Schleichendes Gift – Tatort 682 #Crimetime 511 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Gift #schleichen

Crimetime 511 - Titelfoto © RBB, Annegret Plehn

Erinnerungslücken

Wenn von einem Tatort wenig hängenbleibt – hat man dann nicht aufgepasst und schaut ihn besser noch einmal, bevor man rezensiert? Oder war es vielleicht ein Tatort aus Berlin? Dann darf man sich trotzdem an der Kritik versuchen? Vielleicht schon, denn es lag vermutlich am Tatort. Wie bitte? Erklärung in der -> Rezension.

Handlung

Joseph Feinlein, Referatsleiter im Ministerium für Gesundheit, wird tot in seinem Büro aufgefunden. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, alles deutet auf Selbstmord hin. Doch als die Kommissare Till Ritter und Felix Stark der schwer kranken Witwe Rebekka den Brief überbringen, bezweifelt die gläubige Katholikin dessen Echtheit.

Die Obduktion ergibt: Der Regierungsbeamte ist durch Gift gestorben. Ritter und Stark erfahren, dass Feinlein kurz vor seinem Tod einen Fahrradkurier bestellt hatte. Doch den können sie nicht befragen – nach einem schweren Unfall liegt er im Koma. Ist es Zufall, dass seitdem auch die Kuriertasche mit Feinleins Sendung verschwunden ist?

Während Ritter mit Disponentin Marielle spricht, versucht sein Kollege Stark, von der Mitarbeiterin des Toten, Julia Jansen, weitere Details zu erfahren. Außerdem lernen Ritter und Stark die resolute Maria Abt kennen. Sie ist nicht gut auf ihren toten Schwager zu sprechen und überreicht den Kommissaren Auszüge eines Kontos, auf dem erhebliche Bareinzahlungen verzeichnet sind.

Als der Kurier Mischka aus dem Koma erwacht, gibt es eine neue Spur. Er erinnert sich, wer der Adressat der Botschaft aus dem Ministerium war: ein Journalist namens Hendrik Koch, der schon seit längerem über korrupte Ministerialbeamte recherchiert.

Eigenwerbung ARD:

„Wie so oft hat auch dieser ‚Tatort‘ sein Thema aus der gesellschaftlichen Realität genommen. Wir haben diesen spannenden Stoff angepackt, weil dafür einfach die richtige Zeit war. Und wir sind sicher, dass unser Film mit seinen starken Bildern und hervorragenden Darstellern das schleichende Gift des Lobbyismus sogar noch eindringlicher zeigen kann, weil man hier die Menschen hinter ihren Funktionen kennen lernen kann, in ihrer Gier und ihrer Angst… „, sagt Rosemarie Wintgen, Leiterin des Filmressorts im RBB über die neue Produktion für Das Erste.

Rezension

Unser Eingangssatetement war recht polemisch, das wissen wir. Aber „Schleichendes Gift“ ist ein Paradebeispiel für das, was wir an den heutigen Berliner Tatorten generell als zu einseitig und zu austauschbar empfinden. Immer das Regierungsviertel. Jetzt scheint man passenderweise auch noch das Büro von Ritter & Stark dorthin verlegt zu haben. In Wirklichkeit ist und bleibt es aber der Columbiadamm in Tempelhof-Schöneberg.

Auf Politiker eindreschen, okay, irgendwie haben sie’s verdient. Das gilt heute noch mehr als 2007, als der Krimi entstand und die Bankenkrise und die Schuldenkrise noch nicht das finale Versagen der deutschen Politik so deutlich offenbart haben.

Damals galten Politiker noch als mächtig und der Lobbyismus, den es selbstverständlich gibt und der zum heutigen Betrieb gehört, war etwas Bedrohliches. Inzwischen weiß man, wie bedrohlich er im Fall der Banken wirklich ist. Er zerstört das System, von dem so lange alle profitiert haben und die Politik wird am Ring durch die Manege geführt von Artisten, die von keinem besseren Zirkus engagiert würden.

Die Darstellung des Themas ist vereinfacht, die Dialoge oft platt und am Denken der Bürger über Politiker und Beamte orientiert, nicht an dem, wie Politiker wirklich reden, wenn sie weg von den Kameras sind. Das lässt auch die Figuren holzschnittartig wirken, die solche Sätze sprechen und sich so untypisch typisch verstricken in ihrem Netz aus Seilschaften.

Doch, sie ist verdächtig. Mitnichten ist Anja Kling als Julia Jansen hier nicht verdächtig. Verdächtig ist vielmehr, wie der Dr. Feinlein dieses üble Gebräu trinken konnte und dachte wohl, es sei Orangensaft. Aber Raucher haben bekanntlich Tomaten auf den Geschmacksnerven.

Leider ist Anja Kling nicht nur verdächtig, sie kann auch nicht aufspielen, wie wir das aus anderen Filmen von ihr kennen. Sie erstickt, genau wie alle anderen Figuren – fairerweise muss man sagen, mit Ausnahme von Ritter und Stark – in den Regierungsvierteldekors und an ihrer flachen Rolle. Gerade bei einer Schauspielerin, die so viel kann, ist das mehr als schade.

Man muss natürlich aufpassen, dass man hier nicht einen Denkfehler begeht. Wir haben sie zuletzt im Tatort „Direkt ins Herz“ gesehen, wo sie eine intensive und romantische Rolle mit einem kongenialen Partner hatte, da ist die Enttäuschung sofort da, wenn Ritter nicht auf sie, sondern auf eine blonde Disponentin von Fahrradkurieren fliegt. Wir hätten anders optiert, aber im Grunde ist Julia Jansen ja eine gute Frau und verheiratet.

Nur, sie ist im Regierungsbetrieb und steckt in den sozialen Ansprüchen fest, die man nun einmal hat, wenn man im Zentrum der Macht arbeitet und die Lobbyisten mit Geldscheinen winken. Das wird ihr zum Verhängnis. Vollkommen außerhalb der Möglichkeit ist das nicht, aber es wirkt nur angerissen. Wie alles an diesem Fall.

Berliner Glanzoberfläche. Das waren Zeiten, als sich der RBB, damals noch als SFB, in die Kieze gewagt hat. Als ob der Regierungsbetrieb als Falllieferant realistischer und interessanter wäre als der ganze, große Rest von Berlin, so wirken die meisten der neuen Folgen. Ein politisches Thema nach dem anderen wird routiniert, aber uninspiriert abgearbeitet. Lehrfernsehen für Leute, die noch gar nicht wussten, wie Poltik läuft, Bestätigungsmaterial für Politikverdrossene. Jemand, der nur einen Hauch Einblick hat und jemals hatte, findet diese Darstellungen nicht wirklich erhellend oder vertiefend.

Es bleibt alles an der Oberfläche und wir schreiben es auch dieses Mal wieder. Das hat Berlin nicht verdient. Sogar die Poltik könnte man weitaus mehr dramatisieren, als man es in „Schleichendes Gift“ tut. Dafür wären ein paar Klischees weniger vielleicht fürs Publikum nicht so grandios, weil man da als Bürger, der sich schon immer gedacht hat, dass das so irgendwie ablaufen muss, so richtig mies, nicht so oft nicken könnte, dafür aber mal nachdenken müsste, welchen Anteil man selbst an den Zuständen hat. Aber wir verstehen vielleicht, warum man sich so anbiedert. Weil man sich anders auf Glatteis begeben würde.

Das ist wohl auch genau der Grund, warum es keine Kieztatorte gibt, mit echten Typen und echten Problemen. Da wimmelt es von gesellschaftlichen Gruppen und Ethnien und politischen und gesellschaftlichen Randexistenzen aller Art und von Lebensformen, die jenseits jeder kleinbürgerlichen Vorstellungskraft sind. Wollte man das realistisch darstellen, würde man immer irgendwem auf die Füße treten, und wenn  es noch so und gerade weil es so wahr wäre. Genau dies gilt auch für eine vertiefte Behandlung von Politik-Begleiterscheinungen. Da wäre immer etwas zu viel Spekulation drin, wenn man so eine Story richtig würzen würde – das Parkett ist nun einmal glatt.

Wir erfahren nichts über die Hintergründe der Menschen, die in der Politik sind, sie sind nur Stereotypen. Sie stehen für Prinzipien wie Gier, Korruption, Karrieregeilheit. Das muss dem Zuschauer in einem Berliner Tatort genügen.

Garniert mit Menschen auf zwei Rädern. Aber dann gibt es ja noch die Kuriere. Und mal wieder eine Frau für Ritter. Irgendwie passen die beiden sogar zusammen, insofern – doch nicht Anja Kling, die ja außerdem ins Lobbywesen hinein vernetzt ist. Obwohl es Ritter in anderen Folgen nicht gestört hat, dass die Frauen zu dem Zeitpunkt, als er sich ihnen angenähert, sie sich zurecht und sich mit ihnen ins Bett gelegt hat, zum Verdächtigenkreis gehört haben. Auch Ritter ist also irgendwie manchmal verstrickt.

Dieses Mal nicht. Das Love Interest liegt auf der nach kurzer Zeit erkennbar sauberen Seite. Menschen, die noch frei sind, auch wenn sie wenig verdienen. Die Fahrradkuriere. Oh ja, wir waren auch mal als Studenten … okay, genug davon, und außerdem auf vier Rädern. Nicht jede Gegend in Deutschland eignet sich so fürs Fahrradkurierwesen wie das flache und verdichtete Berlin. Die Solidarität der Kuriere ist nett, genauso klischeehaft wie eine Taxifahrergilde, die gemeinsam einen Mörder sucht, das haben wir auch einmal gesehen. Klischees, wohin man schaut. Oben wird einzeln gekämpft, unten ist man solidarisch.

Leider ist es aber nicht so. Unten wird genauso einzeln gekämpft, und an diesem Zustand sind die oben schuld. Das wäre eine Spitze gewesen, oben mit unten zu spiegeln, weil die Verhältnisse von oben geschaffen und unten erlitten werden. Und ist das Kurier fahren auf zwei Rädern wirklich die Freiheit? Als Autofahrer oder Fußgänger in Berlin glaubt man’s hin und wieder und man muss aufpassen, dass man nicht Opfer dieser etwas einseitigen Freiheit wird.

Leider alles nur gestreift. Sich mal auf ein Milieu zu konzentrieren und dieses wirklich zu zeigen, das gibt es in Berlin nicht mehr. Die Hektik, um nicht zu sagen Kopflosigkeit der Stadt hat sich in den Tatorten deutlich niedergeschlagen.

Filmisch adäquat. Genau so ist „Schleichendes Gift“ auch gefilmt. Zuweilen schnelle Schnitte, die mehr Dynamik suggierieren, als tatsächlich vorhanden ist, eine schön bewegliche Kamera, die von einer Totalen des Regierungsviertel so lange zoomen kann, bis man das Weiße im Auge des Ermittlers sieht. Formales überdeckt Inhalt. Das geht sogar so weit, dass wir stellenweise den Eindruck hatten, dass man aus den Bildern per Digitalbearbeitung die kleinen Macken herausoperiert hat, die Berlin auch im Regierungsviertel aufweist. Wir kenn die Ecke schließlich. Klar, sie ist sauber, schnieke, anders. Aber so extrem clean? Kein Stäubchen, kein Stück Papier, kein Zigarettenstummel auf den Straßen.

Diese aseptischen Bilder sind die richtigen für Fälle wie „Schleichendes Gift“. Weil das schleichende Gift der Formalisierung und Erstarrung in statuarischen Aufnahmen und Ritualen, sowohl die Konstruktion als auch die Figurenzeichnungen betreffend, in Berlin so deutlich Platz gegriffen hat wie in keiner anderen Tatort-Stadt. Ganz stark fällt der Unterschied zu den älteren Tatorten auf, von denen wir mittlerweile den einen oder anderen rezensiert haben. Die waren nicht unbedingt und im engeren Sinn realistisch, aber sie hatten eine wahrnehmbare Atmosphäre.

Falls es Programm ist, genau diese Gesichtslosigkeit des modernen Berlin-Gesichts und der Typen, die dort vorkommen zu zeigen, dann ist dies allerdings gelungen und wir leisten Abbitte.

Ritter, Stark. Dann wäre es allerdings besser, wenn Ritter und Stark sich an diesem Abziehbild einer modernen Metropole mehr reiben würde. Ritter wäre die hervorragende Figur dafür. Anstatt sich jedesmal durch Affären in die Milieus, aus denen er nicht stammt, hinein zu assimilieren, könnte er das Cowboy-Image zu einer Gegenposition ausbauen. Er dokumentiert zwar seine Unabhängigkeit dadurch, dass er mit Großkopferten gerne besonders hart umgeht, aber er lebt sie nicht. Wenn jemand schon so viel Attitüde hat wie Ritter, dann kann man die Stilisierung auch vollenden, indem man ihn mehr wie eine Wenders-Figur anlegt, nicht so halbherzig mal drin, mal draußen. Selbst drin geht, aber mit Distanz. Nicht zu den Frauen als Frauen, sondern zu deren sozialer Verortung. Aber natürlich, hier ist es ja eine Kurierdisponentin, das ist was anderes.

Stark hingegen wirkt in „Schleichendes Gift“ wohl deshalb weniger präsent, weil sein Privates außen vor bleibt und er ansonsten unauffällig agiert, kleine Gags mit dem neuen Büro und den besten Sitzplätzen darin mal außen vor. Dafür hat er diese Empathie, die wir so nett finden. Auch wenn gerade er im großen Regierungsviertel klein wirkt, man könnte ihn sich beinahe als Referenten vorstellen, der lächelnd alles durchschaut und sich eben nicht korrumpieren lässt. Eine Art idealisierter Beamter, der er ja als Polizist tatsächlich ist. Bezüglich der Ermittlungsarbeit beider hätten wir uns gewünscht, dass sie eine anständige Videoanalyse hinbekommen – aber manchmal werden Ermittler auch einfach nur Opfer der künstlichen Verzögerungen, die man in Drehbücher hineinschreiben muss, damit die Täter nicht zu früh ermittelt werden. Das Leben, auch das der Filmautoren, ist kompliziert.

Finale

„Schleichendes Gift“ ist für  uns das Paradebeispiel eines Mittelklasse-Tatortes im Oberklasse-Outfit. Wirkt ein wenig hohl, wenn man ihn auf Substanz abklopft. Handwerklich ist er sauber, plottechnisch gibt es nur die zwei erwähnten Probleme, was für Tatortverhältnisse wenig ist. Aber da bleibt dieses tiefe Gefühl von Unzufriedenheit mit den Figuren und den Klischees und diesem ganzen, mittlerweile zu oft wiederholten Politikbetrieb. Klar, auch das haben wir schon geschrieben: Wo, wenn nicht in Berlin. Aber muss es denn  jedes Mal sein?

Falls der RBB die  Mittel hat und es nicht lassen kann, so viel im Regierungsviertel nach immer neuen Subthemen zu suchen, wäre es eine Überlegung, einen Tatort mehr pro Jahr zu machen und den dann wirklich mit Mut und Biss in das Berlin der Berliner hineinzuschreiben und zu filmen. Ritter käme zu seinen Wurzeln zurück und es wirkte echt, wenn er mit einem Kiezpublikum verschmelzen würde – und Stark wäre wie immer. Anpassungsfähig, aufmerksam, ganz Ohr und hintergründig lächelnd. Denn weit mehr als die große Politik hat das kleine Kiez traumhafte Gaukler und Schauspieler und Lebenskünstler, über die man wirklich liebevoll-ironisch lächeln kann. Die Kritik ist kritisch. Wir wissen, dass „Schleichendes Gift“ kein grottenschlechter Tatort ist, es fehlt ihm nur einiges, was ihn für uns attraktiv machen würde.

6,5/10

© 2091, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Wiegand – Veit Stübner
Julia Jansen – Anja Kling
Rebekka Feinlein – Corinna Kirchhoff
Hendrik Koch – Jürgen Tarrach
Dr. Böhler – Hansjürgen Hürrig
Maria Abt – Tina Engel
Dr. Siegen – Ingo Hülsmann
Marielle – Jule Böwe
Weber – Ernst-Georg Schwill
u.a.

Drehbuch – Thomas Kirchner
Regie – Uwe Janson
Kamera – Philipp Sichler
Musik – Curt Cress

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