Die Millionen eines Gehetzten (L’aîné des Ferchaux, F 1963) #Filmfest 69

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftSehnsucht im September

Es gibt Filme, die sind fesselnd, weil sie die Bedingungen unserer Wahrnehmungsfähigkeit aufs Beste erfüllen. Um dies zu erreichen, hat Hollywood bestimmte Techniken entwickelt, deren Wirkung wir erliegen und daran ist nichts Schlechtes.

Und es gibt Filme, die scheinbar alle diese Techniken verneinen. In Wirklichkeit überhöhen sie jedes einzelne dieser Elemente, aus denen ein guter Film gemacht ist und komponieren sie so neuartig, wie es zu Beginn der 60er Jahre nur die französische Novelle Vague konnte. Wie steht beispielsweise „Die Millionen eines Gehetzten“ in diesem Umfeld? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Der alternde Bankier Dieudonné Ferchaux (Charles Vanel) flieht aus Frankreich, als sich die Schlinge enger zieht. Alte Verbrechen kommen ans Tageslicht, Freunde lassen ihn fallen, sein Einfluss schwindet. Er macht sich auf nach New York, um sein dort lagerndes Geld abzuholen und ansonsten alles hinter sich zu lassen. Aber er will nicht allein reisen. Er lässt per Zeitungsannonce einen Sekretär suchen.

Der junge Boxer Michel Maudet (Jean-Paul  Belmondo) verliert einen regionalen Ausscheidungskampf, sein Manager lässt ihn fallen, seine Karriere ist zu Ende. Er steht ohne Geld da. In der Zeitung liest er die Annonce von Ferchaux und bewirbt sich bei ihm. Ferchaux will sofort abreisen, Michel lässt auch noch seine Freundin als letztes Überbleibsel seines alten Leben sitzen und reist per Düsenjet mit dem alten Banker in die USA.

In New York gibt es Schwierigkeiten. Die dortigen Berufskollegen rücken das auf einem Konto lagernde Geld nicht heraus mit der Ausrede, dass Ferchaux gesucht wird. Frankreich hat einen Auslieferungsantrag an die USA gerichtet. Ferchaux hat aber auch noch Geld in einem Safe. Das packen die beiden Männer in einen Koffer, mieten sich ein Auto und fahren südwärts.

Auf der Fahrt kommt es zu Konflikten, einmal wird das Geld vom Wind verweht, Michel sammelt es wieder ein. Die Polizei folgt den beiden, kann aber noch nicht auf Ferchaux zugreifen, weil noch nicht über dessen Auslieferung entschieden ist.

New Orleans. Ferchaux hat ein heruntergekommenes Haus gemietet und traktiert Michel mit dem Verfassen sinnloser Briefe. Der vergnügt sich in Bars, lernt dubiose Gestalten kennen, schafft es nicht, das Geld zu nehmen und zu verschwinden oder gar den alten Mann, dessen Konstitution sich zunehmen verschlechtert, umzubringen. Ein Barbesitzer und sein schmieriges Faktotum überfallen den Bankier, wollen das Geld an sich nehmen, aber Michel überwindet die beiden.

Doch Ferchaux ist so geschwächt, dass er in den Armen von Michel stirbt.

Rezension

„Die Millionen eines Gehetzten“ ist ein Film der Nouvelle Vague, auch wenn er konventioneller erzählt ist als manches der damaligen Filmexperimente etwa eines Jean-Luc Godard. Haptdarsteller Jean-Paul Belmondo allein sorgt in „Die Millionen eines Gehetzten“ mit seinem besonderen Spiel, dem intensiv-lakonischen Habitus, der amerikanisch war und auch wieder nicht, für ein starkes Nouvelle-Vague-Feeling.

Das Breitwandformat wirkt genau wie Belmondo – amerikanisch und auch wieder nicht. Großartig, wie dieser Film, der auch ein Roadmovie und damit etwas typisch Amerikanisches darstellt, bebildert ist. Suggestiv und mächtig die Farbwahl, innovativ die Kameraführung – nur die unterschiedlich schnell ausgeführten, zeitweiligen Wischblenden wirken heute ein wenig angestaubt.

Es ist die Geschicht zweier Männer, die unmöglich zusammenkommen konnten und die doch bis zum Ende des Films miteinander durchs Land ziehen. Das Schlussbild, in dem der coole und unmoralische Belmondo auftaut und sein Gesicht ganz weich wird, als er den alten Bankier Ferchaux im Arm hält, als dieser stirbt, das ist eine Grafik der Gefühle zwischen – Vater und Sohn.

Die Story selbst entspricht nur in Ansätzen Melvilles kühlen Inszenierungen späterer Jahre, hat aber etwas mit ihnen gemeinsam: Eine Handlung, die, gleich ob das Verbrechen im Vordergrund steht oder nicht, die Gefühlswelten von Einsamkeit und Freiheit im Vordergrund hat  – und nicht etwa die kriminalistische Logik. Eine gewisse Linie zwischen „Die Millionenen eines Gehetzten“ und „Der Chef“, der zehn Jahre später entstand, ist erkennt. Die Rezension zu „Un Flic“, wie der Film im Original heißt, werden wir demnächst hier vorstellen.

Die Geschicht klingt simpel, sie ist es auch. Ganz und gar kein Kriminalpuzzle, obwohl es ein Verbrechen ist, ein ganz altes, das Ferchaux und Maudet zusammenführt.

Dass die Begebnisse so einfach nachzuerzählen sind, darin liegt aber auch ihre Kraft. Jenseits der formalen Geschlossenheit späterer Melville-Filme ist „Die Millionen eines Gehetzten“ nach unserer Ansicht ein Meisterwerk. Da gab es kaum einen Moment, in dem wir nicht gestaunt hätten über die Darstellungen von Belmondo und Vanel oder über die formalen Besonderheiten, die so großartig in den Dienst der Handlung gestellt werden, wie man es bei französischen Filmen der Nouvelle Vague nur selten sieht.

Melville war auch kein zentraler Vertreter der NV, sondern jemand, der seinen eigenen Weg ging und wenige Jahre später mit „Le Samourai“ eine Ikone von einem Film dirigierte, mit „Vier im roten Kreis“ (1970) gelang ihm noch einmal ein großer Coup.

  1. Einsamkeit und Freiheit

Der Beginn. Ein Alptraum von einem Job, dramatische Musik und ebensolche Bildsprache.

Michel Maudet hat keinen Erfolg als Boxer, aber er ist nicht einsam. Seine Freundin hält zu ihm. Stimmt das? Die beiden wirken nicht wie ein symmetrisches Paar. Michel lässt sie eiskalt in einem Café sitzen. Schleicht sich sogar hinten an ihr vorbei, um seinen Koffer zu holen. Sie hat kein Geld. Sie bleibt allein und er schließt sich dem einsamen, alternden Bankier an. Nicht, um in Gesellschaft zu kommen, sondern, weil er endlich eine Chance zu haben glaubt.

Die hat er auch. Vielfache Gelegenheit, die damals enorme Geldsumme von 5 Millionen Dollar, verpackt in großen Scheinen in einem mittelgroßen Aktenkoffer, wäre vorhanden. Allein, er tut es nicht. Er demütigt den alten Mann, bleibt aber bei ihm. Michel wirkt unsympathisch und sein Verhalten kann man zunächst als kryptisch ansehen. Es entspricht keinem gängigen Muster, wie der amerikanische Film mit seinen klar ausformulierten Motiven es kennt. Erst am Ende wird alles eindeutig. In der erwähnten Schlussszene.

Gespiegelt wird dieses Verhalten durch Vanel. In einer Szene spiegelt er sich mehrfach selbst, Abbilder eines Lebens, das nur noch ein Abbild von einem Leben ist. Einmal sieht man auch Belmondo in einem Spiegel – aber aus einer anderen Perspektive und nur einfach wiedergegeben. Spiegel als Imitationen des Lebens und als die Gegenseite der Medaille sind ein altes Ding im Filmgeschäft, auch deutsche Regisseure haben sie immer wieder gerne verwendet. Hier ist es die Zwiespältigkeit, das Hingerissen sein zwischen der großen Freiheit und der unendlichen Einsamkeit der beiden Männer, die sich darin ausdrückt, und in vielen weiteren Bildmotiven des Films.

  1. Symbole der Freiheit

Wie der TWA-Jet den Flughafen Charles de Gaulle verlässt und langsam in die Nacht entschwindet, dieser gepfeilte Vogel, mit dem die großen Träume reisen, das ist ein ganz starkes Symbol. Das Düsenjet-Zeitalter, das gerade begonnen hatte, wirkte auf Filmemacher ungeheuer faszinierend. Die Möglichkeit, ohne Zwischenstopp in wenigen Stunden den Atlantik zu überqueren, hatte eine Macht über die Künstler, die große Geschichten von Freiheit und Glück erzählen wollten. Deswegen wurden diese Boeing-707-Maschinen oft sehr lange im Bild gehalten. Für die meisten Menschen waren solche Flüge damals noch ein Traum, waren nicht so banalisiert wie heute.

Die Reise durch die USA ist von einer romantischen, beinahe naiven Musik unterlegt, wie sie auch die US-Melodramen jener  Zeit kannten – die also sehr amerikanisch klingt und ganz viel von Freiheit erzählt. Korrespondierend dazu die Reise im offenen Wagen durch die grandiosen und grandios gefilmten Landschaften. Zeitweise wurde auch wirklich aus dem Auto gefilmt, was natürlich viel authentischer wirkt als die damals noch in den USA übliche Technik, ein im Studio stehendes Teilmodell vor einem laufenden Bildhintergrund zu zeigen – die ruckartigen, künstlichen Bewegungen haben den US-Kinozuschauern offenbar nichts ausgemacht und sind einer der Brüche des Hollywood-Kinos, denn technisch wäre es sicher auch in den USA möglich gewesen, wirklich in einem fahrenden Wagen zu filmen.

Manche der Szenen haben aber auch von dem Vibrieren der Echtfahrt-Sequenzen unabhängig etwas Handkameramäßiges, zum Beispiel New Orleans bei Nacht, als sich Michel die Stadt anschaut. Er geht allerdings zu Fuß, gleichwohl entspricht das Flirrende der Leuchtreklamen seinem subjektiven, faszinierten Blick, der von den Verlockungen einer möglichen Freiheit geprägt ist.

Suchen und vielleicht Finden – die New Orleans-Sequenz. Kühlglänzendes Blau wird zu tiefem Rot (französische Originalversion).

  1. Symbole der Einsamkeit

Die meisten Räume, die in „Die Millionen eines Gehetzten“ gezeigt werden, wirken sehr stark gefärbt, haben uns an Jacques Demys „Regenschirme von Cherbourg“ erinnert, ohne deren grafische Einfachheit zu besitzen und sie haben auch einen anderen symbolischen Hintergrund. Die Dekors herrschen über den einsamen Banker Ferchaux, absorbieren ihn in manchen Szenen beinahe. Meist ist er auch in Farben gekleidet, die das erlauben.

Ganz im Gegensatz zu Michel, der vor allem zum Ende hin in kräftigem Weiß erscheint und seinerseits die Szene dominiert, wenn er sie betritt. Dazu muss er  physisch nicht so ausgeformt sein wie andere Stars, er hat ja dieses Gesicht, das den Zuschauer in seinen Bann zieht.

Die Gesichter der Männer spiegeln zwei Formen von Einsamkeit. Die des Mannes, dessen Leben ihm entgleitet, das vergeht. Jahrelang war er ein skrupelloser Geschäftsmann und Bankier, hatte Einfluss und Macht den auf positiven Emotionen beruhenden Bindungen vorgezogen, verzieht keine Miene, als er vom Freitod des Bruders erfährt, der verhaftet worden ist. Aber auf dieser Reise, und das spürt man vom ersten Augenblick an, als er Michel kennenlernt, will er aus dieser Einsamkeit entfliehen und lässt sich dafür viel von dem jungen, arroganten Typ gefallen. Die Einsamkeit eines Mannes, der sich an einen anderen Mann klammert, ist ganz stark in Ferchaux Zügen abzulesen, stellenweise erinnert uns sein Spiel ein wenig an das von Edward G. Robinson in den Filmen, in denen er als Gangster oder als tragische Figur untergeht.

Belmondo hingegen verbirgt die jugendlichere Form der Einsamkeit hinter einer Maske. Der herausfordernde Blick, die stets überhebliche Miene, sie kaschieren, dass auch er in dieser Welt verloren ist. Am Ende löst sich diese Maske bekanntlich und man sieht den Jungen, der seine einzige Bezugsperson verloren hat, in diesen Zügen. Das ist verblüffende Metamorphose – auch, weil sie so plötzlich gegen Ende des Films kommt, nicht etwa durch eine allmähliche Wandlung vollzogen wird. Melville weicht aber in diesem Film, wie erwähnt, von manchem Schema ab.

Auch die Bars und Diners im Film sind Orte der Einsamkeit – nur die Bar, in welcher Michel das Mädchen Lou (Michèle Mercier) kennenlernt, macht eine Ausnahme, als die beiden auf einmal in Rot getaucht zusammensitzen. Ein starker Kontrast zu dem Spotlight, unter dem die Nachtclubtänzerin vorher gezeigt wird und ungeheuer modern. Da wird die Möglichkeit angedeutet, dass die Einsamkeit für Michel beendet sein könnte. Ob sie es ist, erfahren wir nicht, die Schlussszene zwischen Michel und Ferchaux gibt darauf keinen Hinweis.

Von hier aus muss man zum Anfang des Films zurückgehen, wo Michel allein im Boxring steht – diese Szene in ihren intensiv leuchtenden Farben aber schwachen Konturen wirkt wie ein Blick auf ein konturloses Leben, das weit weg scheint von einer selbstanalytischen Schärfe – auch in der Schlussszene ist Belmondo nicht vollkommen scharf abgelichtet. Die Anfangszene ist aber auch ein Beleg dafür, dass Melville die formale Konstanz des Films nur begrenzt wichtig war. Auf die einzelne Szene kam es ihm an und darauf, dieser die richtige Optik zu geben.

  1. Symbole der Sehnsucht

Wieder kommen die USA ins Spiel, die damals noch als Land der unbegrenzten Möglichkeiten galten. Ein Europäer mit scharfem Verstand, wie Melville ihn zweifellos hatte, steht dazu meist zwiespältig. Die Faszination ist jederzeit spürbar, aber auch die deutliche Außensicht. Die Amerikaner werden weder heldenhaft noch intelligent dargestellt, es ist sicher nicht nur ein Gimmick für Jean-Paul-Belmondo, dass Michel ihnen gegenüber sehr, sehr überlegen wirkt.

Trotzdem ist er ein Fan von Frank Sinatra, dem großen Entertainer. Hochinteressant nicht nur, dass er sogar dessen Geburtshaus besucht bzw. daran vorbeifährt, sondern später auch zwei GIs verprügelt, weil sie statt Sinatra Elvis Presley spielen wollen. Da wird ein neues, banales, hüftwackelndes Amerika gegen die große Legende, die vergangene  Zeit der einsamen Helden ausgespielt, das hat Melville sehr genau kalkuliert. Heute haftet Elvis Presley ja auch diese einsame Größe an, aber 1963 war das nicht so, da war er einfach ein Superstar ohne große Geschichte.

Damit wird auch Michel als einer dieser uramerikanischen Helden im Stil eines Franzosen definiert, deren Zeit eigentlich vorbei ist, die immer auf der Suche nach irgendetwas und nach sich selbst sind und nichts Gesetteltes vermitteln. Das wiederum korrespondiert mit der erwähnten Musik, die vor allem der Reise im Auto ihre emotionale Tönung gibt.

Das Video zeigt ungekürzt eine Schlüsselsequenz des Films: Frank Sinatra. Schafe, Schakale, Leoparden – Positionsbestimmungen. Die Melodie der Freiheit auf der Reise. Ob das Argument mit den Flughafenkontrollen logisch oder prophetisch ist, muss hier nicht geklärt werden, aber so kommt das Roadmovie zustande.

  1. Die Rezeption des Films

Liegt es daran, dass der Film zu melancholisch für 1963 ist? Zu intensiv und zu langsam gefilmt? Jedenfalls erfuhr „Die Millionen eines Gehetzten“ nicht die Rezeption und Anerkennung des Melville-Vorängers „Le Doulos“ (1962, ebenfalls mit Belmondo) oder von „Le Samourai“ (1967) mit Alain Delon, der mit seiner kühlen Reduktion stilbildend war.

Zunächst ist „Die Millionenen eines Gehetzten“ ein Film, der durch die Sprengung damals gängiger formaler Muster Konzentration und vorurteilsfreie Annäherung erfordert haben mag, als er herauskam. Aber auch die psychologische Aufstellung eines zunächst verdeckten Vater-Sohn-Konfliktes, eines Zweipersonendramas vor dem Hintergrund eines großen Panoramas war ungewöhnlich. Der Film ist hoch ambitioniert und ungeheuer beseelt, aber er ist nicht einzuordnen.

Er ist kein Klassiker der Nouvelle Vague, viel weniger aber noch ist er Unterhaltungskino. Die beiden Hauptfiguren sind sehr fordernd, sich auf sie einzulassen, bedingt, dass man bereit ist, seinen Blickwinkel zu verändern, sich an Melvilles suggestive Filmsprache anzupassen – und vor allem, sich in die Figuren hineinzuversetzen, die sich auf eine Weise freiwillig aneinanderketten, die unnormal wirkt. Dieser Eindruck wird vor allem dadurch vermittelt, dass beide eben nicht dem Prinzip Freiheit folgen, sondern sich selbst in Ketten legen, ihre Schicksale miteinander verknüpfen – und man weiß zunächst gar nicht, warum.

Das heißt, die Aussage des Films ist schwierig zu entschlüsseln. Einsamkeit, klar, Freiheit, auch klar. Aber diese psychologische Konstellation, dass daraus eine Abhängigkeit entsteht, die war für damalige Verhältnisse in der Art, wie sie hier gezeigt wird, wohl ein wenig  zu kompromisslos und gleichzeitig zu wenig greifbar und zu wenig ausgesprochen und erklärt.

Finale

Wir sind der Meinung, dass „Die Millionen eines Gehetzten“ ein sehr besonderer und beachtenswerter Film ist. Der deutsche Verleihtitel, wie üblich in jener Zeit, klingt viel zu reißerisch im Vergleich mit dem wörtlich übersetzten Original („Der Älteste der Ferchaux“), das Original lässt schon etwas von dieser Alterseinsamkeit durchblicken, die dem Film einen großen Teil seiner melancholischen, dem Lebensherbst zugeneigten Note gibt.

Dass Jugend aber nicht heißt, dass man diese Einsamkeit nicht kennt, zeigt die Figur des Michel. Zwar sagt gegen Ende des Films der alte, kranke Bankier:

„Sie haben heute Nacht erlebt,
was Freiheit bedeutet.
Und ich weiß jetzt,
wie bitter die Einsamkeit schmeckt.”

Doch dass in genau dieser Freiheit auch Einsamkeit liegt, hat Michel erkannt, sonst wäre er nicht zu dem geliebten und gehassten Wrack von einem einstigen Wirtschaftsgiganten zurückgekehrt. Und so ist der Film doch ein sehr amerikanischer geworden.

Denn die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen sind im US-Kino vor allem der 50er Jahre ausgiebig beleuchtet worden („All My Sons“, „Cat On A Hot Tin Roof“, „East of Eden“ und viele andere). Im französischen Kino findet man sie eher selten – vielleicht, weil französische Väter nicht solche übermächtigen Figuren sind wie die Amerikaner im Big Business. Abgewandelt hat Melvielle dieses klassische Verhältnis in zweierlei Hinsicht: Die beiden Hauptfiguren sind keine echten Verwandten, lernen sich gerade erst kennen. Die Vaterfigur ist schon früh an einem Punkt, an den die US-Dramen erst gegen Ende kommen – Zusammenbruch der Autorität, Entzauberung der Illusionen. Eine erstarrte Struktur muss nicht aufgebrochen werden, sie ist nicht vorhanden, das Verhältnis der Männer ist auch deshalb so spannend, weil anfangs alle Optionen der Entwicklung offen sind.

Wir sind von „Die Millionen eines Gehetzten“ sehr fasziniert gewesen. Auch wenn die Figuren auf den ersten Blick wenig Identifikationspotenzial bieten, sind sie sehr interessant – und natürlich sind die vielen formalen Besonderheiten für jeden ein Fest, der die ausgefeilte Bildsprache mancher Werke jener Epoche schätzt.

83/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jean-Pierre Melville
Drehbuch Jean-Pierre Melville
Produktion Charles Lumbroso
Musik Georges Delerue
Kamera Henri Decae
Schnitt Monique Bonnot
Claude Durand
Besetzung

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