Die Falle – Tatort 679 #Crimetime 513 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Falle

Crimetime 513 - Titelfoto © MDR, Hardy Spitz

Vorwort 2019

Es hat vor allem Zeitgründe, dass wir heute wieder eine Rezension im „Original-Outfit“ veröffentlchen; so, wie sie 2011 erstellt wurde, als wir mit der TatortAnthologie, der Vorläufer-Rubrik von „Crimetime“, starteten – im „ersten Wahlberliner“. Der letzte Ehrlicher-Tatort war gleichzeitig der erste mit ihm, den wir rezensierten. Schon damals erkannten wir, dass es nicht von Vorteil sein muss, die Betrachtung einer Ära mit deren Ende zu beginnen. Wir haben bis heute nicht alle Ehrlicher-Kain-Tatorte rezensiert, aber doch mittlerweile ein facettenreiches Bild. Zu diesem Bild zählt, dass die Filme der „ersten Halbzeit“, die in Dresden spielen, eine oftmals sehr trübe Stimmung vermitteln und sich dies in der folgenden Leipzig-Phase relativiert hat. Bruno Ehrlicher als Vermittler und Katalysator der Ost-Befindlichkeit ist für uns eine zweischneidige Figur – dieser Eindruck verstärkt sich, seit wir auch die Parallelreihe Polizeiruf rezensieren, die überwiegend in den „Neuen Bundesländern“ gedreht wird.

I. Kurzkritik

Der schönere Titel wäre gewesen: „Der letzte Fall“. Eine Falle ist nicht erkennbar, es sei denn, man meint die moralische Falle, in die insbesondere Kommissar Kain gerät. Sicher ist hingegen, dass dieser 45. Bruno-Ehrlicher-Tatort der letzte für das Duo aus Leipzig war.

Viel Nostalgie in diesem Krimi, die Schauspielleistungen unterschiedlich, die Handlung schwach. Dramaturgisch zwar nicht weiter zu beanstanden, aber die Konstruktion mehr als fragwürdig. Natürlich eignet sich das Immobilienmilieu und alle diese furchtbaren Typen, die damit irgendwie zu tun haben immer gut zum Abschichten. Gerade bei einem so moralisch denkenden Gegenpart wie Hauptkommissar Bruno Ehrlicher. Aber dass Leute ihre Baufinanzierungen reihenweise über den windigen Herrn Meyer machen, anstatt über eine Bank oder Bausparkasse, dass sie reihenweise in Schwierigkeiten geraten mit der Bezahlung, dass die Frauen dann reihenweise zur Prostitution gezwungen werden – eine der übelsten Klitterungen der Realität, die wir bisher zu rezensieren hatten. Zwangsprostitution gibt es und sie ein schweres Verbrechen, aber sie geschieht nicht in solchen Zusammenhängen, wie sie hier gezeigt werden.

Dabei bietet diese Branche klasse Plots, die viel realistischer zu schreiben wären und nicht weniger böse. Schade, dass der emotional hoch angelegte Abgang des Leipzig-Duos durch eine dermaßen unwürdige Handlung geschwächt wird. Natürlich wird den Kommissaren viel  Zeit gewidmet, wir haben uns auch damit klar gefunden, dass einer von beiden mal wieder persönlich ins Ganze verstrickt ist, oder sagen wir mal: der Abzug dafür ist moderat, weil auch hier ein Glaubwürdigkeitsproblem im Handeln der Beteiligten sichtbar wird, aber es ist die Handlung an sich, die viel zu grob gestrickt ist.

Leider trotz des melancholisch-melodramatischen Abgangs von Ehrlicher / Kain und obwohl eine solche Inszenierung an sich ja immer schon Pluspunkte für den gewissen Hauch von Epik, ein unterdurchschnittlicher Tatort.

II. Handlung / Besetzung / Stab

Wenige Tage vor der Pensionierung von Ehrlicher wird er in eine Neubausiedlung am Rande Leipzigs gerufen. Eine Frau liegt tot in ihrem Haus. Rudolf Hahn, der Freund der Toten, der sie gefunden hat, behauptet, sie hätte sich selbst erhängt.

Hauptkommissar Ehrlicher glaubt nicht daran, denn die Einrichtung des Hauses ist stark verwüstet. Im Haus der Toten findet man ein Zimmer, das darauf hinweist, dass die junge Frau sexuelle Dienstleistungen gegen Geld angeboten hatte. Wenig später ist auch Hans Meier, Generalbauunternehmer der meisten neuen Häuser in der Gegend, tot.

Während Frederike und ihre Kollegen versuchen, eine Abschiedsfeier für Ehrlicher zu organisieren, untersucht dieser zusammen mit seinem Kollegen Kain die Verbindungen zwischen dem Verdächtigen Rudolf Hahn und dem Bauunternehmer Hans Meier. Sie durchsuchen die Firmen von Meier, der auch ein Bordell betrieb. Eva, die neue Freundin von Hauptkommissar Kain, wohnt ebenfalls in dieser Siedlung, und sie war sogar mit der Toten befreundet. Auch ihr Haus ist von Meiers Firma gebaut worden.

Ehrlicher merkt, dass Kain sich in einem Loyalitätskonflikt befindet. Kann er ihm noch vertrauen? Ihre Partnerschaft wird ernsthaft auf die Probe gestellt.

Hauptkommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Hans Meier – Martin Brambach
Heidi Sommer – Nina Gnädig
Vater Sauer – Peter Prager
Mutter Sauer – Renate Blume
Tommi Ehrlicher – Thomas Rudnick
Frederike – Annekathrin Bürger
Staatsanwältin Mitterer – Simone von Zglinicki
Kriminaltechniker Walter – Walter Nickel
Rudolf Hahn – Thomas Rühmann
Eva Sauer – Julia Brendler
u.a.

Stab
Regie – Hajo Gies
Kamera – Thomas Etzold
Buch – Hans-Werner Honert
Musik – Günther Illi

III. Rezension

  1. Die ersten werden die letzten sein – und umgekehrt

Durchaus kein Vorteil, dass der erste Ehrlicher, den wir rezensieren, der letzte von ihm ist. Wir haben uns mit seiner Figur und seinen Fällen noch nicht so auseinandergesetzt wie mit denen einiger anderer Tatort-Ermittler und demgemäß Schwierigkeiten, den Abschiedsfall in einen Kontext aus immerhin 45 Folgen zu stellen.

Also konzentrieren wir uns auf das, was sich aus 679 selbst feststellen lässt – in hoffentlich guter Ermittler-Manier.

Kain und Ehrlicher sind ein erstaunliches Duo. Ehrlicher für uns ein ganz klassischer  Ermittler, wunderbar auch also moralisch angelegte Ost-Figur gezeichnet, bürokratisch, hintergründig, im Prinzip noch ein Vor-Wende-Typ, der, wie selbstverständlich auch viele reale Beamte, unter neuen Umständen dem ewigen Verbrechen nachgeht. An einer Stelle, als man ihn von der Seite sieht, wie er in der Vernehmung jemandem gegenübersitzt, sich Notizen macht und die Oberlippe vorschiebt, haben wir uns an die Comicmännchen von Loriot erinnert gefühlt. An Herrn Müller-Lüdenscheid und die anderen. Und da ist durchaus etwas dran. Ehrlicher, dessen Name natürlich auch Programm ist, das ist eine typisch deutsche Spießerfigur, wie sie heute in Tatorten kaum noch vorkommen. Und schon dieser Anachronismus ist liebenswert. Manchmal auch nervend. Aber nie so, dass man sich fragt, ob man im – sic! – falschen Film ist, weil die Ermittlerpersonen denn doch zu schräg sind.

Man merkt in 679, da geht eine Ära zu Ende. Diesem Abschied wird auch viel  Raum gewidmet. Dass mit Ehrlicher auch Kain geht – seine Motivation dafür ist nicht schlüssig, im Grunde läuft alles für ihn. Seine Partnerin wird vermutlich nach § 34 StGB gerechtfertigt sein (Notwehr), jedenfalls ist sie keine Mörderin. Seine nette Art, Beweise verschwinden zu lassen, hat Ehrlicher sozusagen abgenickt, so dass ihm kein Disziplinarverfahren droht – und es ist kein Lebenskonzept außerhalb der Polizei bei ihm auch nur  angedeutet.

Aber er wirkt auch für einen Ermittler außerordentlich weich. Das hat mit seiner Ausstrahlung, auch mit der Optik seines Gesichtes zu tun. Oft sieht er aus, als wolle er gleich losweinen. Das unterscheidet ihn auch von anderen Gemütsmenschen im Tatort-Business. Man kauft ihm eigentlich ab, dass er persönlich sehr angefasst ist. Doch dann hätte er eigentlich schon früher aufhören müssen, denn jeder Fall, selbst wenn nicht die eigene Freundin drinsteckt, die man gerade erst kennengelernt hat, jedes Gewaltverbrechen bringt Leid, Ungerechtigkeit und viele Situationen, in denen man sich stellen muss – falls man so veranlagt ist.

Dass Kain seinem langjährigen Freund Ehrlicher nicht vertraut, ihn nicht einweiht in die Tatsache, dass er diejenige, die den Kredithai Meyer auf dem Gewissen hat, kann man so und so sehen, nach einer so langjährigen Zusammenarbeit. Wir geben es neutral, weil wir eben noch zu wenig von den beiden gesehen haben, um einschätzen zu können, ob das realistisch ist.

  1. Abschiedsrituale

Das Zusammenspiel der Figuren um Ehrlicher, Sohn, Kollegen, Kain, Chef – das alles ist im Abschieds-Kontext gut gelungen und so etwa stellt man sich den realen Abschied eines langgedienten, erfolgreichen Hauptkommissars auch vor. Mit einer Blaskapelle, die den Radetzky-Marsch spielt. Bei Ehrlicher hätten wir zwar eher einen „linken“ Marsch erwartet, das wäre auch ein guter Gag gewesen, der sich auf seine tatsächliche politische Einstellung bezieht, aber grundsätzlich ist die Szene in Ordnung. Dass Ehrlicher sich ewig und drei Tage gegen die Feier wehrt und dann noch alles, was etwas in Richtung modernes Essen geht, verabscheut. Dass er am Ende  – nicht ins Nirgendwo, sondern in die Rente reitet, das ist Geschmacksache.

War uns ein wenig zu dick aufgetragen, zu sehr ausgebaut. Da hätte man mit weniger Dialog mehr Wirkung erzielen können. Aber vielleicht sind sie so, die Sachsen – ähnlich jovial und gemütlich wie die Südwestdeutschen. Überhaupt wirkt der Krimi weitaus lokaler als die folgenden des neuen Teams Saalfeld / Keppler. Und wir hatten ja schon angemerkt, dass wir die Abwesenheit von Kolorit in den neuen Folgen schade finden.

  1. Ein Fall für die Kritik

Wir sehen also die Art, wie Ehrlicher geht, im Ganzen positiv. Dass er sich am Ende zum Richter über die Richter aufschwingt, das passt durchaus zu der Art, wie er vermutlich über Jahre agiert hat. Und er tut, was er sich früher vielleicht nicht getraut hat, weil er sowieso keine Dienstaufsichtsverfahren mehr zu fürchten hat. Trotzdem wirkt es etwas überdrüber. Woher die Leute nur immer wieder die Chuzpe nehmen, sich als einfache Ermittler für moralisch versierter zu halten als die Justiz, das muss man sich schon fragen.

Das Problem dürfte sein, dass diese moralische Entrüstung in 679 dem schwachen Plot zu verdanken ist. Wie sonst soll diese Vertuschungsgeschichte bezüglich Kains Freundin inszeniert und halbwegs glaubwürdig gemacht werden, wenn nicht dadurch, dass Ehrlicher zwar irgendwann dahinter kommt, dass da etwas nicht stimmt, aber seinen Idealen den Vorzug vor der ordnungsgemäßen Weitergabe seiner Erkenntnisse an die Staatsanwaltschaft gibt. Dabei sagt Kain es eine gute Zeit vorher schon zu seiner Freundin: Notwehr, ganz klar. Um sicher zu gehen, lässt er trotzdem deren Haare aus dem Labor verschwinden. Das alles nur, damit die beiden Kommissare knapp vor Ende moralisieren dürfen. Mord ist es ohnehin nicht, sondern allenfalls Totschlag oder fahrlässige Tötung. Das klingt jetzt vielleicht fitzelig, aber uns fehlte aufgrund der recht eindeutigen Sachlage die Notwendigkeit, diese Moralshow am Ende abzuziehen. Witzig dann aber, dass Kains Freundin sich selbst stellt und damit eben doch dokumentiert, dass sie reinen Tisch haben möchte.

Der Fall als solcher ist unwürdig. Die Logik der Abläufe und auch die Logik, nach der die Figuren handeln, das alles stimmt einigermaßen, aber die Art, wie hier das Baugewerbe und das horizontale Gewerbe miteinander verknüpft werden, ist nicht etwa ungewöhnlich und innovativ, sondern schlicht nicht denkbar. Schon aus dem Grund, weil der fiese Meyer hier in einer Funktion auftritt, die es so in Wirklichkeit nicht gibt. Er könnte Kreditvermittler sein, also jemand, der als freier Agent für mehrere Bausparkassen und Banken arbeitet. So etwas gibt es. Er könnte Banker sein. Banker aber ist schon der Kompagnon Rudolf Hahn. Er könnte sogar Kreditgeber sein, wird aber nicht so dargestellt – und es wäre auch Unsinn. Denn solche Vermittler wie er kommen ja mit ihren meist haarsträubenden Zinskonditionen nur ins Spiel, wenn Menschen sich bei traditionellen Banken nicht mehr finanzieren können. Sogar im Osten ist das so. Und dass alle in dieser Neubausiedlung für den Traum vom eigenen Haus von Beginn an über die  eigenen Grenzen hinausgegangen sind und sich in die Hände eines solchen Vermittlers begeben haben, widerspricht der Praxis in diesem Geschäft.

Überhaupt gibt es erstaunlich oft Publikum in Leipzig, das in solchen etwas gesichtslosen  Neubausiedlungen wohnt. Häufiger als in jeder anderen Stadt. Auch das ist ein Klischee – natürlich wurde im Osten nach der Wende viel neu gebaut. Solche Siedlungen sind im Westen nicht weniger häufig anzutreffen, nur verlegt man dort seltener die Tatortfiguren in dieses Mittel-Mittelstandsmilieu, das sich abrackert, um den Traum vom eigenen Haus zu verwirklichen.

Natürlich kommen den Frauen allesamt die Männer abhanden, durch Selbstfindungstrips oder Todesfälle, damit diese Pressung zur Prostitution so halbwegs glaubwürdig rüberkommt. Dass Häuser in Zweitverwertung als Schnäppchen verkauft werden können, ist wiederum realistisch, sogar der Wertverlust von 50 %, wenn sie nicht in so guten Lagen stehen, dass ein solcher Wertverfall ausgeschlossen ist. Das ist aber das einzige Element, das wir in diesem Kontext für glaubwürdig geben. Aber nicht, dass Frauen tatsächlich überwiegend so handeln und sich eins zu eins in ein solches Schema begeben. Kains Freundin hat es  auch nicht getan, es wird aber angedeutet, dass dies Gang und gäbe ist. Vor allem würde ein solches System nicht lange funktionieren, weil es viele Lecks gäbe, durch die es bekannt würde und damit auch die illegale Erpressung, die zwangsläufiger Bestandteil ist.

IV. Fazit

Am Ende steht der Anfang. Wir freuen uns darauf, tiefer bei Kain und Ehrlicher einzusteigen, um uns anzuschauen, wie die älteren Folgen im Verhältnis zu 679 stehen. Das Duo ist interessant, wobei wir die Figur Bruno Ehrlicher als Polizist richtig gut finden und es ganz natürlich fänden, wenn er plötzlich in unsere Wohnung spazierte, den Notizblock aufklappte und anfinge, uns ein wenig zu befragen, mit diesem wachen, aufmerksamen Blick, mit hochgezogenen Brauen über den kleinen, klugen Augen und dieser Mischung aus Distanz und Interesse, die auf uns professionell und auch vertrauenswürdig wirkt. In der Form vertrauenswürdig, dass wir ihm alles sagen würden, was wir wissen, weil wir den Eindruck haben, der Mann kann das richtig bewerten und schaut hinter die Fassade. Für Kain würde das in dem Maß nicht gelten, weil er emotional viel sehr zu verstrickt wirkt. Nicht nur im Einzelfall, wie hier, sondern als Typ. Berechenbarkeit ist doch etwas Schönes, im Nachhinein betrachtet. Viele Handlungselemente, die in 679 gezeigt werden, gibt es im Einzelnen gewiss, aber in dieser Kombination kaum.

Leider aufgrund der schwachen Handlung nur 6,5/10. Wir hätten für den Abschied des Teams und das Ende einer Ära gerne mehr vergeben.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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