Im Kreis – Polizeiruf 110 Fall 109 / Crimetime 532 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Fuchs #Reger #Kreis

Crimetime 532 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Nicht für alle dreht sich alles im Kreis

„Dass eine High-Tech-Sicherungsanlage für Juwelier- und Pelzläden durch eine Mundharmonika abgeschaltet werden kann, hätte, wäre dieser Einfall ironisch behandelt worden, schon eine echt witzige Kritik am technischen Fortschritt sein können. Leider fehlte hier die Ironie“, stellte die Kritik fest.[3]

Stellt eine Kritik fest, im Sinn einer Tatsachenermittlung? Es fällt uns mittlerweile auf, dass die Wikipedia bezüglich der Polizeirufe aus der DDR-Zeit immer genau eine Quelle zitiert. Die Auszüge beinhalten nicht selten eher negative Feststellungen. Die Frage ist natürlich, was zitiert man aus einer Kritik? Und lässt man sich dadurch beeinflussen, wenn es um die eigene Rezension geht? Wir klären das in der -> eigenen Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Ingmar und Petra Lesser nehmen an der Beerdigung der Vorbesitzerin ihres Bauernhofs teil. Beim Leichenschmaus kommt es zu einer Rangelei. Am Ende stellt ein Gast fest, dass seine wertvolle Golduhr fehlt. Er war in der Gaststätte während der Rangelei mit Ingmar Lesser zusammengestoßen und glaubt daher, dass er der Dieb ist. Hauptmann Reger, der ebenfalls bei Beerdigung und Leichenschmaus dabei war, überprüft Ingmar, der mit Petra zu seinem Grundstück zurückgekehrt ist. Ingmar bestreitet einen Diebstahl und lässt die Ermittler auch im Haus nachsehen. Reger erklopft hinter einer Wandverkleidung einen Hohlraum. Nach dem Öffnen der Verkleidung kommt ein Warenlager zum Vorschein. Neben Elektrogeräten stapeln sich hier auch Nahrungsmittel aus dem Delikat. Das Diebesgut stammt aus einer Einbruchsserie, die bereits die Ermittler in Berlin in Atem hält. In der ganzen Republik wurden Überfälle verübt, doch konnten weder Täter noch Tatspuren gesichert werden. Ingmar und Petra werden zum Verhör mitgenommen, jedoch aus Mangel an Beweisen auf freien Fuß gesetzt.

Bei genauerer Überprüfung stellt sich heraus, dass Ingmar als Monteur in einem Schaltgerätewerk arbeitet und stets in den Läden Alarmanlagen installierte, in denen später eingebrochen wurde. Die Ermittler durchsuchen noch einmal gründlich das Grundstück und finden schließlich eine Schachtel mit gestohlenen Uhren. Ingmar wird in Untersuchungshaft genommen, beteuert jedoch seine Unschuld. Das Prinzip der Alarmanlagen verrät er nicht, da er an die betriebliche Schweigepflicht gebunden ist, von der ihn sein Betrieb erst nach einer Weile entbindet. Ingmar berichtet, dass die Alarmanlagen durch einen hohen Ton, gleich einer Hundepfeife, außer Betrieb gesetzt werden. Zufällig fand er heraus, dass auch ein bestimmter Ton seiner Mundharmonika die Alarmanlage außer Betrieb setzt. Er meldete dies seinem Vorgesetzten, doch nahm man ihn nicht ernst. Er behauptet, niemand habe von dem Umstand gewusst.

Petra ist verzweifelt, weil Ingmar verhaftet wurde. Sie begibt sich zu ihrer Mutter Hanna und ihrem Bruder Enno, der sich mit Ingmar nie gut verstanden hat. Petra weiß nicht, dass ihr Bruder eine Zeitlang im Gefängnis saß. Ihre Mutter hat es ihr verschwiegen, um Enno einen Neuanfang zu ermöglichen. Enno hat jedoch nach seinem Gefängnisaufenthalt Kontakt zum Mithäftling John Schmitt aufgenommen, mit dem er nun als vorgeblicher Renovierer Geld verdient. In Wirklichkeit hat er durch Zufall von Ingmars Entdeckung erfahren: Ingmar erzählte Petra in der elterlichen Küche von dem Mundharmonika-Trick und Enno konnte durch eine geheime Verbindung ihre Unterhaltung mithören. Seither raubt er mit seinem Komplizen unentdeckt die Läden aus, die Ingmar vorher gesichert hat. Nun wissen sie über Petra, dass die Polizei ihnen auf den Fersen ist. Sie versenken einen Transporter, der baugleich jenem ist, den sie für ihre Diebestouren nutzen. Der Transporter wird gefunden und die Ermittler schöpfen Verdacht. Sie überprüfen weitere Wohnungen, die von dem Duo, dessen Identität sie noch nicht kennen, renoviert wurden. Stets findet sich hinter Verkleidungen Diebesgut. Schließlich erfahren die Ermittler, dass Petra von dem Mundharmonika-Trick wusste. Reger wiederum erkennt bei einer Untersuchung von Ennos Zimmer die Hörverbindung zur Küche. Er erfährt von Hanna, dass Enno und Ingmar sich nicht gut verstanden und dass Enno eine Zeitlang im Gefängnis gesessen hat. Gegen ihn aussagen will und kann sie als Mutter nicht. Petra wiederum ahnt, dass ihre Familie ihr etwas verschweigt und verzweifelt darüber so sehr, dass sie ihrer Mutter mit Selbstmord droht. Ingmar wird aufgrund der neuen Erkenntnisse freigelassen. Hanna ist über die Verzweiflung ihrer Tochter erschüttert und stellt Enno zur Rede, der jedoch kalt reagiert. John Schmitt wiederum will aussteigen, doch lässt Enno ihn nicht und verprügelt ihn. John stellt sich nun der Polizei, die wiederum Enno festnimmt – Hanna hatte auf dem Speicher seine Pistole gefunden und ihn damit so lange in Schach gehalten, bis die Ermittler eintrafen.

Rezension

Schade, dass es über Diana Gaede nichts in der Wikipedia nachzulesen gibt. Sie spielt die junge Petra Lesser und wir outen uns nach nur einem Film, in dem wir sie gesehen haben, als Fans von ihr. Das kommt nun wirklich nicht häufig vor und ist im Kontext einer Rezension natürlich immer mit einem Augenzwinkern verbunden. Sie filmt heute vermutlich gar nicht mehr, sondern betreibt eine Agentur für Kommunikationscoaching. Was wir sehr authentisch finden. Denn diese ungewöhnliche, stürmische Form von positiver Aura ist nicht nur im DDR-Film eine Ausnahme, das sieht man auch bei westdeutsch geprägten Darsteller*innen sehr selten. Sie verleiht dem Film etwas, was die meisten bisher gesehenen Polizeirufe der ausgehenden DDR gar nicht haben: Eine zuversichtliche, feste und auch romantische Aura. Okay, eine melancholische Form von Romantik haben wir zum Beispiel in „Ein Schritt zu weit“ gesehen, aber das hier ist anders. Auch Hans Teuscher, der den Ingmar Lesser, ihren älteren Mann spielt, ist in dieser Rolle klasse oder adäquat. Auch Marianne Wünsche, die Mutter von Petra, kann noch recht gut mithalten, sie war schon im zuvor ausgestrahlten Polizeiruf „Das habe ich nicht gewollt“ in einer noch wichtigeren Rolle zu sehen.

Carl Heinz Choynski gibt dem wie immer etwas dusseligen und alkohollastigen John Schmidt wie immer in wenigen Spielminuten eine starke Prägung, auch der Schäfer fällt nicht ab, lediglich Johannes Terne als Enno Baugroß hat Mühe, in seine Rolle etwas Besonderes hineinzulegen. Und die Polizisten? Hauptmann Fuchs durchbricht in der Eingangsszene gleich mal die Vierte Wand und Reger, der Neue, ist nicht so schlecht, dass sich aus seinem ersten Auftritt schon ableiten ließe, dass er nur zweimal als Ermittler tätig sein wird.

Wer unsere Artikel aus der Reihe „Crimetime“ kennt, wird bemerken, dass der vorliegende einen ungewöhnlichen Aufbau hat, denn wir stellen in der Regel nicht die einzelnen Darstellerleistungen der Reihe nach heraus, dafür sind wir zu wenig Theaterkritiker. Aber wir beschäftigen uns immer mit der Inszenierung im Ganzen und den Drehbüchern – weil wir vom Text kommen. Und damit zu dem, was den Film zusammenhält: Die Regieleistung von Peter Vogel. Er ist einer von den Regisseuren, die nach der Wende weitermachen konnte und wir haben mal nachgeschaut, was wir bisher von ihm angeschaut haben, polizeirufmäßig:

„Bitte zahlen“ und „Vergeltung?“. Beides Filme, die uns wegen ihrer hoch veranlagten Inszenierung auffielen und die wir überdurchschnittlich bewertet haben. Okay, die Mundharmonika-Alarmanlagen-Aktivierung ist ein Gag, ohne als solcher gekennzeichnet zu sein. Und diese Verstecke im Wege der Renovierung! Dass fremde Wohnungen und Häuser als Beutelager verwendet werden, sehen wir hier nicht zum ersten Mal, aber – wie sollen die Diebe denn wieder an die Beute rankommen, wenn die renovierten Heimstättten wieder dauerhaft bewohnt sind? Naja, irgendein Trick wird ihnen einfallen, um die Bewohner*innen rauszulotsen. Dabei müssen wir’s erstmal belassen und halten fest, auch in der DDR bestand in den 1980ern der Trend, Wände mit Holz zu verkleiden.

aber das Spiel und der Schnitt und manche Szenenausgestaltung sind wundervoll. Und weil dieser 109. Polizeiruf so modern wirkt und in der sommerlichen, sandigen, schafigen, feldigen Landidylle spielt und weil er das Landleben nicht so diffamiert wie heutige Produktionen, (siehe zuletzt den neuesten Polizeiruf „Mörderische Dorfgemeinschaft“), ist er der wohl optimistischste Polizeiruf der Jahrgänge 1984-1986, den wir bisher gesehen haben. Am Ende sind diejenigen unschuldig, denen wir gewünscht haben, dass sie unschuldig sind. So muss es nicht sein, darf aber gerne.

Vor allem ist es nicht unbedingt vorhersehbar, denn die beiden Individualisten, das Ehepaar Lesser, wäre in den Zeiten des noch nicht gebrochenen Konformismus am Ende wohl eher als Gaunerpärchen rausgekommen. Keine Frage, dass die Inszenierung besser ist als der Plot, die Figuren stärker als die Handlungslogik, aber für welchen deutschen Krimi gilt das nicht? Es gibt einige, für die es nicht gilt. Das sind diejenigen, bei denen alles schwach ist. Und es gibt wenige, bei denen alles passt. Wir freuen uns aber, dass das Anschauen hier so viel Spaß gemacht hat und das lag vor allem an den Lessers. Allerdings gibt es doch Abzug dafür, dass Ingmar der Polizei noch bestätigen muss, dass er einen Fehler gemacht hat, als er im Betrieb nicht mehr darauf insistierte, dass der Mundharmonika-Fail beseitigt wird, der bei einer seiner Installationen entstand.

Da haben wir sie wieder, die Schlamperei am Arbeitsplatz, die in DDR-Poliizeirufen so häufig thematisiert wird. Aber die Ausformung ist interessant: Der einzelne Mitarbeiter hat es zu richten, die Leitung ist eh unfähig. So wirkt es hier. Das ist eine andere Tendenz als in den 1970ern, wo Mitarbeiter ihre PGHen oder VEBs oder was immer behumpsen und sich die Probleme in der Hierarchie unterhalb der Hauptverantwortlichen abspielen, die nichts davon mitbekommen, dass unterhalb ihrer Sphäre sich ein gewisser Schlendrian eingestellt hat.

Auch sehen wir wieder, wie in „Der Mann“, eine Lagebesprechung aller Ermittler – aber auch dieses Echo auf frühere Zeiten klingt seltsam anders als die damaligen Originaltöne. Es gibt keine offene Kritik an irgendetwas, die Sprache ist vergleichsweise ideologiefrei, aber das ist nicht nur typisch für die Filme von Peter Vogel, sondern auch für den Rückgang der inneren Festigkeit in den 1980ern – man war offenbar schon vorsichtig und der eine oder andere hellsichtige Mensch rüstete sich für die Zeit danach, indem er nicht zu sehr auf den realsozialistischen Putz haute. Im Westen hingegen ahnten wohl nur Eingeweihte, was bald kommen würde. Jene, die sich mit den Finanzen des östlichen Bruderstaates auskannten.

Finale

Aber wenn der Kapitalismus dann auch abgewirtschaftet hat – bitte keine Widerrede, das zeichnet sich doch sehr deutlich ab und dieses Mal sind wir nicht ahnungslos, weil wir schließlich dem System aufgwachsen sind und sein Entwicklung beobachten können – dann kommen wir vielleicht alle wieder bei einem Bauernhof raus, wie er hier gezeigt wird. Vielleicht ein bisschen besser renoviert dann doch. So im Ganzen. Denn wir werden ja viele sein, die in der Stadt keine auskömmliche Arbeit mehr finden. Sondern Schafe hüten. Und wirkt der alte Schäfer etwa unglücklich? Nur die, die nach den silbernen Löffeln streben, die haben dann endlich wieder die Arschkarte, die ihnen gebührt, weil sie den Hals nicht vollkriegen und sich immer, egal, unter welchen Bedingungen, ein leisungsloses Einkommen / Vermögen verschaffen wollen.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Peter Vogel
Drehbuch Peter Vogel, Fred Unger
Produktion Hans W. Reichel
Musik Bernd Wefelmeyer
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Imke Gerber

Klaus Gendries: Hauptmann Reger
Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Hans Teuscher: Ingmar Lesser
Diana Gaede: Petra Lesser
Marianne Wünscher: Hanna Baugroß
Johannes Terne: Enno Baugroß
Carl Heinz Choynski: John Schmitt
Erhard Marggraf: ABV Königer
Karl Übner: Schäfer
Marga Legal: Oma
Hans-Uwe Klügel: Leutnant Schneider
Edgar Külow: Herr Kröger
Anneliese Müller: Lisa Kröger
Horst Kempe: Kriminaltechniker
Dietmar Burkhard: Mann
Christiane Jung-Alsen: Mausi
Günter Maass: Mann aus Suhl
Margitta Lüder-Preil: Frau aus Suhl
Klaus-Jürgen Steinmann: Wirt im Dorfkrug
Andreas Albert: Andreas
Christel Amlung-Presson: Trauergast
Ingrid Barkmann: Wirtin im Dorfkrug
Rose Becker: Trauergast
Edeltraud Billing: Trauergast
Sigrid Brennemann: Trauergast
Eva-Maria Eisenhardt: Trauergast
Heinz Laggies: Trauergast
Bärbel Lempert: Trauergast
Wolfgang Ernst: Trauergast
Jutta Gallinat: Trauergast
Dorothea Mommsen: Trauergast
Jürgen Graf: Trauergast
Angelika Jolzikowski: Trauergast
Eberhardt Wintzen: Trauergast
Ingeborg Kirst: Trauergast
Ljuba Krassilnikowa: Trauergast
Hans-Jürgen Pabst: Grenzsoldat
Anke Schenker: Sängerin

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