„Die Branche lässt sich die Feierlaune nicht verderben“ – von der Immobilienmesse ExpoReal in München (Immobilienzeitung) / Kommentar #ExpoReal #Immobilien #IZ #Rezession #Anlage #Spekulation #Neubau #bauenbauenbauen #Mietenwahnsinn #ZIA @RegBerlin

Die Welt der Immobilienwirtschaft ist in Ordnung. So jedenfalls suggeriert es die Einleitung der heutigen Ausgabe der Immobilienzeitung:

Die Stimmung wird in der Einleitung als unaufgeregt und gut gelaunt beschrieben, der zentrale Bericht ist überschrieben mit „Die Branche lässt sich die Feierlaune nicht verderben.

„Nullzins? Mietendeckel? Brexit? Als Unsicherheitsfaktoren zwar lästig, scheinen aber nur wenige Immobilienprofis wirklich aus der Ruhe zu bringen.“  

Warum sollte der Nullzins die Immobilienwirtschaft auch aus der Ruhe bringen, sie profitiert ja davon? Wir finden diese Rhetorik immer sehr interessant: Etwas Positives und etwas möglicherweise Negatives werden in eine Reihe als mögliche Gründe zur Sorge gestellt, obwohl das eine gar keiner ist. Zumindest nicht für die Immobilienwirtschaft. Für Sparer und Mieter schon eher. Ja, und wer wird sich schon über das vom Berliner Regierenden Bürgermeister Müller schlussendlich noch heißgewaschene und weiter geschrumpfte Berliner Mietenmützchen arufregen, an dem derzeit gehäkelt wird? Der Brexit hat auf die Warenwirtschaft sehr wohl Auwirkungen, aber die Immobilien? Wer auf den Cayman Islands sitzt und von dort Immobilien in Berlin dirigiert, der kann auch in einem aus der EU exilierten Großbritannien problemlos weiter handeln. Man muss es nur verstehen: Probleme bereitet politischer Amoklauf den Menschen, die davon betroffen sind, nicht dem Kapital. 

Schaut man aber etwas genauer hin, indem man einen der in der Einleitung verlinkten Beiträge liest, ergibt sich ein etwas anderes Bild. Zwar heißt es bezüglich der drohenden Rezession:

Vielmehr könne die Immobilienwirtschaft von der Unsicherheit profitieren, wenn die Menschen weiter Immobilien als sichere Anlage kaufen.

Da dürfen sich die anderen Menschen, die Mieter*innen auf das einstellen, was wir in vorherigen Beiträgen schon als Szenario beschrieben haben: Die Rezession macht das Leben schwieriger, aber die Preise für den Kauf und das Anmieten von Immobilien werden weiter steigen. Wie es auch kommt, das Kapital rotiert immer. Wer nicht versteht, dass eine Regulierung deswegen dringendst erforderlich ist, will es nicht verstehen. Aber:

Vor allem die von den meisten Messeteilnehmern als völlig überzogen empfundenen Regulierungen in allen Bereichen wurden immer wieder thematisiert. Auf den Punkt brachte es ZIA-Präsident Andreas Matter bei der Abendveranstaltung des Immobilienverbandes am Dienstag: „Wir brauchen einen Baufrieden. Es ist genug reguliert. Lassen Sie uns lieber investieren.“

Der ZIA-Präsident ist einer der aktivsten Immobilienlobbyisten in Deutschland, der sich auch in Berlin vor einiger Zeit die Politik eingeladen hat (TDI 19). CDU und FDP sind dann immer sofort dabei. Dass Herr Mattner jede Regulierung überzogen findet, versteht sich von selbst. Es ist sein Job, das genau so zu sehen. Ob es Job der Politik ist, dem genau zu folgen, bezweifeln wir sehr, aber zwei und eine halbe Partei tun es. Die SPD darf man ja nicht vergessen, sofern sie sich in Person von Bürgermeister Müller und anderen Menschen, die lieber dekorative Spatenstiche bei privaten Bauprojekten ausführen, als sich ernsthaft um die Mieter*innen zu kümmern, zur Wohnungswirtschaft äußert.

Wenn Herr Mattner wenigstens gesagt hätte, wir müssen so investieren, dass es für Mieter*innen bezahlbar ist, dann hätte dieser Absatz für uns einen ganz anderen Ton bekommen. Aber wie die Gäste bei der ExpoReal dann überrascht und unangenehm berührt vor sich hingeraunt anstatt Beifall geklatscht hätten, können wir uns ebenfalls gut vorstellen. Schade, eine Gelegenheit zum doch so angemahnten Baufrieden verpasst. So ist das, wenn Lobbyismus das Denken verengt. Aber: Job! Alles gut. Nicht?

Geht man nochmal etwas weiter, stößt man auf einen Beitrag zum Berliner Mietendeckel:

In Berlin herrscht eine große Unsicherheit mit Blick auf den Mietendeckel“ (…). Der Instone-COO (Andreas Gräf) geht davon aus, dass viele Investoren erst wieder loslegen, wenn per Gerichtsentscheid geklärt ist, ob der Deckel verfassungskonform ist.

Könnte es entgegen des unbeschwerten Tenors der Einleitung doch sein, dass in Berlin die Investoren anfangen, nachzudenken? Und wäre das nicht für die Mieter*innen genau das, was sie sich sehnlichst wünschen? Eine Atempause?

Investieren in den Bestand (Kaufen um zu halten oder zu handeln) macht immer weitere Spekulationsgewinne realisierbar, schafft jedoch – sic! – keine einzige neue Wohnung.

Einleitend hieß es doch, es wird weiter investiert werden, weil Immobilien so sicher sind, im Vergleich zu fast allem anderem in dieser unsicheren Welt. Wir werden sehen, ob unter der Ägide eines Mietenmützchens tatsächlich in Berlin nun weniger Kapital beim Handel mit Immobilien umgeschlagen wird als 2018, als Deutschland insgesamt einen riesigen Anstrum der Investoren erlebte. Allein die landeseigene Gebowag mit ihrem Milliardendeal und einige andere (Re-) Kommunalisierer haben gesorgt, dass es mit der Schrumpfung gar nicht so einfach werden wird.

Wohnung als Ware. Der Mietendeckel als möglicher, nicht aber sicherer Marktbeeinflussungsfaktor. Ganz sicher aber von der gutgelaunten Branche nicht wahrgenommen als Mieterschutzinstrument, das Menschen vor Verdrängung bewahren soll soll. Es muss umgedacht werden. Ob mit oder ohne ZIA, Haus & Grund, IVD, BBU, GdW usw.

TH

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