Der Tag des Jägers – Tatort 649 #Crimetime 516 #Tatort #Frankfurt #Sänger #Dellwo #HR #Jäger #Tag

Crimetime 516 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Auf der Jagd bei Tag und Nacht

Waren das Zeiten, als in Frankfurt mehr oder weniger dilettantische Verbrecher versuchten, ans große Geld zu kommen. Manchmal umwerfend komisch oder trockenhumorig, wie ihre Versuche inszeniert wurden, aber am Ende der Brinkmann-Ära doch deutlich zu konventionell. Dann der Sprung ins 21. Jahrhundert mit dem Team Sänger-Dellwo, das nach wie vor zu unsern Favoriten gehört. Die Hinwendung zu moderner Bildgestaltung, zu wesentlich subjektiverer Darstellung der Charaktere, zu Polizisten, die mittendrin im Leben sind, nicht nur am Fall dran. Wie war’s dieses Mal mit den beiden, die sich durch Sozialdramen in Tatortform besonders hervorhoben? Die Rezension stammt aus dem  Jahr 2015, wurde aber bisher nicht veröffentlicht. Worauf dies hindeutet und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

In ihrem neunten Fall werden die HR-Ermittler Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) mit einem Mord konfrontiert, der eine Geiselnahme nach sich zieht; die beiden Kommissare versuchen fieberhaft, weitere Morde des flüchtigen Täters zu verhindern.

In einem Hinterhof wird ein Hausmeister erschossen, der früh morgens einen Laubbläser in Gang gesetzt hatte. Tatverdächtig ist ein Anwohner, der vor einiger Zeit von seiner Familie verlassen wurde; er hat nun einen Nachbarn als Geisel genommen und befindet sich mit ihm auf der Flucht. Die Polizei löst eine Großfahndung aus, denn es ist zu befürchten, dass der Täter noch weitere Morde begeht.

In Verhören mit der Ehefrau der Geisel und der Ex-Frau des Täters kommen Kommissar Fritz Dellwo und seiner Kollegin Charlotte Sänger Zweifel, was sich in der Nacht vor der Tat wirklich abgespielt hat. Ihr Vorgesetzter, Rudi Fromm, ist ihnen bei den Ermittlungsarbeiten keine große Hilfe. Durch private Probleme und den Polizeialltag zermürbt, scheint er große Zweifel am Sinn seiner Arbeit zu haben. Fromm zieht sich mehr und mehr zurück, einzig für van Boiten, einen Kommissar aus Belgien, scheint Fromm sich noch zu interessieren. Fritz Dellwo hingegen hält wenig von van Boiten, der mit seinem Buch über Täter-Profile internationales Renommee erlangt hat. Und auch Charlotte Sänger steht van Boiten eher skeptisch gegenüber. Dennoch gibt gerade er den Kommissaren am Ende einen entscheidenden Hinweis. 

Rezension

Die meisten Fälle des Hessen-Duos der 2000er haben wir mittlerweile rezensiert, umso größer war die Freude, dass der HR mit dem Tatort Nr. 649 mal wieder einen gezeigt hat, den wir noch nicht kannten. Wir haben aber nach dem Anschauen auch eine Ahnung davon, warum er nicht so häufig gezeigt wird wie einige Paradefilme, die seit dem Start unserer Tatort-Anthologie mehrfach ausgestrahlt wurden – obwohl sein Titel an einen großen Psychothriller von und mit Charles Laughton aus dem Jahr 1955 angelehnt ist („Die Nacht des Jägers“).

Es ist stets zu würdigen, dass der Hessische Rundfunk mit dem erdigen Hardrock-Hörer und der feinfühligen Tangotänzerin zur Krimi-Avantgarde in Deutschland aufgerückt ist, aber es kann selbstverständlich auch zu Übertreibungen kommen, zu Werken, die nach mehr gewollt als gekonnt ausschauen. Ganz sicher gehört „Der Tag des Jägers“ zu diesen.

Lärmempfindlichkeit anstatt Beziehungsnähe, Unmöglichkeit des nachbarschaftlichen Zusammenlebens in der Großstadt, Eskalation von Streitigkeiten, die von außen niemand schlichten kann oder mag, alles top und grundsätzlich realistisch. Wenn jemand das beurteilen kann, dann sicher wir, den wir gehören zu jenen, die möchten, dass Lärmbelästigung endlich als Umweltverschmutzung akzeptiert und dementsprechend geahndet wird. Auch in der Großstadt, wo sich 80 Prozent der Lärmeinwirkung mit ein wenig Rücksichtnahme vermeiden ließe (Verkehrskrach ausgenommen), ohne dass jemand dabei tatsächlich in der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit gestört würde. Und da wir auch Menschen mit Jagdschein kennen, stellen wir uns immer mal wieder vor, wie es wäre, das eine oder andere, besonders penetrant lärmige Subjekt mit einem Gewehr und aufgesetztem Zielfernrohr zur Ruhe zu bringen. Lärmlaubbläser nicht ausgenommen.

Aber warum würden wir das nie wirklich tun? Aus Angst vor den Konsequenzen? Vielleicht, aber sicher auch, weil wir uns, wie alle, die von irgendetwas genervt sind, irgendwann wieder einkriegen und in Extremfällen wie drittklassigen Musikfestivals und aufgrund der vielen Straßen häufigen Straßenfeste mitten in Wohnmischgebieten, aufgrund mancher Idiotie im eigenen Haus und den Nachbarhäusern dann mal Ohrstöpsel einsetzen. Wenn wir zum Beispiel einen solchen Beitrag wie diesen schreiben wollen und dafür etwas Ruhe benötigen. Meist ist aber Ruhe, wenn man es objektiv betrachtet. Doch, tatsächlich. Achtzig Prozent der Tages- und Nachtzeit sind mitten in der Hauptstadt recht angenehm  zu verbringen, wenn man nicht direkt an einer Hauptstraße wohnt.

Wir haben auch schon die unterschiedlichsten Nachbarschaftsverhältnisse erlebt, und uns natürlich gefragt, ob es vorkommen könnte, dass es mal in die Richtung geht wie zwischen dem Paulus und den Müritz und das letztlich verneint. Vor allem geht doch wirklich niemand ewig immer wieder zum Nachbarn, konfrontiert sich mit diesem, anstatt irgendwann die Hausverwaltung oder die Polizei oder das Ordnungsamt einzuschalten.  Besonders in Norddeutschland, wo die Leute bekanntermaßen stur sind, sind Nachbarschaftsstreits, die sich über Jahre zogen, auch schon tödlich geendet. Aber wir kennen nur Fälle, in denen es um Spießer mit einem Revierverteidigungsanspruch ging, der in der Großstadt obsolet erscheint.

Und kann jemand tatsächlich so hysterisch werden, weil es mit den Kindern und emotional nicht klappt, obwohl der Nachbar gerade dadurch unangenehm auffällt, dass er sein Verlassen-worden-Sein ein wenig sehr auslebt? Wäre da nicht eine gewisse Solidarisierung logischer, wenn man sich schon so gut  kennt? Eine Schuldverschiebung, die eine gemeinsame Basis schafft? Wenn jemand schon mit Jahrgangschampagner aufwartet.

Die Betonung des Jahrgangscharakters ist eine der vielen Übertreibungen des Films, die man, wenn man alles positiv sehen mag, auch als Stilelemente und Stilisierungen bezeichnen kann. Das Problem ist aber, dass unter dem Bombast der Inszenierung das Psychodrama erheblich leidet und sehr an Glaubwürdigkeit vermissen lässt. Die Rückblenden, die verschiedenen Erzählperspektiven bezüglich des Tathergangs à la „Rashômon“, das riesige Einsatzzentrum der Polizei mit den ungeheuer vielen Anwesenden, die alle halb aneinander vorbei oder aufeinander einreden und / oder dabei ebenfalls konfliktreich agieren, lässt den hohen Anspruch des Films aus jedem seiner Meter tropfen, doch denkt man sich allen Schnickschnack weg, bleibt wenig Substanz.

Vor allem muss ein Film, der ernsthaft psychologische Konflikte zwischen Menschen, die nicht  miteinander kommunizieren wollen, durchspielen will, es sich leisten, diese Lage vernünftig aufzubauen und nicht immer dann, wenn es drauf ankommt, zu fahrig und zu knapp zu werden und damit zu dokumentieren, dass in Wirklichkeit Unsicherheit über die Motive und Abläufe herrscht. Der wohl wichtigste Moment von „Der Tag des Jägers“, als Müritz schlussendlich auf den Laubbläser schießt, den konnte man aber nicht weglassen, und da zeigt sich das Problem am besten: Es ist zwar von einer Affekthandlung die Rede, aber es geht gar nicht um einen Affekt, sondern darum, dass eine Person eine andere proviziert, diese dann aber mit hinreichend Überlegung zur Waffe greift, dass man stets denkt, diese Person wirkt nicht so, als ob sie keine andere Wahl gehabt hätte oder gar nicht erst nachgedacht über das, was sie da tut.

Die besondere Psychologie des Jägers, die eine Rolle spielen könnte oder das Geschehen zuvor, in dem Frau Müritz eine entscheidende Rolle spielt, werden nicht so eingefangen, dass sich daraus mehr Schlüssigkeit ergeben könnte, alles wirkt einerseits überzogen, andererseits zu schwach, um einen Mord an einem vollkommen Unbeteiligten auszulösen. Die Entführung von Müritz durch Paulus ist dann erst recht seltsam, umgekehrt wäre logischer gewesen, weil Müritz den Paulus hätte als Geisel nehmen können, damit im Verfolgungsfall aus Angst um die Geisel nicht zugegriffen wird. So dachten wir uns die Situation im Auto auch zunächst, unter anderem, weil Paulus verwundet ist und fährt und Müritz frei auf dem Rücksitz herumturnt. Dazu kommt, dass die Rollen so besetzt sind, dass die Spielweise so gestaltet ist, dass man Müritz immer im Verdacht hat, der Täter zu sein, was letztlich zutrifft.

Finale

Theatralik und verschrobener Umgang einer großen Polizeitruppe miteinander machen noch kein tiefschürfendes Panorama moderner Kommunikationsstörungen, die nervlich so sehr belasten, dass daraus Morde werden oder die Aufklärung von Morden vor allem per Internet voranschreitet und dass damit gezeigt werden kann, wie eine Ansammlung disharmonisch agierender Intelligenzen dennoch zu einem superben, ständig in höchster Dichte voranreibenden Aufklärungsschwarm wird. Potenzial haben Thema und Schauspieler sicher, aber in „Der Tag des Jägers“ kann nicht dadurch glänzen, dass er das Bruchstückhafte moderner Beziehungen dadurch sichtbar macht, dass er selbst fragmentiert wirkt. Um das auf die Spitze zu treiben, hat man noch den belgischen Polizeipsychologen eingeführt, der hinter Charlotte Sänger her ist, ohne ersichtlich zum Erfolg zu kommen, weil sie zu hermetisch veranlagt ist. Da sie insgesamt dieses Mal eher zurücktritt, hat sie wenigstens die Aufgabe, besonders fremd zwischen viel weniger feinnervigen Menschen zu wirken, noch fremder als sonst.

6/10

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Charlotte Sänger – Andrea Sawatzki
Hauptkommissar Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf
Markus Paulus – Stephan Kampwirth
Ina Müritz – Marie-Lou Sellem
Susanne Paulus – Anica Dobra
Herr Müritz – Oliver Stritzel
Hermann van Boiten – Thierry van Werveke
Dr. Scheer – Thomas Balou Martin
Rudi Fromm – Peter Lerchbaumer
Jan Gröner – Sascha Göpel
u.a.

Buch und Regie – Niki Stein
Musik – Jacki Engelken, Ulrik Spies
Kamera – Arthur W. Ahrweiler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s