Ein ungewöhnlicher Auftrag – Polizeiruf 110 Fall 41 #Crimetime 507 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Hübner #Auftrag #DDR

Crimetime 507 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Mittendrin statt nur doziert

Der 41. Polizeiruf weist eine interessante Handlungskonstruktion auf: Den Rahmen bildet die Tatsache, dass Oberleutnant Hübner in der Polizeischule, in welcher er einst selbst ausgebildet wurde, einen Vortrag aus der Praxis vor jetzigen Kripo-Azubis halten soll. Zu diesem Rahmen wird im Verlauf immer wieder zurückgekehrt, die eigentliche Handlung also mehrmals unterbrochen. Aber auch innerhalb dieser Binnenhandlung wird mit Rückblenden gearbeitet, wenn die Charaktere dem Oberleutnant Rede und Antwort zu dem stehen, was sie beobachtet oder erlebt haben wollen. Es werden dabei aber keine Falschangaben visualisiert, sondern nur Vorgänge, die sich am Ende als wahr erweisen. Was es sonst über „Ein ungewöhnlicher Auftrag“ zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Oberleutnant Jürgen Hübner erhält von Oberst Wernicke einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll vor einer Klasse der Offiziersschule ein Seminar zum Thema Ermittlung und Überprüfung Verdächtiger halten. Hübner ist nervös, saß er doch einst als Schüler im selben Raum. Er beginnt, exemplarisch einen Fall aus seiner Tätigkeit als Ermittler aufzurollen.

Es war an einem Sonntag in einer Kleinstadt im Harz: Seemann Wolfgang Hessel kommt einen Tag früher als erwartet in der Stadt an, wo er zukünftig arbeiten will. Er schreibt sich im Hotel ein, das seit drei Jahren von Irmgard Kraßmann geleitet wird. Weil sein Zimmer erst am nächsten Tag frei wird, teilt er sich die erste Nacht ein Zimmer mit Schauspieler Eberhard Neubert. Hessel übergibt seine Wertsachen – ein Sparbuch, eine afrikanische Plastik sowie 15.500 Mark in bar – Irmgard, die das Geld in den Hoteltresor einschließt. Die Plastik steckt sie dabei in einen Schuhkarton, den sie mit herumliegenden Zeitungen auspolstert. Die Nacht verläuft feuchtfröhlich, da Hessel für die Hotelgäste eine Runde nach der anderen ausgibt. Am nächsten Morgen ist der Tresor geöffnet. Hessels Wertsachen sowie die drei Tageseinnahmen des Hotels fehlen.

Jürgen Hübner wurde damals allein als Ermittler berufen. Die Untersuchungen vor Ort ergaben, dass der Safe mit einem zugehörigen Schlüssel geöffnet wurde, also weder ein Nachschlüssel, noch ein anders geartetes Werkzeug verwendet wurde. Hübner will sich von Irmgard den zweiten Tresorschlüssel zeigen lassen, doch gibt sie zu, ihn vor einem Jahr verloren zu haben. Im Arbeitsstress habe sie die Angelegenheit irgendwann vergessen. Hübner befragt nun Irmgards rechte Hand Inge Ahlert, der in der Nacht nichts aufgefallen ist. Irmgards Mann Bernhard war früh schlafen gegangen, weil er am nächsten Tag zeitig aufstehen musste, um rechtzeitig seine Arbeit in einem Kalkwerk antreten zu können. Wolfgang Hessel sagt aus, dass er an dem Abend kurzzeitig nach Neubert gesehen habe, der früher schlafen gegangen sei. Dabei habe er Irmgard mit einem fremden Mann gesehen. Der Mann entpuppt sich als Heinz Langwitz. Er arbeitete vor zwei Jahren in Irmgards Hotel und hatte mit ihr ein Verhältnis. Er beendete das Verhältnis und suchte sich in einem neuen Hotel Arbeit. Er sagt aus, Irmgard habe nun mit ihm reden wollen, doch seien sie durch Bernhard gestört worden. Der gelernte Kneipier Bernhard habe früher das Restaurant des Hotels geleitet, sei jedoch von seiner eigenen Frau aus dem Betrieb gedrängt worden. Sie verbreitete damals, dass er Alkoholiker sei. Eine Scheidung kam für sie jedoch wegen ihres guten Rufs nie in Frage. Irmgard traf sich später mit Heinz und eröffnete ihm, dass sie ein großes Hotel übernehmen will. Sie wollte ihn als Chefkoch einstellen, doch Heinz lehnte ab. Er berichtet ihr, dass er im Sommer heiraten wird; seine Freundin erwartet ein Kind.

Die Stimmung im Hotel ist gereizt und Inge Ahlert schmeißt bei der Frühstücksbedienung von Hessel schließlich alles hin und geht. Bei sich hat sie eine große Tasche. Hessel folgt ihr bis zum Bahnhof, wo Inge die Tasche in ein Schließfach legen lässt. Die Polizei greift ein und Inge wird von Jürgen Hübner befragt. In der Tasche befinden sich ein Tresorschlüssel, Hessels Sparbuch und die Plastik. Das Bargeld fehlt jedoch. Inge sagt aus, sie habe in der Tatnacht nicht schlafen können und sei gegen drei Uhr aufgestanden. Sie habe nachts Heinz Langwitz gesehen, der das Haus verlassen hat, es könnte aber auch Eberhard Neubert gewesen sein. Die Tasche habe sie in der Waschküche gefunden und wollte sie an den Eigentümer zurückschicken, um die gesamten Vorkommnisse ungeschehen zu machen.

Jürgen Hübner will Inge schon verhaften lassen, als ihm die Zeitungen auffallen, mit denen Irmgard einst die Skulptur verpackt hatte. Auf einer Seite wurde eine Annonce herausgerissen. Es handelt sich um eine Verkaufsanzeige für einen Gasthof. Die Anzahlung soll 20.000 Mark betragen. Jürgen Hübner erfährt, dass der Gasthof bereits verkauft wurde – an Bernhard Kraßmann, der genau 15.500 Mark Anzahlung in bar dafür leistete. Bei der Vernehmung gibt er den Diebstahl zu. Er wollte sich an seiner Frau rächen und sei dabei zu weit gegangen. Seinen Traum, wieder als Gastronom zu arbeiten, hatte er nie aufgegeben.

Jürgen Hübner beendet das Seminar vor den Offiziersschülern, die während seiner Ausführungen immer wieder eigene Lösungsansätze geliefert hatten. Er ist zufrieden und verspricht Oberst Wernicke, bei Bedarf wieder eine Stunde zu halten.

Rezension

Regisseur Hans Joachim Hildebrandt hat nicht weniger als 20 Polizeirufe aus der DDR-Zeit inszeniert, mit etwa 15 Prozent aller Filme der Reihe, die in jener Zeit entstanden, also deren Gesicht wesentlich geprägt – vor allem, weil er in den 1970ern während der Findungsphase viele Inszenierungen durchgeführt hat. Zuvor war er bereits etwa drei Jahre lang für die Reihe „Blaulicht“ tätig. In seiner Filmografie stehen hintereinander drei Filme, die für uns zu den besten der ersten fünf Polizeiruf-Jahre zählen: „Per Anhalter„, „Tod des Professors“ und „Heiße Münzen„, die vor allem die sehr große Bandbreite von Hildebrandts bezüglich des Stils seiner Arbeiten belegen. Diese Varianz ermöglichte es ihm, vierschiedene Stimmungen zu erzeugen und sehr unterschiedliche Sujets sachgerecht zu bearbeiten. Versierte Zeitkonstruktionen durch Auflösung der chronologischen Handlungsführung, wie sie auch „Ein ungewöhnlicher Auftrag“ zeigt, sind in mehreren Hildebrandt-Tatorten zu beobachten. Ohnehin waren die frühen DDR-Polizeirufe nicht nur bei der Kamera-Arbeit zuweilen den Tatorten voraus, man traute sich auch häufiger, die chronologische Erzählweise aufzulösen und damit enorme Talking Heads zu verhindern.

Oberleutnant und später Hauptmann Fuchs mag die kompaktere Persönlichkeit gegenüber dem Kollegen Hübner gewesen sein, aber es ist ganz reizend, wie Jürgen Frohriep in seiner Rolle auch mal Unsicherheit und diesen großen, fragenden Blick unterbringen kann, hin und wieder ein verlegenes Lächeln – was ihn als ziemlich sensiblen Menschen ausweist und in einem Fall wie diesem sehr sympathisch wirken lässt, in dem er junge Menschen, die bei der Polizei arbeiten möchten, über seine Art, Ermittlungen zu führen, instruiert. Dabei kommt es zu dialektischen Momenten: Eine junge Frau konzentriert sich auf die Psyche der Beteiligten, die Hübner eindringlich geschildert hat, was sofort den Widerspruch eines Hinterbänklers hervorruft: Fakten, Fakten, Fakten!

Selbstverständlich macht nur derjenige einen Topjob als Kriminaler oder Profiler, der beides miteinander gekonnt verknüpft. So, wie eben Jürgen Hübner. Zu versiert dürfen die Schüler*innen aber nicht wirken, denn sonst wäre der Fall vorzeitig gelöst worden, den er ihnen während dieses Seminars als Denksportaufgabe vorstellt. Diese Notwendigkeit ist sicher eine kleine Schwäche des Films, denn irgendwer von den vielen Anwesenden hätte angesichts des begrenzten Figurentableaus im Harzer Landgasthof in der Realität wohl richtig getipp. Trotzdem liegt die junge Frau mit der Kurzhaarfrisur, die natürlich in der ersten Reihe sitzt, ganz gut, die vom Regisseur (und Drehbuchautor) erkennbar als Sympathieträgerin unter den Schüler*innen hervorgehoben wird.

Das überaus sympathische und manchmal auch dem Zeitjargon die Ehre gebende Layout, das man Hübner hier zubilligt („Mir kommen gleich die Tränen“), war für Darsteller Jürgen Frohriep bestimmt recht angenehm, er muss sich nicht so anstrengen, um ähnlich straff zu erscheinen wie der Kollege Fuchs. Wenn beide zusammenarbeiten merkt man deutlich, dass Fuchs dominiert und der andere das registriert. Dieses Mal hat Hübner jedoch den Vorteil, dass er alleine ermittelt. Wenn er zum Beispiel mit Vera Arndt zusammengespannt wird, zieht sie doch sehr viel Aufmerksamkeit auf sich, während die Aufstellung der Paarung Fuchs / Arndt ausgeglichener und harmonischer wirkt. Dass Hübner dadurch ein Kommunikationspartner wie zum Beispiel der junge Polizeimeister Subras fehlt, dem Hübner aus seiner reichen Erfahrung heraus vorsagen könnte, wie gute Polizeiarbeit geht, wirkt sich nicht negativ aus, weil er stattdessen mit den Polizeischüler*innen das Pingpong spielen kann, das dem Zuschauer alles erläutert, was nicht gezeigt wird und alle Irrwege beim Ermittlungsgang aufzeigt, die weniger profiliierte Polizist*innen beschreiten könnten.

Wir haben erwähnt, dass Hildebrandt es drauf hatte, ganz unterschiedliche Atmopshären zu schaffen und diese Atmosphäre wird in den Polizeirufen vor allem durch die Figuren erzeugt. Den Witz, den etwa „Heiße Münzen“ zeigt, sehen wir in „Ein ungewöhnlicher Auftrag“ höchstens in der Polizeischule. Der schlaue Seemann und der nörgelnde Schauspieler wären zwar Zimmergenossen, die manchen Sketch zusammen spielen könnten, aber Letzterem wird zu wenig Zeit gegeben, er bereichert mehr oder weniger nur den Verdächtigenkreis und muss, damit er diesen glaubhaft betreten kann, mit wenigen, kräftigen Pinselstrichen als ein Unzufriedener gezeichnet werden. Die Unzufriedenen sind in jedem System verdächtig.

Wir haben das gerade erst für einen Polizeiruf von 1986 konstatiert („Das habe ich nicht gewollt„) – in den DDR-Polizeirufen hatte man keine Scheu davor, Frauen auch in der Hinsicht Gleichberechtigung zu verschaffen, dass man sie als treibende negative Kräfte darstellt, so wie hier die Wirtin Irmgard Kraßmann, der Lissy Tempelhof eine ziemlich unangenehme Aura verleiht, aber auch die anderen Charaktere sind wenig anziehend dargestellt. Es gibt also keinen starken Kontrast zwischen den Figuren. Es entsteht eine Anspannung beim Zuschauer, die darauf gründet, dass Personal und Betreiber des Hotels diesen Ort alles andere als gastlich wirken lassen und vor allem das hochgradig gespannte Verhältnis zwischen zwei Frauen ruft sofort Erinnerungen an den oben erwähnten, zehn Jahre jüngeren Polizeiruf wach.

Finale

Zumindest in seinen ersten Polizeirufen hat Hans Joachim Hildebrandt eine unverkennbaren Neigung, Handlungen in der Gastronomie anzusiedeln, so auch in seiner ersten Produktion für die Reihe, „Ein bisschen Alibi“ aus 1972, dem Nachfolger „In derselben Nacht“, in „Per Anhalter“ ist es ein Jugendclub. „In derselben Nacht“ haben wir noch nicht gesehen, aber in „Ein bisschen Alibi“ ist die Kneipe, wie das Hotel in „Ein ungewöhnlicher Auftrag“, ein Ort, an dem vor allem unerquickliche Menschen das Regime führen, voneinander abhängig und einander spinnefeind – außerdem wird, in „Ein ungewöhnlicher Auftrag“ etwas mehr unterschwellig, der Alkoholismus kritisiert, der natürlicherweise in Gaststätten zuhause ist. Der Materialismus hingegen war in der DDR offenbar nicht auszurotten, mindestens 80 Prozent der Filme, die wir bisher gesehen haben, befassen sich damit, wie Verbrechen durch eine dem Sozialismus zumindest theoretisch fremde Gier und das Streben nach persönlichem Besitz entstehen – manchmal nur in Form von Vermögensdelikten, immer wieder aber auch mit meist nicht gewollten Folgen, schweren Körperverletzungen und auch Todesfällen.

Das ist in Tatorten nicht wesentlich anders, aber bis zu einem gewissen Grad stand das Westsystem auch in den Jahren vor der Wende dem Besitzstreben positiv gegebenüber, sodass nicht Reichtum an sich ein Problem war, sondern lediglich sein illegaler Erwerb. In den Polizeirufen jener Epoche hingegen konnten größere Vermögen fast nur illegal erworben werden. Es sei denn, man war auf See und hatte nicht so viele Möglichkeiten, Geld auszugeben und dadurch eine für DDR-Verhältnisse recht erhebliche Summe angespart.

Die Höhe von „Per Anhalter“ oder „Heiße Münzen“ erreicht „Ein ungewöhnlicher Auftrag“ nicht, aber er hat eine ungewöhnliche Anlage, die vom Ideenreichtum Hans Joachim Hildebrandts zeugt, hier in seiner Funktion als Drehbuchautor.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Produktion Rainer Gericke
Musik Walter Kubiczeck
Kamera Walter Laaß
Schnitt Susanne Carpentier

Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Bruno Carstens: Oberst Wernicke
Lissy Tempelhof: Irmgard Kraßmann
Herbert Sievers: Bernhard Kraßmann
Heide Kipp: Inge Ahlert
Eberhard Mellies: Wolfgang Hessel
Ezard Haußmann: Heinz Langwitz
Hansjürgen Hürrig: Eberhard Neubert
Hans-Joachim Leschnitz: Offiziersschüler Körner
Elfi Gäbel: Offiziersschülerin Beate
Christine Harbort: Zweite Offiziersschülerin
Marion Wiegmann: Dritte Offiziersschülerin
Arndt-Michael Schade: Zweiter Offiziersschüler
Rolf Staude: Dritter Offiziersschüler
Norbert Schwarz: Vierter Offiziersschüler
Otmar Richter: Fünfter Offiziersschüler

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