#Mieterpost 26 „Wir bauen unseren Weg zur Hölle“: Geschichten von Gentrifizierung auf der ganzen Welt (Guardian Report) #Mietenwahnsinn #Gentrification #Mietendeckel #wirbleibenalle #WohnenistMenschenrecht

Eigentlich war dieser Streifzug durch die weltweite Gentrifizierung für die erste kleine Jubiläums-Mieterpost (Nr. 25) vorgesehen, aber eine Mitteilung des Berliners Senats zum Umwandlungsgeschehen in der Stadt machte uns einen Strich durch die Rechnung, weil wir sie aus Gründen der Aktualität vorziehen wollten.

Thematisch hat es aber gepasst, denn Umwandlung bedeutet in vielen Fällen Verdrängung. Und Verdrängung hat tausend Gesichter und die Menschen, über die vom Guardian in der Reportage „Wir bauen uns den Weg zur Hölle“ berichtet wird bzw. deren Stimmen zu Wort kommen , haben durchaus unterschiedliche Tonlagen, doch Gentrifizierung ist die Gesamtüberschrift. 

Die Reise beginnt in Amsterdam. Ein Innenstadtbewohner berichtet, wie sein Viertel gentrifizierungskonform umbenannt wurde und er findet es falsch, dass Knappheit am Wohnungsmarkt beklatscht wird – von jenen, die von dieser Knappheit profitieren. Sozialwohnungen werden von der Stadt verkauft, Protestaktionen führen nicht zum Erfolg, Wartezeiten auf Wohnungen steigen in einem zunehmend neoliberal organisierten Markt ins Unermessliche. „Im Allgemeinen ist die Miete mit Mietobergrenzen leichter zu kontrollieren als die Immobilienpreise“ heißt es unter anderem und die hohen Preise machen den Erwerb von Eigentum unmöglich.

Einige Städte in den Niederlanden hatten bis zu 50 Prozent Sozialwohnungen, jetzt wird privatisiert. Zumindest zum Layout der aktuellen Regierung der Niederlande, würde es gut passen, den Staat seiner Handlungsmöglichkeiten zu berauben, dafür aber EU-Partnern mit Konditionen für Firmenansiedlungen ans Schienbein zu treten, die man mit Fug als Wettbewerbsverzerrung bezeichnen kann und die der Administration weitere Einflussmöglichkeiten raubt.

In Montreal gibt es Gewerbe-Gentrifzierung, die zu einer etwas kurios anmutenden Begrenungsregelung für neue Gastronomie führt, aus dem Silicon Valley wird berichtet, dass eine Mieterhöhung von tausend Dollar pro Monat keine Seltenheit darstellt. Es wird berichtet, wie z. B. Googles Anwesenheit in Mountain View zu Preisexplosionen führt und außerdem zu wenig Eigenheime gebaut werden können. Es gibt dort einen echten Arbeitsplatz-Boom. Über die Nachhaltigkeit dieser Form der Digitalökonomie haben wir unsere eigenen Ansichten, aber bereits in einem anderen Bericht darüber geschrieben, wie die Gentrifizierung in diesem Teil der USA dazu führt, dass arbeitende Menschen keine Wohnungen mehr haben und in Autos und Mobilhomes übernachten.

Für dortige Verhältnisse wohl sensationell: Eine Petition, die ein Mietkontrollgesetz bewirken soll, hat schon 7.311 Unterschriften.

Aus dem idyllischen Bath in Großbritannien hören wir: „Die Menschen, die von der Stadt gebraucht werden, brauchen ein Zuhause. Ein privater Projektierer will über 500 Sozialwohnungen abreißen und Mieter*innen werden keinen Ersatz zu ähnlichen Preisen finden. Vor allem wird die krankmachende Zerstörung einer offensichtlich gut funktionierenden Nachbarschaft beklagt: „Was wird Bath tun, wenn die Müllmänner, die Kellner, die Köche, die Krankenschwestern, die Tagesmütter und die Wiederverwerter gezwungen sind, außerhalb dieser teuren Stadt zu leben? Am Ende wird die Gentrifizierung zu großen sozialen Unruhen führen, und wir alle – arm und reich – werden die Konsequenzen tragen müssen“, sagt eine Bewohnerin.

Lissabon: Kaum hat sich Portugal als eines der wenigen Länder des europäischen Südens nachhaltig von der Krise des Jahres 2008 erholt und gilt als sozialdemokratisches Modell, wie man jene Krise meistern konnte – da hören wir aus Lissabon, wie die Gentrifizierung als Kollateralschaden bezeichnet wird. Als Side-Effect der zunehmenden Prosperität der Hauptstadt. Immobiliendienstleister bezeichnen darum auch Lissabon noch vor Berlin als europäische Stadt mit dem größten Potenzial für Immobilieninvestments. Bei einem freilich um einiges kleineren Markt, der schnell verstopft sein kann – was die Preise erst recht weiter steigen lässt. Die Stadtregierung, aber auch die Landesregierung, täten nichts, um die Gentrifizierung zu bremsen, vernehmen wir. Vermutlich ist sie in Portugal wirklich noch ein recht neues Problem, zumal der Tourismus dabei eine große Rolle zu spielen scheint. Den gibt es schon lange, aber ein plötzlicher Boom hat andere Voraussetzungen als eine gesunde, nachhaltige Entwicklung. Eine der wenigen nicht rechten Regierungen in Europa sollte es sich mit den Wähler*innen nicht verscherzen und sie besser vor unbegrenztem Mietenauftrieb schützen.

Aus Newcastle in England erhalten wir ein differenziertes Bild. Die Stadt war vor 25, noch vor 15 Jahren offenbar kein schöner Platz zum Leben, aber auch dank Einwanderung hätten sich die Zustände verbessert, sei die Kriminalistätsrate gesunken, das öffentliche Leben gestärkt, die Stadt sauberer – und auch ein wenig gentrifiziert worden. Der Berichterstatter aus Newcastle sieht ein Dilemma: Keine Gentrifizierung wäre auch ein möglicher Rückfall in die Trostlosigkeit. Deshalb möchte er, dass Städte sich sowohl regenerieren als auch inklusiv sein können. Wir meinen aus Berliner Sicht, es geht nur ein Kompromiss. Eine glattgeleckte Capital City vereinbart sich nicht mit Inklusion. Inklusion ist bunt, nicht immer ästhetisch im bürgerlichen Sinne und zu vielfältig, um immer den kulturellen Idealen des Mainstreams zu entsprechen.

In Chicago gibt es zivilen Ungehorsam und von oben gewollte Gentrifizierung – die Stadt soll ein Mitspieler im Rennen um Touristen aus aller Welt sein und Bewohner der Northwestside erzählen, man kann über Chicago heute nicht sprechen, ohne über Gentrifizierung zu sprechen. „Building a new Chicago“ ist hingegen das Motto des Bürgermeisters, als wenn es bisher keine Stadt gäbe. Vielleicht ist das ein Anklang an das große Feuer, das 1871 weite Teile der legendären Heimstätte der Schlachthöfe und – später – der Gangster zerstörte. Chicago ist heute das drittgrößte Wirschaftszentrum der USA und das neuntgrößte weltweit. Seit den 1990ern wächst die Bevölkerung nach einem langjährigen Rückgang durch Wegzug in die Vororte wieder.

Auch in Buenos Aires, wie in anderen Beispielen, von denen wir schon gelesen haben, drücken Touristentröme und Hochpreisobjekte die normale Bevölkerung aus angesagten Quartieren wie Palermo – vor allem Familien sind betroffen.

Nun sind wir auch mit diesem Beitrag in Berlin angekommen. Sehr interessant, was hier dargestellt wird: Durch noch relativ niedrige Preise sei es für Mieter attraktiv, an Unternehmen wie AirBnB weiterzuvermieten und dabei einen erheblichen Profit zu machen. Wenn das so ist, mieten wir vielleicht auch noch ein paar Wohnungen an. Wir dachten bisher, AirBnB sei vor allem ein Modell für clevere Eigentümer, die auf Zweckentfremungsabwegen einen schnellen Euro machen. Aber es ist auch bis zum Guardian vorgedrungen, dass „Rent Caps“ und Kontrollen von AirBnB-Wohnungen bisher aus technischen Gründen nicht überragend gut durchgesetzt werden. Vielleicht kann man technisch auch mit Personalmangel und Unwillen der Politik übersetzen.

In Somerville in Massachusetts ist man schockiert über zehnprozentige Immobilienpreissteigerungen pro Jahr. Die Bewohner sollten einmal einen Kurs in Berlin machen, wie ein richtiger Immobilienhype aussieht, bei dem die Bodenwerte sich innerhalb von zehn Jahren teilweise verfünffacht haben. Aber jede Gentrifizierung hat ihre eigenen Bedingungen und wir hören von einem als anonym gekennzeichneten Berichterstatter, wie Kleingewerbe und Migrant*innen die Opfer des Booms in der am dichtesten besiedelten Gemeinde von Neuengland sind, auch wenn diese nur ca. 80.000 Einwohner hat.

Ein sehr zwiespältiges Bild, noch fragwürdiger als das, das wir aus Newcastle vermittelt bekamen, bietet sich in Mexico City. Der Anwohner eines alten Villenviertels, in das zunehmend Gewerbe anzieht, meint, die Gentrifizierung begrüße er, sie sei ohnehin nicht vermeidbar, er unterstütze auch nicht die lokale Bürgerinitiative, die sich dagegen wendet. Vielmehr sei der Staat mit mangelndem Sozialwohnungsbau daran schuld, dass viele einkommensschwächere Menschen in Siedlungen umziehen müssen, die 50 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums liegen. Natürlich ist mangelnder Sozialwohnungsbau bzw. seine Abwesenheit auch bei uns ein Thema und das System an sich stellt von den bisherigen Stimmen keine in Frage, aber die Mischung aus – nicht Fatalismus – sondern Bejahung der Verdrängung und Verweis auf den Staat, obwohl die Verdrängung, das sieht der Berichterstatter ebenso, dem Freihandel zu verdanken ist, wirkt etwas undankbar dem Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen gegenüber.

Aus London über Gentrifizierung schreiben, heißt beinahe, Eulen nach Athen tragen. Aber wir hören von einem Mann, der 15 Jahre obdachlos war, wenn auch immer in Arbeit, was bei in Deutschland kaum zusammengeht, aber was wir lesen, Aufteilungen, Umwandlungen, die Veränderung der Sozialstruktur nach dem Muster einer einzigen Klasse anstatt der bisherigen Vielfalt, das trifft es ziemlich genau, wogegen Mieter*innen in Berlin ebenfalls kämpfen. Der Unterschied ist immer noch das Preisniveau, das in London weiterhin höher liegt und nicht nur vermutungsweise von einer weiter fortgeschrittenen Gentrifizierung spricht.

Von der Themse an die Seine. Paris gilt als sehr vielfältige Stadt, aber dieser Zustand sei bedroht, heißt es im Zwischentitel. Was wir dann lesen, klingt eher nach einem gallischen Dorf inmitten der römischen Gentrifizierungsarmeen und erzählt von einem Quartier namens „Goutte d‘Or“, offenbar an die Goldküste in Afrika angelehnt und daher wohl ein Spitzname, der uns bisher nicht bekannt war. Dort gebe es ebenfalls die ersten Einbrüche jener Gentrifizierung, die fast ganz Paris erreicht habe. Obwohl dort Projekte errichtet werden, die zu einem Drittel aus Notunterkünften, zu einem weiteren Drittel aus Sozialwohnungen und nur zu einem Drittel aus Wohnungen für Bürgerliche bestehen, werden diese Drittel-Gentrifizierungen kritisiert. Das ist es auch, was wir an Berliner Projekten nicht gut finden, allerdings auch deshalb, weil dort nur insgesamt ein Drittel der Wohnfläche „sozial“, also preisgebunden ist und es selten Stufen gibt, sondern nur Extreme. Die Gutverdiener majorisieren die anderen und die sogenannten kleinen Leute werden verschwinden, weil es in diesen Gegenden nur eine Infrastruktur für Reiche und nur Begegnungen mit ihnen gibt. Das wissen auch die Politiker und wir trauen dem Regierenden Bürgermeister zu, dass er das gut einkalkuliert hat.

Der private Wohnungsmarkt ist auch in Paris dereguliert und die hohe Anzahl ausländischer Investoren wird beklagt. Gegen Leerstand, meint die Berichterstatterin, soll eine Sondersteuer helfen. Warum man vor der Einsetzung eines Treuhänders in Berlin nicht an so etwas gedacht hat, müssen wir noch erörtern, vielleicht geht es auch nur auf Bundesebene, wie bei der Grundsteuer – und auf Bundesebene hapert es ohnehin an Willen zu profundem Mieterschutz.

Es ist sehr schade, was wir aus Callao in Peru vernehmen, weil es das Klischee stärkt, Lateinamerika sei ein weitgehend anderer Planet. Schon beim Bericht in Mexiko City ließ sich dieses Gefühl nicht ganz vermeiden, was die vorgetragenen Ansichten zur Munizipalität angeht. In Peru, erfahren wir, kennt man das Wort Gentrifizierung nicht einmal, zumindest nicht von offizieller Seite. Alles, was eine Stadt mehr glänzen lässt und sie notabene teurer macht, gilt als positive Entwicklung. Wir denken auch gerade an die ökologischen Konsequenzen dieser Denkweise. Der Berichterstatter wird als anonym gekennzeichnet, wohl, weil offene Kritik als gefährlich erachtet wird, sofern sie von jemandem kommt, der eine Funktion hat oder einen Job, in dem ihm diese Kritik schaden könnte.

Wir kehren noch einmal in die Vereinigten Staaten zurück. Sicher ein Highlight unter den Beschreibungen von Gentrifizierung ist die Ansprache eines 70jährigen Schreiners aus Portland, Oregon, dem Land der Wälder des Westens. „Bankers gone wild“, beschreibt er, wie Hochhäuser auf Treibsand errichtet werden und in alten Villenvierteln auf krude Art „nachverdichtet“ wird. Deswegen gibt es die Kampagne „Hört auf, Portland zu zerstören“, damit Menschen nicht wie Rennmäuse in Schachteln untergebracht werden, wobei die Schachteln freilich aus Beton sind und man sich darin gut die Köpfe einrennen kann, wenn man neurotisch wird. Wir haben in Berlin auch schon Bauprojekte gesehen, in denen Psychotherapeuten gewiss viele künftige Patienten requirieren können, z. B. auf einem alten Eisenbahngelände in Mitte. Es gibt summarisch kaum eine Form von Gentrifizierung, Bauhorror und Fehlplanung, die es in Berlin nicht gibt.

„Der Kult der Effizienz, ungeprüft und unbegründet, ist die universelle Schmiere, die den Weg zur Zerstörung und Versetzung der Gemeinschaft ebnet. Wir bauen gerade unseren Weg zur Hölle“, sagt der Mann und gibt damit dem Bericht im Guardian seinen Titel und dem Treiben in den großen Städten ebenfalls. Es sind keine spekakulären Einzelfälle, die herausgehoben werden, sondern wir erhalten ein durchaus mit Distanz aufgebautes Bild aus vielen Städten, auffällig ist dabei die Abwesenheit asiatischer und afrikanischer Metropolen, auch Ozeanien kommt nicht vor. Es fehlen also gewisse Teile der Welt, aber sicher würden sich die Geschichten, die dort erzählt werden, nicht wesentlich on den oben dargestellten unterscheiden. Der Tenor wäre allerdings interessant, zumal in Südostasien, wo der technischen Expansion keine Grenzen gesetzt scheinen, die Menschen hingegen oft auf vergleichsweise kleinem Raum und in riesigen, anonymen Häusern leben.

Angesichts dessen, was wir von woanders lesen, verstehen wir aber mehr, warum die Welt auf Berlin schaut. Das gibt den kämpfenden Mieter*innen hier eine große Verantwortung, die unbedingt erfordert, dass sie über ihr Haus, ihren Kiez und auch über diese Stadt hinaus einen Blick auf die Gentrifizierung weltweit haben und sich entsprechend solidarisch untereinander verhalten.

TH

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