Der Chef (Un flic, F / I 1972) #Filmfest 73

Filmfest 73 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftMelvilles letzter Film

Der finale Film des Krimi-Meisterregisseurs Jean-Pierre Melville ist ein düsteres und konsequent geformtes Stück über Freundschaft, Verrat und den fragilen Zustand aller menschlichen Beziehungen.

Natürlich spielt Geld eine Rolle, Berufsethos, und der eingangs gezeigte Satz, ein Polizist könne den Menschen gegenüber lediglich Verachtung hegen. So verhält sich Alain Delon als Kommissar Edouard Coleman und demgemäß ist sein Begriff von Verbundenheit mit anderen ein relativer. Ober er seine Arbeit liebt? Jedenfalls hat er keine Illusionen und exekutiert im Dienst der Gerechtigkeit oder des Rechtes nicht anders als ein Gangster es nach seinen Wertvorstellungen tut.

Nur einmal erlaubt sich Delon einen sentimentalen Moment, hat der Film selbst einen solchen Moment, als er sich in der Bar des Gangsters Simon (Michael Crenna) ans Piano setzt und dabei die von beiden Männern begeherte Cathy (Cathérine Deneuve) erscheint. Doch dieser Moment ist nur eine Illusion von Romantik. Das spürt man, als alle drei kurz darauf an der Bar sitzen und die bedeutungsvollen Blicke zwischen den Personen Spannung und einen Konflikt suggerieren, der in irgendeiner vermutlich endgültigen Form gelöst werden wird.

Plottechnisch ist der Film nicht perfekt, das erstaunt ein wenig, angesichts der Meisterschaft, die französische Regisseure generell und Melville insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg im Krimigenre erlangt haben und formal ist er heute nicht mehr so ungewöhnlich, wie man es 1972 empfunden haben mag.

Trotzdem ein sehr guter und sehenswerter Film, der natürlich auch von der großen Präsenz der beiden Superstars lebt, die das französische Kino damals hatte: Alain Delon und Cathérine Deneuve.

Handlung

  1. Mit eiskalter Präzision überfällt der Gangsterboß Simon (Richard Crenna) mit drei Komplizen eine Bank. Sein Freund, Kommissar Coleman (Alain Delon), weiß von den kriminellen Aktivitäten Simons, konnte ihm aber bisher nie etwas nachweisen. Beide Männer lieben dieselbe Frau: Cathy (Catherine Deneuve), die Simon hilft, einen gefährlich gewordenen Komplizen zu ermorden. Doch durch die Identifikation des toten Gangsters kommen Coleman und seine Leute Simon endlich auf die Schliche (Zusammenfassung aus TV Movie online.)
  2. Im französischenKüstenort Saint-Jean-de-Montswird kurz vor Weihnachten eine Bank von einer Gangsterbande ausgeraubt. Verantwortlich für den perfekt ausgeführten Plan ist der Kopf der Bande namens Simon, der in Paris einen Nachtclub betreibt. Eben dort trifft er kurz darauf den Polizeikommissar Edouard Coleman, der ebenso intelligent wie skrupellos ist. Sie kennen sich schon lange, sind gute Freunde und respektieren sich, gleichwohl sie ein und dieselbe Frau lieben – Cathy.

Als Coleman erfährt, dass Simon einen noch größeren Coup plant und zudem in einen Drogenschmugglerring verwickelt ist, beginnt zwischen ihm und dem Gangster ein Duell auf Leben und Tod. Simon will mit seinen Komplizen Louis und Paul einen Zug überfallen, in dem eine rivalisierende Bande Drogen von Paris nach Lissabon schmuggeln will. Mit Hilfe eines Hubschraubers gelingt es Simon, die Drogen zu entwenden. Daraufhin plant er seine Flucht mit Cathy. Doch Coleman ist ihm bereits auf der Spur und tötet ihn schließlich vor Cathys Augen (Zusammenfassung aus der WIKIPEDIA).

Rezension

  1. Eine Ballade in Grünblau.

Wir wissen jetzt, wo manche Tatorte ihre reduzierte Farbgebung her haben. Amerikanische Filme waren hierbei nicht die Vorbilder, dort wurde selbst in düsteren Werken seinerzeit nicht mit einer solch einseitig blassen Tonung gearbeitet. Aber Melville traut sich das und wird damit stilbildend. Wenngleich man aus heutiger Sicht sagen muss, der Farbton ist zu grünlich-bläulich, etwas mehr ins Grau, insgesamt auch etwas weniger Belichtung hätte der Idee wohl noch mehr entsprochen. Trotzdem unterstreicht die kühle Farbgebung natürlich die Ambition des Regisseurs, kühles, verbrecherisches oder staatstragendes Kalkühl und insgesamt unterkühlte Menschen zu zeigen.

Es gibt Zweckgemeinschaften in Form von Polizeidienststellen und Gangsterbanden, es gibt auch Ansätze von Freundschaft, aber das ist nichts, was durch dick und dünn trägt. In dem Moment, wo es um Geld geht oder ums Recht oder die Berufsehre, endet die Freundschaft ohne Bedauern. Besonders der Kommissar namens Edouard Coleman (Alain Delon), der die Menschen spürbar verachtet, ist ein kalter Profi mit Aufgaben. Sehr schön wird das symbolisiert durch das Telefon, das immer wieder klingelt, während er im Auto unterwegs ist und das ihm jedes Mal von seinem Assistenten gereicht wird. Ein Mechanismus von Unterwerfung und von immer gleichen, emotionslos aufgenommenen und ausgeführten Aufträgen gleichermaßen.

Eine kleine Durchbrechung gibt es. Nachdem Coleman seinen Freund, den Gangster Simon, erschossen hat, sitzt er wieder mit seinem Assistenten im Wagen, nimmt wieder ein Telefonat für den nächsten Einsatz entgegen. Dann aber, in der letzten Szene, geschieht das nicht mehr. Die beiden sitzen nebeneinander und das Telefon klingelt, ohne dass der übliche Mechanismus in Gang kommt. Darin sollte man aber keine beginnende Auflösung der Strukturen oder der professionellen Einstellung des Kommissars sehen, sondern lediglich einen Moment des Innehaltens und ein Gefühl, dass all diese Arbeit nur noch Ekel erregt und man sich davon für einen Moment der Stille freimachen will.

Vielleicht ist da aber auch noch ein Moment des Bedauerns, weil Coleman Simon nicht zwangsläufig hätte erschießen müssen. Er gibt Notwehr vor, aber sein Kollege ist zurecht skeptisch. Da könnte es einen Augenblick mit der Möglichkeit zu echter Emotion gegeben haben. Es wirkt ein wenig, als wenn Coleman zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte – die Verbrecherbande um Simon stillzulegen und ihn als Person zu beseitigen, damit er nicht mehr zwichen ihr und Cathy stehen kann – sie ist in der Szene auch zu sehen und verhält sich vollkommen indifferent. Man weiß nicht, wie diese Sache zwischen ihr und Coleman weitergehen wird.

  1. Die coolsten Stars

Niemand, zumindest in Europa, hätte damals die Rollen von Coleman und Cathy besser spielen können als Delon / Deneuve. Als „Samourai“ und in vielen Rollen seit „Plein soleil“ (1959) in der Rolle des talentierten und äußerst kaltblütigen Tom Ripley hat Delon sich ein hochgradig cooles Image erspielt, auch wenn es immer wieder Filme gab, in denen er davon abgewichen ist (wie etwa in „Les aventuriers“ (1966) mit Lino Ventura). Und Cathérine Deneuve hatte als „Sirène du Mississippi“ (1969) die kühle Vollendung dessen vollzogen, was sie mit „Belle du jour“ (1966) begann: Eine schöne, unnahbare und vollkommen undurchschaubare Frau zu sein.

Dieses Tableau funktioniert beinahe wie von selbst als das, was Melville intendiert in seiner graugrünen Ballade intendiert hat. Im Fall von Deneuve sogar so, dass sie kaum etwas sagen muss. Allein ihre hellblonde, kühle Sinnlichkeit lässt die Luft in der Bar knistern, als das Dreieck Coleman-Simon-Cathy als verhängnisvolle Shakespeare-Konstellation installiert wird. Zwei Männer, eine Frau und keine Möglichkeit, sich zu arrangieren, auch wenn es zunächst so wirkt.

Auch Delon ist eher schweigsamer Natur, aber als Hauptfigur doch etwas mehr zum Dialog gefordert, um nicht zu stilisiert zu wirken. Dafür ist er von einer berechnenden Gewalttätigkeit, die den Verrat als selbstverständlich voraussetzt, wie man an seinem Verhalten gegenüber dem Transvestiten Gaby (Valérie Wilson) sieht, den er erpresst, um ihn als Informant nutzen zu können.

Auf der Gangsterseite sieht es nicht wesentlich anders aus. Als bei dem eingangs gezeigten Überfall einer der Bankräuber verletzt wird und in Paris im Krankenhaus liegt, wird er identifiziert und als die anderen merken, dass Coleman sein Netz enger zieht, bringen sie ihn um, damit er nicht reden kann. Und es  ist die schöne Cathy, die diesen unglaublich heimtückischen Mord ausführt. Grandios dabei ihr Mienenspiel. Ein wenig Angst, ein wenig Schauder, aber ein Mehr an Faszination und Gier. Wer bewegt schon so sinnlich die  Unterlippe, während er einem anderen Menschen eine Giftspritze setzt?

Gar keine Frage, der Regisseur Melvielle verbittet sich jede Identifikation mit den Figuren und vor allem die Sympathie mit den Gangstern, die zu vielen französischen Filmen des Genres gehört wie der Eiffelturm zu Paris. Das Band ist zerschnitten, das Komplott zwischen dem Zuschauer einerseits und den gesetzlosen Typen auf der anderen Seite, diese Allianz, die ein Jean Gabin mit seinen immer auch menschlichen Figuren so trefflich zu schmieden wusste, ist zerstört. Das Ende dieser Allianz hat er selbst allerdings mit Rollen in Filmen wie „Le clan des Sicilièns“ (1969) mit inszeniert. Was also ein Chabrol auf der ebene der Kritik an der besseren Gesellschaft gezeigt hat, individualisiert Melville auf Charaktere, die jeder für sich stehen und in letzter Konsequenz niemandem verpflichtet sind außer sich selbst – gleich, auf welcher Seite des Gesetzes sie stehen.

  1. Der Film formal und konstruktiv

Die Eingangsszene ist berühmt geworden. Eine Szene am Meer. Neubau reiht sich an Neubau. Leere Parkplätze. Regen und Sturm. Eine Bank. Ein großes Gangsterauto, das langsam quer zu den Parkplätzen auf die Bank zufährt. Ein Raub nach üblichem Muster. Die Symbolik der leeren, gesichtslosen Neubauten ist so klar, als würde hellste Sonne auf die Motive von Regisseur Melville scheinen. Alles wirkt kalt und leer und so sind die Menschen, denen wir hier begegnen und im weiteren Verlauf des Films begegnen werden, auch der Polizist Coleman entspricht dem Schema.

Gleichzeitig liegt in diesem Szenario aber auch ein formaler Mangel, beinahe zu banal, um ihn zu erwähnen. Wo kommen die anderen Kunden her, die sich in der Bank befinden und die Räuber zwingen, sich ein wenig aufzuhalten und nicht sich nicht sofort ans Ausrauben zu machen? Es steht weit und breit kein weiteres Auto, trotzdem sind die Bankräuber nass, von wenigen Schritten aus ihrem Wagen bis zur Bank, die anderen Kunden aber trocken. Da wurde zugunsten der Stilisierung die Logik drangegeben und das ist generell schade. Klar, anders hätte man entweder die Szene nicht so gut ausdehnen und wiederum stilisieren können – oder man hätte dieses Szenario der gesichtslosen Leere, die zuvor gezeigt wird, aufgeben bzw. relativieren müssen.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt ist der Überfall auf den Drogenkurier, also die Sequenz über dem Zug und im Zug. Was den Regisseur und den Drehbuchautor geritten hat, eine so auf den ersten Blick spektakluäre, auf den zweiten aber amateurhaft gefilmte Szene zu entwickeln, lässt sich nur unscharf nachvollziehen. Diese Sache mit der Modelleisenbahn und dem Hubschrauber-Modell, die wirkt alles andere als kühl-professionell, zumal es selbstverständlich andere Möglichkeiten gegeben hätte. Zum Beispiel, einfach wie ein ganz normaler Passagier irgendwo zuzusteigen, wo nicht gerade Polizisten am Bahnhof stehen – und an der nächsten Station nach dem Kofferwechsel wieder aus. Auch, dass derjenige, der den Kurier überfällt, sich ihm unmaskiert zeigt, ist nicht gerade die hohe Kunst. Die Sache mit der Entriegelung der Abteiltür per Magnet hingegen mehr als das: eine Finess, die vermutlich physikalischer Überprüfung nicht standhalten würde.

Die ganze Sequenz schwächt die ansonsten sehr dichte Konzeption des Films. Vermutlich soll damit ein ausgeklügeltes, rein technisch orientiertes Verfahren gezeigt werden, das Präzision suggeriert und damit Verbrecher mehr oder weniger als Maschinen. Der Aufwand ist aber sehr hoch und das Geschehen wirkt begrenzt glaubwürdig.

Wie am Ende Coleman zur Stelle ist, als Simon mit Cathy fliehen will, ist zumindest nicht erklärt. Man kann höchstens vermuten, dass in der Telefonzentrale das betreffende Gespräch zwischen den beiden doch noch „gefunden“ wurde, zunächst hat es nicht den Anschein und der Versuch wirkt wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Dann gibt es diese seltsame Szene, in der Cathy länger am Telefon bleibt, als es im Grunde nötig gewesen wäre. Dass sie damit der Polizei die Gelegenheit geben wollte, das Gespräch zu erfassen, wäre aber doch sehr hoch gegriffen.

Finale

Jean-Pierre Melvilles letzter Film war nicht sein bester, hat einige schwache Momente und sogar Längen, ist mittlerweile absorbiert auf die Weise, dass die Stilmittel längst nicht mehr ungewöhnlich sind. Im Kontext der Zeit ist es aber ein guter Film, nicht zuletzt wegen der Schauspieler. Zudem, die Aussage bleibt: Freundschaften sind in den Milieus, die sich auf der einen oder der anderen Seite des Gesetzes mit dem Verbrechen beschäftigen, fragil. Geld an sich ist nichts, wenn es nur dazu dient, die innere Leere zu füllen. Ein Job ist nichts, was befriedigt, auch wenn man noch so gut darin ist, wenn er nicht mit diesem Rest Idealismus unterlegt ist, mit einem  Schuss romantischer Verklärung, der im Film nur ein einziges Mal aufblitzt – als Alain Delon am Piano spielt. Ansonsten aber ist alles dem Zweck untergeordnet, vor allem der Umgang mit Menschen. Der Zweck aber steht für sich selbst, nicht für etwas Größeres.

75/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jean-Pierre Melville
Drehbuch Jean-Pierre Melville
Produktion Robert Dorfmann
Musik Michel Colombier
Kamera Walter Wottitz
Schnitt Patricia Nény
Besetzung

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