permanenz auch nervig wirkt. Einige besondere Soundeffekte, Lachen, Singen, eine Sirene, sind auch vorhanden, aber es erstaunt, dass der Film Ende 1929 noch als Mittelding zwischen Stummfilm und späterem „Talkie“ herausgebracht wurde, weil es damals schon echte Tonfilme gab. Allerdings gehörte MGM auf diesem Gebiet eher zu den konservativen Studios, es waren die Warner Brothers, die 1927 mit dem weltberühmten „The Jazz Singer“ (ebenfalls noch eine Mischform mit gesungenen Texten, aber Dialogen mit Zwischentiteln) den Startschuss für ein neues Zeitalter gesetzt hatten und 1929 bereits komplett auf Ton umgestiegen waren.

Fazit

Eine sozialgeschichtliche Betrachtung des Films lassen wir weg, weil die Typen, die hier gezeigt werden, erkennbar Hollywoodfiguren sind und auch in den jazzigen, flippigen 20er Jahren eher Ausnahmeerscheinungen dargestellt haben. Eine moralische Bewertung nimmt der Film nur in Maßen vor, was Joan Crawfords Rolle angeht, und das ist durchaus interessant. Sie darf einen Fehler machen und landet am Ende in den Armen des richtigen Mannes, der ihr gewachsen ist.

Witzigerweise hat sie ja im richtigen Leben den anderen genommen, Douglas Fairbanks, der nicht nur (noch) jünger war als sie, sondern den sie auch 1933 schon wieder verließ. Sprunghaftes Verhalten in Leben und Film waren und sind bei Hollywoodstars nicht selten parallel gelaufen und in gewisser Weise erwartete das Publikum auch, dass ein Star seinen Rollen auch abseits des Filmsets gerecht wurde. Die Trennung zwischen Leinwand und Realität war damals nicht gewünscht und die Studios taten mit Imagkampagnen und Eingriffen in das Leben ihrer Schauspieler nicht selten das ihre, um diesen Unterschied zu verwischen.

Die Schauspieler selbst waren sehr an die Studios gebunden und auch hier hatte MGM mit seinen Langzeitverträgen, die das Leben der Angestellten sehr genau regelten, Maßstäbe gesetzt. Einer der ersten Stars, den MGM auf diese Weise band, war Joan Crawford, die 18 Jahre lang bei dem Studio blieb, bis sie 1943 zu einer zweiten Karriere und zum damals führenden Film-Noir-Studio Warner Brothers wechselte.

60/100

© 2020, 2011 Der Wahlberliner

Regie Jack Conway
Drehbuch Josephine Lovett
Produktion Harry Rapf für Metro-Goldwyn-Mayer
Musik William Axt
Kamera Oliver T. Marsh
Schnitt Sam Zimbalist
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s