Tod einer Journalistin – Polizeiruf 110 Fall 382 #Crimetime 539 #Polzeiruf110 #Polizeiruf #Lenski #Radczek #Polen #Brandenburg #RBB #Tod #Journalistin

Crimetime 539 - Titelfoto © RBB / ARD Degeto, Oliver Feist

Die Jahre sind gefährlicher Stoff

Wie verändern sich Menschen, wenn sie den Dunstkreis der Macht betreten und welchem Druck sind sie ausgesetzt, um sich im Sinne des Kapitals angepasst zu verhalten? Das ist für uns die zentrale Frage in diesem 16. Einsatz von Olga Lenski (Maria Simon) als Ermittlerin beim deutsch-polnischen Kommissariat in Swiecko – dieses Mal haben wir uns den Namen der Stadt gemerkt. Ein bisschen spät, denn Ende 2020 wird Maria Simon, die Darstellerin von Olga Lenski, aufhören. Für Adam Raczek ist es der achte Fall und er wird dem Vernehmen nach weitermachen. Fanden wir die Auseinandersetzung mit der Atomlobby im 382. Polizeiruf gelungen? Darüber schreiben wir in der Rezension.

Handlung

Die erfolgreiche Journalistin und Umweltschützerin Anne Gerling wird nach einem Unfall tot in ihrem Wagen aufgefunden. Die Kommissare Olga Lenski und Adam Raczek übernehmen die Ermittlungen.

Gerling hatte als investigative Journalistin gearbeitet und war illegalen Machenschaften des Energiekonzerns Ergatome auf der Spur. Das Unternehmen will im polnischen Grenzland ein Atomkraftwerk bauen und kämpft vor Gericht gegen den Widerstand von Umweltverbänden und Anwohnern um die Baugenehmigung.

Lenski und Raczek finden heraus, dass Anne Gerling ermordet wurde und zudem schwanger war. Lukasz Franczak, der zuständige Richter im Prozess, kannte die Journalistin. Hatte er ihr Hintergrundinformationen zum Prozess gegeben? In der Wohnung von Anne Gerling finden Raczek und Annes Vater Eric eine Audio-Datei, die die Ermittlungen in eine neue Richtung führt.

Immer tiefer dringen Olga Lenski und Adam Raczek in die kriminellen Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und Justiz vor – bis die Kommissare selbst ins Fadenkreuz der Mächtigen geraten. 

Rezension

Stellenweise quietschen die Radmuttern der Plotkonstruktion etwas, zum Beispiel bei den an allen vier Rädern gelockerten Radmuttern, aber insgesamt erfüllt der Film mit dem klassischen Titel „Tod einer Journalistin“ seine Funktion als Krimi – und wird seinem wirtschafts- und umweltpolitischen Thema gerecht. Die Idee mit dem Zwei-Länder-Kommissariat nutzt man insofern gut, als man noch einmal zeigen kann, wie die Atomlobby drückt, um neue Kernkraftwerke bauen zu können. Das ist in Deutschland nicht mehr möglich. Und natürlich ist es ein Witz, dass  hierzulande die Kernkraftwerke abgeschaltet werden, aber ringsum alles voller aktiver Atommeiler steht. Wir fühlten uns schon nicht wohl bei dem Gedanken, als wir noch an der Grenze zu Frankreich gelebt hatten und es geht uns heute, in der Nähe vieler tschechischer Meiler, nicht anders. Aber hätte man deshalb hierzulande anders handeln sollen? Wir meinen, nein, sofern die Energiewende nicht komplett auf dem Rücken der Verbraucher ausgetragen wird. Im Moment ist das leider genau so.

Der Film hat Momente, die uns getriggert haben und welche, die uns berührt haben Letzteres kam vor allem in den Momenten zwischen dem jungen Richter und seiner deutschen Frau zutage. Dieses Verhältnis ist sehr schön gezeichnet, mit all seinen Widersprüchen und was sich an Träumen nicht erfüllt hat, zum Beispiel Kinder, was noch gehen würde und was letztlich der Wahrheit geopfert werden muss. Es ist ein Scheitern. Zunächst ist die Frau eifersüchtig auf die Journalistin, das Ungeborene, die Affäre, sie manipuliert am Fahrzeug der Medienfrau, wird bedroht, rechtzeitig von der Polizei in Sicherheit gebracht, der junge, idealistische Richter verkündet, das Atomkraftwerk darf nicht gebaut werden. Das wird ihn wohl die Karriere kosten und seine Frau kann als Orchestermusikerin nicht für ihn sorgen, denn sie ist mit dem Vorwurf schwere Körperverletzung und versuchter Mord konfrontiert. Das ist tragisch.

Der Trigger kam hauptsächlich aus der einst grünen, Umwelt-aktivistischen Richtung. Hier wird eine Frau gezeigt, die sich verkauft hat. Zu einem sehr hohen Preis, wie sich am Schluss herausstellt. Warum mussten wir bei ihr immer an den Grünen Joseph Fischer denken? Eigentlich ist das ihr gegenüber ungerecht, denn sie wurde von der Macht verführt, er nie erwachsen, hat die grüne Sache nie ernst gemeint und endete dort, wo es politische Popanze am Ende hinzieht: Als Lobbyist der Wirtschaft. Das ist nicht tragisch, sondern furchtbar, denn die Gefahr sehen wir natürlich auf allen Ebenen. Je unsicherer die Zeiten werden, desto bedenkenloser die Selbstbereicherungsmentalität von Politiker*innen. Wir wagen stark zu bezweifeln, dass die meisten von ihnen aus Idealismus oder wenigstens von der Idee durchdrungen, dem Ganzen zu dienen, in dieses Business einsteigen. Sie müssten nicht verführt werden, um die Seiten zu wechseln, sie warten sehnsüchtig darauf, genau das tun zu können und häufig genug passiert es dann auch. Wir könnten erforderlichenfalls genug konkrete Beispiele nennen.

Dadurch nimmt die Demokratie Schaden und die Gefahr spürt man in „Tod einer Journalistin“ jederzeit. Zumal es um die Demokratie in Polen ohnehin nicht so gut bestellt ist und das hat man natürlich im Hinterkopf. Gleichzeitig konnten wir die Vorgänge um den Bau des Atomkraftwerks nicht so gut einordnen, als wenn sich alles um ein hiesiges Industrieprojekt drehen würde, die Gesetze sind noch längst nicht alle EU-weit harmonisiert. Dass Druck auf Richter und auf Gutachter ausgeübt wird, dass jemand dieses Vorgehen nicht erträgt und aus Gewissensgründen zum Whistleblower wird, das kommt uns alles gar nicht so abwegig vor. Es gibt ja immerhin Vorbilder und wie unabhängig die Justiz wirklich ist, wäre durchaus einer genauen Untersuchung wert.

Über seine nachvollziehbare Darstellung der Infiltration durch Wirtschaftsinteressen hinaus ist „Tod einer Journalistin“ aber auch ein anständig gemachter Spannungskrimi. Dass sich, wenn die Muttern an allen vier Rädern eines Autos zu lose sind, erst auf einer Landstraße bei höherer Geschwindigkeit etwas zeigt, wagen wir zu bezweifeln, da müsste jemand schon sehr exakt berechnen können, wie weit er genau die Muttern löst, dass ebendies sich so abspielt, wie wir es hier sehen. Auch, dass es genau in dem Moment geschieht, in dem oben auf der Brücke der Sniper wartet, ist ein bisschen arg zufällig. Aber das Timing und die Verflechtung der verschiedenen Bedrohungsszenarien gelingen gut und außerdem spielen die beiden Ermittlerpersonen ausgezeichnet. Die coole Lenski und der manchmal etwas austickende Raczek, die beiden sind recht exakt auf gleichem Level, was ihre Beiträge zur Falllösung und ihre Fähigkeiten im Allgemeinen betrifft, immer wieder gibt es kleine Augenblicke und Sprachfetzen, die alles sehr lebendig wirken lassen – und als ob der Regisseur den Darstellern relativ viel Freiheit gelassen hätte.

Fazit

Wir haben manchmal etwas Mühe, die Begeisterung einiger Kritiker für die Brandenburg-Schiene der Polizeiruf-Reihe nachzuvollziehen, auch wenn uns klar ist, dass Krauses Wirken nicht ewig währen kann. Es ist für Drehbuchautor*innen sicher nicht einfach, die polnischen Gegebenheiten immer so einzuarbeiten, dass die Platzierung der Dienststelle in Swiecko einen Sinn ergibt. Inwieweit die Darstellungen realistisch sind – da müssen wir uns auf ebenjene Autor*innen verlassen. Stimmig wirkt „Tod einer Journalistin“ auf uns aber und für Spannung ist auch gesorgt. Politisch ist der Film vollkommen korrekt und damit eine runde Sache für alle, die den Glauben an das Gute noch nicht verloren haben.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Stephan Rick
Drehbuch Silja Clemens, Stephan Rick und Thorsten Wettcke
Musik Stefan Schulzki
Kamera Florian Foest

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