Das habe ich nicht gewollt – Polizeiruf 110 Fall 108 #Crimetime 502 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Zimmermann #Grawe #DDR #Gier #Wille

Crimetime 502 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Gier kann unwillentlich tödlich enden

„Das habe ich nicht gewollt“ lebt vor allem von zwei kontrastierenden Frauenfiguren. Auch wenn die Katastrophe absehbar ist, wie sie zustande kommt, das ist durchaus interessant und wir haben wieder einen Mosakistein für das Bild der Zeit und der Polizeirufe in der ausgehenden DDR gefunden. Die Beschreibung dieses Puzzleteils steht in der -> Rezension.

Handlung

Fotografin Martha Curth lebt mit ihrer Haushälterin Klara Euler und ihrem erwachsenen Sohn in einer Villa in einer Dresdner Nobelgegend oberhalb des Blauen Wunders. Zwischen Martha und Klara gibt es häufig Streit, doch können beide Frauen nicht ohneeinander leben: Klara hatte Martha bei der Bombardierung der Stadt 1945 das Leben gerettet. Martha nahm die fast volljährige Klara bei sich auf, beschäftigte sie in ihrem Fotoatelier und später als Haushälterin. Als Martha Sohn Wolfgang auf die Welt brachte, zog Klara ihn groß. Klara blieb zeitlebens unverheiratet, hat sich aber immer Kinder gewünscht. Marthas Hauptinteresse war und ist ihr Vermögen, das sie stetig vermehren will. Sie ist habgierig, geizig und menschlich kalt. Sie verleiht Geld für Wertsachen und setzt im Gegenzug Verträge auf, die ihr bei einer nicht fristgerechten Rückzahlung einen Teil der gepfändeten Ware zusprechen. Sänger Müller-Salchow hat bei ihr eine Anna selbdritt in Zahlung gegeben, die ihm nicht gehörte. Er will die Figur vorzeitig gegen eine teilweise Tilgung der Schulden zurückhaben, doch weigert sich Martha. Müller-Salchow zeigt sie schließlich bei der Polizei an.

Klaras Freundin Frau Klein soll für ihre Nachbarin Schmidt eine auf 15.000 Mark taxierte Kette verkaufen. Sie hilft einer Mutter dabei, den Kinderwagen aus der Bahn zu heben. Dabei schafft sie es nicht, rechtzeitig in die Bahn zurückzugelangen. In der abfahrenden Bahn steht ihre Tasche mit dem Schmuck, die sich nicht wieder anfindet. Verzweifelt versucht Frau Klein, für die herzkranke Frau Schmidt die 15.000 Mark zu beschaffen. Sie verkauft Wertsachen und einen Fernseher, doch bleiben 8.000 Mark offen. Sie trifft eines Tages Klara, die bei Martha für sie eintreten will, doch fordert Martha von Frau Klein Sicherheiten, die sie nicht geben kann. Klara ist empört, versucht jedoch später noch einmal, Martha zu einer Hilfe zu bewegen. Erneut stimmt Martha zu, verhöhnt Frau Klein jedoch, als sie im Haus erscheint. Wer nicht auf ihm anvertrauten Schmuck aufpassen kann, werde auch das ihm geliehene Geld nicht zurückzahlen und sei unzuverlässig. Da Frau Klein Klara keine Sicherheiten, sondern nur Arbeit bieten kann, geht sie. Empört nimmt Klara 8.000 Mark aus der Geldkassette von Martha und legt sie vor Marthas Augen für Frau Klein bereit.

Auf dem Heimweg fällt Frau Klein ein, dass sie eine wertvolle Schatulle besitzt, die sie Martha als Sicherheit anbieten könnte. Sie kehrt zum Haus zurück, dessen Tür offen ist. Im Wohnzimmer liegt die tote Martha, doch hat Frau Klein nur Augen für die 8.000 Mark, die immer noch auf dem Tisch liegen. Sie nimmt das Geld an sich und geht. Eine Nachbarin beobachtet ihr Kommen und Gehen. Als wenig später Wolfgang erscheint, findet er seine Mutter tot auf. Klara kommt ihm mit einem Schock aus der oberen Etage entgegen und wird von ihm ins Bett geschickt.

Oberleutnant Lutz Zimmermann und Leutnant Thomas Grawe übernehmen die Ermittlungen. Martha wurde mit einer Blumenvase erschlagen. Zunächst gerät Frau Klein in das Visier der Ermittler, da Klara den Ermittlern nicht sagt, dass sie in der Villa war, die Nachbarin jedoch ihre Besuche beschreibt. Nach einer längeren Zeit der Gewissensqual gesteht Frau Klein ihrer Tochter, dass sie die 8.000 Mark der toten Martha an sich genommen habe. Ihre Tochter begleitet Frau Klein auf die Polizeiwache.

Klara hat angegeben, in der Tatzeit einkaufen gewesen zu sein. Vor Wolfgang verstrickt sie sich in Widersprüche und gibt schließlich zu, Martha im Streit erschlagen zu haben. Dennoch plant sie ein gemeinsames neues Leben mit Wolfgang und seiner hochschwangeren Freundin, sei sie doch eine Ersatzmutter für Wolfgang gewesen. Erst als Wolfgang ihr mitteilt, dass er nicht so tun könne, als sei nichts gewesen, stellt sich Klara ihrer Tat. Sie packt ihre Sachen und macht sich für die Festnahme bereit. Die Ermittler haben unterdessen von der Nachbarin erfahren, dass Klara am Tattag nie das Haus verlassen hat. Auch ihr Schock zu einem Zeitpunkt, zu dem sie laut eigener Aussage noch nichts vom Tod Marthas wissen konnte, lassen sie als Täterin erscheinen. Frau Kleins Aussage, dass Martha bei ihrem zweiten Besuch bereits tot war, passen in das Verdachtsmuster. Als die Ermittler erneut bei Klara klingeln, erwartet sie sie bereits mit gepackten Taschen. Sie lässt sich abführen und verschließt pflichtbewusst die Tür der Villa, bevor sie geht.

Rezension

Wir können einen Abschluss vermelden, obwohl wir erst im März dieses Jahres in die Rezension der Polizeiruf-Reihe eingestiegen sind und damit die logische Weiterführung der Beschäftigung mit den Tatorten vollzogen haben. Wir kennen nun alle vier Filme für die Reihe, die Peter Hagen inszeniert hat, das war zwischen 1986 und 1991. Auffällig dabei ist, dass zu dreien dieser Filme Regina Weicker das Drehbuch beigesteuert hat, man kann also von einem Team sprechen, das sich herausgebildet hatte – aber nach dem Ende des DFF nicht mehr weiterarbeitete. Der Polizeiruf machte ja dann auch eine zweijährige Pause, bevor entschieden war, dass er fortgeführt wird.

Melancholisch sind sie alle irgendwie, die Filme der Reihe, die um 1985-1986 entstanden, 1987 und 1988 zeigen allerdings wieder eine andere Tendenz. Aber der Unterschied zu den frühen 1970ern. als die Reihe „Polizeiruf 110“ entstand, ist sehr deutlich. Bei den drei Filmen des Teams Hagen / Weicker tritt hinzu, dass die Persönlichkeiten ziemlich theaterhaft ausgestaltet sind – und die interessanten Rollen sind festzuhalten, die weibliche Figuren spielen. Sowohl in „Verführung“ wie in „Das habe ich nicht gewollt“ werden Frauencharaktere gezeigt, die zum Fürchten sind. Gewissenlose, gierige Menschen, über die man keine zwei Meinungen haben kann. Warum da so in die Grütze gehauen wird, passt auf eine Weise doch in den Zeitrahmen:

Die Filme, die Mitte der 1980er entstanden sind, gehen ganz dicht an diese Figuren heran, forschen sie aus, im Fall der beiden erwähnten Filme allerdings mit einem unübersehbaren Hang zum Plakativen. Die Perspektive ist bei den meisten Polizeirufen eher die derer, die in ein Verbrechen verwickelt sind als die der Polizisten bzw. wechselt sie sehr spät zu diesen. Das ist der Plotanlage geschuldet. Polizeirufe zeigen regelmäßig zunächst das Milieu und dann wie es zum Verbrechen kommt, anders als die meisten Tatorte. Einige Filme der Ost-Reihe gehen auch den Weg, mit Rückblenden zu arbeiten, um die Ermittlerpersonen früher einsetzen zu können. Außerdem gibt es die Variante, die wir auch in „Das habe ich nicht gewollt sehen“. Da es offenbar „drüben“ keine Mordkommission gab, sind die bekannten Gesichter, hier Zimmermann und Grawe, schon zu sehen, wenn es um Diebstahl oder Erpressung geht, jedenfalls um Vermögensdelikte. In diesem Fall fühlt sich der Sänger erpresst.

Wir haben mit ein wenig Erstaunen festgestellt, dass das Verhalten von Martha Curth hier kriminalisiert wird. Die Art, wie sie mit Menschen umgeht, ist krass, aber was sie betreibt, ist eine klassische Pfandleihe, eine Verborgung von Geld gegen physische Sicherheiten, die auch in den Besitz der kreditgebenden Person gelangen. Private Pfandleihen waren in der DDR zumindest nicht verboten. Leider haben wir bei der Schnellrecherche keinen frei zugänglichen Text der damaligen Gewerbeordnung-Ost gefunden, um nachsehen zu können, wie genau die Regelungen für diesen Gewerbezweig ausgefasst waren. Unser derzeitiger Kenntnisstand ist also, dass Martha Curth allenfalls vorgeworfen werden kann, dass sie verdeckt arbeitete, also kein Gewerbe angemeldet hatte und natürlich, dass sie einen schlechten Charakter hat und über ihre Geld-Macht andere diskriminiert. Das reicht aber nicht, um gegen sie vorzugehen und in der Hinsicht bleibt der Film zwiespältig: Einerseits merkt man, dass der Sänger sich finanziell verzettelt hat und vermutlich nicht von der Polizei gerettet werden kann, andererseits ist diese immer schnell dabei, jemanden „zu beobachten“, auch wenn bisher strafrechtlich nichts gegen ihn vorliegt.

Dieses Mal kommt ausnahmsweise der ABV nicht vor, der Abschnittsbevollmächtigte, der in den Polizeirufen der 1970er jedes Mal involviert ist – als eine Art Generel-Informationsquelle auf er ersten Stufe, dem tatsächlich das Recht zugesprochen wird, über alle Bürger Akten zu führen und Meinungen zu äußern, um der Kripo zuzuarbeiten. Als Spitzel kann man ihn nicht bezeichnen, weil seine Funktion für jedermann sichtbar ist. Die rückläufige Einbindung des ABV ist eine von vielen auffälligen Veränderungen von den 1970ern zu den Filmen, die um 1985 entstanden.

Aber es passt dazu, dass der Staat nicht mehr so deutlich dirigiert und die vielen Vermögensdelikte, die es in Polizeirufen immer schon zu betrachten gab, von den Ermittlern auch weniger kommentiert werden. Weniger Distanz, weniger Ideologie und auch weniger Zuversicht, den Laden trotz seiner Macken und Mängel doch in den Griff zu bekommen, indem man beispielweise Volkserziehung durch Krimis betreibt, sind offensichtlich. Es gibt dabei eine bemerkenswerte und nicht gerade beruhigende Parallele zu den Tatorten der letzten Jahre und natürlich auch zu den aktuellen Polizeirufen: Es kommt immer häufiger vor, dass diese einen fatalistischen Anstrich haben. Verbrechen werden nicht mehr gesühnt, sogar die Auflösung ist nicht immer komplett, die Großen kriegt man eh nicht, der moralische Kommentar hält sich in Grenzen – allerdings auch abhängig von der „Schiene“, also vom Team, das eingesetzt wird.

Und die Täter*innen sind oft Täteropfer, wie auch in „Das habe ich nicht gewollt“, wo die böse Martha die gute Klara so lange provoziert hatte, bis die nach einer schweren Vase griff. Immerhin wird dieser Vorgang gezeigt, das ist doch was. Denn in den meisten Tatorten heißt es, wenn jemand die Fasson verloren und ein Tötungsdelikt im Affekt begangen hat, „sie / er hat immer nur (über mich) gelacht“. Gar nicht so einfach, eine Diskriminierung als glaubwürdigen Grund für das Aussetzen der Tötungshemmschwelle und nicht unfreiwillig komisch darzustellen, speziell, wenn das Opfer der Diskiminierung, das zur Täterin wird, ein so gutmütiger Mensch ist wie Klara. Deshalb passiert es meist offscreen und ist ziemlich unbefriedigend für den Zuschauer, der gerne sehen würde, wie er denn in einer solchen Situation vermutlich, nach eigener Auffassung, reagiert hätte und, wenn er sehr reflektiert ist, noch einen Exkurs darüber durchdenken darf, was der Unterschied zwischen dem ist, was man sich so denkt, wenn man andere ein einer Situation sieht und was man wirklich tut, wenn es einen selbst trifft. Martha aber ist einfach ein böser Mensch und jahrzehntelange Zurücksetzung hat sich bei Klara in einem Gewaltakt entladen.

Finale

Selbstverständilch gehen wir bei der simplen Prämisse „Gier zerstört Leben“ mit, sie ist so evident, dass es keiner Erklärung bedarf. Dass man versucht hat, unsere Generation anders zu erziehen, ist heute nicht mehr so schwer als Fehler zu identifizieren. Trotzdem ist ein Film wie „Das habe ich nicht gewollt“ ob seiner plakativen Machart und seiner Atmosphäre, wegen der gezeigten Personen und ihrer Abhängigkeitsverhältnisse unangenehm und aus den oben genannten Komponenten ergibt sich, dass das auf viele Polizeirufe jener Jahre zutrifft, die alle eine Art apokalyptischen Charakter aufweisen, weil die Menschen, die mit ihrer nicht sozialistisch wendbaren Art am System nagen, so ins Zentrum gerückt werden, dass die korrigierende Macht des Guten immer weniger wirken kann.

Es gibt keine rote Linie mehr, die mal etwas mehr rechts, mal etwas mehr links, aber stets gut sichtbar durchs Bild läuft. Einige Polizeirufe jener Jahre zeigen fast nur noch Menschen, die dem Geld hinterherrennen und nicht den gesellschaftlichen Idealen. Was in solchen Filmen logischerweise nicht mehr vorkommen kann: Der robuste Humor, den ältere Polizeirufe manchmal zeigen, Filme, die in einer Zeit entstanden, als die vom kapitalistischen Virus noch klare Außenseiter waren. Allerdings ist die Art, wie Kapitalismus gezeigt wird, auch sehr begrenzt und naiv – es geht kann niemals darum gehen, ihn so auszubauen, dass er Einfluss auf die Politik gewinnt. Ohne die in der Betrachtung noch fehlenden Polzeirufe bis zur Wende können wir schon mit ziemlicher Sicherheit ausschließen, dass es Handlungen gibt, die in diese Richtung tendieren. Wie sollte es dazu auch gekommen sein, in Abwesenheit großer, mächtiger Privatkonzerne?

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Hagen
Drehbuch Regina Weicker
Produktion Erich Biedermann
Musik Conrad Aus t
Kamera Hans-Jürgen Sasse
Schnitt Silvia Hebel

Lutz Riemann: Oberleutnant Lutz Zimmermann
Andreas Schmidt-Schaller: Leutnant Thomas Grawe
Marianne Wünscher: Klara Euler
Marion van de Kamp: Martha Curth
Gudrun Ritter: Frau Klein
Andreas Schumann: Wolfgang Curth
Steffi Kühnert: Kati
Ilse Voigt: Oma Schmidt
Petra Dobbertin: Ines Klein
Lutz Jahoda: Müller-Salchow
Dieter Wien: Huber
Katja Kuhl: Frau Hahn
Friedrich Mokross: Herr Mehnert
Ilse Nürnberg: Mathilde Mehnert
Klaus Nietz: Herr Unger
Edmund Raats: Kriminaltechniker

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