Tempelräuber – Tatort 745 #Crimetime 492 #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #WDR #Tempel #Räuber

Crimetime 492 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Komik wie ein Wasserbett

Bei „Tempelräuber“ muss man sich in die Komik fallen lassen wie in ein weiches Wasserbett, und man darf keine scharfen Gegenstände dabei haben, wie zum Beispiel das Kritiker-Seziermesser. Dann klappt es auch dieses Mal wieder und man kann lachen – und wenn man will, dieses Mal auch weinen, angesichts der Tragik des Falles.

Das macht „Tempelräuber“ auch besonders, dass der Humor ausgelebt und dabei noch ein ernstes Thema ernsthaft beleuchtet wird. Abstriche muss man bei der Auflösung machen. Wäre die nicht fragwürdig, hätten wir wohl ganz, ganz hoch gegriffen – aber so „Tempelräuber“ immer noch ein beachtlicher Tatort mit Witz und Wucht.

Je ambivalenter man selbst veranlagt ist und denken kann, desto mehr wird man dieses Wechselspiel genießen und auch bemerken, wie die Komik am Ende leiser wird und zurücktritt hinter die Tragik. Von allen Münster-Tatorten, die wir bisher gesehen haben, ist dieser derjenige mit der eindeutigsten Anklage und er verlässt den Münsteraner Pfad, in dem die Elemente der Gesellschaft nach und nach der Lächerlichkeit preisgegeben. Nein, hier haben sogar Kinder etwas Düsteres und ihre Begabung wendet sich gegen ihre Situation. Wie das geschieht und mehr steht in der -> Rezension.

Handlung

Prof. Karl-Friedrich Boerne ist auf dem Nachhauseweg, als er Zeuge wird, wie ein alter Mann rücksichtslos von einem Auto überfahren wird. Als Boerne dem sterbenden Opfer zu Hilfe eilt, wird er beinahe selber überfahren.

Der „Unfall“ scheint ein gezielter Mordanschlag mit einer ungewöhnlichen Tatwaffe gewesen zu sein: Vater Thiels Taxi. Aber nicht nur Staatsanwältin Wilhelmine Klemm sträuben sich die Haare, als sie das Opfer erkennt, denn es handelt sich um Ludwig Mühlenberg, den als besonders gläubig geltenden Regens des Priesterseminars Sankt Vincenz. Und das in einer Stadt, in der, so Staatsanwältin Klemm, ein toter Priester so viel zählt wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten.

Der in Glaubensfragen nicht unbedingt als bibelfest bekannte Kommissar Thiel ermittelt daraufhin im erzkatholischen Milieu zukünftiger Priester. Professor Boerne, der die Taxi-Attacke mit ein paar handfesten Frakturen überstanden hatte, muss derweil lernen, fremde Hilfe in seinem Junggesellenhaushalt und -leben zu ertragen. Für beide eine einschneidende Erfahrung!

Rezension

Ein Tatort voller Wunden und das eine oder andere Wunder findet auch statt. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) wird verletzt und muss mit eingegipsten Armen die ganzen 90 Minuten überstehen. Das sorgt für unglaublich witzige Momente und für eine Wandlung der Person vom Einsiedler zum Beinahe-Familienmensch, die etwas plötzlich kommt, aber doch schön ins Gesamtwerk eingebettet ist. Am Ende verliert er die Familie wieder und nimmt’s wesentlich stoischer als zunächst den Einbruch fremder Personen in seine narzistische Welt voller kleiner Preziosen – wie zum Beispiel einer historischen Geige.

Seine Gipsarme werden bis zur nächsten Folge verheilt sein. Boerne ist unkaputtbar. Anders sieht es mit den Seelenwunden der Menschen um den Priester im Seminar Hans Wolff (Ulrich Noethen) aus. Die Wunden, die der Zölibat schlägt, sind gemeint. Da müssen Vaterschaften lebenslang verborgen bleiben und Familien sind ein Geheimnis. Kein Wunder, dass dabei Kinder groß werden, die voller Begabung sind und außerdem dämonisch-düstere Züge aufweisen. Dass sie mit 15 oder 16 so gekonnt Auto fahren können wie Steffen EllinghausHans Wolffs heimlicher Sohn (Wolf-Niklas Schykowski), das ist ihrer dämonischen Begabung zuzuschreiben. Sie könne nicht nur Geige spielen, sie fahren auch wie die Teufel. Gott hat sie so werden lassen, damit sie sich an kruden Typen wie dem Seminarleiter rächen können, der rigoros zwischenmenschliche Annäherungen in seinem Seminar unterbindet, Abtreibungen finanzieren will, Angestellte entlässt, die sich einlassen, mithin alles aussteuert im Sinne der katholischen Kirche. Damit ist auch gesagt, was Gott wirklich will. Und was nicht. Zum Beispiel, dass am Ende der Täter das Kind und das Kind Täter ist und der Hilfe bedarf.

Die psychologischen Darstellungen der letzten fünf Minuten, ebenso wie die Auflösung an sich sind schwach, das muss man leider sagen und das verhindert eine der höchsten Bewertungen, die wir bisher vergeben hätten, wäre dieses Ende nicht aus einem glänzenden Fall und einer wunderbaren Schicksalsgeschichte herausgebrochen worden wie ein grober Klotz aus einer famos modellierten Plastik.

Der oder das Zölibat. Die Darstellung finden wir grandios und auch nicht klischeehaft. Denn hier sind wirklich Einzelschicksale herausgearbeitet worden. Mag auch der Seminarleiter ein besonders harter Verfechter des Zölibats gewesen sein, ein starker Arm einer festgefügten Ordnung, der aus dieser heraus sogar das Dogma des Abtreibungsverbotes übertritt (während der Zölibat offenbar kein Dogma ist), so ist er ethisch sehr einseitig positioniert, weil sich auch die Macher von „Tempelräuber“ sehr eindeutig positionieren wollten – nämlich gegen dies alles und deshalb zeigen sie das Dilemma auf, das entsteht, wenn das Zwischenmenschliche sich immer wieder Bahn bricht und gegen Dogmen und disziplinarische Ordnungen steht.

Hier bietet sich der Verweis auf eine vatikannahe Quelle an, die nicht verdächtig ist, die Ordnung der katholischen Kirche allzu sehr infrage zu stellen – Radio Vatikan, das auf seiner deutschsprachigen Webseite über die Kommission unter Kardinal Hummels berichtet, die über den Zölibat tagt (Quelle).

Der Artikel stammt aus dem Jahr 2006 und man muss sich immer mehr fragen, wie lange die katholische Kirche den Zölibat noch halten kann. Es geht dabei nicht ums Dogma oder Nicht-Dogma, es geht um die Selbsterhaltung.

Nach den vielen Missbrauchsfällen im Umfeld der katholischen Kirche wurde unter anderem hervorgehoben, dass man bei künftigen Priesterkandidaten verstärkt auf die „psychosexuelle Gesundheit“ achten wolle, mithin strenger als bisher prüfen, ob diese Versuchungen widerstehen können. Aber gerade der Zölibat, der damit geschützt werden soll und der Priester, der sich, so das Verständnis dahinter, ganz Gott hingeben soll und nicht weltlichen Einflüssen und Genüssen, dieser Zölibat verhindert, dass sich allzu viele Menschen diesem Priesterleben unterziehen mögen, das ohne den Zölibat schön und inspirierend sein könnte, wenn man sich denn berufen fühlt.

Dass aber Berufung mit lebenslanger Entsagung verbunden ist und damit auch die soziale Einbindung gerade von Seelsorgern verhindert, ihre soziale Kompetenz gar nicht erst entstehen lässt, das beweist nicht nur, dass Priestertum von der katholischen Kirchen nicht – unter anderem – als soziale Aufgabe verstanden wird, sondern als etwas Höheres, das eher Distanz schaffen soll zwischen Priestern und gewöhnlichen Sterblichen.

Genau diese Distanz möchten junge Menschen, die sich durchaus für Religion und Kirche engagieren könnten, kaum noch einhalten. Es ist zu offensichtlich, welche Fehlentwicklungen im Sozialverhalten der Zölibat mit sich bringt. Aber genau deshalb, weil sich so wenige junge Leute noch dieser lebenslangen Kasteiung unterwerfen wollen, ist daran zu zweifeln, dass die Auswahl der Probanden künftig strenger sein kann als bisher.Es melden sich einfach zu wenige, als dass man eine Auswahl unter den standhaftesten der Standhaften treffen könnte.

Vor diesem Hintergrund der Fall „Tempelräuber“. Hingegen fühlen sich die Tatortmacher in Münster berufen, sich eindeutig zu dieser Sache zu äußern. Das tun sie auf eine Weise, die man wieder einmal als gewagt bezeichnen kann. Aber sie funktioniert bis fast zum Ende erstaunlich gut und alles ist sehr gut miteinander verwoben. Der Mörder fährt auch Boerne an, der braucht daraufhin Hilfe im Alltag. Beruflich bekommt er die von Silke Haller alias Alberich (Christine Ursprung, seiner Assistentin in der Gerichtsmedizin. Privat hätte er sie gerne von Thiel.

Doch Thiel ist mit dem Fall beschäftigt und kann nicht noch Kindermädchen für Boerne spielen. Vielmehr organisiert er ihm eine sehr nette Hausangestellte und die bringt ihren Sohn mit ein. Der spielt Geige und Boerne musste das auch einmal, unter den strengen Augen des Vaters. Nach Anfangsschwierigkeiten freundet man sich an, von Generation zu Generation, von Genie zu Beinahe-Genie. Dieses Paar, Mutter und Sohn, birgt ein Geheimnis. Sie ist die heimliche Geliebte eines Priesters und er dessen Kind. Die Familie, die Boerne beinahe zuwächst, ist gar nicht möglich, denn im Schatten gibt es langjährige Bindungen, die echt und stark und von der Kirche verboten sind. Das Ermittler-Private ist auf eine sicher etwas konstruierte, aber sehr ansprechende und emotional packende Weise in den Fall eingeflochten, da läuft nichts nebeneinander her und hat einander nichts  zu sagen, wie wir das manchmal in Tatorten sehen, sondern alle Ebenen, Personen und Prinzipien kommunizieren miteinander.

Etwas linkisch ist dieses Mal die Einbindung von Thiels Vater geraten, dazu musste sein Taxi zufällig Tatwaffe werden. Und wie der stillbegabte Junge Steffen sich am Ende wandelt, das eben ist die große Schwäche eines ansonsten sehr dicht, konsequent und stimmig erzählten Tatortes. Einige Zusammenhänge sind nicht sehr wahrscheinlich, dazu gehört wohl auch, dass der Priester Wolff zwei Frauen, zwei Kinder hatte bzw. hat, aber es ist nicht unmöglich; die Figur, gespielt von Ulrich Noethen, ist so angelegt, dass sie durchaus anziehend wirkt. Man hat insgesamt starke Figuren geschaffen, manche differenziert, andere bewusst stereotyp, wie den ermordeten Seminarleiter und seine willfährige Anhängerin, die Schwester Agathe (Marita Breuer).

Und man hat viele, wirklich witzige Details erfunden, besonders im Zusammenhang mit der Verletzung von Dr. Boerne. Dass dies noch mit dem tragischen Teil des Films zusammengeht, ist vielleicht das größte Wunder und dafür verzeihen wir das Ende beinahe, dem man außer seiner Fragwürdigkeit auch anlasten muss, dass mal wieder nicht ausermittelt wird, sondern ein Geständnis die Sache so abschließt, dass der Film in 90 Minuten fertig wird. Besser wär’s gewesen, man hätte Spuren im Taxi gefunden, nach Tagen und Tagen, nach unendlich akribischer KTU-Arbeit, und diese hätten auf Steffen hingewiesen. Der Junge, der hätte schweigen können. Schließlich konnte er jahrelang ein großes Geheimnis bewahren; nämlich, wer sein Vater ist.

Dass das Ende mit Steffen als Mörder uns überrascht hat, verschweigen wir nicht. Wir hätten nicht gedacht, dass sich die Macher von „Tempelräuber“ tatsächlich auf das schmale Brett begeben, den Jungen so ausrasten und dabei noch so kontrolliert und routiniert Auto fahren zu lassen. Außerdem – wenn er wirklich so gut fahren kann, warum haut er dann auch noch Boerne weg?

Schön hingegen ist gerade dieses Verhältnis Vater-Sohn angelegt. Wie liebevoll der Priester mit dem Jungen umgeht, da dachten wir anfangs, das Pädophilen-Fass wird auch noch aufgemacht, immerhin stammt der Tatort aus 2009, als die Vorwürfe des Missbrauchs von Kindern und jungen Erwachsenen durch Angehörige der katholischen Kirche eines der größten Themen neben der Wirtschaftskrise waren.

Hingegen wären wir nicht darauf gekommen, dass die beiden Sohn und Vater sind – aber es ist stimmig gezeigt und wir applaudieren diesem Konstrukt. Dass schätzungsweise die Hälfte aller Priester geheime Beziehungen zu Frauen pflegt, so wird es im Film wenigstens behauptet, dass daraus viele Kinder hervorgegangen sein müssen, die im Schatten des Schweigens zu leben gezwungen sind, ebenso wie die Eltern, das macht, wenn es stimmt, deutlich, wie unsinnig und lebensfremd der Zölibat ist.

Finale

Ein wunderschön gemachter Tatort, einer der besten der Münster-Serie, wir hätten ihn beinahe in Gottes unendlichen Himmel gehoben, wenn uns nicht das Ende gestört hätte. Auch so ist es noch ein sehr guter Film, der es versteht, uns ein ernstes Thema nahezubringen – und dabei manchen Aspekt zu zeigen, der etwas Neues darstellt, wie zum Beispiel diese Selbsthilfegruppe in Holland, die eigens für Priester und deren geheime Frauen geschaffen wurde. Was wir auch nicht vermutet hätten – die Niederlande, das Stammland des Calvinismus, hat 27 % Katholiken in der Bevölkerung, hingegen nur 16,6 % Protestanten – und beinahe 50 % Konfessionslose. Das heißt, auch ohne eine religionsferne Staatsdoktrin wie den Kommunismus, der u. a. im Osten Deutschlands für einen hohen Anteil an Konfessionslosen gesorgt hat, kam der institutionalisierten Religion in manchen Ländern die Anhängerschaft in dramatischem Ausmaß abhanden.

In diesem Tatort steckt sehr viel drin und dazu ist er von Boerne, von Thiel und den anderen herrlich gespielt. Trotz des unbefriedigenden Schlusses

8/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Frank Thiel: Axel Prahl
Prof. Boerne: Jan-Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern: Friederike Kempter
Silke Haller („Alberich“): Christine Urspruch
Wilhelmine Klemm: Mechthild Großmann
Herbert Thiel: Claus D. Clausnitzer
Dorothea: Rosalie Thomass
Hans Wolff: Ulrich Noethen
Karin Ellinghaus: Johanna Gastdorf
Steffen Ellinghaus: Wolf-Niklas Schykowski
Frau Wenz: Giselle Vesco
Schwester Agathe: Marita Breuer
Johannes Bott: Andreas Potulski
u.v.m.

Regie: Matthias Tiefenbacher
Buch: Magnus Vattrodt
Kamera: Holly Fink

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