Sommer vorm Balkon (D 2005) #Filmfest 57

Filmfest 57 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftEchte Gefühle am Prenzlberg

„Sommer vorm Balkon“ ist eine Tragikomödie aus unserer Stadt Berlin. Hier kreuzen sich Lebenswege, Freundschaften, trifft sich ein Paar und geht auseinander, sterben alte Menschen und machen junge Menschen ihre ersten Erfahrungen in Sachen Liebe.

Das alles in einem Berlin gefilmt, das es genau so gibt, wie es im Film gezeigt wird, und mit den beiden Frauen Katrin und Nike als Mittelpunkt, die in einem alten Prenzlauer-Berg-Haus kurz vor dessen Sanierung wohnen. Die schauspielerischen Leistungen von Nadja Uhl als Nike und Inka Friedrich als Katrin sind großartig, die Story feinfühlig, humorvoll und so echt wie das Leben selbst.

Dazu die Musik, die dem Film einen zusätzlichen Kick gibt – einerseits der Soundtrack von Pascal Comelade, andererseits die 70er-Jahre-Schlager, die treffend einige Szenen kommentieren.

Absolut sehenswert für alle Berlinliebhaber und alle, die das Leben ein wenig kennen und sagen: ja, genau. Oder es vielleicht in dieser eher einfachen Form nicht kennen, aber sich trotzdem für die wundervollen Charaktere erwärmen können, welche hier im Sommer auf dem Balkon sitzen. Zwischen Himmel und Erde, wie in einer Kritik treffend angemerkt wird. Mehr über den Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Die Freundinnen Katrin und Nike, beide jenseits der Dreißig, wohnen im selben alten Mietshaus in Prenzlauer Berg in Berlin. Katrin, aus Freiburg zugezogen, ist arbeitslos und alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Nike ist gelernte Schneiderin, jobbt aber als mobile Altenpflegerin. Beide lernen den LKW-Fahrer Ronald kennen, als der beinahe Katrin überfahren hätte. Nach einer Liebesnacht mit Nike zieht Ronald bei ihr ein. Katrin fühlt sich dadurch von ihrer Freundin allein gelassen. Ihre Arbeitslosigkeit und ihre Einsamkeit versucht sie durch Alkohol zu betäuben. Nach einem Discoabend eskaliert die Lebenssituation von Katrin.

Sie wird wegen Alkoholmissbrauchs in die Psychiatrie eingewiesen und erhält Unterstützung. In der Zwischenzeit kümmert sich Nike um Katrins Sohn Max, der seinerseits ersten Liebeskummer hat. Auch Nikes neue Beziehung zu Ronald verläuft nicht problemlos. Sie erfährt, dass er verheiratet ist und Vater dreier Kinder von unterschiedlichen Frauen. Kurzerhand setzt sie den Macho Ronald vor die Tür. Als Katrin aus dem Krankenhaus zurückkommt, finden die Freundinnen wieder enger zueinander und verbringen die Sommerabende erneut auf Nikes Balkon. Das Schlussbild zeigt das Wohnhaus im Herbst zur Renovierung eingerüstet und nun unbewohnt.

Rezension

An die Rezension werden sich einige persönliche Anmerkungen anschließen, wir versuchen aber dennoch, den Film so sehr wie möglich nur als das zu bewerten, was er ist. Fiktion, wirklichkeitsnah.

  1. Die Figuren in der Handlung. So oder so ist das Leben.

Dieses Chanson hätte auch gut zu „Sommer vorm Balkon“ gepasst – textlich, aber nicht von der Stimmung her.

Zwei Frauen, eine etwa dreißig, die andere etwa vierzig Jahre alt, leben in einem Haus am Prenzlauer Berg, das noch nicht von der Yuppie-Welle erfasst ist, so etwas gab es 2005/2006 noch. In Wirklichkeit war das Haus mit diesem seltsamen, einsamen Balkon hoch oben wohl schon während der Dreharbeiten leer und die Wohnungen lagen nicht in dem Haus, das von außen gezeigt wird, sondern in einem Studio.

Die beiden schlagen sich durchs Leben und versuchen das Leben zu nehmen, wie das Leben eben ist (die Berliner Göre Nike, glänzend gespielt von Nadja Uhl) oder leiden daran und drohen daran zu scheitern (die sensible Südwestdeutsche Katrin, wunderbar verkörpert von Inka Friedrich). Beide gehören zum Dienstleistungsprekariat, halten sich gerade so über Wasser, sind ganz unterschiedliche Charaktere und passen als Freundinnen sehr gut zusammen. Die eine bringt mehr die Energie, die andere das Feinfühlige mit. Differenziert gezeichnete Charaktere sind sie beide.

Schon die Biografie der beiden stimmt. Inka Friedrich kommt tatsächlich aus Freiburg und verfällt, wenn sie als Katrin mit ihren Eltern spricht, ins Schwäbeln. Nadja Uhl, gebürtig in Stralsund, gibt die Ostberlinerin mit starkem Akzent herzhaft lebendig. Wir kennen sie in Rollen, in denen sie komplett andere Typen verkörpert hat. Apropos Typen:

„Ich muss einen Typ finden, der zu Max passt“, sagt Katrin anfangs.
„Ick muss nur nen Typ finden, der zu mir passt“, entgegnet Nike, die Schlagfertige.

Darin steckt schon viel vom Charakter der beiden. Katrin kam nach Berlin, fiel sozusagen auf einen Ossi herein („ich hatte keine Vorurteile“), sitzt nun mit ihrem Sohn Max da, der zu teure Turnschuhe will und auch sonst eigenständig Probleme entwickelt. Nike hat keine Kinder, dafür eine Menge alter Menschen am Hals und zu wenig Zeit für diese Pflegefälle. Keine der beiden Frauen wirkt, als würde sie das Leben idealisieren. Es beim Schopf packen, das tut vor allem Nike, und das bleibt bis zum Schluss so. Immer, wenn Katrin sich hingegen ins Leben begibt, wird’s gefährlich (als ein Mann ihr nachstellt) oder frustrierend (als sie keinen Job findet). Dass sie dem Alkohol zuspricht, ist so nachvollziehbar, wie nur irgendeine Sucht oder Zwangshandlung sein kann. Da ist eine gute Portion Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung in einer Seele, die in Berlin gestrandet, aber noch nicht angekommen ist. Ihre Art passt nicht zu dieser harten, schnellen – ineffizienten Stadt.

Das merkt man am besten in den Sequenzen wie jenen, in denen sie zunächst von einem Bewerbungstrainer eingenordet wird, wie so ein richtiger harter Hund von einem Personaler sie wohl angehen könnte und auf was solche Menschen alles achten – und dann kommt’s total anders. Der Typ, der vor ihr sitzt, als sie sich wieder auf eine Stelle als Dekorateurin bewirbt, ist ein prolliger Chaot, der nach undurchsichtigen Kriterien urteilt und sie zum Bewerbungsgespräch lädt und sie mit einer komplett neben der Spur liegenden Ansage über weitere Bewerbungen, die noch durchzusehen seien, wieder ins Ungewisse entlässt.

Nike hingegen tut sich mit einem Lkw-Fahrer zusammen, den die beiden Frauen kennen lernen, als er die etwas schusselige Katrin beinahe überfährt (klar, dass die diesen Part hat und nicht Nike). Nike und Ronald, der Trucker, haben guten Sex.

Truck fahren macht manchmal einsam, erklärt Ronald der lebenslustigen Nike, als die ihn auf einem seiner Trips begleitet. Doch man merkt, es macht auch frei. Genau das Richtige für einen mundfaulen Frauentyp. Dass Ronald ein beides ist, er scheint als offensichtlich. Andreas Schmidt, der leider inzwischen verstorben ist, hat auch hier wieder einer Unterschichtfigur abendfüllendes Format gegeben. Wenn er nichts oder nicht viel sagt, ist das so beredt, als wenn andere eine Stunde lang quasseln. Seine Truckerfigur spiegelt sich auch in der „Dettmann-Trilogie“ unter den Polizeiruf-110-Filmen aus Brandenburg.

„Ein Verbalficker ist er nicht, aber sonst macht der Mann einfach alles richtig“, sagt Nike an einer Stelle zu Katrin. Und damit ist das Verhältnis geklärt. Zwei Fremde, die im Grunde einander fremd bleiben. Das merkt auch Nike und schießt Ronald (heißt er nun Roland oder Ronald?, fragt sie sich und andere immer wieder) gegen Ende des Films ab. Die kurze Beziehung von Nike ist eine Zufälligkeit von vielen Zufällen in der großen Stadt. Kein Konzept, kein Entwurf, keine Perspektive.

Um das ganz klar zu machen, bekommt Ronald Frau und drei Kinder zugeteilt, die irgendwo draußen in Brandenburg sitzen und immer mal wieder besucht werden. Eine der wenigen Schwächen des Films, dass das Auseinandergehen von Nike und Ronald mit einer zusätzlichen, gar nicht notwendigen Motivation unterlegt wird. Auseinandergehen, weil es einfach nicht passt, weil man sich nichts zu sagen hat, wäre noch stärker gewesen.

Nike gibt sich nicht zufrieden mit einer nur auf Sex basierenden Beziehung. Nike ist die griechische Göttin des Sieges, ihre Heimat die Akropolis. Und den Eindruck einer kleinen, kämpferischen Siegerin mit Humor und Sexappeal vermittelt auch die Nike in „Sommer vorm Balkon.“

Die Mischung aus Fürsorge und Rauheit, die sie ihren Patienten gegenüber zeigt, ist großes Kino. Sie geht emotional mit den alten Leuten mit und kommt in Schwierigkeiten, weil sie immer wieder Zeitvorgaben verletzt. Sie kann aber auch unglaublich schlagfertig ihnen gegenüber sein. Die alte Helene schaut in den Spiegel und sagt:

„Ach, wenn mein Gesicht noch so glatt wär’ wie mein Hintern.“
„Da haste aber deinen Hintern lang nich mehr jesehn, wa?“

Es wirkt nicht falsch oder zu vulgär, es ist, wie es ist, das spürt man ganz deutlich. Für Nike  Sympathie zu empfinden, heißt, das Leben an der Basis, hart und herzlich, anzunehmen. Natürlich ist die Wirklichkeit nicht so dicht an dicht mit verbalen Gags gepackt wie hier, nicht einmal in Berlin. Ein guter Film ist immer Kompression, nur ein schlechter ist Nacherzählung. Die Verdichtung ist hier gelungen, die Handlung fließt charmant dahin und nichts wirkt aufgesetzt.

Auch die Freundin Katrin, die durch ihre persönliche Hölle geht, um am Ende gerade so, aber keineswegs geläutert nach Hollywood-Klischee durchzukommen, ist ein Typ, den man aus der Nähe betrachten kann, weil sie das alles nur so schwer bewältigt und doch irgendwie weitermachen muss, schon wegen des Sohnes. Die Perspektivlosigkeit, das Gefühl, den Ansprüchen des eigenen Kindes und überhaupt der Welt nicht zu genügen, werden spürbar – aber nur zeitweise – denn immer wieder sieht man ganz harmonisch eingefühlte Szenen, zum Beispiel mit Nike.

„Mit mir kommst du nicht weit“, sagt sie einmal zu ihrem Sohn, als sie ihm bei den Hausaufgaben nicht helfen kann. Da ist eine Frau zu sehen, der in jeder Geste darstellt, wie ihr Selbstbewusstsein allmählich zerstört wurde. Und doch wirkt es seltsam niedlich und man möchte sie einfach nur trösten. Wir sahen Inka Friedrich zuletzt in „Kehrtwende“ – sie kann verletzliche und verletzte  Frauenfiguren wirklich gut und auch vermitteln, warum es für viele Menschen schwer ist, die Faust zu ballen und sich zu erheben.

  1. Hallo, Herr Kommissar!

Für einen Moment, in einer Kneipenszene, sitzt da am Tresen jemand, den wir zu kennen glauben. Und wirklich, Axel Prahl alias Frank Thiel, Tatort-Kommissar in Münster, hat einen Cameo-Auftritt. Das wollten wir nicht unerwähnt lassen, immerhin schauen jeden Münster-Tatort etwa zehn Mal so viele Menschen, wie im Kino waren, um den „Sommer vorm Balkon“ zu genießen. Da stimmt die Relation nicht ganz, aber auch dies ist das Leben.

  1. Die Lieder des Lebens und ewige Wiederkehr

Der Film hat Normallänge (110 Minuten) und ist von der Anlage kein Epos, es werdennur ein paar Tage, ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben zweier Frauen, gezeigt. Aber was hineingepackt wurde, ohne dass es auch nur eine Sekunde lang aufdringlich wirkt, davor verneigen wir uns und ziehen erst gar keinen Vergleich mit um vieles ambitionierter wirkenden Filmen, die weitaus weniger von der Wirkung der vierten Dimension vermitteln.

Zum einen Katrin und Nike. Die eine kämpft verzweifelt darum, noch für unter 40 zu gelten, denn jeder weiß, mit 40 wird’s schwierig: einen Mann zu kriegen, einen Job zu finden. Zumindest dem Klischee nach, in der Realität vor allem dann, wenn man nicht sozial so aufgestellt ist, dass man immer jemanden anziehen kann, der die soziale Aufstellung als attraktiv empfindet. Nikes Alter wird nicht thematisiert, aber sie ist etwas jünger, hat es noch nicht zu einem Kind geschafft. Das bedrückt sie durchaus, wie man in einer Streitszene mit Katrin bemerkt. Sie ist dafür mit Menschen am Ende ihres Lebensweges befasst, jeden Tag. Sieht der Vergänglichkeit sehr gefasst ins Auge. Und da ist noch Katrins Sohn Max (Vincent Redetzki), der gerade in jenes Leben tritt und schon den Kürzeren bei einer weiblichen Person zieht, obwohl er der viel nettere Typ ist als sein machohafter Freund, der ihn aussticht. Zwischen diesem Erlebnis und einer Szene, in der  Nike einen uralten Mann wäscht, kleidet, seine Windeln wechselt, der nur noch einen Satz kennt: „Ich muss zur Schule“, da liegt das ganze Leben und liegen viele Leben – und ein Kreis, der sich schließt, wenn gezeigt wird, wie dieser alte Mann wieder zum kleinen Kind wird.

„Jetzt sind große Ferien“, antwortet Nike dem alten Mann. Max trabt dem Mädchen hinterher …

Am Ende steht noch, in einer Art letztem Kommentar, nachdem Nike und Katrin wieder auf dem Balkon zusammengefunden haben: und so weiter. Dann folgt jedoch ein weiteres Bild. Es ist Herbst, eine ältere Frau kehrt Laub zusammen. Vor dem Haus ein Gerüst. Man vermutet, dass es „entmietet“ ist und dass es für die beiden Frauen kein „und so weiter“ im bisherigen Rahmen geben wird. Ein sehr nachdenklich stimmendes Ende nach dem eigentlichen Ende des Filmes. Ja, dieses Ende nach dem Ende beeinträchtigt das Wohlgefühl, das der ewige Reigen ja doch auslöst – weil es ihn durchbricht. Hier gibt es keine Wiederkehr, nur Gentrifizierung.

  1. Ein wenig Raumausstattungs-Psychologie

Schließlich sind die beiden Frauen genau so eingerichtet, wie man sie als Charaktere wahrnimmt. Wir befinden uns nicht in einem akademischen Umfeld, wo die Ausstattung oft deshalb weniger Aufschluss über das Mindset von Menschen gibt, weil Akademiker besser abstrahieren können – weil diese sich eher bewusst sind, dass die Einrichtung ein Statement ist und man mit der Wahl der Ausstattung Dritten genau das suggerieren kann, was man möchte. Nike hat jedoch diese Art von aufgeräumter Gemütlichkeit in ihrer Wohnung verwirklicht, mit farbigen Wänden, modernen, hellen und auf einfachen Geschmack ausgerichteten Möbeln, die signalisieren, dass sie ihr Leben angenommen und es sich darin so praktisch wie möglich gemacht hat, sich mit sich selbst wohlfühlt.

Es fehlt noch der Mann darin. Kandidat Ronald sitzt dann im Verlauf in der Küche mit grünen Wänden und darf in der weinroten Bettwäsche schlafen. Anders bei Katrin. Das Kinderzimmer unaufgeräumt, die Möbel wurden mal hier, mal da par Occasion erworben, alles eher kunterbunt als in kräftigen, lebensbejahenden Farben. Katrin wohnt im Erdgeschoss, Nike hingegen oben unterm Dach, hat den titelgebenden Balkon. Katrin besucht in der Regel sie, nicht umgekehrt, auch das symbolisiert, welche Frau die stabilere Position im Leben hat und mehr die Sonne sieht (auf einem Filmplakat spielen Sonnenblumen eine wichtige Rolle).

Dazu Katrins Bilder von Häusern. Andreas mag sie, er findet sie „echt“. Echt im Sinne von naturalistisch sind sie aber nicht, sondern wirken dunkel und leblos. Nicht so, wie jemand mit Schwung und einer Dekorateurausbildung sie malen würde. Nicht, wie die Häuser wirklich aussehen, selbst die unsanierten. Nämlich mit individuell gestalteten Fenstern, vielen kleinen Details, Läden im Erdgeschoss usw. Die Gemälde drücken Katrins Seelenlage mehr aus, als dass sie verkäufliche Kunst wären – dass sie Letzteres nicht sind, wird an einer Stelle deutlich, als Nike und Katrin versuchen, eines der Bilder in einer Galerie unterzubringen und der Galerist, mehr aus Mitleid, sagt, er stellt sie halt aus.

  1. Und dann noch: Musik, fast den ganzen Film hindurch

Wenn man die Stimmung von „Sommer vorm Balkon“ erfassen will, geht das nicht ohne die Musik. Es  ist hollywoodesk, wie beinahe jede Szene melodisch unterlegt wird. Nicht mit großem Orchester, wie in den Klassikern, also mit eigens für diesen Film geschriebenem Score, sondern mit südamerikanischer, teilweise jazziger Musik, einige Stücke haben uns an Wim Wenders‘ „Buena Vista Social Club“ erinnert. Von Soundtrack werden die Szenen des Alltags begleitet, mal schneller, mal langsamer, immer in Bezug zur Handlung und nicht verfremdend auf Kontra gesetzt. Wenn die Emotionen aufflammen, da werden Schlager der 70er Jahre gespielt –  so schön textlich kommentierend.

„Liebe Sonne, guten Morgen, diese Nacht blieb dir verborgen“, kommt es aus einem Radio, nach der ersten gemeinsamen Nacht von Ronald und Nike. Kitschig? Nein, unendlich humorvoll, das wird erst richtig klar, als sich das Lied wiederholt, als sie ihn, nachdem er sich zusehends als indolentes Arschloch herausstellt (wiewohl der Zuschauer das gleich merkt), eine Nacht auf dem Balkon hat verbringen lassen und die Beziehung ihrem Ende entgegenstürmt.

Es gibt noch mehr Szenen, etwa in der Stammkneipe der drei Hauptfiguren, in denen herrlich mit diesen Liedern von Glück und Sonnenschein gespielt wird. „Du gehörst zu mir“ singt Marianne Rosenberg, während die Beziehung von Nike und Ronald sich entwickelt. Und als Katrin und Nike wieder zusammen auf dem Balkon sitzen, versöhnt, und wo Ronald nur noch episodische Vergangenheit ist, da tönt es in voller Lautstärke: „Was kann mir schon geschehn, du weißt, ich liebe das Leben.“ So war das in den frühen 1970ern, als solche Songs gemacht wurden, da echot trotzig der einstige Aufbruch.

Vor allem auf Nike als ein einfaches, herzliches Mädchen ist diese Musik dermaßen gut zugeschnitten, dass die ollen Kamellen von Nana Muskouri oder Viki Leandros erst 2006, in dieser Welt, die alles andere als vorwiegend sonnig ist, ihre eigentliche Bestimmung erfahren. Sie sind ein naives, aber kräftiges Statement gegen eine immer kältere, unpersönlichere Welt geworden, in der nur enge Freundschaft zu wenigen zählt. Die Partyzeit der 70er ist vorbei. Die simplen Schlager von damals haben eine andere Bedeutung bekommen, zumindest in diesem Film. Sie sind Fußnoten mit Inhalt, und, ja, sie tragen dazu bei, dass man nach dem Film genau dieses Gefühl hat:

Vielleicht wird einmal alles gut oder auch nicht, aber es geht weiter. Von Tag zu Tag, von Freundschaft zu Streit zu Freundschaft. Von kleinem Ereignis, von einem gemeinsamen Tag beim Baden, den man genießen kann, zum nächsten kurzfristigen Ankerpunkt zwischen Alltag und Alltag.

Persönliche Anmerkungen

Als der Film in die Kinos kam, das war genau jene Zeit, als wir ernsthaft über einen Wechsel nachdachten. Und wir wollten uns den Film dann am damaligen Wohnort anschauen. Aber da wir das nicht gern alleine tun, wurde es nichts, weil gerade eine Beziehung zu Ende ging. Erst durch diese Veränderung rückte Berlin zum Greifen nah. Wir brauchten dann noch etwas mehr als ein Jahr, um es zu wuppen. Und als wir, schon in unserer Wahlstadt, den Film zum ersten Mal sahen, fanden wir ihn hinreißend.

Wie viel näher als damals er uns heute ist, wie viel noch wir den Figuren abgewinnen können und der Stadt, das haben wir gestern beim Wiedersehen mit dem „Sommer vorm Balkon“ festgestellt. Nicht nur, weil wir in der Zwischenzeit jemanden kennenlernen durften, der ein wenig auf Nadja Uhls Typ kam, tatsächlich eine Ostberlinerin. Dass nicht mehr als ein Sommermärchen daraus  geworden war, hatte viele Gründe und eigene Anteile und spricht von dem, was Ronald kennzeichnet. Aber es ist anders, wenn man das angesagte Wording beherrscht. Man wird in Bezug auf das Verständnis für das andere Geschlecht überschätzt. Aus heutiger Perspektive: Es bleibt noch viel zu tun.

Jede der Hauptfiguren in „Sommer vorm Balkon“, gleich, als welcher sozialen Schicht zugehörig man sie identifiziert, lehrt uns etwas und sagt etwas über das, was wir sind und was wir erlebt haben oder erleben sollten. Außerdem kommt noch das Schmunzeln über die Verwendung der 70er-Jahre-Musik hinzu, die wir als Kinder zuhause oder woanders in die Seele geträufelt bekamen. Nicht nur die Schauspielerinnen Nadja Uhl und Inka Friedrich sind in etwa unsere Altersklasse, auch die Musik kündet aus jener Zeit und drückt die damalige Stimmung aus.

Momente wie den, als wir auf einem Karrussell saßen, eine ganze Runde von Kindergartenkindern, dieses Rad in der Mitte drehten, welches das Karrussell in Schwung hielt und dabei alle: „Meilenweit muss ich geh’n“ trällerten, werden wir nie vergessen. Das Leben war sicher, die Zukunft voller großer Erwartungen. Die Frauenfiguren im Film entstammen einer Generation, die ebenfalls mit diesen Sicherheiten groß geworden ist, im Westen wie im Osten.

Die nächste wird es tendenziell leichter haben, die Veränderungen der letzten Jahre, die heutigen, weitaus weniger komfortablen Verhältnisse zu adaptieren, weil sie in ihnen aufgewachsen ist. Weil sie dabei zusehen durfte, wie die Eltern ihre Partner, ihre Jobs, ihre Selbstachtung verloren oder wie sie kämpften um jeden Zentimeter Glück und wie sich die Solidarität immer mehr auf kleine, sehr private Inseln zurückzog. So, wie es in „Sommer vorm Balkon“ gezeigt wird.

Anmerkung anlässlich der Wiederveröffentlichung im „neuen Wahlberliner“ 2019 / 2020

Selbstredend schreibt sich die persönliche Story fort, deswegen habe ich das Nachwort etwas gekürzt, alles hat inzwischen eine etwas andere Farbe angenommen, ist nicht mehr so abenteuerlich, aber vertrauter und der Prenzlberg ist nun auch komplett gentrifiziert. Kaum zu denken, dass dort noch Menschen wie Nike oder Katrin wohnen. Die eine verdient als Altenpflegerin nicht genug, die andere ebenfalls nicht und ist zu fragil für die bräsige Art von Mittelständigkeit, die sich breitgemacht hat – obwohl sie aus einer Gegend stammt, aus der tatsächlich viele Neubewohner der Gegend kommen. Der Film ist, mit angemessener Verdichtung gegenüber den Abläufen im Leben, viel vom Leben selbst. Und es bleibt immer noch viel  zu tun.

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

84/100

Regie Andreas Dresen
Drehbuch Wolfgang Kohlhaase
Produktion Peter Rommel
Stefan Arndt
Musik Pascal Comelade
Kamera Andreas Höfer
Schnitt Jörg Hauschild
Besetzung

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