Eine andere Welt – Tatort 886 #Crimetime 495 #Tatort #Dortmund #Faber #Bönisch #Kossik #Dalay #WDR #Welt

Crimetime 495 - Titelfoto WDR, Thomas Kost

Bratwurst mit Messer und Gabel und guten Morgen, du geiler Hund

„Keine Frage, dass der neue Dortmund-Kommissar Peter Faber ein spannender Typ ist. Man weiß bei ihm nie, was in der nächsten Sekunde passiert. Er ist mit Sicherheit der unberechenbarste von allen Tatort-Ermittlern und am meisten ein Psycho.“ Diesen Eingangssatz unserer Vorschau können wir unverändert übernehmen, denn er macht da weiter, wo er in „Mein Revier“ aufgehört hat.

Es gibt allerdings eine Entwicklung: Nach und nach kommt sein Trauma zutage, nämlich der vorgebliche Autounfall seiner Frau und seiner kleinen Tochter. In der Sache war er in  Lübeck und arbeitet an diesem Schockerieignis weiter, während er den aktuellen Fall zu lösen hat.  Und es stellt sich heraus, dass es Parallelen zwischen dem Tod seiner Familie und dem von Nadine Petzokat, dem Opfer eines nächtlichen Verbrechens in Dortmund, geben könnte. Welche und mehr zum Film steht in der -> Rezension. 

Handlung 

Die 16-jährige Gymnasiastin Nadine Petzokat wird tot aus dem Phoenixsee gezogen. Das Opfer ist ertrunken, es gibt aber auch Anzeichen von Gewalteinwirkung. Sie scheint vor ihrem Tod vergewaltigt worden zu sein. Die Tote ist auffällig teuer gekleidet, was – wie sich herausstellt – nicht zu ihrem sozialen Hintergrund passt, da sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Außerdem herrschen in der Familie von Nadine Spannungen; Martina Bönisch erfährt von Nadines Mutter Karin Petzokat, dass sie seit langem ihr eigenes Leben führte und versuchte, sich von ihrer Herkunft abzugrenzen. Nadines beste Freundin Julia Nowak erzählt den Ermittlern, dass die beiden in der Nacht vor der Tat in einem noblen Club mit Freunden Geburtstag gefeiert haben Nadine blieb noch, als Julia nach Hause ging. Jonas Zander stellt bei der Obduktion fest, dass zwischen der Vergewaltigung und dem Eintreten des Todes rund zwei Stunden liegen. Waren es vielleicht zwei Täter?

Derweil sichten die Ermittler Nadines Handy-Videos. Die Filme werfen ein Schlaglicht auf die Freundschaft der beiden Mädchen, deren Träume und deren Suche nach Identität. Auch führen sie die Ermittler zu der betuchten Clique, die an dem Abend im Club Century feierte: Staatsanwaltssohn Lars von Hesseling, Clubbesitzer Konstantin Prinz, Meike Götz, Oliver Pösko und Stefanie Katschek.

Im Laufe weiterer Ermittlungen gerät auch der vorbestrafte Exfreund Tarek Abboubi ins Visier der Kommissare. Nadine hatte mit Tarek Schluss gemacht. Könnte es sich um einen Racheakt handeln? Auch Konstantin König bestätigt, dass es noch an dem Abend Ärger mit Tarek gegeben hat. Nun mischt sich Nadines Vater Heinz Petzokat in die Ermittlungen ein. Sie war sein Ein und Alles. Noch in der Nacht hatte er seltsamerweise ein Foto seiner aufgestylten Tochter auf sein Handy gesandt bekommen und sie daraufhin mehrmals erfolglos versucht zu erreichen. Das Überwachungsvideo des Clubs zeigt, dass Petzokat im Auto später in jener Nacht dort stundenlang auf sie wartete.

Dann schlägt Petzokat Tarek auch noch krankenhausreif. Nora befragt derweil undercover die Freunde im Club, um mehr herauszufinden. Liegt die Lösung des Falls in den Beziehungen der Freunde untereinander? 

Rezension

Kann das gutgehen? Nicht wirklich. Da verlassen die Waschbecken im Polizeipräsidium ihre Verankerung und wird die Kollegin Bönisch beinahe von Faber erwürgt, bei diesem gefährlichen „Täter-Opfer“-Spiel, das die beiden seit ihrem ersten gemeinsamen Fall abziehen. Mit einem wie Faber sowas zu  machen, das erfordert Mut; Respekt vor Frau Bönisch. Faber käme als Realpolizist aber nicht so weit, weil er längst suspendiert wäre. Doch offenbar mögen ihn im Präsidium alle dann doch, die nicht mit ihm klarkommen und unterstüzten ihn oder halten im Hintergrund die schützenden Hände über ihn. Ob das okay ist, erläutern wir später.

Ein im Grunde stinknormaler Plot wird durch die Akteure zur Show. Schauspielerisch ist „Eine andere Welt“ hervorragend gestaltet und schroff und cool inszeniert – und gewiss einer der Höhepunkte der Saison. Obwohl die Tatorte früher ganz anders waren und in Köln und Münster ganz anders sind, merkt man, dass der WDR eine große Tradition hat und ein so von der Wirklichkeit abgesägtes Konzept wie Faber-Bönisch-Dalay-Kossik als funkensprühendes Viereck durchziehen kann, egal, ob das Publikumentsetzt ist oder die Realisten unter den Kritikern sich die Haare raufen.

Wir stellen uns jetzt vor, dass Faber sich noch ein paar Tatorte lang sehr tief ins Vorgestern hineingraben muss, bis er den Mörder seiner Familie findet. Auf dem Weg zur Lösung sind gewiss mehrere Einrichtungsgegenstände und Menschen in nicht unerheblicher Gefahr. Und wenn er den Mörder gefunden hat, muss noch lange nicht alles gut sein, denn ein Trauma kann auch dann weiterwirken, wenn die Ursache geklärt ist. Doch es ist Land in Sicht: Bönisch hat im dritten Fall endlich ihren nervenden Lover abgeschossen, um sich voll auf Faber konzentrieren zu können. und die Jungspolizisten sind auf einem hervorragenden Weg, was sich daran zeigt, wie sie eine türkische Hochzeit begehen.

Niemand übertrifft Faber in Sachen psychische Erkrankung, im ganzen, weiten Tatort-Land. Und Jörg Hartmann spielt das mit solcher Hingabe, dass man bei aller Unglaubwürdigkeit als Polizistenfigur immer wieder ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken kann. Der Typ hat es in sich. Nicht den Teufel, aber einen Dämon, der ihn beherrscht und neben einer faktischen Dienstunfähigkeit dafür sorgt, dass er außergewöhnliche Momente mit miesen oder hervorragenden Ergebnissen produzieren kann. Befragungen geraten bei ihm zu Katastrophen, wenn er arroganten Schnöseln gegenübersteht, dabei wirkt er selbst überheblich.

Der nachfolgende Text enthält Angaben zur Auflösung!

Aber dann die Szene mit dem Vater des ermordeten Mädchens. Immerhin, diese Verbrüderungszene führt ihn zu der sicheren Erkenntnis: Der Mann war’s nicht, der leidet wie ein Hund unter dem Verlust seiner Tochter, genau wie Faber selbst. Total daneben, das alles, aber wunderbar inszeniert. Hingegen ist die Jungpolizistin Nora selbst fst noch ein Mädchen, das im Nobelclub, wo die Dortmunder verkehren, die Bratwurst mit Messer und Gabel essen, eine hinreißende Figur macht und die blöden Nachwuchsführungskräfte merken echt spät, dass mit der Frau was nicht stimmen kann. Dafür hat sie das Gespür, die wirkliche Mörderin zu ermitteln.

Nicht sehr originell, die Auflösung mit der Freundin, aber es war ein Unfall, ein Unfall, ein Unfall – nein, war es nicht. Doch, irgendwie schon. Es war kein Mord, will uns der Film sagen, sondern wieder eine von diesen tragischen Emotionen, die es schwer macht, zwischen Totschlag und fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge zu unterscheiden. Schließlich will man der gequälten Seele, der Freundin von Nadine, nicht bis zu 15 Jahre Gefängnis zumuten. Schwamm drüber. Auch darüber, dass wir dieses Mädchen schon ziemlich früh im Verdacht hatten, denn dass es Rivalitäten zwischen ihr und Nadine gab, war offensichtlich.

Besonders offensichtlich, weil es immer mehr in Mode kommt, überzeugende Ermittlungsarbeit durch sichergestellte Amateurvideos zu ersetzen, und Nadine war krass gut drauf in der Hinsicht, dass sie ihr Leben beinahe komplett abgefilmt und sich selbst und ihre Umgebung kommentiert hat. Hätten sich die Polizisten das Konvolut bewegter Bilder am Stück bzw. hintereinander angeguckt, hätten sie sich viele Umwege sparen können. Auch Fälle kann man heutzutage offenbar komplett am Computer lösen, aber dann fällt die ganze schöne Action weg, blöd vor allem für Faber, weil er dann seine Kollegin nicht malträtieren kann. Er würde nur noch im Büro sitzen und aus dem Becher essen und wäre mit nichts anderem mehr als der Vergangenheit befasst. Die Jungpolizisten haben’s da einfacher. Die haben immer gut zu tun, vor allem miteinander und mit ihren Neckereien, die z. B. zu Zwischenfällen auf dem Präsidium mit türkischen Landsleuten von Nora führen können, weil ihr der zugehörigen Sprache unkundiger Freund und Kollege sich allzu korrekt verhalten will und sich von ihr mit getürkten Grußbotschaften an der Nase herumführen lässt.

Dadurch, dass die Kriminalhandlung so sehr vor allem hinter die Polizistenfiguren zurücktritt, kann man diese natürlich wunderbar formen und eine verdichtete Atmosphäre schaffen, die mit traditionellen Tatorten etwa so viel zu tun hat wie Dortmund mit New York oder Bratwurst an der Bude, mit oder ohne Messer und Gabel, mit Molekularküche aus dem Penthouse-Restaurant mit Blick über die ganze Stadt.

Eigentlich wurscht, ob man Dortmund oder eine andere Großstadt für dieses Ding requiriert, es passt immer. Faber könnte auch sehr gut in Frankfurt oder Berlin ermitteln oder in Hamburg – nur in München können wir ihn uns nicht vorstellen. Die Beinahe-Universalität der Einsatzmöglichkeit im verdichteten Lebensraum gilt auch für seine zwei Kolleginnen und den Kollegen. Im Gegensatz zu Köln oder, in abgeschwächter Form, Münster, kommt zumindest in „Eine andere Welt“ keinerlei Lokalkolorit vor.

Der Titel hingegen ist okay, man versteht sogar den Hintergrund dieser eher beliebig wirkenden Auswahl. Das Opfer wollte in eine andere Welt, das wurde sein Verhängnis. Weg aus dem Ghetto, rein ins Vergnügen mit den feschen Jungs mit den gut situierten Eltern. Ob der Typ, den sie darstellt, wirklich dort angenommen wird, ist eine andere Sache. Vielleicht hatten die Jungs sie ja nur benutzt, so könnte man es sich vorstellen. Sich nach oben vögeln kann sicher gehen, aber wie man sieht, muss man aufpassen, dass man sich nicht Feinde macht, die man gnadenlos unterschätzt – ja, denen man vertraut.

Wenn es nicht auch gesellschaftlichen Subtext gäbe, wäre der Film nicht vom WDR. Der Subtext wird zwar nicht so schön mit These und Antithese ausgestrahlt wie bei Max und Freddy, den Kollegen aus Köln, aber es geht gegen die reichen Schnösel, gegen Vorurteile gegenüber Migranten, auch wenn sie kriminelle Laufbahnen einschlagen, es geht gegen den nicht totzukriegenden Materialismus naiver Mädchen und das daraus folgende, hohle Geplapper in bewegten Selfies. Ja, es gibt immer Neues in der sozialen Wirklichkeit und im Grunde immer mehr, woran man sich stoßen kann.

Da geht es fast unter, dass dieser Tatort mit dem Verhalten der Figuren Dalay / Kossik auch eine subtile Aufforderung zur Integration und zur Loslösung von gewissen, dieser Zeit, in der nur noch auf persönliche Gefühle Verlass ist. Nicht eine Integration in eine fragwürdige, materialistische Leitkultur, sondern in das Erleben der wunderbaren Momente im Hier und Jetzt und dem Überschwang junger Liebe. Ein Plädoyer, das Leben zu genießen, wenn man jung und adrett ist und im Moment zu leben, nicht für idiotische materielle Zukunftsträume alles einzusetzen, sogar das eigene Leben – oder im Korsett fragwürdiger, überkommener Werte zu verbleiben und die schönste Zeit damit zu belasten.

Das ist schon eine andere, eine weniger kompakte Welt als damals, als die ersten Tatorte auf den Bildschirm kamen. Und in dieser anderen, heutigen Welt wirkt einer wie Faber als Brennglas, durch ihn und mit ihm ist man aufgewühlt genug, um eine ansonsten eher banale Story so richtig an sich herankommen zu lassen. Die Szene mit ihm und Papa Petzokat ist eine der rühendsten der jüngeren Tatortgeschichte. Und wenn das Trauma nicht anders zu bewältigen ist, Freund Faber und vor allem ihr Vorgesetzten, die eine Fürsorgepflicht für ihre Leute haben, dafür gibt’s eine Therapie. Well done, Hartmann!

Finale

Ja, es ist spannend, den Dortmundern zuzusehen. Ja, es gibt eine Entwicklung. Nicht der Fall ist spannend. Nicht die Jugendlichen aus verschiedenen sozialen Schichten, die wir ziemlich holzschnittartig präsentiert bekommen, sondern das Wesen der Polizisten. Was sich zwischen ihnen und in ihnen abspielt, das wirkt nach und man freut sich auf den nächsten Fall, egal, ob der wieder ein alter Bekannter im neuen, coolen Outfit ist oder echt innovativ. Die Typen, die uns hier begleiten, sind ja schon neuartig und und das könnte reichen, um viele alte Lieder vom ewigen Verbrechen nochmal  zu spielen – mit einem anderen, harten, disharmonischen Sound, der so gut in unsere zerrissene Zeit passt, zu unserer Wahrnehmung, die nur noch höchst subjektiv, unserer Perspektive, die nicht mehr übergeordnet wissend, sondern mittendrin in der Unübersichtlichkeit der Welt angesiedelt sein kann. Daher ist es auch richtig, dass die Figuren der Dortmund-Schiene nicht über ihren Dienst an sich reflektieren und über Moral und das Gute und Böse.

Wir sind jetzt angekommen in Dortmund und gehen trotz der handlungsseitigen Schwächen (warum bekommt ein junger Mann nach einem Unfall die Schmerzmittel, die er benötigt, nicht verschrieben; wieso führt eine Polizistin, die gerade ein paar Wodka genippt oder gekippt hat, einen Dienstwagen und lässt nicht den nüchternen Kollegen ran) und der sehr offensichtlich von dem  Zwang, sich logische Drehbücher mit echter Polizeiarbeit ausdenken zu müssen befreienden Video-in-sozialen-Netzwerken-Invasion nun eine Stufe höher als bisher.

7,5/10

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Böhnisch – Anna Schudt
Oberkommissar Daniel Kossik – Stefan Konarske
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Hauptkommissar Krüger – Robert Schupp
Anwalt – Stephan Ullrich
Gerichtsmediziner Jonas Zander – Thomas Arnold
Heinz Petzokat – Markus John
Julia Nowak – Matilda Merkel
Katrin Petzokat – Jule Böwe
Konstantin Prinz – Sergej Moya
Konstantins Anwälin – Dagmar Operskalski
Marcel Petzokat – David Hürten
Meike Götz – Nathalie Lucia Hahnen
Mitarbeiter KTU – Matthias Busse
Model – Anne B. Scott
Monika Küppers – Bettina Lieder
Nadine Pezokat – Antonia Lingemann
Oliver Pösko – Joachim Foerster
Shilo Petzokat – Milia Rütter
Stefanie Katschek – Elena Berthold
Tarek Birol – Hassan Akkouch
Toni – Jo Weil
Türsteherin – Katharina Gerhardt
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Andreas Herzog
Kamera – Ralf Noack
Musik – Martin Tingvall

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