Der Pott – Tatort 217 #Crimetime 517 #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Pott #Ruhr

Crimetime 517 – Titelfoto © WDR, Klaus Primk

Von „Duisburg Ruhrort“ zu „Der Pott“ – die Definition des Lokalkolorits durch die Schimanski-Tatorte?

Der Pott ist hier zum einen eine Kasse für „wild(e) Streikende“ von 500.000 DM, zum anderen natürlich der Ruhrpott, und ganz gewiss macht es einen Unterschied, ob Lokalkolorit und Zeitgeist eher Beilage ist oder der eigentliche Star eines Films. Ersteres macht Tatorte zu Zeitdokumenten, Letzteres aber kann dazu führen, dass man das seltsame Gefühl hat, mitten in der Realität zu sein – und doch meilenweit davon entfernt. Vielleicht wünscht man sich auch, meilenweit davon entfernt zu sein. Denn der Niedergang des Ruhgebiets als Industrieregion nimmt ja kein Ende und zieht NRW runter und dieser Umstand wiederum hinterlässt aufgrund der Größe und Bedeutung des Potts Bremsspuren in der gesamten deutschen Wirtschaftsentwicklung. Anders ausgedrückt: Es gut weh zu sehen, wie wir mitten drin sind in dieser Entwicklung und wie sie heute gar kein Thema mehr ist, weil die großen Kämpfe alle vorbei und alle verloren sind. Heute gibt es andere, aber das ist ein anderes Thema und weiter zum Tatort geht’s in der -> Rezension.

Handlung

Der Arbeitskampf der Stahlarbeiter war der aktuelle Hintergrund für eine frei erfundene Kriminalgeschichte, die 1988 – mit Götz George als Kommissar Schimanski von der Kripo Duisburg – für die Tatort-Reihe produziert wurde: Ein Pott von einer halben Million Mark – Spenden für Arbeiter, die mit einer Betriebsbesetzung die Schließung ihres Werks verhindern wollen – verschwindet nach einem brutalen Raubüberfall; und kurz danach wird einer von ihnen, der Gewerkschaftsfunktionär Broegger, ermordet. Die Atmosphäre in Duisburg ist aufgeheizt, Spekulationen machen sich breit. Schimanski weiß, daß schnellste Aufklärung des Falles vonnöten ist.

Aber ausgerechnet jetzt hat ihn sein Freund und Kollege Thanner verlassen; er ist nach Bonn gegangen, in eine Nebenstelle des BKA. Schimanski holt sich deshalb einen jungen Kollegen aus dem Raubdezernat zur Unterstützung. Jo Wilms, selbst aus einer Arbeiterfamilie und mit denen, die auf so ungeheuerliche Weise betrogen worden sind, persönlich bekannt, stürzt sich mit Feuereifer in die Arbeit. Dennoch ist es Thanner, der von seiner höheren Position in Bonn Licht in das Dunkel bringen kann. Und was da zutage tritt, läßt ihn schleunigst wieder nach Duisburg zurückkehren.

Rezension

Aber es gibt ja immer neue und immer wieder stehen die Arbeiter danach schlechter da als vorher. Ob sie arbeitslos sind oder im Prekariat landen, der Industriestandort Deutschland ist nicht seit vielen Jahrzehnten alles andere als eine Erfolgsgeschichte und wir halten fest, dass per Saldo immer noch Industriearbeitsplätze verloren gehen, die nicht durch wackelige und minderwertige Dienstleistungsjobs aufgefangen werden können. Mich hat der Film trotz seiner launigen Übertriebenheit und einer gewissen politisch-sozialen Schräglage nicht kalt gelassen, und dabei sind wir noch gar nicht bei der Krimihandlung.

Der Stil von „Der Pott“ ist heute undenkbar, viel zu einfach und zu konkret – man vergleiche die Dortmund-Krimis des Teams Faber mit den Schimanski-Filmen und man kommt sofort dahinter, was sich verändert hat. Manches, was vor 30 Jahren absolut auf der Höhe war, wirkt heute beinahe zum Fremdschämen, aber wir haben es ja auch geschafft, uns ein großes Stück weiter von uns selbst abzuspalten, als es den einfachen Menschen im Ruhrgebiet damals möglich war – und das muss der Grund sein, warum die Lebenszufriedenheit trotz immer stärker anwachsender Unsicherheiten, Bedrohungen und einer immer deutlicher erkennbaren Sackgasse, die das aktuelle Wirtschaftssystem darstellt, (angeblich) zunimmt. In Berlin allerdings nicht, wie die jüngste Erhebung von 2016 zeigt. Und das ist absolut berechtigt und zeugt von einem vergleichsweise fundierten Realismus.

Manches an „Der Pott“ wirkt heute komisch, und manches von dieser Komik ist nicht freiwillig, wie zum Beispiel die Mutter Courage, die mit der Lore ausgekippt wird, anstatt dem Geld vom Pott, oder auch die Funktion des BKA. Man kann dem BKA viel nachsagen, aber sicher nicht, dass es anfängt, privatwirtschaftliche Strukturen auszubilden. Ob seine Intervention ins Geschehen im Pott so gar nicht denkbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Und die Musik von Rio Reiser und diese Solidaritäts-Performance zu Beginn sind teilweise peinlich. Nicht nur zeigen die Liedtexte etwas gar zu Naives und Unpoetisches, leider wird das auch noch verstärkt durch das Verhalten der Statisten, die teilweise – verblödet wirken, so muss man es leider schreiben. Indem sie sich verhalten wie bei irgendeinem Rockkonzert und nicht wie Leute, die um ihren Arbeitsplatz fürchten. So dezidiert die Regie ist, teilweise wird ihr gerade das zum Verhängnis, wenn es darum geht, den Pott so abzulichten, dass die Dimension des sozialen Dramas sichtbar wird.

Doch Konrad Adenauers Spruch, „Wenn die Ruhr brennt, reicht das Wasser des Rheins nicht zum Löschen“ hat sich nicht bewahrheitet. Die Industrie dort ist gestorben, ohne dass die Republik in Gefahr gekommen wäre und vielleicht war es das Schicksal des einst größten Industriereviers der Welt, das den Politikern einen wichtigen Hinweis gegeben hat: Man kann mit den Menschen beinahe unendlich viel Blödsinn anstellen, bevor sie sich so wehren, dass die Lobbyisten des Kapitals wirklich Furcht bekommen müssen vor jenem Proletariat, das sich in „Der Pott“ so seltsam authentisch-unauthentisch zeigt.

Kann man über die Schilderung des großen Ruhrkampfes noch geteilter Meinung sein, gilt das nicht für den Krimi. Schon in den 1980ern wurden Plots gebaut, die mehr als konstruiert wirken und doch vorhersehbar sind. Hätte Jo Wilms am Schießstand nicht so gnadenlos gut getroffen, wäre der Tatort Nr. 217 vielleicht nicht so schnell vom Whodunit zum Howcatchem geworden, was gewiss nicht beabsichtigt war. Aber auch da ist die etwas plumpe Inszenierung mitverantwortlich, die Mühe mit der Balance zwischen Zeigen und Verbergen hat. Womit wir bei den Schauspielern wären.

Miroslav Nemec, der heutige München-Ermittler Ivo Batic als junger BKA-Beamter in Zivil war sofort auszumachen. Er spielt hier noch nicht sehr prägnant, wird ian einer Stelle sogar richtiggehend recht unmotiviert und unelegant eingesetzt, als er in eine Szene stürmt, sieht aber schon einprägsam aus. Ganz anders bei Sabine Postel als als Ruhrtochter Vera, die ich nicht erkannt hatte, so sehr hatte sie sich wohl gerade zwischen 1988 und 1997, als sie Kommissarin Lürsen in Bremen wurde, verändert. Die dafür aber einen guten Part spielt und, könnte man sagen, wenn es sich um dieselbe Figur handeln würde, das erlebt, was später ihre politische Aktivität veranlasst, wenngleich diese mehr grün als rot wirkt.

Finale

Dass Thanner zum BKA abwandert, aber dort nicht lange verweilen wird, weil er Schimanski hilft und dadurch den Zorn seiner neuen Dienstherren auf sich zieht, sorgt für Kurzweil, aber auch dafür, dass die Stelle an Schimmis Seite frei wird und augerechnet von einem Mann besetzt, der den zu ermittelnden Mord begangen hat und sich selbst umbringen will, um den Pott der Streikenden durch die Auszahlung seiner Lebensversicherung zu ersetzen. Da die Lebensversicherung aber im Suizid-Fall nicht zahlt, muss er es so arrangieren, dass er von jemand anderem getötet wird. Das meine ich mit einem Plot, der auch nicht besser ist als die häufig überfrachteten, zerfaserten heutigen Handlungsgestaltungen.

Und das verschwitzte Ende in der Kneipe ist so ein Schimanski-Standard, den wohl nur derjenige kultig findet, der alles für Kult ansieht, was mit der Figur zu tun hat. Wir sind eben abstrakter geworden, auch was die Darstellung der Körperlichkeit angeht, nicht nur bezüglich des Verhältnisses zu unserem eigenen Schicksal. Aber die Musik ist von Rio Reiser, dem in Berlin gerade eine Straße gewidmet wurde. Der Kampf geht trotzdem weiter und die Transparente ähneln einander – das immerhin können wir drei Jahre nach dem Schreiben der Rezension im Wege ihrer erstmaligen Veröffentlichung ergänzen.

6,5/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Schimanski – Götz George
Thanner – Eberhard Feik
Königsberg – Ulrich Matschoss
Jo Wilms – Thomas Rech
Vera – Sabine Postel
Mutter Wilms – Angelika Hurwicz
Broegger – Horst Lettenmeyer
Struppek – Michael Brandner
Golonska – Guido Föhrweisser
Hugo Wilms – Wilhelm Thomczyk
Hoettges – Christoph Lindert
Hochmeier – Miroslav Nemec

Buch – Axel Götz
Buch – Thomas Wesskamp
Regie – Karin Hercher
Musik – Rio Reiser

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