Baum fällt – Tatort 1110 #Crimetime 510 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #Baum #Fällung

Crimetime 510 - Titelfoto ORF / Graf Film, Helga Rader

Bäume fällen in Oberkärnten

Die BIlder sind beeindruckend. Gefilmt wurde in einer der schönsten Landschaften, die je einem Tatort als Kulisse dienten, mit dem Großglockner in Sichtweite. Davon kann man was mitnehmen und sich ein Chalet wünschen oder eine Almhütte. Leider gibt es aber immer noch das Dorf. Das Dorf, in dem die Leute etwa so sagen: „Ich habe nichts gegen Fremde, aber dieser Fremde, der ist nicht von hier!“ So, wie der Umweltschützer aus Wien, der in der Besetzungsliste nicht einmal erwähnt wird. Er sekiert zwar die örtliche Wirtschaft mit den illegalen Bestandteilen des Holzeinschlags und der Weiterverarbeitung, aber kann so jemand einen brutalen Mord begehen? Der ORF ist ja doch immer recht eindeutig auf der Seite der Guten. Ohne die Nöte der Bergbevölkerung zu vergessen, deswegen ist auch in „Baum fällt“ alles schön dialektisch dargestellt. In welcher Form und was es sonst zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung 

Moritz Eisner und Bibi Fellner bekommen einen Sonderauftrag, der die Wiener Ermittler in einen abgelegenen Winkel von Kärnten an den Fuß des Großglockners führt. Dort wird Hubert Tribusser vermisst, der Juniorchef eines gleichnamigen Holzunternehmens. Sein Vater, ein Spezi des Wiener Polizeipräsidenten, möchte die Ermittlungen nicht dem örtlichen Polizeiposten überlassen.

Kaum kommen Eisner und Fellner im Mölltal an, hat sich die Suche bereits erledigt – allerdings nicht der ungeliebte Fall. Arbeiter des Sägewerks haben in der Brennofenasche „etwas“ von Hubert gefunden: ein Titan-Implantat aus seinem Schultergelenk. Der Fund deutet auf ein Verbrechen hin, das jemand verschleiern wollte.

Ein erster Verdacht fällt auf den Umweltaktivisten Holzer, gegen den die Tribussers eine Verleumdungsklage laufen haben und der sich am Abend des Mordes mit Hubert heftig gestritten haben soll. Bei der Suche nach den Tätern und dem Motiv deckt das Wiener Ermittlerduo auf, dass der Tote alles andere als ein Heiliger war. Hubert hat sich genommen, was er wollte: Geld aus der Firmenkasse, zahllose Affären und sogar die Frau des eigenen Bruders Klaus.

In den Ermittlungen mischt der örtliche Polizeichef Alois Feinig mit, den Eisner noch von früher kennt. Er versorgt das Wiener Duo mit lokalem Insiderwissen, asiatischen Lebensweisheiten und einer vielversprechenden Fährte. Während Eisner viel auf seinen alten Spezi hält, beobachtet Bibi diesen mit wachsender Skepsis.

Rezension

Da sind einerseits Naturschutzvorschriften, andererseits quält der einzige große Arbeitgeber am Ort – in dessen Hallen allerdings fast alles automatisch geht, aber vielleicht zahl er anständig Gewerbesteuern – der seine Lieferanten preislich immer mehr unter Druck setzt und damit argumentiert, dass so eben das globale Business sei, er habe selbst also auch zu kämpfen. Für die Kritiker der Dumping-Globalisierung, gegen die mörderische Ressourcenverramschung. Wie immer halt. Es ist alles richtig und ein Krimi kann ja nicht zum Systemwandel aufrufen, sondern nur die Zustände aufzeigen, wie sie sind. Es sei denn, ein*e Ermittler*in ist dezidiert politisch, wie Inga Lürsen aus Bremen es war, die sich aber auch immer nur für Einzelthemen stark gemacht hat.

Moritz Eisner hingegen ist vor allem Grantler, das ist dieses Mal besonders ausgeprägt und kontraproduktiv. Er schafft es nicht einmal, einen alten Freund nach 25 Jahren wiederzuerkennen, verbrüdert sich dann aber doch mit ihm und man redet über alte Zeiten. Nun ja. Glaubwürdigkeit und der Sinn hinter Eisners furchtbarer Laune sind zwei der kleineren Probleme von „Baum fällt“. Vermutlich hat man dieses Verhalten von ihm auch inszeniert, um dem Film mehr Schmackes zu geben, denn auch als Bergdrama ist dieser 45. Eisner doch recht flach geraten. Das größte Plus sind die Darstellungen von Verena Altenberger als Valli und Karl Fischer als Eisners alter Kollege, der sich offenbar optisch sehr verändert hat. Altenberger hat gerade die Herausforderung übernommen, Hauptermittlerin im Polizeiruf München zu sein und damit in die großen Fußstapfen von Matthias Brandt und Edgar Selge zu treten. Wenn ihr Typ das neue Ding ist, in Österreich, dann ist es auch eine Wendung zu eher geerdet wirkenden, unwienerischen Frauen. In das Bergszenario passt sie jedenfalls sehr gut und ihre Momente sind vergleichsweise spannend. Karl Fischer mit seinen buddhistischen Sprüchen ist in diesem Film nicht der bessere Eisner, aber besser als Eisner.

„Den Sinnspruch des von Fischer dargestellten örtlichen Polizeichefs, sich angesichts der Umwege des Lebens wenigstens an der Landschaft zu erfreuen, habe sich Leytner offenkundig zu Herzen genommen“, spöttelt der Kritiker von Tittelbach.tv, zitiert nach der Wikipedia und weist damit auf eine weitere Schwäche hin. Der Plot wirkt langatmig, weil er nicht besonders komplex sein kann, angesichts des begrenzten Personals. Anders als bei dem einen oder anderen Tirol-Krimi von Eisner wird nicht ein ganzes Dorf in einen Minarettstreit oder einen Tod im Rahmen der Proben für ein Passionsspiel einbezogen, sondern alles konzentriert sich, nachdem der einzige Wiener raus ist, auf drei Familien aus dem Dorf. Auch der Verlauf ist sehr klassisch. Man kann zwar nicht genau vorhersehen, wer die Täterperson ist, aber es gibt doch deutliche  Hinweise auf die Granitzers, weil der Bruder Kain (Klaus) zu offensichtlich des Mordes an Abel (Hubert) Verdächtiger herausgestellt wird. Als dann der liebe alte Polizist behauptet, er sei’s gewesen, ist klar, dass er entweder Mutter oder Tochter Granitzer schützen will. Dieses Modell hatten wir zuletzt in den Polizeirufen, die wir nun ebenfalls umfassend rezensieren, mehrfach und gerade die alten Krimis aus der DDR-Zeit hämmern Grundmuster der Whodunit-Gestaltung geradezu ins Gedächtnis des Rezensenten, auch wenn nicht alle diese Filme Rätselkrimis sind. 

Die Bergwelt hingegen ist auch eine Männerwelt. Zumindest in „Baum fällt“. Zwar ist Valli eine der etwas einprägsameren Figuren, aber das Geschehen wird von den Tribussers und den beiden Polizisten dominiert, die einander doch schon lange kennen. Bib Fellner hat dieses Mal vor allem die Aufgabe, die sozialen Schäden zu beseitigen, den der Kollege anrichtet und die übrigen Frauen sind immer von den Männern abhängig oder stark auf sie als Führungspersonen im wirtschaftlichen oder partnerschaftlichen Bereich bezogen. Dann gibt es noch den Hubert, der mit seinem Geld jede Frau rumkriegt und auch, weil er ansprechend aussieht und charmant ist. Nun ja. Sicher hilft das alles, meistens jedenfalls. Vielleicht ist es da oben im Berg aber auch gar nicht so unrealistisch, denn Frauen arbeiten wohl immer noch nicht als Holzfällerinnen und Valli hat ja immerhin eine Arbeit in der Fabrik und entscheidet sich selbständig, ihr zweites Kind auch zu bekommen. Sie hat sich also schon etwas emanzipiert und eine andere junge Frau, die Tochter des Gastwirts, wird mit ihrem Freund nach Wien gehen. Man spürt auch, wie es wäre, wenn in einem solchen Bergdorf beim einzigen größeren Unternehmen, das dort siedelt, die Lichter ausgehen würden. Wir kennen das aus dem deutschen Osten – nicht nur von dort, aber dort war es besonders ausgeprägt und einschneidend. Und der Juniorchef verprasst auch noch Geld aus der Firmenkasse. Dieser Tote wird so negativ dargestellt, dass man früh darauf kommt, dass die Person, die ihn umgebracht hat, ein Täteropfer sein muss. So stellt es sich am Ende auch heraus.

Finale

Von keiner Tatortschiene darf man immer das Außergewöhnliche erwarten, aber die Tendenz, die wir in der Vorschau ermittelt haben (siehe unten), wird sich mit diesem 22. gemeinsamen Eisner-Fellner-Fall nicht umkehren. Der Ruck bleibt aus, größerer Schaden aber vermutlich ebenfalls, wenn die gegnwärtige Bewertungstendenz der Tatort-Fundus-Nutzer erhalten bleibt. Wir hatten in der Vorschau von der Musik als mögliches Plus gesprochen, das entfällt aber weitgehend. „Summertime“ wird zu kurz intoniert, ist außerdem ein Flachlandlied, das sich auf die weiten Baumwollfelder des US-amerikanischen Südens bezieht. Die Rolling Stones – nun ja, in der Interpretation zweier alternder Polizisten: Kann man so oder so sehen. Das Ironische am falschen Gesang knuffig finden, die gescheiterten oder halb melancholisch machenden Unterschiede zwischen den einstigen Haltungen und Lebensentwürfen und der Realität 2019 herausarbeiten, die sich darin ausdrücken –  oder aus klangästhetischen Gründen jene A-capella-Coverversionen ablehnen. Wir hatten anfangs zwischen 5,5/10 und 6 von 10 geschwankt, sogar mit Tendenz zu einer für Eisner-Fellner-Verhältnisse  bisher maximal schlechten Note, aber ein bisschen opportunistisch sind wir nun auch, nachdem wir gesehen haben, dass der Film im Fundus knapp über 6 liegt.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

„Ein Sonderauftrag führt die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) im Tatort „Baum fällt“ in ein abgelegenes Waldgebiet bei Oberkärnten am Fuße des Großglockners, genauer: in das Mölltal. Hier wurde das künstliche Schultergelenk des Sägewerkbesitzers Hubert Tribusser auf dem Fabrikgelände entdeckt – viel mehr blieb von dem Lebemann nicht übrig“, schreiben die Tatort Fans.

Es gab eine Zeit, da sah es so aus, als ob Bibi und Moritz zu den Top-Acts unter den Tatort-Teams aufschließen könnten – der Angriff auf die Spitze ist aber abgeblasen, weil die letzten Filme nicht mehr so hoch geschätzt wurden. Alles immer gemäß der Rangliste des Tatort-Fundus. Gegenwärtig dümpeln die beiden also im oberen Mittelfeld – mit mehr Anschluss nach oben und nach unten gut abgesichert. Es ist auf den oberen Plätzen eng geworden, weil zuletzt einige Teams etwas Federn gelassen haben. Die Chance eigentlich, es mit wenigen herausragenden Produktionen doch an die Spitze zu schaffen. Wir illustrieren zunächst aber den bisherigen Verlauf:

2019-11-24 Bewertungskurve Tatorte Eisner Fellner ORF Wien

Die auffällige Gleichmäßigkeit und die zuletzt erkennbare leichte Neigung nach unten stellen aber immer noch einen besseren Verlauf dar als bei vielen anderen Ermittler*innen, die es doch etwas gebeutelt hat. Vielleicht geht es auch so, das wäre typisch österreichisch: Man hält das eigene Niveau und hofft, dass die anderen sich weitere Patzer erlauben. Scherz, muss auch sein. Unten im Bild muss es heißen „Alle Tatorte von 1 bis 45“. Da haben wir vergessen, händisch zu ändern. Schau an, die beiden gehen auf die 50 zu.

Die Vorabkritiken zu „Baum fällt“ klingen wenig begeistert – moniert wird vor allem das zu Routinemäßige und Vorhersehbare an dem Fall. Wir meinen, wenn jeder Krimi außergewöhnlich wäre, wäre das ja nicht mehr außergewöhnlich – aber die beiden, die zu unseren Lieblingen zählen, hätten schon wieder mal einen Kracher verdient.

Wir haben mal die Playlist durchgeschaut. Es kommt ja immer mehr in Mode, bekannte Musik einzuspielen. Allein für „Summertime“ mit Ella und Louis wird es vermutlich einen Extrapunkt geben, gerade jetzt, im einsetzenden Winter, für „What a Wonderful World“ nochmal einen halben – und mit den Rolling Stones hat man ja auch ziemlich hoch gegriffen. Mal sehen, was das Setting am Großglockner noch bringt. Bisher haben die Auswärtstatorte von Eisner eher nach Tirol oder ins Burgenland geführt.

Playlist

Titel Komponist Interpret
What a Wonderful World George Davis Weiss, George Douglas Louis Armstrong
Hahnenfuss Polka Dieter Aichwalder Diexer Edelweiß Trio
You Can’t Always Get What You Want Mick Jagger, Keith Richards Rolling Stones
Let’s spend the night together Mick Jagger, Keith Richards Rolling Stones
Time is on my side Norman Meade Rolling Stones
Not fade away Charles Hardin, Norman Petty Rolling Stones
Summertime George Gershwin Ella Fitzgerald & Louis Armstrong

Besetzung und Stab

Oberstleutnant Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Majorin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Hubert Tribusser – Christoph von Friedl
seine Mutter Hilde Tribusser – Karin Kienzer
sein Vater, Tribusser senior – Johannes Seilern
Huberts Bruder Klaus Tribusser – Alexander Linhardt
Ehefrau von Klaus, Johanna Tribusser – Caroline Frank
Wirt Drobnig – Wolf Bachofner
seine Tochter Sigrid Drobnig – Elisabeth Wabitsch
Valli Granitzer, Fabrikarbeiterin – Verena Altenberger
ihre Mutter Maria Granitzer – Ulli Maier
Vallis Ehemann Andi Granitzer – Christopher Ammann
Sekretärin Margit Prix – Julia Cencig
Werksleiter der Fabrik Tribusser – Vitus Wieser
ehemaliger Lehrer Gerhard Holzer – David Oberkogler
Alois Feinig, alter Polizei-Kollege von Eisner – Karl Fischer
Polizist Friedl Jantscher – Michael Glantschnig
u.a.

Drehbuch – Agnes Pluch
Regie – Nikolaus Leytner
Kamera – Hermann Dunzendorfer
Szenenbild – Christine Egger
Schnitt – Bettina Mazakarini
Kostümbild – Caterina Czepek
Musik – Matthias Weber

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