Unter Brüdern – Tatort 235 #Crimetime 485 #Tatort #Duisburg #DDR #Schimanski #Thanner #Fuchs #Grawe #Brüder #Bruder #BRD

Crimetime 485 - Titelfoto © WDR / Bavaria, Lange

Vorwort 2019

Leider können wir heute aus Zeitgründen die Rezension zu „Unter Brüdern“, die im Jahr 2013 entstand, nicht überarbeiten, was in diesem Fall schon deshalb gerne getan hätten, weil wir mittlerweile auch die Reihe Polizeiruf 110 rezensieren und unsere Erkenntnisse aus dieser Arbeit gerne hätten einfließen lassen. Dadurch sind uns auch die Ermittler Fuchs und Grawe vertraut und wir kennen die überragende Stellung, die Hauptmann bzw. KHK Fuchs alias Peter Borgelt bei den Fernsehzuschauern der DDR hatte. Vorerst müssen wir es bei einer optischen Anpassung ans heutige Schema der Rubrik „Crimetime“ belassen.

SBZDDR und BRD: Hand in Hand durchs Wendeland

Kann es einen besseren Film geben als zweite Geburtstagsrezension für Götz George als diesen ganz besonderen Schimanski aus – ja, er konnte aus keinem anderen Jahr sein als 1990. Entstanden zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung und als absolutes Einzelstück bis heute schon deshalb, weil hier der Tatort-WDR und der originale Polizeiruf 110-DFF zusammengewirkt haben. Das waen diese ominösen Tage, als Westpolizisten sich mit SBZ und DDR nicht auskannten und im Osten niemand wusste, dass es in der BRD Binnenäfen gibt.

So war das also, wenn man den Klischees glaubt, die in „Hand in Hand“ herzhaft in die Manege geschickt werden, um das Publikum zu erheitern. Es gibt viele dieser Klischees im 235. Tatort, wir haben nur eine besonders witzige Spiegelunger herausgegriffen. Sie und vieles andere sind in der -> Rezension beschrieben.

Handlung

Ein Mord in Verbindung mit illegalem Kunsthandel führt – kurz nach Öffnung der Mauer – zu ersten Ost-West-Kontakten auf kriminalistischem Gebiet. Schimanski und Thanner ermitteln gemeinsam mit ihren populären Kollegen Fuchs und Grawe aus Ostberlin.

Gemälde aus DDR-Besitz, die im Zuge der Devisenbeschaffung von Museen und Privatpersonen abgepresst wurden, sind nach der Wende von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern beiseite geschafft worden und sollen nun über die alten Kanäle in den Westen verhökert werden. Als Schlüsselfigur vermutet die Kripo den in Düsseldorf ansässigen Kunsthändler Schrader.

Als in Duisburg die Leiche eines in der DDR polizeilich gesuchten Mittelsmannes gefunden wird, ist das für die Ost-Kommissare ein willkommener Anlass für eine Dienstreise in den Westen. Die Ermittlungen, die sie gemeinsam mit Schimanski und Thanner durchführen, verlaufen jedoch ergebnislos: Zum einen kann der „Kunstfreund“ belegen, dass seine DDR-Geschäfte völlig legal waren und zum anderen gibt es keinen brauchbaren Hinweis darauf, dass er mit dem Mord zu tun hatte. Die vier Kommissare vermuten jedoch, dass Schrader – nachdem sich die Kripo für ihn interessiert hat – ein zu heißes Eisen für seine Hintermänner geworden ist. Sie werden sich nach neuen Abnehmern für die Gemälde umsehen müssen, nach Leuten mit Geld.

Schimanski und Thanner beschließen, selbst diese Rolle zu spielen. Und so ziehen die beiden „Lockvögel“ – modisch getarnt – im Grand Hotel „Unter den Linden“ ein. Die Angebote, sowohl ein- wie zweideutiger Art, lassen nicht lange auf sich warten.

Hintergrund

Unter Brüdern stellt ein Novum in der Geschichte des deutschen Fernsehkrimis dar, da er eine Mischproduktion aus Tatort und Polizeiruf 110 ist. Man konstruierte aus beiden Vorspännen einen, indem die Musik beider Serien jeweils umsprang. Dieser Film sollte die deutsche Einheit für das deutsche Fernsehen symbolisieren. Es war eine der letzten Fernsehproduktionen der DDR, obwohl die Ausstrahlung erst drei Wochen nach dem Tag der Deutschen Einheit erfolgte. Ein Jahr später nahm man in der Polizeiruf-Folge (Thanners neuer Job, Folge 153), noch einmal Bezug auf Unter Brüdern. In Thanners neuer Job, dem letzten Polizeiruf des DFF, wird Thanner als „Westimport“ vertretender Vorgesetzter der Kollegen Fuchs und Grawe in Berlin .

Rezension

Es ist herrlich, sich mit diesem Film an jene Zeit zu erinnern. Wenderausch beschreibt passend die Stimmung in der ganz besonderen Zeit zwischen November 1989 und Oktober 1990, in der sich auf deutschem Boden noch einmal so richtig viel ereignet hat. Aus heutiger Sicht wirkt der Titelsong von Klaus Lage, ein wenig angelehnt an „Zahn um Zahn“, beinahe ironisch.

Konnte man 1990 ahnen, wie lange die innere Vereinigung dauern würde und wie beschwerlich sie ökonomisch und menschlich sein würde?

Und konnte man sich vorstellen, dass eine Krake wie die STASI sozusagen über Nacht in der Versenkung verschwinden würde, bis sie dann in Akten der Gauck-Behörde wieder zum Vorschein kam?

Nein, das konnte man nicht. Man hat sich richtigerweise darauf beschränkt, ein Zeitdokument im damaligen Hier und Jetzt zu schaffen, das man als Krimi nicht zu ernst nehmen darf, sondern als das ansehen sollte, was es ist: pures Vergnügen an den Schauwerten und den Schauspielern.

Glücklicherweise haben wir mittlerweile  zum Einlegen in die DDR-Kriminalfilmerei zwei Original-Polizeirufe aus den 80ern geschaut, beide mit Peter Borgelt als damaliger Hauptmann Fuchs, gewendet zum Hauptkommissar und natürlich in dem Geruch, irgendwie auch etwas mit der STASI zu tun gehabt zu haben. Wie ironisch er seine vorher so staatstragende Rolle in „Hand in Hand“ spielt, das ist so witzig und – doch wieder nicht. Denn diese turbogeschwinde Wendefähigkeit in Deutschland, die gab es schon einmal. Da wirkt der olle Stasi-Oberst, der Kunst in den Westen vertickt, um seine Organisation im Westen flüssig zu halten, geradezu statisch-sympathisch. Einer, der gerne morden lässt, um der Sache zu dienen. Nicht einer, der früher morden ließ und danach nichts mehr davon wissen wollte.  Auch verständlich, aber weniger beeindruckend.

Die Organisation „Dürer“ ist natürlich spekulativ und erinnert sehr an Filme, die nach dem Ende der Nazi-Zeit entstanden („Berlin-Express“ haben wir für den Wahlberliner rezensiert). Es wird davon ausgegangen, dass es nach dem Ende der DDR weiterhin funktionsfähige Strukturen gab, die darauf warteten, im niemals endenden Kampf der System eines schlechten Tages zurückschlagen zu können.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Wohl blieben Seilschaften bestehen, aber sie wirkten in das neue System hinein, wurden genutzt, um einander in diesem System zu helfen und sich darin zu behaupten – und damit zu einem untergründigen Teil der gesamtdeutschen Wirklichkeit bis in die Politik hinein. Auch da gibt es eine Parallele zum Verlauf der Geschichte nach 1945. Politisch war sicher die Zäsur 1945 die größere – bezüglich der Umstellung des gesamten Lebens aber glauben wir, war die 1989er Wende für die DDR-Bürger dramatischer, schon aufgrund des viel längeren Verbleibs in einem ganz anders ausgerichteten Staat.

Natürlich kann eine Krimikomödie wie „Hand in Hand“ der Dramatik der Wende für viele Einzelschicksale nicht gerecht werden, dafür gibt es weit bessere Filme in mittlerweile recht ansehnlicher Zahl. Man musste vermutlich auch schnell etwas machen, um der rasanten Wirklichkeit nicht hinterher zu hinken. Dass dies dennoch der Fall war und wie atemberaubend der Zug der Geschichte voraneilte, erschließt sich aus dem Datum der Erstausstrahlung. Am 28.10.1990 war die Wiedervereinigung bereits seit dreieinhalb Wochen ein Fakt.

Dabei sehen wir zum Beispiel Schimanski neun Jahre nach seinem Erstling Duisburg-Ruhrort. Wir haben anlässlich der gestrigen Rezension dieses Tatorts aus 1981 schon vermutet, dass es auch bei diesem Raubein mit Dienstmarke eine Entwicklung geben würde, und die kann man nun sehr gut bestaunen. Sein Genöle über das Kapitalisten-Outfit, das er sich als Tarnfigur eines Kunstkäufers zulegen muss, wirkt beinahe affektiert, denn, wie man an seiner Wohnung sieht, eine gewisse Normalisierung ist durchaus erkennbar.

Vielmehr deuten das Outfit und auch einige Gesten, die er in dieser Verkleidung zeigt, schon auf die Glanzrolle in der grandiosen Hitlertagebücher-Parodie „Schtonk“ zwei Jahre später hin. George widersteht der Versuchung, auf unecht wirkende Weise den Kapitalisten vollständig zu adaptieren, aber da ist ein Spiel mit Varianten, das in gewisser Weise auch das Ende der Festlegung von George auf die Schimanski-Figur andeutet.

Trotz aller Vergnüglichkeit dieses wieder einmal etwas längeren Tatorts (95 anstatt der heute und auch damals schon üblichen 88 Minuten) hätte man aber doch etwas mehr fürs Kriminalistische tun können. Wir haben zum Beispiel kein Motiv für den Mord gefunden, der die Ost-West-Zusammenarbeit und das muntere Treiben zwischen Berlin und Duisburg ausgelöst hat. Die Schiene Kunstraub war hingegen, wie erwähnt, spekulativ, aber grundsätzlich nachvollziehbar und auch dieses Verfahren gemahnt stark an die  Nazi-Kunsträuber der 1930er und 1940er Jahre.

Finale

Das wäre ein guter Einstieg in die Rezension der Polizeiruf 110-Serie, den wir bisher aus Kapazitätsgründen vermieden haben. Spannend wär’s sicher, vor allem die Filme aus der DDR-Zeit betreffend, da gäbe es so viel zu beschreiben, zu vergleichen, in historische Zusammenhänge zu stellen.

Aber wir wollen damit warten, bis die Tatort-Wiederholungen, die wir noch nicht gesehen haben, richtig selten werden und wir haben ja auch noch viel zu tun mit den inflationären Tatort-Erstausstrahlungen, die im Jahr 2013 nicht immer für reine Freude gesorgt haben. Man soll sich nicht verzetteln, sondern versuchen, den Überblick zu behalten.

Was Schimanski als Kripo-Mann nach unseren bisherigen Eindrücken selten gelingt, nämlich strukturiert und auch am Ende des Tages und den Möglichkeiten orientiert zu arbeiten, was Deutschland seit der Wiedervereinigung auch wieder kaum schafft, das können wir wenigstens bei unseren Aufgaben beim Wahlberliner verirklichen, ohne dass es Einflüsse , die wir angeblich nicht steuern können als Rechtfertigung für vorgegaukelte Alternativlosigkeit gibt  – nämlich Maß halten.

„Hand in Hand“ ist auch ein wenige eine verpasste Chance, kriminalistisch betrachtet, und das wiederum wirkt so authentisch, denn auch in der unübersichtlichen, mit zu  heiß gestrickter Nadel durchgezogenen Wiedervereinigung ist manche Chance liegen geblieben. Im Tatort 235 sieht man eine verrückte, kurze Epoche auferstehen und das macht Spaß, unabhängig von dem, was sich heute dazu sagen lässt.

7,5/10

© 2019, 2013 Der Wahlberliner ,Thomas Hocke

Kommentar: silver price 4. August 2013

Schnell stürzten sich die Medien auf ihn. Die einen verdammten ihn als Ruhrpott-Rambo, die anderen lobten ihn als frischen Wind in den verstaubten ARD-Anstalten. Sogar mit James Bond wurde er verglichen. Er wurde der Actionheld der Deutschen für eine Generation, die statt Krieg und Gehorsam nur Frieden und Konsum kannte. Schimanski ist der einzige Tatort-Ermittler, der eindrucksvoll in den Köpfen des Publikums haften blieb, da er sich menschlich und als einer von ihnen zeigte. Zehn Jahre ermittelte er und machte die Fäkalsprache , insbesondere das Wort „Scheiße“ salonfähig, sodass die Bild 1991 sogar seine Häufigkeit zählte. Nach seiner Ära versuchte man Nachfolger zu finden, die so ermitteln sollten wie er. Zumindest hat sich das Bild des „Fernsehkommissars“ in Deutschland zwischen 1981 und 1985 durch Horst Schimanski sehr verändert.

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