Hüter der Schwelle – Tatort 1104 #Crimetime 459 #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Schwelle #Hüter

Crimetime 459 - Titelfoto © SWR, Benoît Lindner

Die Stuttgarter im dunklen Wald, fasziniert

Wir hatten befürchtet, dass der SWR es mit einem einzigen Film geschafft hat, Lannert und Bootz vom Sockel als derzeit mit Abstand beliebtestes Tatort-Team zu stoßen. Das ist nicht gelungen, obwohl man sich mächtig angestrengt hat. Der Vorsprung gegenüber dem Zweitplatzierten, Klaus Borowski aus Kiel, beträgt immer noch beträchtliche 0,27/10. Das ist schon was. Aber vor „Der Hüter der Schwelle“ waren es 0,43. Der Film steht derzeit auf einem ziemlich unglaublichen Platz 1114 von 1118 in der Rangliste des Tatort-Fundus (30.09.2019, 18:50 Uhr). Waren wir auch so entsetzt wie die meisten Tatort-Fans über dieses Werk? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Auf einem Bergplateau vor den Toren Stuttgarts wird die Leiche von Marcel Richter gefunden. Der Ort ist einsam und von wilder Schönheit – und bei dem Toten finden sich magische Requisiten, die signalisieren, dass der Student Opfer eines Ritualmordes geworden sein könnte.

Die Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz forschen deshalb nach Verbindungen zu okkultistischen Kreisen. So etwas gab es nicht, meinen sowohl Marcels Mutter als auch Diana Jäger, eine Kommilitonin, mit der der zurückhaltende Student viel Zeit verbrachte. Eine Adresse, die die Kommissare bei Marcel finden, führt sie zu Emil Luxinger. Der Privatgelehrte sieht sich selbst als Magier und behauptet, von dem Studenten bestohlen worden zu sein. Deshalb habe er ihn mit einem Schadenszauber belegt.

Im Hinblick auf harte Fakten bringt das die Kommissare nicht wirklich weiter. Verfluchen ist kein Straftatbestand und führt nicht zum Tod. Aber ihr Misstrauen gegen den sich sehr abgeklärt gebenden Emil Luxinger ist geweckt. Während Lannert und Bootz versuchen herauszufinden, ob der selbsternannte Magier nicht doch konkret gehandelt hat, versucht Luxinger, die Kommissare in seine magische Denkweise hineinzuziehen.

Rezension

Wir waren schon in Versuchung, das Blau, das wir seit einiger Zeit für die Schrift derHandlungsangabe verwenden, durch das Knallblau auszutauschen,in das die Szenerie während des Hexenrituals getaucht ist, aber wir wollten es nicht übertreiben. Wir wollten es aber nicht übertreiben. Wir schreiben hier auch gleich, 3,26/10, der aktuelle Punktestand für „Der Hüter der Schwelle“ – so schlimm wird es am Ende der Rezension nicht sein, das Fazit. Aber wir sind schon einigermaßen schockiert, dass sie in Stuttgart nach einigen großartigen Filmen, die sehr schön am Rande von Dichtung und Wahrheit, von Realismus und suggestiver Verdichtung entlang gestrickt wurden, so in die Grütze hauen. Einen wirklich schlechten Film oder auch zwei darf jedes große Team machen, damit sind wir ganz einverstanden, aber das hier.

Tat nicht einmal weh. Nach einigen Minuten konnten wir’s nicht mehr ernst nehmen und damit war das Schlimmste überstanden und wir folgten ganz entspannt der Bilderwut und Bilderflut, die uns aufgetischt wurde, um einem wirklich abstrusen Film die passende Visualität zu vermitteln. Vielleicht ist da ganz tief etwas, was uns nicht erreicht hat. Wir sind sicher nicht dröge und rechnen uns einige Fantasie zu, aber es wird einen Grund haben, dass die sich auf einer Ebene abspielt, die uns die meisten Fantasy-Filme eher als albern denn als spannend empfinden lässt. Aber diese ist ja nur ein Subgrenre der Phantastik und Science Fiction, ein weiteres Genre in diesem Bereich, mögen wir recht gerne.

Vielleicht muss man auch katholisch erzogen sein und später beim Versuch, zum Buddhismus zu wechseln, einen spirituellen Unfall erlitten haben, um mit einem solchen Film so richtig ins Gewölle zu kommen. Beides ist bei uns nicht der Fall. Wir sollten mal nachschauen, ob es bei den Bewertungen ein Süd-Nord- und West-Ost-Gefälle gibt. Dazu müssten wir aber wissen, wo die Fans herkommen, die auf der Plattform Tatort-Fundus ihre Meinung abgeben. Bei einigen ist uns deren Herkunft nach jahrelangem Studium ihrer Kommentare bekannt, bei den meisten aber nicht.

Ein bisschen Abzug wird es bei manchen noch dafür gegeben haben, dass Bootz mit einer leibhaftigen Hexe guten Sex haben durfte – ein gewisser Neid wird nicht von der Hand zu weisen sein. Selbst dann, wenn man diese Szene nur als satanische Fantasie deutet, welche nur durch harten Männerkampf besiegt werden kann.

Aber den Beischlaf im Gegenschnitt mit einem Faustkampf „ohne Regeln“ zu bringen, der nur der Show dient und nicht ein bisschen was zur Falllösung beiträgt, ist auch wieder eine recht harte Tour, mit den Zuschauern umzugehen. Aber die Art, wie erklärt wird, auf welche Weise sich jemand nicht mehr spürt und dann so fokussiert ist, wie etwa bei jenem Kampf, ist ja auch etwas rudimentär und es ist umso erstaunlicher, welch ein Brimborium um derlei kognitive Selbstverständlichkeiten gemacht wird. Vielleicht muss das, für eine Generation, der sich die Wirklichkeit vor allem durch den Blick auf das Display ihres Smartphones vermittelt.

Wir fanden es auch reizend, dass ein versierter Edel-Drogendealer so bescheuert ist, einen solchen Kampf als Aufnahmeritual in die Verteilorganisation zu veranstalten, aber vorher nicht wirklich checkt, wer Bootz ist, obwohl er doch die Möglichkeit, dieser könnte ein Zivilcop sein, klar benennt. Haben wir’s schon erwähnt? Wir hätten auch gerne ein Restaurant mit der Lizenz zum Verkauf des weißen Lichts und einen Keller nur zum Kloppen. Okay, ein paar Mal müssen wir noch ins Studio, damit es dort nicht zu einseitig wird. Nein, wir haben ja den Keller mit dem Boxsack. Das muss reichen, um fit zu bleiben. Vielleicht motiviert es, dabei Maria Callas zu hören, die auch die Kampfszene musikalisch begleitet hat und natürlich auch die gegengeschnittene, leider recht verwaschene Sexszene. Also doch Fantasie!

Wir müssen überlegen, ob es jemals einen Tatort gab, in dem ein so alter Fall wieder an die Oberfläche tritt wie jener aus dem Jahr 1662, der sich nun in 2019 spiegelt. Nein, uns fällt keiner ein, auch keiner, in dem ein so alter Schmöker vorkommt wie hier. Das hilft sprachlich. Latein ist derzeit ziemlich in, am Tatort. Aber es kommt vor allem im Südwesten vor. Im Titel des letzten Odenthal-Films „Maleficius“ und jetzt hier in einem alten Thriller aus ebenjenem magischen Jahr, in dem der Hexenwahn durch Esslingen marschierte und dafür sorgte, dass das weniger betroffene Stuttgart an der einst führenden innerschwäbischen Stadt vorbeiziehen konnte.

Daran hätten sich die Stuttgarter Kommissare durchaus ein Beispiel nehmen können, denn es ist doch recht erstaunlich, wie locker sie in dieses wilde Szenario einsteigen, wo sie doch sonst eher nüchterne, sachliche Typen sind – und im Allgemeinen auch hier so wirken. Daher passt dieses Sich-Einlassen auch nicht so richtig. Selbst den Münchenern oder Kölnern hätten wir noch eher zugerechnet, dass sie sich nach vielen Dienstjahren auch mal verzaubern lassen wollen, aber Lannert und Bootz standen bei uns bisher für die seriöseste Ermittlungsarbeit, die es derzeit in allen Tatortstädten zu sehen gibt.

Der Film fängt zwar nach dem klassischen Muster an: Von der Leiche her wird alles rückwärts aufgerollt. Doch am Ende war es kein Mord, sondern eine Art wahnhafter Selbstmord oder wie immer man das, was geschah, klassifizieren will. Die böseste Figur ist am Ende nicht der Magier, nicht die Hexe, sondern die Mutter des Toten. Da fragt man sich unwillkürlich, ob Lannert und Bootz nichts vergessen haben, als sie darüber hinwegsahen, dass auch diese Frau ein aus ferner Vergangenheit herrrührendes, bisher nicht bewältigtes Karma haben könnte. Wäre es besser gewesen, man hätte am Ende alles als Humbug enttarnt? Das hat man nicht, wie die Szene erläutert, in der Lannert dem seltsamen Herrn Luxinger – nicht die Hand reicht. Warum eigentlich nicht? Weil dieser den psychisch labilen, drogenlastigen, von Träumen aus dem vorherigen Leben geplagten Studenten doch irgendwie in den Tod geführt hat, ohne dass man ihm dafür am Zeug flicken kann? Schon möglich. Immer an den Sirius-Fall denken! Jemand, der einen anderen zum Werkzeug macht, indem er dessen Wahnvorstellungen fördert und letztlich damit dessen Tod mitverursacht, kann durchaus auch Täter im rechtlichen Sinne sein. Nur in eigener Person zuhauen oder schießen als zulässige wäre ja auch etwas banal, in einer Welt voller wundersamer Schwingungen. Nicht einmal verzwickte, aber ganz und gar nicht magische Auftragsmorde wären damit juristisch zu bewältigen.

Finale

Unbestreitbar spielt unsere Sympathie für das Team bei der Bewertung eine Rolle und wie tapfer Bootz war und wie Lannert wieder die entscheidende Spur findet – passenderweise in einer alten Kirche, die passenderweise etwa in jenem bösen Jahr 1662 erbaut wurde. Dadurch kann dieser in Glänzendblau und Tiefgrün gehaltene Film nicht ganz so abrutschen, als wenn Nick Tschiller den gleichen Plot hätte bewältigen müssen – wobei die Beinahe-Fightclub-Szene bei ihm etwas authentischer gewirkt hätte, auf die skurrile Art, wie deutsche Actionfilme authentisch im Unauthentischen sind. Von Sebastian Bootz hingegen hätten wir erwartet, dass er erst einmal nachdenkt und dann – diesen Quatsch sein lässt. Schwamm drüber. Sowohl der Drehbuchautor wie der Regisseur sind Neulinge in der Tatort-Reihe und da haben wir eine ähnliche Hemmung vor allzu schwachen Bewertungen wie bei neuen Teams – aber auch, wenn wir alles Positive zusammenkratzen, kommen wir nicht auf mehr als

5,5/10.

Nächstes Mal wird es wieder viel besser. Obwohl Lannert und Bootz sich noch solch einen Klops erlauben dürften, ohne ihren Spitzenrang zu verlieren. Allerdings wäre dann kein aktuelles Tatort-Team in der Fundus-Wertung mehr über 7/10, erstmals, seit wir die Reihe verfolgen. Im Sinne der Gesamtqualität des immer noch besten Stücks deutscher Fernsehkrimi-Kultur: Nächstes Mal wird alles wieder viel besser!

Vorschau

Der „Tatort: Hüter der Schwelle“, zu dem Michael Glasauer das Drehbuch schrieb, führt die Kommissare in Zwischenwelten, in denen es manchmal ziemlich handfest zugeht und in denen ihre Standfestigkeit auf nicht nur eine Weise erprobt wird. André M. Hennicke ist als magischer Gegenspieler von Richy Müller und Felix Klare zu erleben, dessen Welt Regisseur Piotr J. Lewandowski in betörenden Bildern einfängt. (ARD-Werbetext)

Es ist wieder Primetime. Das gegenwärtig führende Tatort-Team präsentiert einen neuen Fall, in dem des um Okkultismus geht. Bei Lannert und Bootz hatten wir sowas noch nicht, falls unsere Erinnerung nicht trügt. Kann man durch Verfluchen wirklich niemanden töten, wie in der Inhaltsangabe nachzulesen? Schade eigentlich. Das würde viele schwierige Tatausführungen überflüssig machen. Und man muss ja nicht allen davon erzählen, wie es offenbar der eitle Herr Luxinger („Ex Schwabenland lux“) hier den Kommissaren gegenüber tut.

Wir halten das Vorwort heute kurz, aber nächstes Mal könnten wir uns und unseren Lesern vielleicht eine erfreuliche „Lannert-Bootz-Bewertungskurve“ gönnen, die sich an der Rangliste des Tatort-Fundus orientiert. Für heute Abend hoffen wir, das hohe Niveau, das zuletzt mit „Anne und der Tod“ und „Der Mann, der lügt“ erreicht wurde, kann gehalten werden. Wenn der Regisseur Lewandowski heißt und Figuren Namen wie Luxinger oder Diana Jäger tragen, sollte der 1104. Tatort zumindest kein Eigentor werden. Und einige der Vorschaubilder lassen in der Tat einen ganz eigenen visuellen Zauber erwarten – wie dasjenige, das wir als Titelbild verwendet haben.

TH

Playlist

ProtectorJürgen KramlofskyJürgen Kramlofsky
Degenerate LoveAntoni Lazarkiewicz/ Mary KomasaAntoni Lazarkiewicz/ Mary Komasa
DisarmAntoni Lazarkiewicz/ Mary KomasaAntoni Lazarkiewicz/ Mary Komasa
TasteAntoni Lazarkiewicz/ Mary KomasaAntoni Lazarkiewicz/ Mary Komasa
ElephantTame ImpalaTame Impala
Chronic Love GameAntoni Lazarkiewicz/ Mary KomasaAntoni Lazarkiewicz/ Mary Komasa
Deadly ValentineCharlotte GainsbourgCharlotte Gainsbourg
Mon Coeur s‘ouvre à ta VoixMaria Callas

Besetzung und Stab

Thorsten LannertRichy Müller
Sebastian BootzFelix Klare
Emil LuxingerAndré M. Hennicke
Diana JägerSaskia Rosendahl
Heide RichterVictoria Trauttmansdorff
Marcel RichterMax Bretschneider
Emilia AlvarezCarolina Vera
Dr. Daniel VogtJürgen Hartmann
Musik:Lenny Mockridge
Kamera:Jürgen Carle
Buch:Michael Glasauer
Regie:Piotr J. Lewandowski

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