Tschill Out – Tatort 1116 #Crimetime 542 #Tatort #Hamburg #Tschiller #Gümer #NDR #Chill #Out

Crimetime 542 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Paintball-Abrüstung

Offensichtlich kann man jemanden doch mit einer Paintball-Waffe zumindest aufhalten. Das Schöne, besonders für eine Rambo, der erst abrüsten muss: Ein Gewehr für dieses Spiel sieht einer echten Pumpgun doch recht ähnlich. Ist das Spiel ein Symbol für die Friedlichwerdung des Nick Tschiller, die natürlich nicht von heute auf morgen stattfinden kann – oder das Ende ein subtiler Hinweis darauf, dass sich doch alles mehr oder weniger gleich bleibt und die Welt ein unfriedlicher Ort ist, sogar auf Neuwerk? Darüber und über mehr zum Film schreiben wir in der Rezension.

Handlung

Während Nick Tschiller auf Neuwerk auf sein Disziplinarverfahren wartet und einer ehemaligen Lehrerin von Lenny, Patti Schmidt, bei der Betreuung von schwererziehbaren Jugendlichen hilft, ermitteln Yalcin Gümer und die neue LKA-Kollegin Robin Pien in einem Fall von Drogenhandel im Darknet.

Die Brüder Nix werden diskret verhaftet und in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Auf dem Weg zum Safehouse kommt es jedoch zu einem Zwischenfall, in dessen Folge auch Nick Tschiller wieder mitten im Geschehen ist. 

Rezension

Eines zeichnet sich in der Rangliste des Tatort-Fundus bereits deutlich ab: „Tschill Out“ wird als der beste von bisher sechs Tschiller-Tatorten angesehen. Das heißt auch, er wird bei über 1100 Tatorten, die bisher auf den Bildschirm kamen, insgesamt einen Mittelplatz einnehmen. Das ist angesichts der massiven Ablehnung, die den aktuellen Hamburg-Krimis bisher entgegenschlug, ein erheblicher Prestigegewinn. Till Schweiger wird nie bei allen beliebt sein, dafür ist er zu speziell, aber es würde ja ausreichen, wenn zu seinen ausgewiesenen Fans eine Mehrheit käme, die immer bereit ist, von Film zu Film neu über die Figur Tschiller nachzudenken – so, wie wir das tun und auch tun müssen, wenn wir über Tatorte einigermaßen seriös schreiben wollen. Im Grunde gibt es bei 22 Teams nur eine Figur, die wir aus politischen, ethischen, sozialen Gründen ablehnen, Charlotte Lindholm. Wie hat sich Tschiller nun „an der Kasse“, also bei der Quote, geschlagen?

„Den Tatort „Tschill Out“ sahen 7,56 Millionen Zuschauer, das ist ein Marktanteil von 21,7 Prozent. (…) Seit dem grandiosen Start des neuen Teams mit 12,57 Millionen Zuschauern ging es von Folge zu Folge nach unten. Tiefpunkt war der Film „Tschiller – Off Duty“, der sowohl im Kino (280.000 Zuschauer) als auch im Fernsehen floppte (5,34 Millionen)“. (Tag24)

Anfangs war vor allem Sensationsgier der Treiber, alle wollten sehen, wie sich Till Schweiger als Fernsehkommissar macht, der Startfilm „Willkommen in  Hamburg“ überbot sogar die Münsteraner, bis sie sich mit über 13 Millionen Zuschauer die Stellung als Quotenkönige unter den aktuellen Teams zurückholten. Die gestrigen 7,56 Millionen Zuschauer sind unterdurchschnittlich in Relation zu anderen Tatort-Teams, aber der Boden der Realität, den Tschiller nun gefunden haben könnte. Sehr interessant, dass er damit etwa auf dem Niveau liegt, das auch Vorgänger Cenk Batu erreichte, den man nach relativ wenigen Filmen abgesetzt hatte. Vielleicht hatte das aber auch konzeptionelle Gründe, denn das undercover unterwegs sein in etnischen OK-Strukturen ist als Schema recht eng und kann nicht unendlich oft mit kleinen Varianten wiederholt werden.

Da hat Tschiller eine ganz andere Bandbreite. Als Insulaner, der sich sozialer Arbeit stellt, schlägt er ein neues Kapital auf. Die erste Frage, die sich dabei stellt: Wie wirkt denn der Rambo unter den deutschen Ermittlern als Betreuer für gefährdete Jugendliche? Wir finden, es war okay. Er versucht nicht, den Seelenprofi zu geben, der tief in die Welt, in die Biografien der jungen Leute einsteigt, was ja auch mehr ein therapeutischer Ansatz wäre – und als Therapeut können wir uns Tschiller beim besten Willen nicht denken. Und was sagt die Twitter-Community?

So schlimm, wie es hier pointiert dargestellt wird, war es nicht und es beweist auch wieder, wie in den sozialen Medien agiert wird. Der Tweet entstand gestern Abend um 20:15 Uhr, da war der 1116. Tatort noch keine Minute alt. Es geht oft nicht um realistische Meinungen zu einer konkreten Angelegenheit, sondern ums „Influencen“. 

Etwas später wurde auch thematisiert: Tschiller würde (vielleicht) gerne, kann aber nicht. Nicht einmal richtig kuscheln. Ebenso angesprochen: Die niemals endenden Probleme mit der Netzqualität in Deutschland, der Messerangriff auf Tschiller wurde thematisiert und auch hier sehen wir wieder – Verrohung ist allseitig. Selbstverständlich würden wir eine solche Äußerung nicht liken, aber es gibt eine Menge Menschen, die diesen indirekten Mordaufruf an seinem Darsteller super finden. Es gab aber auch sehr süße Tweets, die hatten gar nichts direkt mit dem Fall zu tun. Dafür bekamen sie von uns in Like.

Was ebenfalls auffiel, waren die schwachen Dialoge, die besonders dann schmerzlich wurden, wenn Tschiller mit seiner Film- und Realtochter Banalitäten über große Dinge austauschten. Hat Regisseur und Drehbuchautor Eion Moore diese Sätze verfasst oder durfte die Schweiger-Familie  improvisieren? Falls ja: Das sollte man ändern. Auch sonst ist dialogseitig nicht alles super, aber auch nicht unterdurchschnittlich. Es ist ohnehin die Aufgabe von Yalcim Gümer (Fahri Yardim), mit seiner sympathisch-schnodderigen Art für die verbalen  Highlights in den Filmen mit Tschiller zu sorgen. Das hat er auch dieses Mal wieder einigermaßen hingekriegt. Vieles kann man auch durch eine besondere Sprechweise und Betonung noch liften, was rhetorisch nur untermittelplusgut ist.

Die Story selbst fanden wir okay, auch wenn wir uns nicht sicher sind, ob man ein mitgesendetes .jpg tatsächlich als Spion verwenden kann, der den Aufenthaltsort eines Menschen auskundschaftet. Wie wär’s denn mit dem öffentlichen Computer gewesen? Hätte man dessen IP nicht lokalisieren können? Der Bandmusiker meint: Nicht, wenn ich mich mit dem richtigen Browser bewege. In der Tat,  man kann die IP und den Ort, von dem aus man schreibt, verbergen, aber gibt es nicht auch wieder Tools, die einen solchen Schutz knacken? Wo blieben die Spione im Staatsdienst, wenn das nicht möglich wäre? Immerhin geht es beim Tante-Emma-Laden um einen Pädophilenring, nicht um schlichte Drogenkriminalität, und das ist doch ethisch eine andere Hausnummer. Eines der letzten Verbrechen, die Pädophilie, die Kinder vor die Kamera bringt, über das man sich in einer Welt noch entrüsten kann, in der täglicher Massenmord in allen möglichen Kriegsgebieten, auch an Frauen und Kindern, keinerlei Nervenzucken mehr verursacht. 

Verantwortlich für den Tante-Emma-Laden ist, den Spin haben wir verstanden, ein junger Mann, der eine linke Punkband gegründet hat, mit seinem Bruder zusammen, der nur von ein paar Graswurzelverkäufen etwas weiß. Bei einer rechten Band wäre ja auch kein Überraschungseffekt gegeben gewesen, aber irgendwo echot das Ganze natürlich auch ein wenig die Sache mit den Altgrünen und dem Umgang mit Kindern. Oder ist das zu weit gedacht? Gerade bei diesem Thema schauen wir genau hin, mit wem es in Zusammenhang gebracht wird und wer dadurch möglicherweise diskriminiert werden soll. So, wie es gestern gezeigt wurde, ist es für uns durchaus nicht neutral. Progressive Politik und Menschen, die versuchen, progressive Politik zu machen, haben es in Deutschland schwer genug gegen den Sog nach rechts und wir finden es fahrlässig, politische Zuschreibungen in den Zusammenhang mit Verbrechen oder Handlungen zu stellen, die (fast) einhellig gesellschaftlich missbilligt werden.

Immerhin hat man den Regisseur an die Sache gesetzt, dem zugeschrieben wird, den Rostock-Polizeiruf geformt zu haben, der nach allem, was wir bisher gesehen haben, mindestens die Nummer zwei in diesem Format ist und für uns zu den besten fünf Teams zählt, wenn man Tatort und Polizeiruf zusammen betrachtet. Bei Nick Tschiller ist es schwieriger, schon klar. Mätzchen gab es bei der Inszenierung nicht, der Stil ist klar und sachlich, routiniert, gibt den Darsteller*innen Raum, soweit der Plot es zulässt – und das tut er dieses Mal. Die Zahl der Handlungselemente liegt auf Tatort-Nomalniveau, was bedeutet, dass man von der Hatz, die bisher in Tschillers Filmen zu sehen war, runterkommen muss. Chill out mit Tschiller eben. Wir finden, das hat ganz gut geklappt, auch wenn uns der Film nicht tiefer berührt hat – was doch immerhin ein Ersatz für fehlenden Thrill gewesen wäre. Für die großen Emotionen ist „Tschill out“ zu nüchtern, die Jugendlichen werden trotz „Nietzsche“ und dessen zeitweiligen Eruptionen eher dezent dargestellt, nichts oder nur wenig wird exploitiert – auch das ist ein Unterschied zu früheren Tatorten mit dem Kommissar mit dem markanten Antlitz.

Finale

Wir denken ja in der Regel konstruktiv, daher haben wir uns gefragt, ob man Tschiller zu einer richtig guten Marke entwickeln könnte. Wir meinen, ja. Dazu wäre einiges Geschick erforderlich und dass Till Schweiger wirklich versucht, seiner Stimme und seinen Ausdrücken mehr Modulation zu verleihen. Wir können uns nicht vorstellen, dass das gar nicht möglich ist, aber für einen Star wohl schwierig, sich nochmal richtig schulen zu lassen. Ein ähnliches Phänomen, das bei den Leipzig-Tatorten mit Saalfeld oft diskutiert wurde: Kann Simone Thomalla eine gute Schauspielerin werden?

Selbstverständlich geht mit Tschiller nicht alles, es war schon richtig, dass die Tatorte, in denen Schweiger den Hauptermittler spielt, an dessen Persona oder seine Möglichkeiten angepasst wurde – aber man könnte es ja auch mal mit ernsthafter Polizeiarbeit versuchen. Es gab im Verlauf durchaus einige Macho-Typen, die recht interessante Ermittler darstellten. Das Blöde dabei ist die Gefahr, dass sie dann echten Bereitschaftspolizisten auf eine unangenehme Art ähneln, die immer mehr so wirken, als ob sie auch auf der Gegenseite tätig sein könnten. Aber das geht nun wieder ins Nachdenken darüber, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Und bei allem, was dieser Tatort darstellen mag, er ist dafür nicht das richtige Vehikel.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Der sechste Tschiller – chilliger?

Wir werden die Ankündigung heute vor allem aus Zeitgründen kurz machen – und weil sie erst wenige Minuten vor der Ausstrahlung des Films online gestellt werden wird. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass wir keine Fans von Till Schweigers Kommissarfigur sind. Chronistenpflicht ist jedoch Chronistenpflicht und eine Vorankündigung gibt es von uns für Premieren ja immer.

„Da, wo die Nordsee mit der Elbe zusammentrifft, wartet der „Hau-drauf-Kommissar“ Tschiller (Til Schweiger) sein anberaumtes Disziplinarverfahren ab. Auf der ruhigen Insel Neuwerk, zu der nur eine Fähre am Tag fährt, hilft der Hamburger Ermittler nun bei der Erziehung schwer umgänglicher Jugendlicher.

Von den einen befürchtet, von anderen heiß ersehnt: Til Schweiger schlüpft zum sechsten Mal in die Rolle von Niklas „Nick“ Tschiller, mit dabei ist sein Partner Fahri Yardim als LKA-Kommissar Yalcin Gümer. Der NDR-Tatort „Tschill Out“ soll neue Töne anschlagen: Weg vom Actionkrimi, hin zu realitätsnahen Untersuchungsmethoden. Also ganz ohne Bazooka“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans. Die Bewertungen sind eher verhalten.

Weitere Vorab-Rezensionen haben wir uns dieses Mal nicht angeschaut, um uns mit dem Überraschungseffekt zu motivieren. Damit es nicht, wie bei „Tschiller – off Duty“ wieder Monate dauert, bis wir uns den Film anschauen.  

Musik, Besetzung und Stab 

Benny Balzer – „So’n Tag“
Benjamin-Lennie Heinz Münchow – „Nix als Liebe“
Oliver Melville-Smith, Jem Godfrey – “NDR 2 Traffic” 

Kommissar Niklas „Nick“ Tschiller – Til Schweiger
Kommissar Yalcin Gümer – Fahri Yardim
Chef Holger Petretti – Tim Wilde
Gümers Kollegin Robin Pien – Zoe Moore
Lehrerin Patti Schmidt, Kollegin von Tschiller – Laura Tonke
Sänger Tom Nix – Ben Münchow
sein Bruder Eddie Nix – Andreas Helgi Schmid
Jugendliche Bonnie – Mascha Paul
Jugendliche Elpida – Safinaz Sattar
Jugendlicher Constantin, Spitzname „Nietzsche“ – Simon Frühwirth
Bauer Holthusen – Peer Martiny
Lenny Tschiller, Nicks Tochter – Luna Schweiger
Internet-Fachmann Böhner – Udo Thies
Justizvollzugsbeamter im Verhör – Christoph Bernhard
Justizvollzugsbeamtin, Empfang JVA – Paula Paul
Manfred – Christian Beermann
u.a. 

Drehbuch – Eoin Moore, Anika Wangard
Regie – Eoin Moore
Kamera – Michael McDonough
Szenenbild – Uwe Berthold
Schnitt – Claudia Trost
Kostümbild – Anette Schröder
Musik – Wolfgang Glum, Warner Poland und Kai Uwe Kohlschmidt

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