Verschleppt – Tatort 825 #Crimetime 543 #Tatort #Saarbrücken #Kappl #Deininger #SR #Verschleppt

Crimetime 543 - Titelfoto © SR, Manuela Meyer

Kein leises Servus, kein wehmütiges Adieu

Es war alles genau umgekehrt wie vor einer Woche („Todesbilder“). Dieses Mal kein Privatleben, viel Action und der Täter war nicht vorherhsehbar. Wirklich nicht.

Franz Kappl und Stefan Deininger bekommen einen würdigen Abgang, in dem allerdings Effekte ein reges Eigenleben entwickeln und in dem überhaupt ganz schön auf den Putz gehauen wird. Die starken Emotionen der Ermittler und Typen wie der Anfangsverdächtige Andi Mollet, Pädophiler (Thomas Bastkowski) und Werner Mahler, Bürokrat-Helfer (Patrick Hastert) geben einen Schuß Skurrilität ins hektische Geschehen und dieser Tatort wirkt dadurch vor allem – sehr unsaarländisch.

Wer nicht damit klarkommt, dass dies ein eher bedächtiges Land mit ebenso sprechenden Menschen ist, in dem die Statistik wenig Morde und Großverbrechen wie die hier gezeigte Mehrfach-Entführung über Jahre, aber eine vergleichsweise hohe Zahl an sexuellen Übergriffen aufweist, der muss sich nicht grämen, es gibt mit „Verschleppt“ nun einen Tatort, der ganz und gar landsmannschaftlich neutral ist. Bis auf das alte Bergmannshaus, unter dem sich gruselige Dinge ereignen. Mehr zum 825. Tatort in der -> Rezension.

Handlung

Es ist früher Morgen. Eine junge Frau flieht in Panik und überquert eine stark befahrene Autobahn. Wenig später ist sie tot, liegt erschlagen in der Nähe einer Hochhaussiedlung. Erste Untersuchungen ergeben: Die junge Frau ist abgemagert, dehydriert und hat wohl lange kein Sonnenlicht mehr gesehen.

Die beiden Hauptkommissare Kappl und Deininger finden in ihrem letzten Fall schnell heraus, dass das Opfer vor Jahren als kleines Mädchen entführt wurde und bis heute als vermisst galt. Dann taucht plötzlich eine zweite junge Frau auf, die ebenfalls lange vermisst war. Sie lebt, ist jedoch völlig verstört.

Offenbar wurden beide Mädchen vom selben Täter entführt und unter unmenschlichen Umständen festgehalten. Für die Ermittler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, den sie ahnen: Der Entführer könnte noch weitere Mädchen in seiner Gewalt haben.

Rezension

Aber auch ein solches Gebäude mit extrem hässlichem Exterieur und Interieur steht im ehemaligen Land von Kohle und Stahl sicher nicht mehr an jeder Ecke. Und zum Glück werden nicht alle Menschen, die dominante Väter haben, zu Sammlern von armen Mädchen, die sie dann jahrelang auf ausgeklügelte Weise festhalten, um etwas zum Kontrollieren zu haben, nachdem ihre Kindheit in ziemlicher Ohmacht abgelaufen ist. Biografieschäden ernsthaft zu hinterleuchten, ist jedoch erkennbar nicht das Hauptanliegen von „Verschleppt“. Der spektakuläre österreichische Fall Natascha Kampusch führt  in verschiedenen Tatort-Städten zu erheblichen und eine gewisse Vervielfachung beinhaltenden Nachahmungseffekten. Wir sind gespannt, ob demnächst noch ein Tatort kommt, in dem fünf oder sechs Mädchen entführt wurden, nachdem es in „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ und in „Verschleppt“ jeweils drei waren, als ob die Realität mit einer Gefangenen nicht genug Grusel bieten würde.

Rein logistisch ist es auch für einen intelligenten Lüftungsingenieur kaum denkbar, dass er über Jahre mehrere Personen auf die hier gezeigte Weise festhalten kann und die filmische Umsetzung ist ein wenig übertrieben – es mangelt an einem Wechsel von dramatischen und ruhigeren Momenten, sodass die gewünschte ständige Hochspannung dafür sorgt, dass die absoluten Spitzen fehlen. Man fühlt sich immer wie auf einem dramaturgischen Hochplateau, Topfilme haben mehr Amplitude. Leider sind die amerikanischen Vorbilder diesbezüglich mittlerweile auch weit hinter ihre eigenen Vorbilder zurückgefallen. Man sollte mal wieder bei Hitchcock nachschauen, wie Suspense aufgebaut wird, nicht immer nur bei aktuellen US-Polizeiserien oder skandinavischen Produktionen.

Ein Zombie, keine Täterin im strafrechtlichen Sinn. Man hat Mitleid mit dem Mädchen Barbara Romers (Mathilde Bundschuh), das zu einer Art Zombie, zu einer entpersönlichten Figur geworden ist und die eine ihrer beiden Mitgefangenen quasi dadurch umgebracht hat, weil die Persönlichkeit des jahrelangen Peinigers auf sie übergesprungen ist. Ist so etwas denkbar? Psychologisch wollen wir es nicht entscheiden, es wirkt in der Darstellung nicht unglaubwürdig. Aber mit der Ausführung haben wir ein Problem. Wie konnte die nicht gerade kräftig wirkende Barbara der anderen folgen und sie irgendwo an der Autobahn einfach erschlagen?

Das wird nicht ausgeführt. Zu dem Zeitpunkt war der Entführer der drei Mädchen schon tot, Opfer eines Erdrutsches auf der B40. Offenbar mussten sich beide Mädchen befreit haben, die eine hat der anderen dann nachgestellt und sie getötet. Das wirkt konstruiert und auch die Abfolge, wie die Verdächtigen abgehandelt werden und sozusagen erst der Reihe nach ins Spiel kommen, ist nicht die reine Krimilehre, weil das wirklich eine simple Methode ist, den Zuschauer zu nasführen. In der Literatur würde man sagen, der Kontrakt, den der Autor mit dem Leser eingeht, dass er ihn nicht betrügt, indem er ihm zum Beispiel Lösungen vorsetzt, die niemals zu erraten gewesen wären, weil die relevanten Figuren anfangs gar nicht auftreten, dieser Vertrag wurde seitens des Autors gebrochen.

Da dieser Thriller aber auch ein Whodunnit ist, kann man auch beim Drehbuch von „Verschleppt“ von einer solchen Wortbrüchigkeit sprechen. Dazu gibt es einige Logikfehler oder -fragwürdigkeiten mehr, als wir bisher erwähnt haben.

Trotzdem viel drin. Das Erstaunliche ist aber, dass wir trotzdem zu einem positiven Gesamtergebnis kommen. Wir prüfen uns, ob da nicht Abgangsnostalgie im Spiel ist. Vielleicht ein klein wenig. Aber Kappl (Maximilian Brückner) und besonders Deininger (Gregor Weber) zeigen in dieser Folge, dass sie Schauspieler sind, die einen Tatort tragen. Deiningers Mienenspiel mit seiner immanenten Komik, das ist echt und echt saarländisch, dazu sind beide Kommissare dieses Mal am Rande des Nervenzusammenbruchs und den Zustand spielen sie gut. Vielleicht wussten sie schon, dass sie gefeuert sind, denn anders sind ihre Vernehmungsmethoden kaum zu  erklären.

Dass die Professionalität und Struktur der Ermittlungsarbeit unter leicht übertriebener Emotionalität leidet, ist bei diesem Plot nicht unbedingt ein Nachteil, sondern auf witzige oder zumindest originelle Weise kongenial. Dadurch entsteht eine Stimmigkeit, die jenseits der reinen Lehre vom guten Krimiplot angesiedelt ist, welche wir angesprochen und deren Abwesenheit wir pflichtgemäß kritisiert haben.

Das Thema ist düster und die starke Figur des Mädchens Barbara bringt uns das Thema nah. Dass sie aus dem Krankenhaus entwischt und niemand merkt, vor allem nicht der Psychologe, dass sie fortwährend das Lüftungsgitter anstarrt und dass es da eine Verbindung zu ihren Erlebnissen geben muss – wir sind wieder auf dem Pfad der Genauigkeit, beinahe so penibel wie Werner Mahler, der dem Typ des Nazi-Mitläufers und Helfershelfers bei der Technologie des Mordens nachgebildet ist, und verlassen diesen Weg, der bei „Verschleppt“ ein analytischer Irrweg ist, gleich wieder.

Dem Thema gerecht? Die starke Vorstellung von Kappl und Deininger hält uns aber nicht von der Frage ab, ob dieser Tatort dem düsteren Thema gerecht wird. Er ist auf angenehme Weise frei von prätentiöser Pflichtkritik an den Verhältnissen, wenn man davon absieht, dass der Entführer als Kind mit Repressionsmustern konfrontiert war. Aber er ist doch mehr ein Schocker als ein Psychothriller und als Schocker – siehe dramaturgisches Plateau – hat man letztlich doch darauf geachtet, dass der Film noch zur Primetime gezeigt werden konnte. Das ist natürlich eine Begrenzung der Tatorte im Allgemeinen, dass sie nicht „ab 16“ gefilmt und daher nicht auf die Spitze getrieben werden dürfen.

Leider ist damit auch die Tiefe begrenzt, mit der man ein Thema behandeln kann. Es wurde einiges gezeigt, aber die persönliche, kaum fassbare Brutalität, die in jahrelanger Gefangennahme von Kindern und deren Verbringung in dunkle Verliese liegt, die kommt nur ansatzweise zum Ausdruck und wird viel zu knapp erläutert. Die Situation wird gut dargestellt, aber nicht, wie es zum Beispiel zum Entstehen der seltsamen Nähe zwischen Täter und Opfer kommen kann, sogar zu einer Art Persönlichkeitsübertragung, die der Psychologe kurz anreißt. Dafür gibt es die eine oder andere Minute zu viel Hatz und Nebelschwaden, die der Inszenierung noch mehr Power geben, die aber sachlich eines von vielen fragwürdigen Elementen sind.

Am Ende und nicht auserzählt. „Verschleppt“ ist ein Beispiel für moderne, etwas übertriebene Tatortinszenierung, die das Reizempfinden der medial überversorgten Generation durchaus zu kitzeln vermag. Nicht nur die sehr ruhig und manchmal penibel beobachtend erzählten Tatorte früherer Epochen sind aber Geschichte. Sondern auch die Arbeit von Kappl und Deininger. Dieses Verhältnis und auch das Umfeld der beiden hätte selbstverständlich weiterentwickelt werden können, von auserzählt ist für uns keine Rede. Während des Films gab es für uns einen besonderen Spannungsmoment, der so mit Sicherheit nicht beabsichtigt war:

Wird der Abgang so inszeniert, dass Deininger, als er seinen Ermittlungsfehler bemerkt, der ihn schon vor Jahren hätte auf die Spur des Täters führen müssen, hinschmeißen? Nein, das tut er nicht, aber er darf weinen und, oh ja, das passt verdammt gut, seine Gesichtszüge wirken ohnehin oft, als habe er dicht am Wasser gebaut.

Wir zücken die Taschentücher. Nicht, weil wir die Art, wie der alte Ermittlungsfehler erklärt wird, auf erschütternde Weise überzeugend vorgetragen wird, sondern, weil wir dieses echte, ehrliche Gesicht des Stefan Deininger in der Tatort-Ermittlerlandschaft vermissen werden. Die Folgen mit ihm weisen nach unserer Ansicht eine aufsteigende Tendenz auf, auch wenn „Verschleppt“ nicht unser Favorit ist. Wir meinen, hier mitreden zu können. Kappl und Deiniger sind das einzige aktuelle Ermittlerteam, das nicht erst 2011 gestartet ist, dessen überwiegende Zahl an Einsätzen wir für die Anthologie des Wahlberliners rezensiert haben. Da es nun mit den beidenn endet, werden sie vielleicht das erste Team sein, das wir vollständig abgearbeitet haben. Dafür gibt es einen besonderen Grund, den lassen wir an dieser Stelle aber außen vor.

Finale und Farewell

Bei den Rezensionen zu den frühen Folgen der beiden Saarland-Ermittler haben wir unter anderem angemerkt, dass besonders Kappl noch etwas unfertig wirkt. Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen und man kann das für „Verschleppt“ so nicht mehr konstatieren. Dafür muss dieser Tatort-Kommissar mit gerade mal etwas über dreißig Jahren nun in Rente gehen, und da wird von Chancen für ältere Arbeitnehmer gesprochen. Sowenig, wie die Statistik belegt, dass diese am Arbeitsmarkt privilegiert sind, so wenig ist für uns die Geschichte vom Bayern Franz und vom Saarländer Stefan auserzählt.

Bleibt zu hoffen, dass die Schauspieler Brückner und Weber anderweit erfüllende Aufgaben finden werden und wir sie auf dem Bildschirm wiedersehen. Für den Tatort-Standort Saarbrücken hoffen wir, dass ein halbwegs originelles Nachfolgerteam verpflichtet wird. Das ist für die Darstellung des Saarlandes deshalb besonders wichtig, weil es medial nicht so präsent ist wie die großen Länder. Es gibt ja auch nur einen Tatort pro Jahr aus Saarbrücken. Da sich dies beim finanzschwachen Saarländischen Rundfunk nicht ändern wird, kommt es umso mehr darauf an, dass in diesen seltenen Produktionen gute Typen das Ermittlungszepter schwingen, die den Zuschauern überall in der Republik das Gefühl vermitteln, dass dieses Ländchen und seine Filmpolizei ein Gewinn fürs Ganze sind. Glück auf!

Wir werten den Abschiedstatort von Kappl und Deininger leicht überdurchschnittlich mit 7,5/10.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Franz Kappl – Maximilian Brückner
Hauptkommissar Stefan Deininger – Gregor Weber
Horst Jordan [Kriminaltechniker] – Hartmut Volle
Gerda Braun [Sekretärin] – Alice Hoffmann
Manuel [Kneipenwirt] – Manuel Andrack
Dr. Rhea Singh [Gerichtsmedizinerin] – Lale Yavas
Barbaras Vater – Jörg Bundschu
Barbara Romers – Mathilde Bundschuh
Karoler Mahler – Saskia Petzold
Sonja Lehmann – Michelle Boullay
Werner Mahler – Patrick Hastert
Elisabeth Werth – Alisa Hanke
Andi Mollet – Thomas Bastkowski

Drehbuch – Khyana el Bitar, Dörte Franke
Regie – Hannu Salonen

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