Mit List und Tücke – Polizeiruf 110 Fall 102 #Crimetime 494 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Fuchs #Seance #Hypnose

Crimetime 494 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Manchmal geht Hypnose in die Hose

Was sich in den ersten Minuten ausnimmt wie ein langweiliger, lustlos gefilmter Routinestoff, wird mit der Zeit immer skurriler und das liegt unter anderem an der Art, wie hier beim Beklauen insbesondere älterer Damen zu Werke gegangen wird. Kommt ein realistischer Mensch wie Hauptmann Fuchs mit diesem seltsamen Fall klar? Darüber und mehr schreiben wir in der hypnotisierenden -> Rezension

Handlung

Frank Reiher und sein Beifahrer Tiller von der SMH werden zur Wohnung von Frau Hause gerufen, die bewusstlos aufgefunden wurde. Ihrem Krankenwagen folgt ein Kleinwagen, dem ein Mann entsteigt. Die Hausbewohner glauben, es handelt sich um einen Arzt, doch ist der verkleidete Jimmy Klöppel in Wirklichkeit ein Einbrecher. Während Frank und Tiller Frau Hause erstversorgen, durchsucht Jimmy unbemerkt die Wohnung und flieht schließlich mit zahlreichen Wertsachen. Eine aufmerksame Nachbarin kann ihn nicht aufhalten. Hauptmann Peter Fuchs wird mit den Ermittlungen betraut. In Frau Hauses Wohnung hat Jimmy ein Notizbuch verloren. In ihm sind die letzten Notrufeinsätze Franks verzeichnet und auch seine Telefonnummer ist notiert.

Frank wiederum wird von einem Gartennachbarn in seinen Schrebergarten gerufen, hat der Nachbar doch einen fremden Mann aus Franks Laube kommen sehen. Auch Peter Fuchs wartet an der Laube auf Frank, um ihn zu befragen. Die Laube ist mit Diebesgut vollgestellt, dessen Herkunft Frank nicht erklären kann. Er weiß auch nicht, wie sein Name in das Notizbuch eines Einbrechers kommen konnte. Der Verdacht, er könnte etwas mit den Diebstählen zu tun haben, belastet seine Ehe mit Anja, hatte Frank doch in einem früheren Job Kunden übervorteilt und daher freiwillig gekündigt. Eine weitere Straftat würde ihm Anja nicht verzeihen.

Das Diebesgut wird von den Ermittlern abgeholt. Wenig später schneidet sich Frank noch in der Gartenlaube die Pulsadern auf. Er wird schnell gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Hier äußert er vor Peter Fuchs, dass alles ein Komplott gegen ihn sei. Man wolle ihn und seine Frau auseinanderbringen.

Peter Fuchs befragt Kollegen nach Frank. Er versteht sich mit allen gut und wird von Mitarbeiterin Vera sogar geliebt, auch wenn sie weiß, dass ihre Liebe nicht erwidert wird. Einen Raub traut ihm niemand zu. Mitten in die Ermittlungen kommt ein weiterer Fall. Ein Hypnotiseur geht um und raubt alten Damen ihre Ersparnisse. Bei Frau Saupe hat der Mann kein Glück, stammt sie doch selbst aus dem Varieté- und Artistikmilieu: Sie widersteht seiner Hypnose und schlägt den Mann in die Flucht.

Den Ermittlern gibt sie nicht nur eine Beschreibung des Täters, sondern auch den Hinweis, dass der Mann bei Hypnotiseur Marcanti gelernt haben muss, bedient er sich doch der gleichen Technik. Marcanti, den die Ermittler aufsuchen, hatte nur einen Assistenten, der zudem gerade bei ihm wohnt: Es handelt sich um François Bormann alias Belcanti. Er schlägt sich mit kleinen Engagements durch und ist gerade bei einer wohlhabenden Familie, wo er eine Séance durchführt. Während die Gäste um den runden Tisch sitzen und nach dem Kontakt ins Jenseits suchen, durchsucht Jimmy heimlich das Haus nach Wertsachen.

Als er fliehen will, sind die Ermittler bereits da und nehmen ihn fest, haben sie doch in Bormanns Zimmer Hinweise auf seine nächste Tätigkeit bei der Familie gefunden. Bormann gelingt zwar die Flucht, doch kann er wenig später am Bahnhof festgenommen werden. Bormann und Jimmy waren einst in derselben Zelle inhaftiert gewesen. Auch Franks Verdacht kann bestätigt werden: Vera hatte einst mit Frank ein Verhältnis angefangen, doch weigerte sich Frank, seine Frau zu verlassen. Jimmy wiederum war mit Frank und Anja flüchtig bekannt, weil er für sie als Reparateur arbeitete. Vera brachte Jimmy dazu, seine Einbrüche so zu stellen, dass der Verdacht auf Frank gelenkt wurde – ihre Rache für sein Verhalten.

Rezension

In welchem Polizeiruf war das nur, in welchem sie auch eine im Winter leerstehende Laube als Beutelager verwendet haben und deren Eigentümer in Verdacht geriet? Es war ein älterer Film als „Mit List und Tücke“, aber im Grund ist das genauso, als wenn wir fragen würden: „In welchem Film hatten wir das schon, dass Trickdiebe versuchen, Senior*innen oder doch in erster Linie Seniorinnen auszunehmen?“ Man kann Standardelemente immer wieder neu komponieren und variieren. Die Parallelreihe „Tatort“ beweist es. Über tausend Mal fingt dort ein Film schon mit einer Leiche an, die irgendwo liegt und von den Ermittlern begutachtet wird. Dabei haben wir die Ausnahmen, in denen der Film nicht auf diese Weise startet, schon abgezogen.

Die ersten Minuten von „Mit List und Tücke“ wirken steif und wir dachten schon, der profilierte Polizeiruf-Regeisseur Helmut Krätzig habe die die Lust am Sujet verloren. Dann wird es etwas unappetitlich – im übertragenen Sinn, als ein Mann die Wohnung einer Frau leerräumt, die gerade in die Notfallaufnahme gebracht wurde, aber ein Profi ist er nicht, und erkennen tun wir ihn unter dem seltsamen violetten Weichfilzhut auch nicht.

Etwas später ärgern wir uns dann darüber, dass dieser Mensch, der um die Geheimnisse der Hypnose weiß, ein so leichtes Spiel mit der netten Silberhaarigen hat – und als er beim übernächsten Mal auf eine Ex-Artistin trifft und die Sache geht schief, weil sie beim größten Hypnotiseur östlich der Mauer gearbeitet hat und alle Tricks kennt, geht der Film hoch wie ein Hefeteig und wir erleben eine der besten Szenen, in denen eine Frau einen Mann verprügelt, die wir bisher gesehen haben. Wir notieren ins rote Tagebuch, dass es zu einem Femi-Punkt kam – was in DDR-Polizeirufen nicht so häufig zu vermerken ist, wie man aufgrund der Erzählung von der viel, viel besseren Stellung der Frau als im Westen denken sollte.

Auch die zweite wichtige weibliche Person spielt eine interessante Rolle – es ist die Frau des Ausfahrers, der die ganze Zeit über von der Polizei gepiesackt wird, weil so vieles darauf schließen lässt, dass er der Mann ist, der die Wohnungen ausräumt. Und als klar ist, wer der führende Kopf ist, wird er immer noch als der Zweite im Bunde geführt. Warum? Weil seine eigene Frau, die Anja heißt (Gruß an Anni und auch heute kein Grinse-Emoji in einer Rezension) ihn ziemlich in die Kartoffeln reitet. Warum? Weil er fremdgegangen ist mit einer Kollegin. Frank und Anja haben dann im Krankenhaus, nachdem er tatsächlich Suizid begehen wollte angesichts seiner ausweglosen erscheinenden Lage, die in der Tat rührende Schlussszene für sich, als sie sich vornehmen, alles besser zu machen als bisher und auch zusammenzubleiben. Das ist schon deswegen emotional, weil dies offensichtlich die erste Ehe für sie beide ist und wo gibt es in einem Polizeiruf schon Menschen, die noch in erster Ehe leben? Normalerweise ist das Motto: Früh gefreit, oft bereut, Trennung im Streit.

Die Polizeirufe haben selten so unterschiedliche Stimmungslagen wie dieser, dessen Humorigkeit stellenweise sogar ein wenig übertrieben wirkt, angesichts der Tatsache, dass der arme Frank sich nicht aus seiner Verdächtigenlage befreien kann. Aber was erzählen wir? In Tatorten wird angesichts grausamster Morde noch gewitzelt, dass die Schwarte kracht. Das ist nicht einmal alles, einige Filme bringen es auch fertig, wirklich ernste Themen mit unangmessenen Tönen zu verhunzen.

So schlimm ist es also gar nicht, dass in „Mit List und Tücke“ eine Séance gezeigt wird, die absolute Sketchqualität aufweist, allein der Betrunkene unter den Gästen sorgte bei uns für enorme Heiterkeit – und natürlich, wie sich der Hypnotiseur müht, sein Ding durchzuziehen, trotz widriger Umstände und der andere während der Sitzung in die Wohnung einsteigt – Jimmy, der Handwerker. Der Geist von „Onkel Erwin“ ist übrigens eine Anspielung auf den Geist, den die Betrügerin Blanche inAlfred Hitchcocks letzem Film „Family Plot“ beschwört.

Auch das ging 1986 bereits, dass Handwerker nicht nur mal Schmu am Bau machen, sondern auch einen Zweitjob als Einsteigediebe ausüben. In den ersten Polizeiruf-Jahren versuchte man, die braven Arbeiter*innen, zu denen auch die Handwerker*innen zählten, möglichst von krimineller Energie, die über den erwähnten kreativen Umgang mit der Mangelwirtschaft hinausgeht, freizuhalten.

Aber Helmut Krätzig ist in seinem 16. Polizeiruf schon um einiges davon entfernt, die Sache mit den besseren sozialistischen Menschen noch so richtig ernst zu nehmen – wenn man von Hauptmann Fuchs absieht, der bis zum gar nicht mehr so fernen DDR-Schluss eine Leuchtturmfigur blieb. Wäre er nicht 1994 verstorben, hätte er vielleicht noch viele Polizeirufe der Nachwende-Ära mit seiner Anwesenheit beglänzt. Vielleicht wäre die Reihe auch nicht gestolpert und für zwei Jahre ausgesetzt, wenn Kollege Hübner und er kontinuierlich hätten in die neue Zeit hinein weiterarbeiten können.

Aber schon 1984 hatten Helmut Krätzig mit „Draußen am See“ einen Film inszeniert, der mehr als nur einen süffisanten Unterton aufweist und sich im Stil sehr von dramatischen Anfangswerken wie „Der Tote im Fließ“ unterscheidet, den wir jüngst rezensiert haben oder auch von „Eine Madonna zuviel“, der zwar schon in lichten Farben gefilmt, aber einen ernsten Ton hat. Leider kennen wir die weit überwiegende Zahl der Krätzig-Filme noch nicht und können daher noch keine Aussage darüber treffen, ob es in seinem Schaffen einen Ruck oder eine kontinuierliche oder eine wellenförmige Bewegung gab, den Humorpegel oder die Ironie betreffend. „Der Tote im Fließ“ jedenfalls ist einer der düstersten Polizeirufe aus der DDR-Zeit, die wir bisher gesehen haben.

So viele menschliche Abgründe gibt es in „Mit List und Tücke“ bei weitem nicht und man freut sich nicht nur, dass am Ende mal ein Paar zusammenbleibt, sondern erkennt mehr und mehr den Monsieur François Bormann als eine arme Sau, die sich irgendwie über Wasser hält und am Schluss immer mehr Probleme bekommt, mal eine Sache zum positiven Abschluss zu bringen. Richtig klar wird das, als wir sehen, dass er beim alten Meister in einem kleinen Zimmer einquartiert ist und keineswegs zu Reichtum kam, mit seiner Methode. Auch das Pflaster über der Wunde, die er sich im ungleichen Kampf mit der resoluten Ex-Mitarbeitern des großen Marcanti zugezogen hat, trägt einiges zur Symbolik des angeschlagenen, alternden Mannes bei, der am Ende seines Hypnoselateins angekommen ist.

Das ist eine viel feinere Methode, kleine und mittlere Kriminalität zu hinterfragen, als mit dem erhobenen Zeigefinger zu arbeiten und dabei zu suggerieren, welche enormen Schäden entstehen, wenn sowas häufiger vorkommt – was nämlich andererseits bedeutet, dass es was einbringt und da jemand mit kriminellen Neigungen die Risikobereitschaft haben und sich für super halten könnte, wird er denken: So einfach wie die Dilettanten im Film werde ich der Polente nicht ins Netz gehen.

Finale

Otto Mellies spielt den Bormann wunderbar und brachte ihn uns im Verlauf so nah, dass wir Mitleid mit ihm bekamen. Auch das ist ein Kennzeichen der Polizeirufe der 1980er: Dass man den Tätern nicht mehr wirklich böse sein kann. Wenn sie scheitern, dann ist das mittlerweile auch ein Symbol für viele geplatzte sozialistische Träume. Signifikant ist das vor allem bei den vielen Filmen, die sich in der Zeit mit Jugendlichen und ihrer Welt und ihren Träumen auseinandergesetzt haben und wie es kommen konnte, dass sie kriminell wurden. Sicher werden die kausalen und psychologischen Zusammenhänge vereinfacht dargestellt, aber mittlerweile sind häufig die Eltern im Visier der Filmer. Weil man den Staat auch damals nicht direkt angreifen durfte, werden sie häufig als Stützen des Systems gezeigt, die kein Verständnis für andere Lebensentwürfe ihrer Sprösslinge aufbringen.

Herr Bormann wird nicht mit einem Hintergrund ausgestattet, man erfährt nicht, warum er zu einer Mischung aus Trickdieb, Filou und Verlierer wurde, aber dass Menschen so durch Zeit und Raum glitten, dass sie gar nicht ankern konnten in diesem Sozialismus, der doch jeden begleiten und auch leiten wollte, das wird nicht kommentiert und ist deshalb sehr wohl ein Kommentar – denn in den 1970ern war es noch üblich, dass in Polizeirufen Menschen, die fehl gingen, daran gemessen wurden, wie gut sie sich gütigerweise resozialisieren ließen. Wie Frank, dem aber seine Frau beinahe den Erfolg der Zeit nach dem Knast zunichte macht.

Ach, wir wollten noch erwähnen, wie der gute Fuchs sich dieses Falles annimmt – das haben wir hiermit getan, aber wir verraten nichts, denn die Hypnotiseure rechnen zu den Magiern und wer alle ihre Tricks verrät, der verhält sich als Spielverderber ähnlicih wie jemand, der andeutet, welche Art von Falle Monsieur Maigret den Verbrechern stellt. Auch einer seiner Assistenten sorgt übrigens mit einer eigenen kleinen Nebengeschichte dafür, dass der Film einen heiteren Ton hat.

„Mit List und Tücke“ ist ein ungewöhnlich witziger und doch melancholischer und berührender Film, den wir zu den überdurchschnittlichen Produktionen zählen.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Lutz Clasen
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Walter Laaß
Schnitt Renate Müller

Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Peter Reusse: Frank Reiher
Ute Lubosch: Anja Reiher
Otto Mellies: François Bormann
Henry Hübchen: Dieter „Jimmy“ Klöppel
Barbara Dittus: Vera
Dieter Wien: Tiller
Gisela Morgen: Frau Saupe
Jörg Hengstler: Unterleutnant Goetzsch
Marga Legal: Frau Weimer
Kristiane Kupfer: Verkäuferin
Erich Gerberding: Marcanti
Wera Paintner: Nachbarin
Berthold Schulze: Herr Zirbel
Angela Brunner: Frau Zirbel
Lutz Erdmann: Arzt im Krankenhaus
Holger Franke: Genosse Mulder
Wolfgang Greese: Betrunkener
Anita Herbst: Frau Hause
Helmut Krätzig: Herr Kneuer
Hans-Ulrich Lauffer: Notarzt
Walter Lendrich: Herr Böhm
Hannes Stelzer: Herr Krahler
Klaus Tilsner: Wachtmeister Oberlaß
Franz Viehmann: Vorgesetzter der K
Astrid Bless: Gast bei Zirbels
Renate Kaplick: Kundin im Warenhaus

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