Im toten Winkel – Tatort 1051 #Crimetime 469 #Bremen #Tatort #Lürsen #Stedefreund #RB #Winkel #tot

Crimetime 469 - Titelfoto © RB, Christine Schröder

Die Privatisierung der Pflege – ein Kriminalfall

Bremen gehört zu den Tatortstädten, in denen der Sozialkrimi eine Heimat hat. Dies wurde in der Endphase des Teams Lürsen / Stedefreund mit „Im toten Winkel“ noch einmal herausgestellt. Wie kam der erste Tatort zum Thema Pflege an? Darüber steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Als der Rentner Horst Claasen seine demenzkranke Frau tötet, sehen sich die Bremer Ermittler Inga Lürsen und Stedefreund mit einem gesellschaftlichen Tabuthema konfrontiert. Hat sich Horst Claasen die häusliche Pflege tatsächlich nicht leisten können?

Der Gutachter Carsten Kühne führt die Ermittler Schicht um Schicht in den Alltag von Pflegenden ein, die sich aufopferungsvoll um ihre Angehörigen kümmern. Die Kommissare geraten in einen toten Winkel des deutschen Pflegesystems, ihnen stockt angesichts der Ungerechtigkeit und der persönlichen Schicksale der Atem.

Rezension

Viel konservativer gefilmt als die bisherigen Werke des Jahres 2018, viel ernster im Ton und dokumentarischer im Stil als die meisten neuen Tatorte der letzten Zeit und nochmal großes Kino für die Variante, bei der sich auch die frühere Frankfurt-Schiene mit Dellwo / Sänger und die Kölner Ballauf / Schenk sehr hervorgetan haben: Soziale Themen durch einen Krimi an sehr viele Menschen zu vermitteln.

Mir hat der 1051. Tatort eine ganz neue Sicht auf das Thema Pflege eröffnet. Ich wusste nicht, dass man mit der Versorgung Bedürftiger so viel Schindluder betreiben kann. Dabei ist es im Grunde logisch. Überall, wo es um viel Geld geht, reizt der Betrug. Und mittlerweile geht es in fast allen Bereichen der Daseinsvorsorge um viel Geld, weil sie privatisiert wurden und eben nicht nur für die Leistung an sich gezahlt werden muss, sondern auch dafür, dass sich dubiose Geschäftemacher damit dumm und dämlich verdienen können. Das dargestellte Modell der Scheinabrechnungen über nicht erbrachte Leistungen ist plausibel dargestellt. Mit einer Ausnahme vielleicht: Die Pflegerinnen müssten ja alle komplett mitmachen und auch sehr gut gebrieft sein, damit das funktioniert – bei der Befragung einer Pflegerin durch Lürsen und Stedefreund aber zeigt sich aber gleich, wie löcherig das System ist. Das hätte übrigens auch die Abteilung Wirtschaftskriminalität gerne herausfinden dürfen, ohne dass es um Mord geht.

Ein weiterer Schwachpunkt der Handlung sind die 100.000 Euro für Oliver Lessmann. Die sind ja quasi ein Schuldeingeständnis, dafür bestand gar keine Notwendigkeit, weil bezüglich des Behandlungsfehlers seitens der Intensivpflegeschwester Aussage gegen Aussage stand und man ihr einen Fehler vermutlich gar nicht hätte nachweisen können. Was mich auch interessiert hätte: Ob deren Zertifikate echt sind und wirklich eine Ausbildung zur Intensivpflegeschwester belegen.

Dass der Fall eher langsam war, liegt am Thema und der Krimi-Anteil wirkt ein wenig arg zusammengesteckt. Dass der MdK-Prüfer Kühne an einem Abend und innerhalb mehrerer Stunden all diese Begegnungen hat, die dann schön ermittlungstechnisch abgeklappert werden und dass die Täterperson am Ende natürlich wieder den Tod des Opfers nicht wollte, na gut. Der Fall musste schon klar hinter das Sozialthema zurücktreten.

Und wie ist das gespielt? Teilweise beeindruckend. Die Episodendarsteller_innen sind wirklich gut gewesen, denn es ist ja nicht einfach, solche Rollen auszufüllen. Besonders Mutter und Tochter Jansen waren sehr lebensnah du nicht immer ohne Ekelfaktor dargestellt.  Bei den beiden Kommissaren kann man das so einheitlich nicht sagen. Stedefreunds Dialoge wirken generell zu kalt und statisch, bei Lürsen klappt zwar die Empathie gegenüber dem alten H errn Claasen, nicht aber gegenber Akke Jansen. Warum so unterschiedlich? Es muss doch für eine so erfahrene Frau wie die Kommissarin offensichtlich, dass hier eine Überforderung vorliegt und sie greift trotzdem in dieses Verhältnis Mutter-Tochter ein und stellt sich da klar auf eine Seite. Im Grunde die gleiche Fehleinschätzung wie beim MdK-Prüfer Kühne. Dessen Verhalten übrigens in diesem Fall nicht logisch ist. Hätte er den Jansens die höhere Pflegestufe zukommen lassen, hätte er ja wieder Provision von der dubiosen Pflegefirma zu erwarten gehabt. Oder stimmt das alles nicht?

Es könnte nämlich auch sein, dass die Jansens gar nicht von dieser Firma betreut wurden, das bleibt leider offen. Wenn nicht, würde es aber besonders gut passen, dass der Pflgestufenprüfer die Wünsche derjenigen, die nicht für seine Bestechungspartner arbeiten, gerne abschlägig behandelt, weil sein Arbeitgeber und die mit ihm verbundenen Pflegekassen ihn sonst irgendwann für ein Weichei halten würden, das alles einfach durchwinkt. Diese Figur ist übrigens gut gemacht, anfangs kann man sie nicht entschlüsseln.

Da ist noch etwas – die ethnische Zuschreibung, die klar herauskommt. Auch in Berlin werden mobile Pflegedienste, gerade die größeren,  nicht selten von Ost- oder Südosteuropäerinnen betrieben. Wenn man, wie ich, bisher nicht mit dem Thema Pflege befasst war und daher der Informationsstand zum Thema eher dünn ist, kann nun natürlich, kognitiv verständlich, das Folgende passieren:  Immer, wenn ich einen dieser roten oder gelben Kleinwagen mit der großen Aufschrift Pflegedienst sowieso durch die Stadt fahren sehe, denke ich, Inkompetenz und Betrug sind mal wieder auf vier Rädern unterwegs, um  pflegebedürftige Menschen mehr oder weniger in den Tod zu treiben. Realistisch ist die ethnische Zuschreibung durchaus, weil nun einmal viele Frauen aus Osteuropa in der schlecht bezahlten Pflege arbeiten und es daher logisch ist, dass auch die Führungskräfte der Pflegefirmen aus diesen Ländern kommen, das erleichtert die Kommunikation und das gegenseitige Verständnis. Ich will aber ausdrücklich betonen, dass ich nicht glaube, dass Betrug im hier gezeigten Ausmaß der Normalfall  in der mobilen Pflege ist. Man hätte die hier gezeigte Firma deshalb auch mehr als Ausnahme herausheben dürfen. Dass die Privatisierung der Pflege, wie in vielen anderen Bereichen der Daseinsvorsorge, kriminelle Machenschaften befördert, ist aber ebenso gut nachvollziehbar.

Der Film ist schwierig anzuschauen gewesen – für mich. Wir werden alle mal älter und gerade dejenigen, die keine Familie haben, werden ja auf die eingerichteten System angewiesen sein. Da der Staat aber meint, immer mehr soziale Verantwortung in die Hände profitorientierter Privatunternehmen legen zu müssen, wird die Klassengesellschaft auch bei der Versorgung chronisch Kranker und älterer Menschen immer mehr zementiert.

Finale

Das Bremen-Team wird nun bald aufhören. Mein Verhältnis zu den beiden ist ziemlich distanziert. In den ersten Jahren hielt ich oft dem Nils innerlich bei, weil er von Inga so herablassend behandelt wurde – vor allem faktisch, weil sie immer wieder Alleingänge inszenierte, ohne ihn zu informieren, während sie mir außerdem viel zu belehrend  unterwegs war. Das Einhämmern von Moral mit dem Holzhammer hat aber nichts gebracht, die Realität wurde nicht esser. Beim Tatort 1051 kam das zum Glück nur noch in einem Satz deutlich heraus, nämlich: Das in Deutschland! Verkürzt wiedergegeben. Das hätte sich jeder Zuschauer mit einem IQ von über 60 auch ohne diesen Satz gedacht. Es soll darauf hingewiesen werden soll, dass die Art, wie in diesem Land mit Pflegebedürftigen und natürlich auch mit dem Pflegepersonal umgegangen wird, ein sehr schlechtes Licht auf den Zustand der Politik und der durch sie gestalteten sozialen Realität in einem immer noch gut aufgestellten Wirtschaftssystem wirft.

Missglückt fand ich leider auch die Schlussszene zwischen Inga und ihrer Tochter.  Camilla Renschke und Sabine Postel als Tochter und Mutter sind eine der deutlichsten Fehlbesetzungen in allen 21 Tatort-Teams und wirken zusammen in einer Szene oft künstlich und unglaubwürdig. Dadurch ist das melancholische Ende des Films nicht so bewegend, wie es bei besserem (Zusammen-) Spiel hätte sein können.

Trotzdem bekommt der Film von mir eine hohe Bewertung, weil er viele Qualitäten des Sozialtatorts nochmal richtig herausbringt, in einer Zeit, in der diese Variante zugunsten ziemlich abgefahrener Darstellungen immer mehr zurücktritt. 

8/10 

Nachtrag 14.03.18:
Realität im Bereich der Pflegedienste – Beitrag des Deutschlandfunks.

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Kommissarin vom Dienst Helen Reinders, Tochter von Lürsen – Camilla Renschke
Rechtsmediziner Dr. Katzmann – Matthias Brenner
Gutachter Carsten Kühne – Peter Heinrich Brix
Angela Kühne – Irene Rindje
Horst Claasen – Dieter Schaad
Senta Claasen – Liane Düsterhöft
Sven Claasen, der Sohn – Nils Dörgeloh
Oliver Lessmann – Jan Krauter
Max Lessmann, der Sohn – Leon Gundlov
Akke Jansen – Dörte Lyssewski
Thea Janse, Akkes Mutter – Hiltrud Hauschke
Sabine Lahusen – Margret Völker
Malte Sievert – Jörn Knebel
Svenja Komarowa – Olga Dinnikova
Darja Pavlowa – Jana Lissovskaia
Grashina Kowalski – Maria M. Wardzinska
Sandra Möllers – Carmen Molinar
Dr. Slowinski – Sabine Urban
Kellner – Jakob Benkhofer
u.a.

Drehbuch – Katrin Bühlig
Regie – Philip Koch
Kamera – Jonas Schmager
Schnitt – Friederike Weymar
Szenenbild – Petra Albert
Ton – Urs Krüger
Musik – Michael Kadelbach

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