Der oide Depp – Tatort 696 #Crimetime 460 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Depp

Crimetime 460 - Titelfoto © BR / TV60, Julia von Vietinghoff

Vorwort 2019

Zu einem Tatort mit diesem Namen passt eine oide Rezension, finden wir – deshalb bringen wir anlässlich einer Wiederholung des Films nach einiger Zeit wieder ein „Original“, optisch und inhaltlich weitgehend dem entsprechend, was wir als „TatortAnthologie 68“ im Jahr 2011 geschrieben haben – drei Jahre nach der Premiere dieses heute noch hoch geschätzten Tatorts aus der „großen Zeit“, den „Heydays“ der Münchener Ermittler Batic und Leitmayr.

I. Kurzkritik

Mit großer Spannung haben wir auf die Wiederholung dieser Münchener Tatortfolge hingefiebert, weil sie den fachkundigen Zuschauern als eine der besten aller Zeiten gilt – und gemäß Ranking die beste ist, die wir je gesehen und zu rezensieren hatten.

Wundervoll ist „Der oide Depp“ in zweifacher Hinsicht – stilistisch und schauspielerisch. Ja, in diesen Bereichen ist der Film nicht nur einer der besten Tatorte, sondern auch ein Stück Fernsehkino, das man selten zu sehen bekommt. Innovativ und nostalgisch zugleich, robust und romantisch. Man hat viel in die Figuren investiert und viel in die Details, besonders natürlich in die Rückblenden.

Reifezeugnis„, unseren bisherigen Spitzenreiter, kann er dennoch nicht toppen. Das liegt an unnötigen Logikschwächen. Schade, schade, so ein engagiertes,  hervorragend gespieltes Stück Krimi, mit klasse Typen und Ideen, so reich an interessanten Zutaten – und doch wieder etwas zum Aussetzen am Plot. Wir verstehen schon, dass bestimmte Fragwürdigkeiten der  Dramaturgie geschuldet sind, aber vielleicht gibt es ja doch eines Tages ein Drehbuch, das vollends logisch konstruiert ist und trotzdem eine perfekte Inszenierung von Spannung, Emotion und Dramatik erlaubt. Wir warten weiter darauf.

Ein Spitzentatort, der eine Wertung von 8,5 bekommt, wie bereits fünf rezensierte Folgen, aber die Krone behält vorerst der 70er-Jahre-Klassiker von Wolfgang Petersen mit Nastassja Kinski.

II. Handlung, Besetzung, Stab

Mitte der 1960er-Jahre wurden in München die beiden Edel-Prostituierten Gertrude „Gina“ Echsner und Johanna Wiesnet grausam getötet. Der oder die Täter konnten nie gefasst werden. Doch die moderne forensische Technik ermöglicht es nun, einen der berühmtesten Fälle bayerischer Kriminalgeschichte neu aufzurollen. Eher zufällig fanden Streifenpolizisten im Amischlitten des ehemaligen Unterweltkönigs Robert „Roy“ Esslinger die Tatwaffe, einen Dolch, der nach mehr als vier Jahrzehnten

Der Fall landet auf Befehl von oben – genauer: von Kriminaloberrat Wellisch – auf dem Schreibtisch von Ivo Batic und Franz Leitmayr. Während ihrer Ermittlungen tauchen die beiden Kriminalhauptkommissare ein in das längst verblasste Münchner Rotlichtmilieu von einst:

Robert „Roy“ Esslinger war in den 1960er Jahren eine viel beachtete Halbweltgröße im Bahnhofsmilieu. Dank seines hinterhältigen Charmes hatte es der millionenschwere Zyniker damals immer verstanden, auch mit den Spitzen der Stadt zu kooperieren. Sogar Münchens ehemaliger Polizeipräsident Dr. Landgräber erinnert sich „sehr gut“.

Was die Ermittlungen von Batic und Leitmayr erschwert, ist die Mitarbeit des ihnen zugeteilten Kommissars Sirsch, einem grantigen, älteren Beamten, der noch nicht einmal den Computer bedienen kann. Dieser Umstand bietet Batic und Leitmayr wieder beste Gelegenheit, ihrem lieben Exkollegen, dem technisch hochbegabten und vor allem emsigen Carlo Menzinger, nachzutrauern. Denn Batic und Leitmayr müssen nun die mühsame Kleinarbeit wie das Durchforsten verstaubter Aktenordner ganz allein bewältigen. Dabei kommen allerdings erstaunliche Dinge ans Tageslicht.

Darsteller:

Ivo Batic: Miroslav Nemec
Franz Leitmayr: Udo Wachtveitl
Sirsch: Fred Stillkrauth
Robert „Roy“ Esslinger: Jörg Hube
Hubert Würzbauer: Dieter Kirchlechner
Kriminaloberrat Wellisch: Christian Springer
Erster Polizist Bernie: Christoph Bach
Zweiter Polizist Hubert Würzbauer: Thomas Unger
Gina Echsner: Muriel Roth
Johanna Wiesnet: Julia Eder

Stab:

Regie: Michael Gutmann
Buch: Alexander Adolph
Kamera: Kay Gauditz
Musik: Rainer Michel

(Handlung, Besetzung, Stab: WDR)

III. Rezension

1. Verwurzelt in der deutschen Nachkriegs-Krimigeschichte und mit seiner Zeit

Die Schwarzweiß-Rückblenden sind wohl das USP, das Alleinstellungsmerkmal dieses Tatortes, zumindest, wenn man ihre Häufigkeit, ihre tragende Funktion und ihre Qualität berücksichtigt.

Die Serie „Funkstreife Isar 12“, von 1960-1963 ausgestrahlt, bei der die hier gezeigten BMW 502 „Barockengel“ zum Einsatz kamen, haben wir leider nie gesehen. Uns erinnern die Rückblenden aber ein wenig an die originalen „Stahlnetz“-Folgen von 1958 bis 1968 und noch mehr an „Der Kommissar“, obwohl diese von 1968 bis 1975 gezeigt wurden und die Rückblendenserie in „Der oide Depp“ verschiedene Zeitpunkte in den Jahren 1964 bis 1966 aufgreift.

Es sind wohl die grandiosen Dekors der für damalige Verhältnisse hoch modernen „Animierclubs“ und sonstigen Etablissments des Kiezkönigs Robert „Roy“ Esslinger, die einen Touch of Class vermitteln. Uns scheint die Figurauch ein wenig dem Berliner Halbweltstar Rolf Eden nachempfunden zu sein, bei dem alles noch eine Nummer größer war als hier gezeigt – die ähnliche Vornamenslautung ist wohl auch kein Zufall.

Wir haben uns die Rückblenden genau angesehen, weil uns an dieser Technik häufig nicht ihre Anwendung nervt, sondern die vielen Gegenstände, die es zu der Zeit nicht gegeben hat, in der die Rückblende angesiedelt ist, mithin die handerkliche Schlamperei. Wenn man das Budget nicht hat, um Straßen ganz mit alten Autos zu besiedeln, allen Schauspielern und Statisten passende Frisuren, Kleidungsstücke zu verpassen, alle Dekors der Zeit genau nachzubilden, dann sollte man es lassen. Aber der BR hat hier ganze Arbeit geleistet, es gibt kaum Fehler. Bei den Nacht-Außenszenen ist die Abfilmung heutiger Schaufensteransichten geschickt kaschiert und alles, was in Rückblende gesetzt ist, weist hohe atmosphärische Dichte auf. Exzellentes Kino für Liebhaber handwerklicher Genauigkeit.

Ein Beispiel: Der Dienstraum,  in dem die Polizisten Sirsch und Würzbauer sitzen, der wird noch einmal im Zustand später, als Abstellkammer, gezeigt. Da hat man rechts der Tür sogar den Lichtschalter auf moderner, aber nicht auf ganz modern geändert, obwohl der Raum ja gar nicht mehr benutzt wird. Die Funkstreifen, die mit schmalen Reifen quietschend über den Asphalt und das Pflaster jagen, das laute Knirschen der alten Polizei-Lederjacken, die alte Olympia-Schreibmaschine, man kann ahnen, dass sie grün ist, obwohl schwarzweiß abgefilmt. Die Liebe, die man hier in jeden Gegenstand gesteckt hat, die kommt bei manchem Zuschauer wohl unbewusst an, wir haben genau hingeschaut und dieses Engagement in Kleinigkeiten sehr genossen, das unweigerlich zu atmosphärischer Verdichtung der Vergangenheit führt.

2. Eine Chiffre für den Amigo-Staat

Ob es wirklich eine Verquickung der damaligen Münchener Polizeispitzen mit der Halbwelt gab? Man muss es dem Amigo-System des Freistaates Bayern zutrauen und es zeigt auch gleich Glanz und Elend des Aufstieges des Freistaates Bayern. Hoch korrupt auf der einen Seite, wirtschaftlich enorm erfolgreich und für die ganze Bevölkerung zum Vorteil andererseits. Auch die heute noch in München gegenüber anderen Großstädten vergleichsweise geringe Kriminalitätsrate lässt grüßen.

Wir sehen sie gespiegelt in Arrangements wie dem hier gezeigten, in dem sich Staat und Halbwelt verbündet haben, um, wie es heißt, die gewalttätigen Ausländer aus dem Milieu zu halten. Selbst der spätere, erkennbar ausländische Besitzer des Lokals, in dem einmal das Animierlokal „Katz & Maus“ (genialer Name) von Roy Esslinger untergebracht war, zeigt höchsten Respekt vor der einstigen Kiezgröße. Man spürt, auch die Halbwelt der 50er und 60er war von Wiederaufbau-Persönlichkeiten geprägt, die alles andere als zimperlich waren und doch etwas Faszinierendes hatten. Das wird hier durch die glänzende Leistung von Jörg Hube als dem älteren Roy Esslinger gut transportiert. Auch der junge, durchaus anders wirkende Esslinger wird von Nicholas Ofczarek gut verkörpert – bewusst ein wenig überzeichnet, wie auch der gealterte Mann. Man gewinnt fast den Eindruck, damals waren die Persönlichkeiten auf allen Ebenen größer als heute und das trägt durchaus zum Nostalgie-Effekt von „Der oide Depp“ bei.

Gar nicht so einfach wie sonst, sich hier moralisch zu positionieren, und das ist schon ein erster, großer Pluspunkt von „Der oide Depp“: Er ist süddeutsch. Das heißt, die Welt wird nicht brachial simplifiziert, um eindeutige politische Botschaften zu ermöglichen, sondern wird mit all den Grauzonen dargestellt, die es tatsächlich gibt und die es auch der Polizei nicht immer einfach machen dürften, Kurs zu wahren oder zu finden. Das macht ihn realistisch und ehrlich. Einzig Leitmayr fällt erkennbar und erstaunlich deutlich aus dem Rahmen, indem er auf die manipulative Persönlichkeit des gealterten Kiezkönigs Esslinger so scharf reagiert. Es wirkt aber eher, als habe Leitmayr persönlich etwas abzuarbeiten, als dass man es objektiv nachvollziehen kann. Da gefällt uns der unaufgeregte Batic besser.

Etwas aufzuarbeiten hatte ja auch Esslinger, das kommt sehr gut in dem Moment heraus, als er auf seine Kindheit in Trümmern rekurriert und aus der simplen Tatsache, dass es diese Kindheit gab und ihm Polizisten schonmal die Ohren langgezogen haben, wenn er Unsinn trieb, wird seine ganze Persönlichkeit aufgebaut, die sich den Staat zunutze macht und immer Oberwasser hat, charmant und gewieft und den Hunden als alternder Mann mehr zugetan als den Menschen, schwimmt er oben, bis neue Zeiten ihn in den 80ern ins Ausland treiben. Nebenbei: Wenn man will, kann man seine enttäuschte Liebe zu Gina Echsner (Muriel Roth) durchaus als einen Grund ansehen, warum dieser eitle und obsessiv manipulative Typ später lieber Hunde aus dem Tierheim und anspruchslose Frauen aus Asien bevorzugt, nebst seiner allgemeinen Aversion gegen Obrigkeit und Fremdbestimmung.

Am Ende fragt man sich natürlich, inwieweit er den Tod von Gina zwar nicht direkt selbst verursacht, aber provoziert hat, indem er den Polizist Hubert, den er in der Hand hatte, weil er von dessen abnormalen sexuellen Neigungen wusste, sozusagen auf sie losgelassen hat. Weil sie nicht ihm gehören wollte, hat er sie auf diese Weise vernichtet, und man glaubt dieser Figur ihren manischen Hang, alles besitzen oder zumindest kontrollieren zu wollen.

Esslinger ist die vielschichtigste Figur in diesem an guten Figuren reichen Tatort – auch wenn er nicht der oide Depp ist, der dem Tatort den Titel gegeben hat.

3. Der oide Depp

Dies ist vielmehr der Polizist Bernhard Sirsch, 1965 ein junger Mann auf Streife, der die Prostituierte Gina kennen- und liebenlernt, das Mädchen vom Lande, das in der großen Stadt sein Glück sucht und sein Auskommen bei Esslinger findet. Obwohl er nicht ihr Typ ist, erwidert sie seine Gefühle, will aus dem Business aussteigen und ihn heiraten. Eine ländliche Seele eben, mit nettem schwäbischem Akzent und dem traditionellen Gertrude. Esslinger: „Das ist kein  Name, das ist eine Katastrophe“ Schön gezeigt, wie er sie dann „macht“ und den Namen Gina darf sie sich selbst aussuchen, gemäß ihrer Lieblingsschauspielerin Gina Lollobrigida. Details, an denen der Film so reich ist wie selten einer im Fernsehen.

Der unge Sirsch hat einen gewissen Robert-de-Niro-Touch, der alte Sirsch wird gespielt von Fred Stillkrauth, den Bayern u. a. als der Brandner Kasper, dessen Filmkarriere tatsächlich etwa 1965 begann und der seitdem in über 70 Fernsehproduktionen zu sehen war. Er wird nach dem Abgang von Carlo Menzinger (Michael Fitz), dem rührigen Dritten auf der Münchener Dienststelle, den beiden Kommissaren Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) zur Seite gestellt und man merkt gleich, etwas stimmt da nicht.

Er wirkt etwas deppert, ermittlungstechnisch und überhaupt technisch, ist es aber nicht. Im Gegenteil, ihm wird im Film am Ende quasi unterstellt, er hat die beiden jüngeren Kollegen in diesen Wiederaufnahme-Fall hineinmanipuliert. So, wie wir am Anfang diese extreme Schusseligkeit übertrieben und für den Plot nicht als notwendig empfinden, ist es am Ende umgekehrt – da wird ihm zu viel an Einflussnahme mitgegeben. Es wird in Wirklichkeit auch kaum so sein, dass ein Computer selbstständig oder durch einen Dritten manipuliert quasi automatisch aussucht, wer einen so brisanten alten Fall wiederaufnehmen soll – dazu werden von ganz oben sicher die besten Leute herausgesucht. So wär’s glaubwürdig gewesen, hätte aber nicht zu dieser manipulierten Dreier-Konstellation gepasst. Dumm gelaufen, und dafür gibt es auch einen Teil des Punktabzuges.

Auch der nächte Abzug hat mit dem oiden Depp zu tun. Da gibt es diese Szene auf dem Land, wo die drei Kommissare bei der Mutter von Johanna Wiesnet ermitteln, die kurz nach Gina ermordet wurde. Hätte sie den Namen des damals jungen Poliziste nicht  falsch als Leonhard, sondern richtig als Bernhard erinnert, wäre Sirsch viel früher enttarnt gewesen. Überhaupt dauert es viel zu lange, bis die beiden versierten Kommissare Batic und Leitmayr ihm auf die Schliche kommen. Diese Nebenfigur der alten Frau Wiesnet war zudem mit einer viel zu jungen Schauspielerin besetzt, sie hätte im Jahr 2007 weit über 80 Jahre alt sein müssen, nicht im gleichen Alter etwa wie Sirsch oder Esslinger; hätte man da genauer gearbeitet, wäre auch ihr schlechtes Namensgedächtnis glaubwürdiger geworden. Das ist aber der einzige Castingfehler in diesem Tatort.

Eine weitere Plotschwäche ist durch den Charakter des oiden Deppen bedingt. Dass es am Ende zu seinem Tod kommt, als er seinen Exkollegen Hubert als Täter erkannt hat, hätten Batic und Leitmayr verhindern können, indem sie eine in größerer Nähe befindliche Streife zu der Adresse geschickt hätten, anstatt selbst hinzufahren. Diese aus dramaturgischen Gründen in Kauf genommene Plotschwäche sieht man allerdings in so vielen Tatorten, dass wir sie hier einmal erwähnen und es dann dabei bewenden lassen. Geradezu albern aber am Ende die Art, wie Leitmayr und Batic ihren Vorgesetzten erpressen können, damit er die Kondolenzkarte für den verstorbenen Sirsch unterzeichnet. Dieses unmotivierte und komplett überflüssige Handlungselement ist der deutlichste Kratzer auf dem Lack dieses Tatortes und hat in einem wichtigen Moment unsere emotionale Bindung zur Story beschädigt.

4. Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds

„Der oide Depp“ hat auch eine romantische Komponente, die in der Figur des Deppen angelegt ist und dadurch, wie die Figuren in ihre Zeit gesetzt wurden. Das ist sicher einer der besten Kniffe an diesem Film. Was in 2007 nicht geht oder lächerlich wirken könnte, wird einfach ins Jahr 1965 versetzt, wo die Menschen noch natürlich waren – so zumindest zeigt es der Film. Viel purer als in unserer heutigen, abgezockten und abgezirkelten Zeit, in der man so viel weiß über die Hintergründe von Gefühlen, dass man alles in Muster zerlegen kann und dabei keinen Zugang mehr zu den einfachen Dingen findet – was ja auch auf das Privatleben der meisten Tatort-Ermittler zutrifft.

Das ist natürlich eine Schablone, dass selbst der Kiezkönig von 1965 viel leichter verständlich daherkommt und natürlich auch die Mädels, die bei ihm arbeiten, als heute die simpelste Nebenfigur. Man hat also die 60er nicht nur stilistisch hervorragend adaptiert, sondern auch in der Art, wie damals gefilmt wurde und wie man Menschen, Charaktere, Gefühle im Film gezeigt hat. Da kann es zu einer kaum hinterfragten Liebe zwischen dem jungen Polizisten und der jungen Animierdame kommen, und dass er nicht ihr Typ ist und trotzdem Liebe möglich ist, das wird nicht, wie man es heute tun würde, als Projekt inszeniert, sondern als Tatsache, die so schlicht daherkommt wie die Menschen, die hier gezeigt werden.

Am Ende wird Sirsch, der alte Mann, der gar kein oider Depp ist, von Gina nach über 40 Jahren eines langen Abschiedes wiedergefunden und heimgeholt – die Szene ist eigentlich sehr kitschig, und doch flammt da noch einmal diese Macht der einfachen Dinge auf, die in den Schwarzweiß-Szenen aus den 60er Jahren begründet wurde. Man hat beinahe den Eindruck, die Macher von „Der oide Depp“ wollen dem Zuschauer die Sehnsucht nach anderen Zeiten einpflanzen, in denen die Welt erkennbar jünger war und nicht jeder daherkommt, als sei er sei durch Surfen im Internet zu einem Gigant des Wissens und des Weltverstehens mutiert.

IV. Fazit

„Der oide Depp“ ist ein Tatort für Leute, die stark auf die Macht der Bilder abheben, die Storytelling genießen können und auch damit klar kommen, dass selbst die häufigen Rückblenden nicht chronologisch gefilmt sind, sondern wie Puzzleteile erst am Ende ein Bild ergeben, nachdem sie aus verschiedenen Erinnerungsarchiven ans Tageslicht gebracht wurden. Ein sehr emotionaler Tatort auch, ohne dass es eine einzelne Figur gibt, die alles auf sich zieht und mit der man sich ganz und gar identifizieren kann. Es ist die Gesamtschau, die das Gefühl vermittelt, einen Film mit großen Meriten im formalen Bereich und bei einer große Geschichte dabei gewesen zu sein – auch wenn nicht jedes ihrer Elemente perfekt konstruiert ist. 

8,5/10 sind nach unserer gegenwärtigen Einschätzung die richtige Bewertung für diesen exzellenten Tatort.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner

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