Dunkle Zeit – Tatort 1039 #Crimetime 520 #Tatort #HH #Bundespolizei #Falke #Grosz #NDR #Zeit #dunkel

Crimetime 520 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Rechts voran

Das war mal wieder ein interessanter Tatort, ich finde sowieso, dass das Jahr 2017 nicht ganz so schlecht ist, wie es mittlerweile von den Fans beim Tatort-Fundus bewertet wird. Natürlich kann ein solcher Film nicht die politische Welt und alle Narrative aller Populisten und wo sie herkommen, erklären. Und alles bleibt oberflächlich und klischeehaft – wenn man sich häufig mit diesen Themen auseinandersetzt, muss man das so empfinden. Aber mich hat die Darstellungsweise, die hier gewählt wurde, doch überrascht. Warum das so war und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Weil Nina Schramm, die Fraktionsvorsitzende der „Neuen Patrioten“, immer häufiger Ziel von Hass-Posts und Morddrohungen wird, werden Falke und Grozs zu ihrem persönlichen Schutz abgestellt. Zum Leidwesen seiner Kollegin machen Falke und die Rechtspopulistin keinen Hehl aus ihrer gegenseitigen Abneigung. Als Schramms Wagen durch eine Explosion zerstört und dabei ihr Ehemann Richard getötet wird, melden rechte Netzwerke den Anschlag eines „linken Mobs“ und werfen der Polizei vor, tatenlos zuzuschauen. Für die Ermittler ergeben sich allerdings Ungereimtheiten in der medienwirksamen Kampagne der Rechtspopulisten, zumal im Hintergrund offensichtlich der Staatsschutz mitmischt. 

Rezension

Drehbuch und Regie in einer Hand – von Niki Stein. Bei ihm ist es wohl ein Vorteil, dass er seine eigenen Drehbücher umsetzen kann, weil dadurch ein stimmiger Gesamteindruck und –ausdruck entsteht. Stimmig heißt aber nicht, dass man mit diesem Tatort so einfach ins Bett gehen kann. Okay, ich habe ihn gestern so spät angeschaut, dass mir gar nichts mehr anderes übrig blieb, eigentlich war es heute früh.

Einige Kritikerstimmen habe ich nun auch gelesen und ich glaube, ich habe einen anderen Film gesehen als viele von ihnen. Niki Stein steht sicher nicht im Verdacht, rechtslastig zu sein, aber es war doch irritierend, wie die Hauptfigur Nina Schramm ausgearbeitet wird. Sie ist sicher mehr Frauke Petry von der AfD nachempfunden als Alice Weidel, der aktuellen Spitzenfrau, denn der Film wurde im Mai und Juni 2017 gedreht, als Petry noch nicht das Weite gesucht und gefunden hatte. Das Blöde ist dabei aber vor allem, dass sie von Anja Kling so gespielt wird, dass man irgendwann den Wunsch hat, sich ernsthaft mit deren Argumenten zu beschäftigen. Und da gab es gleich mehrere heiße Eisen, von denen ich eines herausgreifen möchte, von dem ich glaube, dass es leider stimmt. Dass man es zur Förderung von Ressentiments einsetzen kann, ist eine andere Sache, aber der Grundgedanke ist alles andere als abwegig.

In mir hallt diese Aussage wider, dass die Deutschen Millionen von Geflüchteten ins Land lassen, weil sie den Zweiten Weltkrieg noch nicht verkraftet haben. Ganz sicher ist das so. Ganz sicher gibt es dabei auch eine nationale Besonderheit, nämlich es nie groß und extrem genug bekommen zu können, das  hat sich im Negativen im Faschismus gezeigt und wird jetzt durch die leider absurde Idee gespiegelt, dass man die Probleme der Welt damit lösen kann, dass man die ganze Welt nach Deutschland kommen lässt. Da ich mit einigen Menschen aus der Bewegungslinken Kontakt habe, kenne ich diese Position, dass die Grenzen komplett geöffnet werden sollen, womit auch das Asylrecht obsolet wäre. Ich kann nicht in die Köpfe anderer schauen, aber diese Art von Extremismus macht mir genauso viel Angst wie der Rechtsextremismus, der durch solche Einstellungen natürlich befördert wird. Es ist etwas in diesem Volk, das nie die sinnvolle und den eigenen Kräften entsprechende Mitte findet, und das finde ich in der Tat beängstigend.

Soviel zum Thema „Angst“, das ja auch mal zwischendurch thematisiert wird. Auf eine ziemlich klischeehafte Weise übrigens, gerade der Part der linken Autonomen hätte eine bessere und härtere Darstellung verdient gehabt. Der Sommer 2017 lässt in diesem Tatort, der in HH spielt, zwar grüßen, der G20-Gipfel mit den zugehörigen Ausschreitungen fand ja kurz nach dem Dreh des Films statt und einige Szenen kamen mir daher verblüffend realistisch vor. Das covert aber nicht, dass ich mich als Mitglied einer linken Partei dagegen wehre, dass den Autonomen, die man nie erkennen kann und bei denen ich den Verdacht habe, es sind einige Agents Provocateurs darunter, einfach das Etikett links angeheftet wird. Klar, das Hauptthema des Films sind die Rechten und 90 alles Wesentliche dazu in 90 Minuten unterzubringen, ist kein Ponyhof.

Es mangelt dem Film bezüglich der Darstellung der Rechten jedoch nicht an Differenzierung, dazu ist die Hauptrolle Nina Schramm zu gut besetzt, dazu erkennt man einige Herren aus dem rechten Spektrum entweder als Prototypen (der Professor als Überbleibsel der aus der einstigen Euroskeptiker-Partei AfD) oder als Individuen zu gut wieder. Übersteigerungen inbegriffen, wie den Generalsekretär-Manager und einige handlungsseitige Fiktionen. Ich habe beim Googeln keine Mogelei mit Geldern durch die Fraktion im Europaparlament bei der AfD gefunden und einen politisch motivierten Mord gab es in ihren Reihen nach meinem Wissen auch noch nicht. Da hat Stein das Hauen und Stechen, das in der AfD besonders deutlich hervor tritt , einfach mal weitergedacht. Die Rechten werden hier also nicht über ihre Argumente, sondern über ihr Verhalten diskreditiert, und das ist ziemlich tricky. Weil das Verhalten ja nichts an den Argumenten ändert, die in der Welt herumschwirren und nicht an bestimmte Personen gebunden sind. Es hilft natürlich, wenn Personen wie Schramm sie vertreten. In einer Sache ist Stein bei ihr dann sogar politisch gewandert. Er hat zwar ihre finanzielle Situation anders dargestellt als die von Frauke Petry, vielleicht damit kein Mitleid aufkommt, aber der General und die parteipolitische Frontfrau, das hat mich doch sehr an Petra Kelly und Gerd Bastian erinnert, in der AfD hingegen gibt es eine solche Konstellation zumindest nicht unter den Spitzenpolitikern.

Was wir noch haben und was gut gezeigt wurde: Wie rechte Hetzer im Netz nach der Macht greifen, indem sie eine Partei wie die AfD immer mehr nach rechts manipulieren wollen, insbesondre beim smarten Generalsekretär und beim rauen Publizisten merkte man das Symbiotische und den Teufelskpakt, der in ihrer Zusammenarbeit steckt – die ja auch zu dem Attentat auf den Ex-General Richard Schramm führt. Schade übrigens, dass Udo Schenk in dieser Rolle nur so kurz zu sehen war, auch er hat seinen Part wieder sehr gut gespielt und das Dreieck Schramm, Schramm, Reinders (Ben Braun) fand ich spannend, gerade, weil es im politischen Raum angesiedelt ist. Weiterhin haben wir gefakte Videos, der ganze normale Wahnsinn, seit es Sinn ergibt, solche zu erstellen, seit also jeder im Netz alles publizieren kann, was er mag und damit sogar Wirkung erzielen kann. Trotzdem mag ich wiederum das Netzdurchsetzungsgesetz nicht, denn durch das Ding, dass unsere Medienwahrnehmung mehr geschult und kritischer werden muss, da müssen wir eben durch, die From der Überwachung und Regulierung von oben, wie sie immer mehr um sich greift, hilft nur, die Demokratie weiter abzubauen – und wem wird das nützen?

Man sieht, der Tatort 1039 regt zum Nachdenken an, und es ist für jeden, der die Dinge wirklich reflektieren will und sich prüfen möchte und sich schlichte ideologische Positionen, egal welcher Richtung, nicht gewährt, schwierig, eine klare Haltung zu dem Film zu finden, und für Menschen, die es auf der Ebene angehen, ist es vielleicht auch so gedacht. Auch hierzu ein Beispiel: Falke erzählt aus seiner Jugend und ich dachte, gut, dass ich keine solche Jugend hatte und nicht in einem solchen Viertel aufgewachsen bin, zeichnet dann ein rührendes interkulturelles Bild und Schramm macht ihn dann mit einem einzigen Satz mundtot, der vielleicht gar nicht gelogen ist. Viele Kritiker des Films haben einige Szenen komplett anders gesehen als ich und es ist ein Verdienst von „Dunkle Zeit“, dass das offenbar geht und dass man sowohl auf den Narrativen sitzen bleiben kann als auch individuell jede einzelne Aussage prüfen und sie in Wahres, Halbwahres, Unwahres und vor allem, wie mit all dem populistisch umgegangen wird, unterscheiden kann.

Man kann zum Beispiel Schramms Aussage, dass in HH mehr als 50 Prozent aller Delinquenten Ausländer_innen sind, ganz unterschiedlich interpretieren. Sie verwendet sie gegen die Migrant_innen, ich stehe auf einer hoffentlich sachgerechten Position: Bevor wir jährlich mehr Menschen aus anderen Kulturkreisen aufnehmen, als in Deutschland in der gleichen Zeit Kinder geboren werden, sollten wir uns mal mehr um die kümmern, die schon da sind und mehr miteinander interagieren – und das ist es, was Falke individuell, als Jugendlicher, sozusagen in der Diaspora im türkisch geprägten Umfeld aufgewachsen,  getan hat und was man mit Schlagworthretorik und Generalisierung natürlich immer kontern kann. Aber die Fakten zum Kontern müssen ja da sein, sonst wären die Rechten leicht als Scharlatane zu entlarven. Und wenn die Fakten da sind, weisen sie auf Missstände hin, denen wir mit mehr Engagement und Phantasie begegnen müssen als bisher – und mit einem gewissen Augenmaß, denn es nützt nichts, dass eine Minderheit sich ethisch repräsentiert fühlt, die Mehrheit aber nicht mehr mitgenommen werden kann.

Finale

Ach ja, ein Krimi ist „Dunkle Zeit“ ja auch. Okay, die Überzeichnung der Parteieintrigen hin zum Mörderischen gibt dafür die Grundlage her, und ich fand den Film spannend, obwohl mir von Beginn an klar war, es konnte nicht die „Autonomen“ gewesen sein – aber ich hatte auch das Gefühl, die Ehefrau ist nicht selbst in die Sache verwickelt, also blieb nur der Parteimanager. Vorhersehbarkeit hat mir ausnahmsweise keine Langeweile ausgelöst, denn mich hat interessiert, wie und mit wem er das gedeichselt hat und – die Motivation. Wegen Frau Schramm? Die hatte er doch auch so schon, alles war arrangiert. Dieses Mal waren es wirklich politische Gründe, Enthüllungen, die der Ex-Militär angekündigt hatte, weil er gesehen hat, was zwischen seiner Frau und dem Smartie läuft, das ist stimmig, auch dieses Ausgreifen zu den ganz Rechten hin kann ich mir gut in der Realität vorstellen, das geht sogar etwas in Richtung NSU.

Beim letzten Tatort von Grosz / Falke („Böser Boden“) gab es einige Kritik auch an deren Darstellungen, ich habe das damals schon anders gesehen und mehr den Fall selbst kritisiert, fühle mich jetzt bestätigt, die beiden passen zueinander und wirken glaubwürdiger als viele andere aktuelle Teams. Und weil auch die interne Spannung hochgehalten werden muss, erfährt man nun die Vornamen der beiden, einiges aus ihrer Geschichte, die Jugend bei Falke, den Afghanistan-Hintergrund bei Grosz, aber duzen geht noch nicht.

Das Hauptthema der Rechten ist die Flüchtlingspolitik. Im Film wie in der Realität. Dort, wo ich politisch zuhause bin, gibt es auch gerade eine Diskussion über dieses Politikfeld und leider wird es auch dazu verwendet, persönliche Kämpfe auszutragen, das hat schon Ähnlichkeit mit dem, was bei den Rechten abläuft, Querfront quer, sozusagen, aber die Linie verläuft in der Sachdiskussion zum Gleück nicht dort, wo sie etwa zwischen Falke und Schramm verläuft und wie er merkt, dass die Polizei, der Staat, der Schutz, den er gewährt oder nicht von den Rechten, aber auch von einigen Linken, in der Realität, manipulativ in die politische Schlacht geworfen werden. Eines aber tut der Film über die ganze Zeit hinweg nicht: Nirgendwo wird angedeutet, dass Nina Schramm nicht wirklich an das glaubt, was sie sagt, also bewusst alles das nur manipulativ einsetzt. Macht es das besser? Nein, sondern eher schwieriger.

Eine bessere Bewertung als die untenstehende habe ich dieses Jahr noch nicht für einen neuen Tatort abgeben.

8,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Oberkommissarin Julia Grosz – Franziska Weisz
Kriminaldirektorin Luisa Salvoldi – Clelia Sarto
Parteivorsitzende Nina Schramm – Anja Kling
Ehemann Richard Schramm – Udo Schenk
Prof. Gerhard Schneider – Patrick von Blume
Peter Roman – Wilfried Hochholdinger
Staatsschutz-Kollege Rutemöller – Nils Dörgeloh
Generalsekretär Benjamin Reinders – Ben Braun
Einsatzleiter SEK – Andreas Christ
SEK-Mitarbeiter – Ebba Ekholm
Paula Naumann alias Eva Kahlbauer – Sophie Pfennigstorf
Vincent Mark – Jordan Dwyer
Mutter Frauke Mark – Vivian Mahler
Torben Falke – Levin Liam
Journalistin – Tatiana Nekrasov
Reporter – Frank Knoche
Reporter – Klaus Frevert
Politikerin beim TV-Duell – Melanie Struve
Pächter Storz – Andreas Anke
Döner-Verkäufer – Aleksan Cetinkaya
u.a.

Drehbuch – Niki Stein
Regie – Niki Stein
Kamera – Clemens Messow
Schnitt – Jochen Retter
Szenenbild – Thomas Freudenthal
Ton – Benny Schubert
Musik – Jacki Engelken

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